• Ligaturen - Alles, was man wissen muss

    Der Begriff Ligatur gehört zum sprachlichen Standardrepertoire aller, die sich professionell mit Schrift auseinandersetzen. Dennoch spürt man in der Praxis immer wieder, dass sich die meisten nicht vollends über Definition und Wesen dieses Begriffes im Klaren sind. Dies zeigt sich zum Beispiel an den oft genannten Hinweisen, wann Ligaturen zu setzen sind und wann nicht. Diese Hinweise beziehen sich jedoch tatsächlich nur auf eine bestimmte Untergruppe von Ligaturen. Und auch in der aktuellen Diskussion um das Versal-Eszett hört man immer wieder, dass es sich beim Eszett ja nicht um einen gar nicht um einen Buchstaben, sondern um eine Ligatur handeln würde. Auch an dieser Aussage wird mangelndes Verständnis des Begriffes Ligatur deutlich.

    Herleitung und Definition

    Das Problem beim Begriff Ligatur scheint zu sein, dass die meisten bei seiner Anwendung lediglich an Ligaturen wie und denken und deren Prinzipien auf alle Ligaturen übertragen. Doch dies führt zwangsläufig zu Missverständnissen.
    Ligatur bedeutet zunächst einmal nichts weiter als Buchstabenverbindung. Es geht auf das lateinische ligare ([fest-]binden) zurück. Aus dieser Herleitung wird schon offensichtlich, dass der Begriff Ligatur noch gar nichts über einen möglichen Zweck aussagt, sondern lediglich ganz abstrakt und formal eine Verbindung mehrerer Buchstaben beschreibt.
    Im Sinne der Drucktechnik meint man mit Ligaturen die Verbindung mehrerer Schriftzeichen auf einem Schriftkegel (siehe ffl-Ligatur in der Abbildung). Dies geht auf die Technik des Bleisatzes mit einzelnen beweglichen Lettern zurück, ist aber auch heute noch gültig. Auch digitale Schriften besitzen einen virtuellen Schriftkegel und auch hier können mehrere Schriftzeichen zu einer so genannten Glyphe vereinigt sein. Es spielt dabei nicht mal eine Rolle, ob sich die Einzelteile dieser Ligatur tatsächlich in ihrem Schriftbild berühren. Allein die technische Vereinigung mehrerer Zeichen zu einer Glyphe rechtfertigt hier die Benutzung des Wortes Ligatur.

    Mögliche Zwecke von Ligaturen

    Wenn man sich vor Augen hält, dass Ligatur nichts anderes als »Buchstabenverbindung« bedeutet, stellt sich natürlich sofort die Frage, welche Buchstaben denn zu welchem Zweck verbunden wurden. Nachfolgend der Versuch einer Klassifikation möglicher Ligaturen in lateinischen Schriftsystemen.

    1. Typografische Ligaturen

    Die erste Gruppe bilden die typographischen Ligaturen. Sie verfolgen, wie der Name schon sagt, rein typografische Zwecke. Es lassen sich weitere Untergruppen bilden:

    1.1 Kollisionsligaturen

    Das Zusammentreffen bestimmter Buchstabenpaare kann in manchen Schriften eine unschöne Verbindung erzeugen, die der Leserlichkeit abträglich ist. Der Schriftgestalter kann daher spezielle Glyphen gestalten, die diese Verbindung typographisch optimieren. Die Ersetzung der Einzelglyphen f und i durch eine spezielle fi-Ligatur-Glyphe, die beide Buchstaben sinnvoll verbindet, ist ein bekanntes Beispiel dafür:

    Im folgenden Beispiel wurde das Problem anders gelöst. Die Ligatur-Glyphe ist so gezeichnet, dass sich f und i durch ein kürzeres f nicht mehr berühren. Dennoch kommt auch hier eine Ligatur zum Einsatz, da sich beide Zeichen auf einem Kegel befinden.

    Weitere mögliche Ligaturen dieser Kategorie sind zum Beispiel fi, fl, ff, ffi, ffl. Je nach Schriftart sind aber auch beliebige andere Kollisionsligaturen denkbar, zum Beispiel Th, gg, fb, fk, fh und so weiter.

