Interpunktion
aus Typografie.info TypoWiki, der freien Wissensdatenbank
Per sprachwissenschaftlicher Definition ist die Interpunktion (im Deutschen auch »Zeichensetzung« genannt) ein »System graphischer Mittel zur textuellen, syntaktischen und morphematischen Gliederung der geschriebenen Form aller moderner Sprachen.« Die Interpunktion ist heute für den geübten Leser ein selbstverständlicher Teil der geschriebenen Sprachform. Ohne Interpunktion und Wortzwischenräume wäre das schnelle und stille Lesen undenkbar. Doch die Art und Weise des Lesens hat sich über die Jahrtausende stark gewandelt und mit diesem Prozess hat sich auch die kognitive Leistung des Dechiffrierens von Text verändert.
| Inhaltsverzeichnis |
Interpunktion in der Antike
Da das Lesen in der Antike in erster Linie Buchstabenweise und laut erfolgte erschließt sich so erst über das Sprechen und das Hören den Text. Der tatsächliche Wert der Wortzwischenräume und Interpunktion ist bei dieser Art des Lesens verschwindend gering. Die Einführung der Vokale steht also im direkten Zusammenhang mit der Schreibweise in Scriptio continua. Dies ist auch daran zu erkennen, dass andere vokallose Sprachen zum Beispiel in Mesopotamien, Phönizien und Israel ihre Wortabstände bzw. Worttrenner beibehielten.
Zudem war es trotz der gestiegenen Literalität keineswegs üblich, dass ein Großteil der Bevölkerung selbstmotiviert und eigenständig las. Stattdessen delegierte man das Lesen zum Beispiel an Sklaven, die als professionelle Vorleser und Schreiber agierten.
Bis zum 2. Jh. nach Christi hatten auch die Römer die griechische Scriptio Continua vollständig übernommen und es war die dominierenden Schreibweise der Antike bis etwa zum 7. und 8. Jahrhundert nach Christus. Während dieser Zeit werden zwar immer wieder Interpunktionen verwendet, diese werden aber ausschließlich, nicht von den Schreibern, sondern von den Lesers in freiem Ermessen eingefügt, um Pausen und Phrasierung beim späteren vorlesen zu erleichtern. Die Interpunktionszeichen sind dabei meist Punkte oder einfache Striche, da sie im Nachhinein zwischen die fortlaufend geschriebenen Buchstaben der Scriptio continua eingefügt werden müssen.
Interpunktion im frühen Mittelalter
In der Spätantike und dem frühen Mittelalter gewinnt das stille Lesen dann aber immer mehr an Bedeutung und der Zusammenhang zur direkten mündlichen Rede tritt zunehmend in den Hintergrund. Das Buch wurde nun als ein eigenes und wichtiges Medium verstanden, das nicht mehr länger nur von der gesprochenen Rede abhängig ist. Isidor von Sevilla, einer der wichtigsten Gelehrten des frühen Mittelalters, nutzt die Literatur zur Vermittlung des Wissens der Antike. Er betrachtete die Buchstaben des Alphabets, im Gegensatz zu Aristoteles, als Zeichen ohne innewohnenden Klang, die die Kraft haben, uns leise die Aussagen der Abwesenden zu vermitteln. Schrift war also nicht mehr bloße Repräsentation des gesprochenen Wortes, sondern konnte direkt an den Verstand des Lesers gerichtet sein. Nach Isidore erlaubte das stillen Lesen so eine bessere Reflektion der Inhalte und macht die Bindung an die Erinnerungsfähigkeit weniger wichtig.Doch mit der steigenden Komplexität der Satzbaus muss dem Leser auch die syntaktische innere Struktur der Sätze vermittelt werden. Isidor beschäftigte sich deshalb umfassend mit unterschiedlichsten Themen der Grammatik und unter anderem auch der Interpunktion. Er entwickelte einen Satz von Interpunktions- und Notationszeichen, die in neu geschriebenen Werken benutzt wurden und in Kopien antiker Texte übernommen wurden. Diese Notationszeichen stehen dabei im Gegensatz zu den Interpunktionszeichen oft nicht im fließenden Text sondern werden meist neben dem Text in der Marginalspalte platziert.
