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Typografie-Wiki: Versal-Eszett (ẞ)


Angehängtes Bild: eszettform.jpg
Das Versal-Eszett bezeichnet die Großbuchstabenform des Buchstaben ß (Eszett). Die Erweiterung des deutschen Alphabets um diesen Buchstabens wird seit Ende des 19. Jahrhundert diskutiert. Bis 1941 waren in Deutschland die gebrochenen Schriften für deutsche Texte vorherrschend und in diesen Schriften gibt es nur in sehr seltenen Fällen Großschreibung von Wörtern. Das ß existierte deswegen lange Zeit nur als Kleinbuchstabe, da es für eine Großbuchstabenvariante schlicht keinen Bedarf gab. Seit dem Schriften-Erlass von 1941 und der damit verordneten Einführung der Antiquaschrift als Normalschrift in Deutschland ist die Großschreibweise von deutschen Wörtern aber wieder – wie überall wo lateinische Schrift benutzt wird – häufig anzutreffen. Sobald nun deutschsprachiger Text in Kapitälchen oder Versalien ausgezeichnet wird, fehlt die entsprechende Großbuchstabenvariante.
Beispiele:
  • Meißner → MEI?NER
  • groß → GRO?
Angehängtes Bild: DUDEN1919.jpg

Großschreibweise des ß
Der Bedarf nach einem Großbuchstaben für »ß« wurde also schon sehr früh angemeldet, beispielhaft sei aus der neunten Auflage des Rechtschreibdudens aus dem Jahre 1925 zitiert:
»Für ß wird in großer Schrift SZ angewandt, z.B. MASZE (Maße) – aber MASSE (Masse), STRASZE, PREUSZEN, MEISZNER, VOSZ. Die Verwendung zweier Buchstaben für einen Laut ist nur ein Notbehelf, der aufhören muss, sobald ein geeigneter Druckbuchstabe für das große ß geschaffen ist.«
Nach der Rechtschreibreform von 1996 ist bei Großschreibung SZ nicht mehr zulässig. Da es immer weniger benutzt wurde, ist es nun durch die zwei Einzelbuchstaben SS zu ersetzen.

»Weiß« wird laut amtlicher deutscher Rechtschreibung in Deutschland und Österreich im Versalsatz als »WEISS« geschrieben. Die Verwechslungsgefahr, besonders bei Eigennamen hat sich dadurch noch vergrößert.
  • Weiß → WEISS → Weiss oder Weiß?
Aber auch die frühere Schreibung mit SZ hilft nur bedingt, da man auch bei dieser nicht weiß, ob die zwei Buchstaben S und Z nun für die Einzelbuchstaben s und z oder für ß stehen sollen.
  • KNEISZ → Kneisz oder Kneiß?
Der Eindeutigkeit halber ist man bei behördlichen Dokumenten dazu übergangen, »ß« auch bei der Großbuchstabenschreibung beizubehalten, also z.B. »GROßMANN« für »Großmann« zu schreiben. Dieser Mischsatz aus Groß- und Kleinbuchstaben wird seit den 1980er Jahren bei deutschen Reisepässen und Personalausweisen angewandt. Auch die Deutsche Post – wie auch die Finanzämter – empfehlen, beim Ausfüllen von Formularen in Großbuchstaben den Kleinbuchstaben ß beizubehalten.
Seit der Rechtschreibreform von 1996 besteht zudem zusätzlich das Problem, dass die Unterscheidung von ß und ss nun eine lautliche Funktion bekommen hat.
  • Kuss (kurzer Vokal)
  • Gruß (langer Vokal)
Im Versalsatz wird dieses Prinzip jedoch außer Kraft gesetzt, wenn das ß durch Doppel-S ersetzt wird.
  • Gruß → GRUSS
Mit einem großen Eszett kann sowohl das Problem der Eigennamen, als auch das Problem der Aussprache behoben.
  • Meißner → MEIẞNER → Meißner
  • Maße → MAẞE (jeweils eindeutig lang ausgesprochener Vokal, statt unklare Aussprache und Bedeutung bei MASSE)
Angehängtes Bild: ddrduden.jpg
Dieser Duden von 1965 aus der früheren DDR bricht mit der allgemeinen Regel, ein scharfes S im Versalsatz durch Doppel-S zu ersetzen und stellt einen gelungenen Versuch eines Majuskel-ß dar.