    1.2 Schmuckligaturen

    Schmuckligaturen erfüllen, wie der Name schon sagt, eher dekorative Zwecke. Sie schaffen Verbindungen zwischen Buchstaben, die weder typografisch, noch orthografisch notwendig wären, aber das Schriftbild interessanter bzw. wechselvoller gestalten können. Dabei lehnt man sich oft an kalligrafische Konventionen an.
    Diese Ligaturen sollten mit Bedacht eingesetzt werden und sind in OpenType-fähigen Anwendungen auch standardmäßig deaktiviert. Die entsprechenden Option heißt in der Regel »bedingte Ligaturen« (discretionary ligature).

    Welche typografischen Ligaturen sinnvoll sind und wann sie zum Einsatz kommen sollten, kann sich von Sprache zu Sprache unterscheiden. Im deutschen werden typografische Ligaturen bekanntlich nicht über Morphemgrenzen hinweg gesetzt. So wird Kaufleute immer ohne fl-Ligatur gesetzt, Baufläche jedoch auf Wunsch mit Ligatur.

    In jedem Falle sind alle vorstehend genannten Ligaturen jedoch als solches keine bedeutungstragenden Zeichen. Der rein typografische Zweck entfällt in der Regel schon dadurch, dass man zum Beispiel zwischen gemischter Schreibweise und Versalsatz wechselt. Eine fi-Ligatur wird natürlich im Versalsatz in die einzeln stehenden Zeichen F und I aufgelöst, da es hier bei einer normalen Laufweite nicht mehr zu einer ungewollten Kollision der Zeichen kommen kann.
    In gleicher Weise führt das deutliche Sperren eines Textes dazu, dass die typografischen Ligaturen aufgelöst werden. Layout-Anwendungen wie Adobe InDesign erledigen dies in der Regel selbstständig.

    Und diese Eigenschaft grenzt die typografischen Ligaturen deutlich von der folgenden Kategorie ab …

    2. Orthographische Ligaturen

    AE-Ligatur auf einer dänische TastaturOrthografische Ligaturen haben im Gegensatz zu den typografischen Ligaturen einen konkreten sprachlichen Zweck. In diese Kategorie fallen zum Beispiel die Ligaturen W/w, Œ/œ, Æ/æ und nach heutigen Regeln das Eszett (ß), selbst wenn von letzterem noch nicht restlos zufriedenstellend geklärt ist, aus welchen Teilen es historisch entstanden ist.
    Vielen ist gar nicht bekannt, dass auch unser vertrauter Buchstabe W/w eine Ligatur aus zwei V bzw. U ist, die lange Zeit nicht für unterschiedliche Lautwerte benutzt wurden. Daher rührt übrigens auch noch die Bezeichnung »double u« im Englischen für das W.
    Spätestens dieses Beispiel verdeutlicht, dass es unsinnig ist, Buchstaben des Alphabets und Ligaturen als etwas unterschiedliches oder gar sich ausschließendes auffassen zu wollen. Ob ein Schriftzeichen als Buchstabe eines Alphabets gilt, lässt sich nicht über seine Herkunft aus einer Ligatur ableiten bzw. nicht dadurch ausschließen.
    Dies zeigt sich sehr schön an den orthographischen Ligaturen Œ/œ, Æ/æ. Sie zeigen auch visuell noch sehr deutlich, dass sie aus einer Verbindung aus OE/oe beziehungsweise AE/ae entstanden sind. Jedoch ist diese Verbindung heute eben keine typografische, die sich jederzeit wieder auflösen ließe, sondern diese Zeichen erfüllen als vollwertige Buchstaben einen distinkten phonetisch/orthografischen Zweck. Das œ im französischen cœur (Herz) erfordert eine andere Aussprache als die Einzelbuchstabenfolge oe.
    Das Gleiche gilt für das Eszett in Deutschland und Österreich. Seine Herkunft aus einer Buchstabenverbindung ist für die Einordnung des Buchstabens in das Alphabet völlig unerheblich. Das Eszett ist heute Teil der amtlichen Rechtschreibung, da es eine konkrete sprachliche Funktion erfüllt. Es zeigt bei einem scharfen S-Laut an, ob der vorausgehende Vokal kurz (Busse) oder lang (Buße) gesprochen wird. Damit hebt es sich deutlich von den oben genannten typografischen Ligaturen ab und verlangt in der Folge zumindest heute auch nach einem Pendant im Versalsatz, so wie auch niemand auf die Idee kommen würde, dass man aufwachsen im Versalsatz in AUFVVACHSEN auflösen würde. Sobald ein Buchstabe Teil des Alphabets mit Groß- und Kleinbuchstaben geworden ist, benötigt man in Antiqua-Schriften beide Formen, völlig unabhängig davon, ob dieser Buchstabe aus einer Ligatur entstanden ist oder nicht.

