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Kis Antiqua Now von Erhard Kaiser Hildegard Korger Nicolas Kis

Daten zur Schrift

Erhard Kaiser Hildegard Korger Nicolas Kis

Foundry: Elsner+Flake

erschienen: 2009

Vertrieb: Kommerziell

Art: serif

Formprinzip: Antiqua humanistisch

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Stimmen: 2

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Die seit 1919 im Besitz von D. Stempel befindliche Janson Antiqua entwickelte sich im 20. Jahrhundert zu einer der beliebtesten Fließtextschriften. Doch die Zuschreibung zum Stempelschneider Anton Janson stellte sich durch weitere Nachforschungen schließlich als Fehler heraus. Als ihr Schöpfer gilt nun der ungarische Stempelschneider und Drucker Nicolas Kis.

Der volkseigene DDR-Schriftanbieter Typoart veröffentlichte in den 1980er-Jahren die Typoart Kis in einer Überarbeitung für den Fotosatz. Prof. Dr. Albert Kapr beauftragte dazu die Leipziger Schriftgestalterin Hildegard Korger. Sie berichtet dazu:

Werkzeuge und Material waren damals Stift, Pinsel, Temperafarbe, Karton. Die Versalhöhe der zu zeichnenden Figuren betrug 6 cm, davon abhängig war die Höhe der Minuskeln. Die Vorgaben entsprachen jenen, deren Realisierung schon Anfang der 70er Jahre zum Schriftwettbewerb der RGW-Länder (damalige »Ostblock«-Staaten) verlangt wurden: 18 Einheiten wie für Verwendung auf Monotype-Setzmaschinen, d.h. für die schmalsten Figuren »i« und »l« standen 5 Einheiten zur Verfügung, für die breitesten »M« und »W« 18 Einheiten. Gleichzeitig war das Prinzip der Linotype-Setzmaschine zu realisieren, was bedeutete, z. B. den Buchstaben »n« von Antiqua, Kursive und eventuell der Halbfetten auf die jeweils gleiche Breite (Kegeldickte) zu bringen. Es gab keine Überhänge und natürlich keinen Kursivkegel. Die Schrift sollte im Fotosatz für beide Systeme realisiert werden können. Ende der 60er Jahre hatte Tschichold seine Sabon nach diesem Prinzip gestaltet. Dass es unter Berücksichtigung solch technischer Einschränkungen außerordentlich schwierig war, dem Charakter einer historischen Renaissance- oder Barock-Kursiven gerecht zu werden, versteht sich von selbst.

Entsprechend dieser Vorgaben zeichnete ich die Buchtype mit Antiqua, Kursive, Kapitälchen, Versal- und Minuskelziffern, Sonderzeichen, Interpunktionen und allen Akzentbuchstaben. Im Prinzip war der Schriftentwurf fertig.

Die weitreichendste Neuerung im Type-Design war die ab seit 1978 bei Typoart eingeführte Digitalisierung der Entwurfszeichnung und die computergestützte Weiterverarbeitung der Schriftdaten. Nach und nach kam es zu einer Reihe technisch bedingter Veränderungen mit neuen Möglichkeiten für die Gestaltung. In deren Realisierung sah ich eine große Chance, mich dem Original der Kis zu nähern. Eine größere Anzahl an Einheiten stand jetzt zur Verfügung, nämlich 54 anstatt vorher 18. Der durch die Weiterführung des Linotype-Systems bedingte Zwang zur Übernahme der Antiqua-Kegeldickten für Kursive und Halbfette fiel weg. Für die Kursive konnte ein entsprechender Kursivkegel eingeführt werden. So genannte Überhänge ermöglichten es, Buchstabenteile auf den nächsten Kegel zu bringen. Damit war es möglich, Ober-, Unter- und Langlängen harmonischer zu gestalten, sogar mit Schwüngen auszustatten, wie sie für historische Schriften des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts durchaus typisch waren. Schließlich wurde die Anzahl der Einheiten so erweitert, dass sie für den Entwerfer keine Rolle mehr spielte.