Die Interpunktions- und Notationszeichen sind nun erstmals nicht mehr nur Hilfe zum Vorlesen, sondern erfüllen eine grammatikalisch-syntaktische Funktion. Dieses System half den Lesern bei der Analyse des geschriebenen Lateins, das weithin die Sprache der Bibel und die Lingua Franca des Lesens war.
Isidore übernimmt zum Beispiel die lange nicht mehr verwendeten antiken Punkte auf verschiedenen Höhen (Distinctio, subdistinctio und media destinctio) die jetzt nicht mehr nur einfach Pausen verdeutlichten sondern eine syntaktische Funktion übernehmen, die er nur comma, colon und periodus nennt – Bezeichnungen, die sich zum Beispiel im Englischen bis heute erhalten haben. Außerdem entwickeln sich neue Zeichen, um Absätze und Zitate kenntlich zu machen.
Die Wiederentdeckung der Interpunktion und des Wortzwischenraumes
Trotz der vielen Leseerleichterungen die Isidor schafft, sind Wortabstände auch in den Texten des frühen Mittelalters nicht vorhanden. Als sich in Irland der christliche Glaube langsam durchsetzte, wurde auch die lateinische Sprache, in der die Bibel verfasst war, von den Iren immer besser studiert. Da das Irische aber nicht zu den romanischen Sprachen zählt, betrachteten die Iren das fremde Latein in den Büchern eher als visuelle Sprache zur Übermittlung von Texten und eher unabhängig von dessen ursprünglicher Aussprache. Aus diesem Grund waren sie die ersten, die bestimmte grafische Konventionen entwickelten, um den Zugang zu den Informationen einer Textseite besser ermöglichen zu können.
Die irischen Schreiber entwickelten auch den littera notabilior, eine Art Initiale in einer anderen Schriftart, die den Beginn eines Textes oder Abschnittes betonen. Darin verdeutlicht sich, dass die irischen Schreiber Dekoration und Interpunktion erstmals als zusammengehörig empfanden, da beide der Präsentation und Verständlichkeit des Textes dienen. Die Interpunktionszeichen wurden deshalb nicht nur immer dekorativer, sondern beeinflussten auch maßgeblich die allgemeinen Gestaltungsgrundsätze des Satzbildes, das nun immer mehr syntaktisch und hierarchisch gegliedert erscheint und neben der Funktion als Lesehilfe auch die Orientierung im Text erleichtert. Die Angelsachsen übernahmen die irischen Prinzipien der Wortzwischenräume, Interpunktion und des Layouts von den irischen Lehrmeistern und verfeinerten sie. Man verwendete nun auch immer häufiger verschiedene Schriften auf einer Seite, um zwischen verschiedenen Inhalten zu unterscheiden – eine frühe Form der Textauszeichnung. Während Originaltexte zum Beispiel in Uncial- und Rustica-Schriften übernommen wurden, nutzen man für die Kommentare die mittlerweile gebräuchlichere Minuskel-Schrift.
Die angelsächsische Schreibung gelangte durch Kopisten auch aufs europäische Festland. Karl der Große berief den Gelehrten Alcuin von York ins Frankenreich und setzte mit ihm zahlreiche Reformen der Schriftkultur durch. Unter anderem wurden die vielen unterschiedlichen Schriftstile der Schreibstuben in der Karolingischen Minuskel vereinheitlicht. Diese verbreitete sich ab dem 9. Jahrhundert von den Schreibzentren des Karolingerreiches aus und bildet die Grundlage unserer heutigen Kleinbuchstaben. Alcuin setzte im Zuge der Reformen auch die konsequente Wiedereinführung des Wortzwischenraumes und der Interpunktion durch. Zudem setzte sich, angelehnt an die angelsächsischen Vorbilder, in den karolingischen Handschriften eine Schrifthierarchie durch, mit der zum Beispiel einleitende Seiten gestaltet wurden. Neben einer Initialen standen an der Spitze der Hierarchie und damit am Anfang der Seite die Capitalis, dann die Unzialschriften und schließlich noch Halbunzialen. In der Kombination bewirkten diese Maßnahmen, dass die Texte immer schneller und einfacher zugänglich waren.