    3. Sonderfälle

    Historische Ligaturen in gebrochenen Schriften

    Der Satz von deutschen Texten in gebrochenen Schriften folgte früher besonderen Regeln, die insofern eine Sonderstellung einnehmen, da sie nicht nur an die Sprache, sondern eben auch an die konkrete Schriftform der gebrochenen Schriften gebunden waren. So wurde ein und derselbe Text in deutscher Sprache in Fraktur mit anderen Ligaturen (und anderen Zeichen wie dem langen s) gesetzt als in der Antiqua-Schreibung.
    Der Satz mit gebrochenen Schriften kannte ebenfalls typografische Ligaturen wie ſſ, ſi, ll, fl, und fi, die nach den gleichen Prinzipien gesetzt wurden, wie oben beschrieben. Darüber hinaus gab es aber weitere, so genannte obligatorische oder buchstabenähnliche Ligaturen wie ch, ck, tz (und ß). Man kann sie im Fraktursatz als buchstabenähnlich beschreiben, da sie nicht wie Œ, W etc. eine spezifische Aussprache anzeigen, sondern durch den Ligatur-Charakter lediglich ein visuellen Hinweis auf einen Digraph sind – also zwei Buchstaben, die für eine Lautung stehen. Die Auswahl und Anwendung dieser obligatorischen Ligaturen hat sich als Schriftsetzer-Konvention über die Zeit entwickelt. Längst nicht alle Digraphen der deutschen Sprache wurden auf diese Weise verbunden und während der Digraph ch verbunden erscheint, ist dies zum Beispiel beim Trigraph ſch (sch) nicht der Fall. Im Gegensatz zu den typografischen Ligaturen werden die obligatorischen Ligaturen im Sperrsatz nicht aufgelöst. (Zum Sonderfall ſt des siehe hier.)

    Ligaturen/Digraphen, die nicht als Ligaturen gesetzt werden

    So wie es oben beschrieben technische Ligaturen auf einem Kegel gibt, die sich aber nicht berühren und daher wie ganz normale Einzelbuchstaben aussehen, so gibt es auch den umgekehrten Fall: Buchstabenverbindungen, die wie eine orthographische Ligatur verstanden werden, jedoch in der Regel nicht als solche gesetzt werden. Darunter zählen zum Beispiel das niederländische IJ/ij oder das kroatisch/bosnische Dž/dž. Diese Verbindungen werden heute als jeweils als ein Buchstabe verstanden. Sie sind somit nicht trennbar und füllen zum Beispiel in einem Kreuzworträtsel lediglich ein Feld. Da sie jedoch nicht auf den jeweiligen landestypischen Tastaturbelegungen vorhanden sind, erfolgt die Eingabe in aller Regel durch das Tippen der Einzelbuchstaben und nicht durch den Einsatz einer Ligatur-Glyphe, obgleich im Unicode mittlerweile entsprechende Kodes für diese besonderen Ligaturen vorgesehen sind.

    Fazit: Ligaturen gibt es aus den verschiedensten Gründen und sie folgen unterschiedlichen Satzregeln. Daher ist es in der Praxis oft wenig hilfreich, von Ligaturen im Allgemeinen zu sprechen. Man sollte zumindest spezifizieren, ob man von typografischen oder orthographischen Ligaturen spricht. Daraus ergibt sich auch, dass man nicht prinzipiell Ligatur und Buchstabe unterscheiden kann. Ligaturen können durch orthographischen Beschluss oder im Laufe der Zeit zu Buchstaben werden und ob in konkreten Fall tatsächlich eine satztechnische Ligatur zum Einsatz kommt, hängt von den technischen Gegebenheiten ab und lässt sich nicht immer direkt aus dem sichtbaren Schriftbild ableiten.
      
    Kommentare 38 Kommentare
    1. Avatar von RobertMichael
      RobertMichael -
      super artikel, ich vermisse allerdings etwas das warum.
      warum gibt es ligaturen, bzw. wo stammen diese her, seit wann gibts ligaturen?
      ist das eine buchdruckererfindung, um sich den 2. griff in den setzkasten zu sparen?
      (von schmuckligaturen mal abgesehen)
    1. Avatar von Joshua K.
      Joshua K. -
      Schöne Übersicht. Es stimmt aber nicht ganz, daß man als Ligaturen immer mehrere auf einem Kegel stehende Zeichen bezeichnet, unabhängig davon, ob sie auch graphisch verbunden sind. Man kann „Ligatur“ oder „Buchstabenverbund“ auch so verstehen, daß nur tatsächlich graphisch verbundene Zeichen gemeint sind. Mehrere, unverbundene Zeichen auf einem Kegel nennt man Logotypen.

      Die Herkunft der Verbünde ist unterschiedlich, es gab sie schon in der Handschrift vor der Erfindung des Druckens. Nicht immer ist die Entstehung klar. Zum Beispiel beim ß und tz: Das z wurde gleichzeitig für den Laut [s] und den Doppellaut [ts] benutzt. Um zu verdeutlichen, daß die Lautung [ts] gemeint war, hat man dann dem z ein t vorangestellt, und vermutlich hat man, um zu verdeutlichen, daß die Lautung [s] gemeint war, entsprechend ein langes s vorangestellt (siehe Brekles Aufsatz im Gutenberg-Jahrbuch).

      Da die vorangestellten Buchstaben hier als Determinativa die Lautung des z anzeigen, also funktionell eng mit dem z verbunden sind, ist ja naheliegend, daß man sie auch graphisch verbindet.

      Erstmals verbunden wurden Buchstaben in der Kursive, um schneller schreiben zu können.
    1. Avatar von RobertMichael
      RobertMichael -
      Zitat Zitat von Joshua K. Beitrag anzeigen
      Erstmals verbunden wurden Buchstaben in der Kursive, um schneller schreiben zu können.
      du beziehst dich jetzt auf handschriften, oder?
      ich würde aber nicht so weit gehen verbundene buchstaben in handschriften ligatur zu nennen.
    1. Avatar von Joshua K.
      Joshua K. -
      Ja, ich meine die Handschrift. Das war eben der Anfang, wo man wahllos verbunden hat. Später wurde es dann eben differenzierter, und man hat bestimmte Fälle bevorzugt verbunden, bis sich schließlich genaue Regeln entwickelten.
    1. Avatar von RobertMichael
      RobertMichael -
      aber meist du daraus sind dann die ligaturen entstanden?
      ich würde die schon eher dem buchdruck zuordnen.
      also wie ralf schon schrieb ... 2 oder mehrere buchstaben auf einem kegel
      egal ob diese miteinander verbunden sind oder nicht.
    1. Avatar von Schnitzel
      Schnitzel -
      Vielleicht muss man da bei Handschriften etwas differenzieren und nicht zur Bedingung machen, dass sich die Buchstaben berühren, sondern, dass sie zusammen ›gestaltet‹ werden. Bei einem ›tt‹-Verbund, wo der Querstrich durchgezogen wird, würde ich schon von einer Ligatur sprechen. Und auch das ›Eszett‹ kommt ja in Handschriften vor und wird hier auch entsprechend aus den einzelnen Buchstaben gestaltet. Evtl. sogar noch mehr und deutlicher als in (modernen) Druckschriften.
      Bei Schreibschriften sieht es natürlich wieder komplett anders aus ...
    1. Avatar von Joshua K.
      Joshua K. -
      Zitat Zitat von RobertMichael Beitrag anzeigen
      aber meist du daraus sind dann die ligaturen entstanden?
      ich würde die schon eher dem buchdruck zuordnen.
      also wie ralf schon schrieb ... 2 oder mehrere buchstaben auf einem kegel
      egal ob diese miteinander verbunden sind oder nicht.
      Nein, Verbünde gab es schon vor dem Druck! Gutenberg hat sie dann auch für den Druck benutzt. Diese Verbünde waren graphisch verbundene Buchstaben. Daß mehrere unverbundene Buchstaben auf einen Kegel gegossen wurden, also sogenannte Logotypen, gab es erst später (18. Jh.). Sinn dieser Logotypen war, das Setzen zu beschleunigen, und Buchstaben enger zusammenzurücken (zum Beispiel V+a).
    1. Avatar von RobertMichael
      RobertMichael -
      vor dem buchdruck hat die aber keiner ligaturen genannt, oder?
      logotypen in bezug auf mehrere buchstaben auf einem kegel ist mir allerdings neu.
      dem zufolge wäre ja dann zeilenguss = logotype.
    1. Avatar von Ralf Herrmann
      Ralf Herrmann -
      Zitat Zitat von RobertMichael Beitrag anzeigen
      super artikel, ich vermisse allerdings etwas das warum.
      warum gibt es ligaturen, bzw. wo stammen diese her, seit wann gibts ligaturen?
      Wie Joshua schon sagt: man kann das nicht in einem Satz beantworten, da die Gründe unterschiedlich und teilweise auch nicht ganz klar sind. Bei den Kollisionsligaturen ist es natürlich tatsächlich die Drucktechnik der Bleilettern. Wenn das f über das i ragt, müsste beide Kegel unterschiedlich unterschnitten sein, um zusammenzupassen. Diese herausstehenden Teil würden abbrechen usw. Da ist die Ligatur auf einem Kegel die beste/oder gar einzige Möglichkeit im Bleisatz.

