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Stötzner

Ponyhof. Oder: zur Form des ß

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Stötzner

Herkunft, Form und eigentliche Natur des Buchstebens ß sind eine der am kontroversesten diskutierten typographischen Fragen. Ligatur oder Buchstabe? Eine ſ-z oder ſ-s-Form? Das mit der Ligatur ist nicht völlig falsch, aber ß als Buchstabe eigenen Rechts anzusehen ist auf jeden Fall richtig, es entspricht der Rolle und Funktion des Zeichens in der deutschen Schriftsprache. So wie unser w als Buchstabe angesehen wird, obwohl seine Entstehung klar eine ligatorische war: u-u bzw. V-V.

 

Hier kann selbstredend nicht die eigentliche Entstehungsgeschichte des ß annähernd erschöpfend behandelt werden. Aber ich möchte einige Gedanken aus der Sicht des erfahrenen Typographen und Schriftgestalters darlegen. Für die Diskussion des Hintergrundes in der mittelalterlichen Paläographie verweise ich auf die beiden dazu maßgeblichen Beiträge von Bollwage (GBJ 1999) und Brekle (GBJ 2001). Inhaltlich daran anschließend ist der Beitrag von U. Stötzner (Signa 2006), in dem auch auf die – ansonsten wenig beachtete – Verwendung ß-artiger Zeichen als Ideogramm (z.B. für Maße) eingegangen wird.

 

Die Voten für ſ-z oder ſ-s prallen auch heute mitunter noch hart aufeinander, weil man es dermaleinst so oder so gelernt hat. Diese Frage schlägt bis in die Erörterungen zur Gestaltung des großen ẞ durch, aber das ist ein anderes Thema. Inzwischen hat sich weitgehend die Erkenntnis durchgestzt, das sowohl die ſ-z- als auch die ſ-s-Verbindung an der ›Wiege‹ des ß standen. Ein Insistieren auf ausschließlich einer der beiden Ursprünge kann also als überholt betrachtet werden. Die kurze Version der Erklärung ist: der ſ-z-Stamm geht auf die mittelalterlichen bzw. gebrochen Schriften zurück, während der ſ-s-Stamm von den ursprünglich italienischen Kursiven herrührt.

 

Die ganze Geschichte ist aber bei genauerem Hinsehen noch komplizierter. Sie ist für uns heute so schwer zu entwirren, weil die frühesten Befunde (natürlich) sehr verschieden und uneinheitlich sind – und weil wir es bis in die Neuzeit mit Ähnlichkeiten zu tun haben, die zu Entlehnungen und Verwechslungen führen (müssen). Als man zu Zeiten der Grimms begann, deutsche Texte in Antiqua statt Fraktur zu setzen, begann der typographische Schlamassel, denn man hatte nun zwar eine schöne italienisch-französische ſ-s-Type in der Kursiven, die sich gut für das deutsche ß gebrauchen ließ, aber, oh weh, keine entsprechende Type in der Geradstehenden. Wirklich nicht?

 

Bollwage hat dargelegt, daß lateinische Abkürzungszeichen, die auf dem langen ſ beruhen, mit angefügten Bögen oder Häkchen, als Vorbild für das mittelalterliche deutsche ß gedient haben. Für diese Ansicht sprechen u.a. eine Reihe entsprechender Drucktypen aus dem 15. Jahrhundert. In unserem ersten Beispiel (Druck von Mentelin, Straßburg 1477, freundlicherweise mitgeteilt von Thomas Landsgesell) weist die rechte Seite des ß eine von s und z (3förmig) eindeutig verschiedene Formung auf.

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Die Mentelinsche Drucktype ist eine Art Proto-Antiqua, deren Minuskeln noch die Herkunft von gotischen Schriften erkennen lassen. Es gibt aus der Wiegendruckzeit eine Reihe weiterer Beispiele dieser ß-Form, der man eine intendierte ſ-s oder ſ-z-Verwandschaft nicht sicher nachsagen kann. Es handelt sich hier nicht um ein ›ſ-s‹ oder ein ›ſ-z‹ sondern um etwas anderes.
Daneben gab es weitverbreitet jenen Typ, bei dem dem langen ſ ein 3förmiger Teil angefügt ist, der der Form des Fraktur-z entspricht. Dieses Modell hat zu der Bezeichnung »Eszett« geführt und ist bis heute die Standardform des Buchstabens in Frakturschriften geblieben. Brekle bezeichnet diese Form apodiktisch als »echte Ligatur« im Gegensatz zu lateinischen Abkürzungszeichen, die genau jene 3erle-Form an das lange ſ angefügt haben und die Bollwage als Ursprung vorgeschlagen hatte. Hier aber liegt nun der Hase im Pfeffer. Denn in lateinischen Manuskripten wurde diese 3erle-z-Form als Abkürzungsmarke auch anderweitig verwendet, z.B. mit q. Können wir also wirklich mit Gewißheit sagen, ob dieses 3erle eine Entlehnung des Buchstabens z oder der lateinischen Abbreviatur ist, wo beide praktisch die gleiche Form haben? Brekle scheint sich da sicher zu sein, ich bin es nicht. Denn das über lange Zeit parallele Auftreten beider ß-Modelle (einhakig/Mentelin, zweihakig/3erle) zeigt eben nicht einen ausschließlichen oder zwingenden Bezug zum Buchstaben z. Die Variabilität in der Ausprägung des Buchstabens läßt aber die Deutung zu, daß man die Identität des rechten Teils womöglich gar nicht so bedeutsam fand. Der kleinste gemeinsame Nenner aller Vorkommen ist lediglich ›ein langes ſ mit etwas‹.

 

Interessanterweise begegnet uns fast 200 Jahre später wieder ein ß, das weder als ſ-s noch als ſ-z-Form angesprochen werden kann. Das älteste bekannte aufrechte ß in einem deutschen Antiqua-Satz moderner Ausprägung findet sich in einer Boetius-Ausgabe, gedruckt von Abraham Lichtenthaler in Sulzbach (Pfalz) von 1667 (Quelle: U. Stötzner, Signa 2006).

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Der rechte Teil des ß ist ein schlank abwärts geschwungener Ponyschwanz, der – ungwöhnlich für unser Auge – nicht bis zur Grundlinie reicht! Warum das? Genau das ist die Frage. Ich behaupte daß der Schöpfer dieser Type mit Sicherheit keinen Bezug zum runden s (und auch nicht zum z) im Sinne hatte. Denn sonst wäre der rechte Teil deutlich breiter ausgefallen und er würde die Grundlinie berühren. Was genau war die Intention hinter dieser Form? Wir wissen es nicht. Es ist ›ein langes ſ mit etwas‹, nur soviel ist sicher.
Diese Sulzbacher Form findet sich 1782 in einem lateinisch-ungarischen Wörterbuch wieder (Druck von Sárdi & Hochmeister, Hermannstadt). Hier ist die ß-Type leicht breiter als bei Lichtenthaler, aber eindeutig nach dem Sulzbacher Muster geformt.

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Man ziehe dabei auch in Betracht, daß es in aufrechten Antiquaschriften dieser Epoche eine Reihe weiterer, verschiedene ß-Formen für z.T. unterschiedliche Zwecke gab (nächste Abb.: aus Signa 9, 2006). Wir können also annehmen, daß für die Lichtenthalerschen und Hochmeisterschen Druckwerke bzw. für die Herstellung der entsprechenden Schriften eine bewußte Wahl der Form getroffen wurde. Und daß für diese Entscheidung ein wie auch immer gemeinter ſ-s- oder ſ-z-Bezug nicht beabsichtigt war oder zumindest nicht zwingend im Vordergrund stand.

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Es ist erstaunlich – und vielleicht tragisch –, daß es nun einen missing link gibt. Denn als Jacob Grimm um 1822 mit seiner deutschen Grammatik den Wechsel von Fraktur zu Antiqua vollzog (ref. U. Stötzner, Signa 2006), brach der schier unlösbare ſ-s-oder-z-Schlamassel über Theoretiker wie Praktiker gleichermaßen herein und beschäftigt sie – bis heute. Damals suchte man (dem Anschein nach) vergeblich nach einer Lösung für das aufrechte Antiqua-ß, einer Lösung, die es eigentlich seit mindestens 1667 (Lichtenthaler) schon gab. Die aber offenbar aus dem Blick geraten war. Immerhin bürgerte sich im 19. Jh. die Variante mit der B-förmigen rechten Seite ein, sie hat sich bis heute bewährt. Ist sie nun ein ſ-s oder ein ſ-z? Kann ich nicht sagen. Es ist nicht eindeutig. Aber: sie ist ›ein langes ſ mit etwas‹.