Verschiedene Schriftkünstler haben ihre Schriften seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem Versal-Eszett ausgestattet. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts und der Unicode-Kodierung (siehe nächster Abschnitt) nimmt die Zahl (auch internationaler) Schriftveröffentlichungen mit Eszett weiter zu. Die Verkaufsplattform MyFonts bietet derzeit 262 Schriftfamilien mit großem Eszett an (Stand Februar 2013).

Kodierungsbestrebungen
  • Im Jahr 2004 beantragte der Typograf Andreas Stötzner beim Unicode Consortium die Aufnahme eines Latin Capital Letter Double S in den Unicode. Der Antrag wurde verworfen, da die Existenz dieses Buchstabens nicht ausreichend bewiesen war, sowie aus technischen Gründen.
  • Im Jahr 2005 zeigte der Interessensverband Rat für deutsche Rechtschreibung e.V. auf Nachfrage Verständnis, eine Abhilfe für die notdürftige Ersetzung durch SS zu schaffen. Es bedürfe allerdings »einer Initiative aus der Schreibgemeinschaft (z.B. von Seiten der Typografen)«, und nicht der Iniative des Rates für deutsche Rechtschreibung.
  • Ein zweiter Antrag auf eine Aufnahme des Versal-Eszetts als LATIN CAPITAL LETTER SHARP S ist am 27. April 2007 vom Komitee des zuständigen Deutsches Institut für Normung (DIN) gestellt worden. Deutschland wurde in der einwöchigen, turnusmäßigen Sitzung durch Mitglieder des DIN-NIA 29.01 (Codierte Zeichensätze) vertreten. Im Rahmen der 50. Sitzung der zuständigen Internationalen Organisation für Normung (ISO) bzw. der International Electrotechnical Commission (IEC)-Working-Group vom 23. bis 27. April 2007 ist beschlossen worden, das Versal-Eszett solle gemäß diesem Vorschlag im Unicode-Standard die Stelle U+1E9E erhalten.
  • Am 4. April 2008 ist wie angekündigt mit dem Erscheinen des Unicode-Standards Version 5.1 das große Eszett aufgenommen worden und hat den Platz U+1E9E erhalten.
Technisches
  • Glyphe: ẞ
  • Unicode: U+1E9E
  • Unicode-Bezeichnung: LATIN CAPITAL LETTER SHARP S
  • HTML (dezimal): &-#-7-8-3-8;
Tastaturbelegung
Mit der Tastaturbelegung T2 gemäß der deutschen Norm DIN 2137:2012-06 wird das Zeichen mit Alt Gr+h eingegeben. Eine Kopiervorlage findet sich zudem unter http://versaleszett.de

Angehängtes Bild: cherryt2.jpg
Eine T2-Tastatur von Cherry mit großem Eszett

Einsatz
Das große Eszett ist aktuell nicht Teil der amtlichen Rechtschreibung, wird aber (dank der immer besseren technischen Verfügbarkeit) vermehrt eingesetzt. So verfügen etwa die Hausschriften der Bauhaus-Universität Weimar und die des RWE-Konzerns über ein großes Eszett und setzen dies auch regelmäßig ein. Selbst die Hausschriften des Bundestages (BundesSans und BundesSerif) verfügen über ein großes Eszett.
Die DUDEN-Redaktion erklärt zu diesem Thema: »… eine wichtige Neuerung, besonders für Buch- und Zeitungsverlage, aber eine, die nicht Bestandteil der amtlichen Rechtschreibung ist. Allerdings darf mündigen Bürgerinnen und Bürgern im Einzelfall getrost die Entscheidung überlassen werden, ob sie das große Eszett etwa für die Schreibung ihres Namens nutzen oder nicht.«

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