      Zitat Zitat von Joshua K. Beitrag anzeigen
      Man kann „Ligatur“ oder „Buchstabenverbund“ auch so verstehen, daß nur tatsächlich graphisch verbundene Zeichen gemeint sind. Mehrere, unverbundene Zeichen auf einem Kegel nennt man Logotypen.
      Naja, diese Art der Definition wäre theoretisch denkbar, aber doch wenig hilfreich. Ob und wie die Verbindungen ausgestaltet sind, ist eine Design-Entscheidung und es wäre doch albern, wenn diese gestalterischen Details diese Zeichen zwischen verschiedenen Kategorien herspringen lassen würden. Mann kann ja auch ein ß zum Beispiel mit einer kleinen Lücke gestalten. Dann ist es plötzlich ein Logotype? Was ist, wenn sie sich optisch nur haarscharf berühren?

      f und i auf einem Kegel sollten immer »Ligatur« heißen. Auch noch heute, wo diese Varianten in OpenType in den Ligatur-Features LIGA/DLIG usw. hinterlegt sind. Logotypen hatten doch einen ganz anderen Zweck. Sie sollten häufig vorkommende Silber oder ganze Wörter (daher das englische Wort Logotype!) ersetzen, um den Setzprozess zu beschleunigen. Das ist doch eine ganz andere Baustelle als die beschriebenen typografischen Ligaturen.

      (Handschriften und nicht-lateinische Ligaturen habe ich ja bewusst ausgeklammert und oben explizit von Ligaturen in lateinischen Druckschriften gesprochen.)
    1. Avatar von Joshua K.
      Joshua K. -
      Zitat Zitat von RobertMichael Beitrag anzeigen
      vor dem buchdruck hat die aber keiner ligaturen genannt, oder?
      Wer und wann der Ausdruck „Ligatur“ eingeführt wurde, weiß ich nicht. Er wird aber nicht nur für die Ligaturen im Druck, sondern auch für die schon davor bestehenden Ligaturen der Handschrift verwendet. Suche im Netz nach „Paläographie Ligaturen“ oä. und Du wirst genügend Belege finden.

      Ligatur ist nunmal der Überbegriff für graphisch verbundene Buchstaben, ganz gleich ob geschrieben oder gedruckt.

      Zitat Zitat von RobertMichael Beitrag anzeigen
      dem zufolge wäre ja dann zeilenguss = logotype.
      Nein, eine gegossene Zeile ist ja kein Kegel. Es gibt aber durchaus auch im Zeilenguß Logotypen, das sind dann mehrere Buchstaben auf einer Matrize.

      Zitat Zitat von Ralf Herrmann Beitrag anzeigen
      Naja, diese Art der Definition wäre theoretisch denkbar, aber doch wenig hilfreich.
      Es ist nicht nur eine denkbare Definition, sondern die übliche. Wenn zwei Zeichen sich nicht berühren, also nicht verbunden sind, handelt es sich strenggenommen nicht um eine Ligatur = einen Verbund.

      Zitat Zitat von Ralf Herrmann Beitrag anzeigen
      Logotypen hatten doch einen ganz anderen Zweck. Sie sollten häufig vorkommende Silber oder ganze Wörter (daher das englische Wort Logotype!) ersetzen, um den Setzprozess zu beschleunigen. Das ist doch eine ganz andere Baustelle als die beschriebenen typografischen Ligaturen.
      Das mag der Grund für die Entstehung und Entwickelung der Logotypen gewesen sein. Jedenfalls in Deutschland waren Logotypen aber üblich, um Buchstabenfolgen näher aneinanderzusetzen, also beispielsweise „vo“.

      Zitat Zitat von Ralf Herrmann Beitrag anzeigen
      f und i auf einem Kegel sollten immer »Ligatur« heißen. Auch noch heute, wo diese Varianten in OpenType in den Ligatur-Features LIGA/DLIG usw. hinterlegt sind.
      Tatsächlich werden fi, ch oä. auch dann als Ligaturen bezeichnet, wenn sie auf einem Kegel stehen, sich aber nicht berühren. Das aber doch wohl nur, weil es sich dabei üblicherweise um Ligaturen handelt! Formal gibt es doch gar keinen Unterschied zwischen einer Verbindung wie „vo“ auf einem Kegel und „fi“ auf einem Kegel, wenn sie sich nicht berühren.

      Nach Deiner Definition (alles, was zusammen auf einem Kegel steht) müßte man ja nun auch diese Logotypen als Ligaturen bezeichnen!

      Zitat Zitat von Ralf Herrmann Beitrag anzeigen
      Ob und wie die Verbindungen ausgestaltet sind, ist eine Design-Entscheidung und es wäre doch albern, wenn diese gestalterischen Details diese Zeichen zwischen verschiedenen Kategorien herspringen lassen würden. Mann kann ja auch ein ß zum Beispiel mit einer kleinen Lücke gestalten. Dann ist es plötzlich ein Logotype? Was ist, wenn sie sich optisch nur haarscharf berühren?
      In manchen Fällen kann es natürlich schwierig sein, zwischen Ligatur und Logotype zu unterscheiden. Man kann sich so behelfen: Wenn die beiden Buchstaben, auch ohne sich zu berühren, aneinander angeglichen sind, sodaß sie ein graphisches Gesamtbild ergeben, ist es eine Ligatur. Das ist natürlich nicht zufriedenstellend, aber eine schwammige Definition wie „Ligaturen sind alle Buchstaben, die zusammen auf einem Kegel stehen und üblicherweise Ligaturen sind“ ist doch nicht weniger problematisch.
    1. Avatar von Ralf Herrmann
      Ralf Herrmann -
      Für mich war das ein Artikel der Ligaturen für heutige Schriftnutzer erklärt – kein Spezialartikel über seltene Besonderheiten des Bleisatzes wie Logotypen. Denn die spielen heute keine Rolle mehr.

      Und aus heutiger Sicht ist es eben einfach so: Ich habe ein Ligatur-Feature für typografische Ligaturen in meiner OpenType-Schrift. Der Anwender hat Ligatur-Menüpunkte in seinem Anwendungsprogramm und diese erzeugen 2 oder mehr Buchstaben auf einem virtuellen Schriftkegel. Wie das Design aussieht, ist völlig unerheblich. Daher ist meine Definition völlig im Einklang mit der aktuellen Schriftanwendung. Da eine zusätzliche Unterscheidung nach Logotypen und Ligaturen hinzuzunehmen erscheint mir aus Anwendersicht nicht sinnvoll.
    1. Avatar von Joshua K.
      Joshua K. -
      Ich wollte auch nichts weiter als ein paar ergänzende Bemerkungen anbringen, da ich davon ausgehe, daß sich hier manche auch noch ein bißchen über die einfache heutige Anwendung hinaus interessieren.
    1. Avatar von Pomeranz
      Pomeranz -
      Hier zunächst mal zwei schnell geschossene Bilder aus F. Muzikas Die Schöne Schrift, die schön anschaulich machen, dass die frühen Druck-Ligaturen die bereits vorher bestehenden Schreib-Ligaturen imitieren:

      (Handschrift)

      (Satzschrift)

      Dann noch zwei Beispiele aus Robert Slimbachs Garamond Premier. Zum einen: as-, is- und us-Ligaturen, die deutlich zeigen, dass sie von der Handschrift herkommen.



      Zum anderen: ein ij-Digraph, der auch eine Ligatur ist.

    1. Avatar von Martin Z. Schröder
      Martin Z. Schröder -
      Zitat Zitat von Joshua K. Beitrag anzeigen
      Jedenfalls in Deutschland waren Logotypen aber üblich, um Buchstabenfolgen näher aneinanderzusetzen, also beispielsweise „vo“.
      Kannst du genauer sagen, wann Logotypen im Handsatz üblich gewesen sein sollen? Ich bezweifle das, aber mein Zweifel kann auch auf einer Wissenslücke gründen. Ich habe in 30 Jahren am Setzkasten und vielen Setzereibesuchen und nach etlichen Druckereiauflösungen und einiger Museumsarbeit noch nie eine Logotype gesehen, und ich kenne die Idee nur als immer wieder unternommene Versuche einzelner Drucker aus den Jahrhunderten vor dem Maschinensatz, den Handsatz zu beschleunigen. Daß der Einsatz von Logotypen üblich gewesen sei, habe ich noch nie gehört. Wann und wo war das? Vielleicht habe ich die Logotypie einfach immer übersehen.

      Logotypen waren nicht dazu da, Wortzwischenräume zu neutralisieren, soviel ich weiß. Es war reine (und vergebliche) Beschleunigungsanstrengung. Kannst Du Deine Beschreibungen ein wenig erläutern, mit Quellen oder Bildern?
    1. Avatar von Martin Z. Schröder
      Martin Z. Schröder -
      Ob das nun hierher gehört? Ich versuche es mal: Das abgebildete Wort »Nachschlagebuch« würde in meiner Werkstatt (Bleihandsatz) so nicht gesetzt werden. Die Satzregeln sind in den meisten Fällen vernünftig aus dem Gebrauch erstarrte Konvention. Aber das lange »s« in »sch« vom »ch« zu trennen, kann nur als Folge fehlender Anpassung an die deutsche Sprache gesehen werden.

      Ich setze in Antiqua auch gegen die »Regel« keine ch-Ligatur in »sch«, weil »ch« enger steht als »sc«. Wer Regeln blind anwendet, ohne ihre Richtigkeit zu prüfen, ist kein guter Setzer, sondern ein guter Regel-Enzyklopädist.

      Das einzige, was zählt, ist die typografische Richtigkeit, und die steht nicht im Regelwerk, die ermittelt der Typograf aus Erfahrung und Gefühl und Anschauung und wird sich meistens im Einklang mit den Setzregeln sehen.

      Aber man trennt doch vernünftigerweise kein »sch« in »s« und »ch«! In der Überschrift würde der Setzer in meiner Werkstatt die Feile nehmen und das lange »s« unterschneiden, damit er es an das »ch« fügen kann, im gesperrten Textsatz würde er wohl die ch-Ligatur für das »sch« auflösen oder das »s« an das »ch« setzen, das kommt auf die Schrift an.

      Im übrigen kann man spationierten Fraktursatz durch den Einsatz der Schwabacher oder eine passende Antiqua regelgerecht vermeiden. Gesperrter Fraktursatz ist in meinen Augen nur zulässig und dann sogar nötig, wenn man etwas Altes imitieren will.
    1. Avatar von Joshua K.
      Joshua K. -
      Ich sehe dem ſt-Fall durch den Foren-Hinweis auch Genüge getan.

      Zu den Logotypen: In Prof. Dr. Barthels Buch „Das Druckwerk“ werden verschiedene Schriften vorgestellt und dazu erwähnt, ob Logotypen angeboten werden. Diese sind auch abgebildet, ich erinnere mich zum Beispiel bei der Palatino daran. Übernächstes Wochenende komme ich nach Hause und kann ggf. eine Ablichtung machen. (Möglicherweise war „üblich“ der falsche Ausdruck, und ich hätte sagen müssen: „vorhanden“.)

      Zum ſch: „ſch“ im Sperrsatz nicht aufzulösen halte ich für keine gute Entscheidung, da diese sperrige Folge unweigerlich einen störenden Fleck bilden würde. Das mag auch der Grund für die Sonderstellung des ſt sein (so vermutet es Th. Poschenrieder). Die unstrittigen (unsperrbaren) Zwangsverbünde ch, ck, tz sind ja so klein, daß sie beim Sperren nicht stören; fast sind es schon Buchstaben wie das Eszett.

      Daß beim Sperren „ſch“ in „ſ-ch“ aufgelöst wird, ist natürlich nicht sehr günstig. Aber nach meinem Gefühl ist es noch schlechter, die schon eher als ein Buchstabe wahrgenommene Verbindung „ch“ auseinanderzureißen. Letztlich steht in der Fraktur ja immer das ſ vom ch getrennt, weil nur c und h graphisch verbunden sind. Betrachtet man das ch als Buchstabe oder buchstabenähnlich, wird eben der Laut [sch] durch die Folge ſ + ch wiedergegeben, womit sich das Problem auflöst, daß es eine Art Trennung zwischen ſ und ch gibt.
    1. Avatar von Martin Z. Schröder
      Martin Z. Schröder -
      Satztechnisches Lexikon von Richard L. Niel, 4. Aufll., Wien 1933 (kleines Bild)
      Anhang 3123

      Anhang 3122
      Anhang 3124
      Anhang 3125

      Handbuch für Schriftsetzer von Friedrich Bauer, Frankfurt 1904. In späteren Auflagen wurde der Abschnitt über Logotypen kürzer.

      Logotypen haben sich nicht durchgesetzt, ihre Anwendung kam nur vereinzelt vor.
    1. Avatar von Ralf Herrmann
      Ralf Herrmann -
      Da meine Bitte, die ſt-Debatte in den bestehenden Forensträngen weiterzuführen, ignoriert wurde, habe ich diese Diskussion nun aus den Artikel-Kommentaren herausgelöst. Sie ist hier zu finden:

      http://www.typografie.info/2/showthr...akturligaturen
    1. Avatar von StefanB
      StefanB -
      Als Ergänzung:
      Bei meinen Recherchen bin ich auf einen Aufsatz von Georg Kurt Schauer gestoßen, in welchem er ganz knapp das Thema Logotypen (im Bleisatz) anspricht.

      Von den Korrekturen
      »Man bestehe auf der Anwendung von Logotypen (Doppelzeichen bei Versalien, die sich nicht gut mit Gemeinen zusammenfügen, z. B. We, Tr), wenn solche in der Schrift gegeben sind.«
      Aus:
      Schauer, Georg Kurt:
      Wege der Buchgestaltung. Erfahrungen und Ratschläge.
      Stuttgart: Poeschel 1953.
      S. 51f
    1. Avatar von Friedrich Forssman
      Friedrich Forssman -
      Zitat: »Im Deutschen werden typografische Ligaturen bekanntlich nicht über Morphemgrenzen hinweg gesetzt. So wird Kaufleute immer ohne fl-Ligatur gesetzt, Baufläche jedoch auf Wunsch mit Ligatur.«

      Richtig. Und deshalb ist übrigens peinlicherweise einiges falsch, was zu Ligaturen in »Detailtypografie« auf Seite 194 steht.

      Dort steht: »Ligaturen werden zwischen Stamm und Beugungs-Endungen [...] nicht gesetzt«, als Beispiele: »wir hofften hilflos auf teuflische Täflein. Ich kaufte, was käuflich ist.«, alles ohne Ligaturen gesetzt. Richtig ist aber nur, »hilflos« ohne Ligatur zu setzen, alles andere mit Ligaturen.

      Der Rest der Seite ist zum Glück korrekt ...
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