• Buchvorstellung: Typography Sketchbooks

    Den beiden Autoren Steven Heller und Lita Talarico ist eine bemerkenswerte und umfangreiche Sammlung gelungen: Ihr Buch Typography Sketchbooks bietet spannende Einblicke in typografische Skizzenbücher aus aller Welt. Weit über 100 renommierte Designer und Typografen (zum Beispiel Erik Spiekermann) haben sich bereitwillig über die Schulter blicken lassen und ihre Skizzen für die Veröffentlichung in diesem Buch freigegeben. Dies scheint umso bemerkenswerter, wenn man weiß, wie sorgfältig verborgen die Skizzenbücher der meisten Gestalter normalerweise ein eher schattiges Schubladendasein fristen. Die interessierte Öffentlichkeit bekommt ja in der Regel bestenfalls die veröffentlichten, fein ausgearbeiteten Resultate all jener Gestaltungsprozesse zu sehen, an deren Anfang einmal ein paar kühne Striche in einem Skizzenbuch standen. Doch gerade diese ersten Skizzen, angefertigt, um spontane Ideen auf die Schnelle an der Flucht zu hindern, haben oft ihren ganz besonderen Reiz. Geschwind aufs Blatt geworfen oder auch liebevoll ausgearbeitet verraten sie eine Menge über den Kreativprozess, der – normalerweise unsichtbar – im Gestalterkopf abläuft. Die gezeigten Beispiele reichen von groben Skizzen über fein gezeichnete Ausarbeitungen bis hin zu kompletten Illustrationen – die Grenzen zwischen den Disziplinen verlaufen fließend. Und auch die Palette der Ausdrucksmittel ist breit gefächert: von Bleistift, Filzstift, Feder und Pinsel bis hin zu Vektorgrafiken ist alles vertreten.

    Die Gestaltung

    Neben dem inhaltlichen Gewicht bringt das Buch mit seinen 368 Seiten beachtliche anderthalb Kilo auf die Waage und eignet sich damit nicht gerade als Lektüre für unterwegs – aber das soll es ja auch nicht sein. Der sorgfältig aufbereiteten Darstellung der Skizzenbücher wird in diesem Buch fast die komplette Fläche zur Verfügung gestellt, Einleitung und Kommentierung durch die Autoren beschränken sich auf das Notwendige. Hübsches Detail sind die Seitenzahlen, die sich mit zunehmendem Wert an den rechten Blattkanten des Buches nach oben bewegen. Als einziger Kritikpunkt zu nennen wäre vielleicht die Leserlichkeit, die durch die Entscheidung, die Einleitung in mattem Blau auf dunkelgrauem Hintergrund zu drucken, sowie die erläuternden Texte zu den Designern auf transparenter Fläche über deren Skizzen zu setzen, in einigen Fällen ziemlich erschwert wird.

    Die Autoren

    Steven Heller hat mehr als 130 Bücher zum Designthemen geschrieben oder herausgegeben. 33 Jahre lang war er Art Director bei der New York Times und dem U&lc-Magazin und macht sich in zahlreichen Projekten um die Förderung des kreativen Nachwuchses verdient.
    Lita Talarico ist Mitbegründerin des »School of Visual Arts MFA Design Program« in New York City und verschiedener weiterer Designprojekte, unter anderem in Italien. Sie hält Lesungen zu Designthemen auf der ganzen Welt und engagiert sich zusammen mit Steven Heller für die Förderung des kreativen Nachwuchses.

    Mein persönliches Fazit

    Ich gebe es zu: Ich habe ein Faible für Skizzenbücher. Und zwar sowohl für eigene, die ich in zahlreichen Varianten besitze und in unregelmäßiger Reihenfolge mit Zeichnungen fülle als auch für die Skizzenbücher von befreundeten Künstlern und Kollegen, in die ich ab und zu mal einen Blick werfen darf. Skizzenbücher bewahren zwischen ihren Deckeln eine Fülle flüchtiger Gestaltergedanken vor dem Vergessen und dessen profanem Verbündeten, dem Papierkorb. Für mich, die ich aus dem illustrativen Bereich komme, ist Typography Sketchbooks eine schöne Inspirationsquelle, ein informatives Bilderbuch sozusagen. Ich erfreue mich am lebendigen Duktus und der zeichnerischen Qualität sehr vieler der gezeigten Beispiele und an den Ideen, die in den Skizzen sichtbar werden.

    Interessant sind auch die Texte, die auf den Skizzenseiten zum jeweiligen Gestalter zu lesen sind. Neben biografischen Details gibt es meist auch eine kurze Aussage des Gestalters zu seiner Motivation, Skizzen anzufertigen. Vom rein zweckgebundenen Festhalten von Ideen bis hin zum sinnfreien Kritzeln aus Spaß an der Sache ist alles dabei.

    Ich kann nicht beurteilen, inwieweit dieses Buch auch für Kollegen aus dem Bereich der Schriftgestaltung eine Inspirationsquelle für ihr Schaffen zu sein vermag. Es könnte sein, dass die Skizzen – trotz ihrer ästhetischen Qualität – nicht besonders viel Neues transportieren für die Augen desjenigen, der seit Jahr und Tag selber mit dem Entwurf von Buchstaben befasst ist. Dennoch denke ich, dass das Buch eine gute Anschaffung für alle Gestalter ist, die es – wie ich – lieben, Kollegen bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen.


    Eine Rezension von: Kathrin van der Merwe

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    Kommentare 6 Kommentare
    1. Avatar von GRIOT
      GRIOT -
      Das erinnert mich stark an die Blackbooks von Graffiti-Künstlern. Und ebenso wie Du gibt es auch da eifrige Sammler – die Sonderkommisionen der ermittelnden Organe.
    1. Avatar von Kathrinvdm
      Kathrinvdm -
      Für meine Skizzenbücher hat sich bis jetzt zum Glück noch kein Ermittler interessiert.
    1. Avatar von Pachulke
      Pachulke -
      Zitat Zitat von GRIOT Beitrag anzeigen
      Das erinnert mich stark an die Blackbooks von Graffiti-Künstlern. Und ebenso wie Du gibt es auch da eifrige Sammler – die Sonderkommisionen der ermittelnden Organe.
      Gibt es dafür wirklich Sonderkommissionen?
    1. Avatar von Joshua K.
      Joshua K. -
      Vielleicht sollte ich mir auch mal ein Skizzenbuch anschaffen. Da ich allerdings bei jeder Gelegenheit irgendetwas „kritzele“, wie ich es nenne, wäre das recht schnell gefüllt. Lose Blätter haben dagegen den Vorteil, den größten Teil davon entsorgen zu können.

      Übrigens kostet die gebundene Ausgabe des vorgestellten Buches seltsamerweise weniger als die geklebte.
    1. Avatar von Kathrinvdm
      Kathrinvdm -
      Ja, das mit dem Preis ist mir auch aufgefallen, als ich für die Buchvorstellung recherchiert habe.

      Und Skizzenbuch anschaffen? Gute Idee!
    1. Avatar von Kathrinvdm
      Kathrinvdm -
      Ausgerechnet mit dem einzigen kleinen Kritikpunkt zitiert auf typeworship.com
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