 

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Mitte des 20. Jahrhunderts trat dann Tschichold auf den Plan, mit seiner längst entzauberten aber immer noch vielfach geglaubten Erklärung, der rechte Teil müsse nach dem s geformt sein. Ich gehöre zu den Opponenten dieser Ansicht, auch wenn viele bis heute Tschichold in diesem Punkt folgen.

Warum ist das wichtig? Weil die Frage nach der richtigen – oder zumindest: einer guten – Form für das ß wichtig ist. Wird der rechte s-ähnliche Teil dabei schmal gehalten, ergibt sich eine passable Form, die der Lichtenthalerschen nicht unähnlich ist. Aber es gibt auch viele Schriften (s. vorige Abb.), in denen das kleine s im ß unverkennbar so gemeint ist – und diese Glyphen sind unausgewogen und für mich daher nicht richtig. Eine ſ-s-Ligatur ist in der Aufrechten etwas anderes als das ß. Ich gebe gerne zu, daß ich mich in diesem Punkt selbst vor einigen Jahren revidiert habe. Die Entdeckung des Lichthaler-Druckes war dabei sicher ein Schlüsselerlebnis. Natürlich wäre die Sulzbacher Form mit dem erhöhten unteren Abschluß so heute völlig unpassend. Aber sie gibt einen wichtigen Hinweis: die Frage ›ſ-s oder ſ-z‹ ist, was die Glyphe betrifft, nicht entscheidend. Folgende Beispiele von Andron-Glyphen mögen verdeutlichen, was ich meine.

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In sprachlicher Hinsicht wird das ß heute überwiegend als eigenständiges Zeichen angesehen, was es auch ist. Dies gilt m.E. aber auch für die graphische Interpretation: die Eigenständigkeit ist im Zweifelsfalle wichtiger als die Aspekte der Ligierung zweier Ursprungs-Glyphen. Zumal es neben dem Modell mit geschwungener rechter Seite ja auch noch andere gültige, mit 3- oder ʒ-förmiger Ausprägung gibt und in den klassischen Kursivschriften die ſ-s-Form sowohl historisch evident als auch typographisch schlüssig ist.

 

Ähnlichkeiten, Unterschiede, Entlehnungen, Zufälligkeiten, Willkürlichkeiten und Ableitungen – das Leben ist kein Ponyhof und das Gesamtbild zur historischen Erklärung dieses Buchstabens wird nicht übersichtlicher, im Gegenteil. Damit müssen wir leben. Der Theoretiker kann sich jahrelang an solcher Problematik delektieren, aber der Praktiker braucht eine gängige Lösung. Und der Schlüssel dazu liegt m.E. in dem Ansatz, das ß als etwas eigenes zu betrachten.
Zum Beispiel als ſ mit Ponyschwanz.

Andreas Stötzner, 1. Juli 2017

  • Gefällt 19

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Norbert P

Lieber Andreas, vielen Dank fürs Zeigen von Mentelin und Lichtenthaler! Für mich ist deine Argumentation des eigenständigen ß als s/ſ mit irgendwas komplett schlüssig.

 

(Allein schon, weil in einem anderen, mir sehr vertrauten "Glyphenraum" eine kurze Zickzacklinie  々, 〻 als Verdopplung des vorangegangenen Zeichens zu lesen ist ;-) Um Missverständnisse zu vermeiden: Beides hat natürlich nichts miteinander zu tun und es gibt da überhaupt keine Wechselwirkung.)

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catfonts

Das ist jetzt für mich eine fette Überraschung!

 

Vor einiger Zeit habe ich nämlich auch über das ß nachgedacht, und mir gesagt, ob es nicht auch eine Möglichkeit gegeben hätte, das nicht so "ligaturig" aussehen zu lassen, und mehr als eben ein ganz eigenständiger Buchstabe. Ich hatte nicht di geringste Ahnung von diesem Mentelin-Druck, und bin jetzt von ſs in lateinischer Schreibschrift ausgegangen, und daraus etwas Groteskschrift- und Antiqua-artiges  mehr als Experiment gebastelt:

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Etwas später habe ich mir diese Idee noch einmal vorgenommen, mit dem Gedanken, wie wohl hierfür ein Versalbuchstabe aussehen könnte...

 

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Mehr in Richtung SZ  ging dann aber auch diese Schnapsidee:

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R::bert

Wäre Andreas’ wertvoller Beitrag nicht ein feiner und passender Artikel  zum gegebenen Anlass? 

  • Gefällt 4

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Kathrinvdm

Ja, das habe ich beim Lesen auch sofort gedacht. Toller Artikel! :biglove:

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