Diese Änderungen wurden nach und nach eingeführt und in der Entwurfszeichnung realisiert. Zunehmend gewannen die Buchstaben der Kis mehr Authentizität, wurden charaktervoller, schöner. Trotzdem war ich nicht zufrieden. Infolge der vielen zeichnerischen Eingriffe fehlte es den Alphabeten nun an innerer Homogenität, an Harmonie; sie wirkten nicht mehr wie aus einem Guss.

Mit veränderter Konzeption fing ich nach einem Jahr Pause von vorne an. Ich hatte die Mittelhöhe reduziert. Dies und die »Befreiung« von den Einheiten ermöglichte es mir, auch die Proportionen in der Horizontalen zu verändern und einzelne Formen besser auszubilden. Ich hatte die Kis »gelernt«, beim Zeichnen klebte ich nicht mehr an den historischen Vorlagen.

Typoart konzipierte die Kis-Replik als Werksatzschrift, d. h. sie wurde, wie bei Typoart zu dieser Zeit üblich, in jeweils drei Basisgraden ausgeführt. Entgegen der bisherigen Praxis hatte ich den Entwurf für den 20pt Basisgrad gezeichnet. Von dieser Größe ausgehend wurden für den 9pt Basisgrad die Proportionen der Binnenräume breiter, offener gehalten und die Vor- und Nachbreiten der Buchstaben etwas erweitert. Die Mittelhöhe wurde ein wenig vergrößert, dünne Formteile ein wenig angefettet. Damit unterscheiden sich die Werkgrade deutlich von den Auszeichnungsgraden. Keinesfalls wäre ein befriedigendes Ergebnis nur durch mechanisches Verkleinern des Auszeichnungsgrades oder ein simples Vergrößern des Werkgrades zu erreichen gewesen. Für den 48pt Auszeichnungsgrad wurden die Vor- und Nachbreiten der Figuren etwas reduziert, die Buchstabenabstände dadurch enger. Das ist nötig, damit die Buchstabenfolge im Verbund des Wortes und im Verbund der Zeile nicht auseinander fällt oder wie gesperrt aussieht. Insgesamt ist die Laufweite der Typoart Kis Antiqua etwas größer gehalten als beim historischen Original.

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Schriftmuster der Kis Antiqua von Typoart

2006 beschloss Elsner+Flake, die Typoart Kis Antiqua von Hildegard Korger in überarbeiteter Form und erweitertem Umfang als OpenType-Pro-Variante herauszubringen.

In den bei Elsner+Flake im IKARUS-Format vorhanden Datenbeständen aus dem Jahr 1989 waren vorhanden: Antiqua und Kursive mit Versal- und Minuskelziffern, Bruch- und Fußnotenziffern, (aufrechte) Kapitälchen, Punkturen, Akzente, Zeichen. Wie damals bei Typoart üblich, war die Schrift in den Größen von 9pt, 20pt und 48pt realisiert worden, was jeweils eine Modifizierung der im 20pt Grad angefertigten Ausgangszeichnung voraussetzte.

Nach Rücksprache mit Frau Korger beauftragte Elsner+Flake den Leipziger Schriftgestalter Erhard Kaiser mit der Durchführung der Überarbeitung. Zur Aufbereitung gehörte hier vor allem, die vorhandenen Daten von Unsauberkeiten an Form und Kontur zu befreien, die in der Vergangenheit etwa durch elektronische Konvertierungen entstanden waren. Diese zwischen 1984 und 1990 entstandene Typoart Kis findet sich mit neuer Zurichtung im jetzigen Headline-Schnitt wieder. Ausgehend von diesem Headline-Schnitt (TH Pro Regular und Italic) besteht die Schriftfamilie der Kis Antiqua Now aus dem Schnitt einer etwas kräftigeren Buchtype (TB Pro Regular und Italic) und einer deutlich fetteren Variante (TB Pro Semibold und Italic). Somit umfasst die Kis-Familie nun sechs Schnitte.

Statistik/Quellen

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Angelegt: von Ralf Herrmann

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