Mit der Wiedereinführung der Wortzwischenräume begann man sich auch vermehrt mit der Grammatik auseinander zu setzen. Buchstaben wurden nun eher als Wortbestandteile gesehen, Wörter wiederum als Teil von Sätzen usw. So bildete sich das Bemühen heraus, Satzstrukturen genauer zu studieren und sich auch näher mit der Interpunktion zu befassen und diese zu generalisieren. Auch wenn es bis zur Verbreitung des Buchdrucks nie zu einer vollständigen Standardisierung von Interpunktion kam, wurden etwa seit dem 12. Jahrhundert Bücher nur kopiert, um ältere Interpunktionsregeln aufzugeben und einen neuen allgemeingültigen Zeichenbestand zu etablieren, um das Lesen weiter zu vereinfachen, da auch für Schulen und Privatgebrauch der Bedarf an Büchern weiter anstieg.
Trotz aller Versuche, die Interpunktion zu vereinheitlichen, herrschten noch immer starke regionale Unterschiede bei der Benutzung der Interpunktionszeichen. Dem Formen- und Einfallsreichtum der Schreiber waren keine Grenzen gesetzt und so ist es kaum verwunderlich, dass im Mittelalter eine schier unüberschaubare Zahl unterschiedlicher Interpunktionszeichen entstand und selbst die Schreiber einer Schreibstube unterschiedliche Zeichen benutzten.
Standardisierung der Interpunktion im Buchdruck
Der von Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert erfundene Druck mit beweglichen Lettern läutete die letzte große Veränderung der Interpunktionszeichen und deren endgültige Standardisierung ein. Die ersten Buchdrucker griffen formal meist die im Manuskript verwendeten Interpunktionszeichen auf. Der vorgefundene Formenreichtum der Interpunktionszeichen konnte aber im Bleisatz nicht umgesetzt werden.
Während die mittelalterlichen Interpunktions- und Notationszeichen beliebig neben dem Text oder zwischen den Buchstaben eingefügt werden konnten, verlangte der Bleisatz ein einheitliches Erscheinungsbild, das sich auf einen schmalen Schriftkegel aufbringen ließ. Bedingt durch diese Forderung wandelte sich die Form der Interpunktionszeichen teilweise recht drastisch. So änderte sich zum Beispiel das Fragezeichen (punctus interrogativus) von seiner breiten, weit ausladenden zu seiner heute bekannten, aufrechten Form.Die anfangs nur wenigen Hersteller der Drucklettern hatten einen relativ weiten Wirkungskreis, wodurch sich fast automatisch die Formen der Interpunktionszeichen stabilisierten. So kam es, dass bald für jedes Zeichen nur noch ein einziges grafisches Symbol stand. In den folgenden Jahrhunderten verändern die Interpunktionszeichen ihre Form nur noch stilistisch. Im Zuge der immer stärkeren Beschäftigung mit Rechtschreibung und Grammatik nehmen die Interpunktionszeichen nun vollständig die Rolle eines Mittels der syntaktisch-grammatikalischen Gliederung an.
Aber auch heute sind noch Neuschöpfungen denkbar. In den 60-er Jahren entstand beispielsweise das Interpunktionszeichen Interobang (http://en.wikipedia.org/wiki/Interobang), das eine optische und inhaltliche Verschmelzung von Frage- und Ausrufezeichen bildet. Dieses Zeichen ist im deutschsprachigen Raum zwar bislang kaum im Einsatz, aber in vielen gut ausgebauten Schriften (z.B. der Lucida Sans Unicode) enthalten.
Teilen auf Facebook:










