Versal-Eszett
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Einleitung
Das Versal-Eszett bezeichnet die Großbuchstabenform des Buchstaben ß (Eszett). Die offizielle Aufnahme dieses Buchstabens in das deutsche Alphabet wird seit Anfang des 20. Jahrhundert diskutiert.
Der Buchstabe ß ist historisch aus einer Ligatur entstanden, die in deutschsprachigen Worten nur im Wortinnern oder am Wortende vorkommt. Bis 1942 waren in Deutschland die gebrochenen Schriften vorherrschend und in diesen Schriften gibt es keine Großschreibung von Wörtern, weil hier die Großbuchstaben auf das Zusammenspiel mit den Kleinbuchstaben speziell abgestimmt sind. Das ß existiert deswegen nur als Kleinbuchstabe. Seit dem Schriften-Erlaß von 1942 und der damit verordneten Einführung der Antiquaschrift als Normalschrift in Deutschland wird die Großschreibweise benötigt. Sobald nun deutschsprachiger Text in Kapitälchen oder Versalien ausgezeichnet wird, besteht der Bedarf nach einem Versal-Eszett.
Großschreibweise des ß
Der Bedarf nach einem Großbuchstaben für »ß« wurde aber schon sehr früh angemeldet, beispielhaft sei aus der neunten Auflage des Rechtschreibdudens aus dem Jahre 1925 zitiert (Vorbemerkungen, XII):
»Für ß wird in großer Schrift SZ angewandt, z.B. MASZE (Maße) – aber MASSE (Masse), STRASZE, PREUSZEN, MEISZNER, VOSZ. Die Verwendung zweier Buchstaben für einen Laut ist nur ein Notbehelf, der aufhören muss, sobald ein geeigneter Druckbuchstabe für das große ß geschaffen ist.«
Nach der Rechtschreibreform von 1996 ist bei Großschreibung SZ nicht mehr zulässig. Da es immer weniger benutzt wurde, ist es nun durch die zwei Einzelbuchstaben SS zu ersetzen.
Das Wort „Weiß“ wird im Versalsatz als „WEISS“ geschrieben. Die Verwechslungsgefahr, besonders bei Eigennamen hat sich dadurch noch vergrößert. Der Eindeutigkeit halber ist man bei behördlichen Dokumenten schon dazu übergangen, »ß« auch bei der Großbuchstabenschreibung beizubehalten, also z.B. »GROßMANN« für »Großmann« zu schreiben. Dieser Mischsatz aus Groß- und Kleinbuchstaben wird seit den 1980er Jahren bei deutschen Reisepässen und Personalausweisen angewandt. Auch die Deutsche Post – wie auch die Finanzämter – empfehlen, beim Ausfüllen von Formularen in Großbuchstaben den Kleinbuchstaben ß beizubehalten.
Die Frage nach einem Großbuchstaben-ß stellt sich also schon seit Jahrzehnten.
Verschiedene Schriftkünstler haben ein Versal-Eszett schon umgesetzt und einige Schriftdesigner geben ihren Schriften auch schon grundsätzlich ein großes Eszett mit.
Liste von Schriften mit Versal-Eszett
- Schelter kursiv (Schelter & Giesecke, Leipzig 1906)
- Ehmcke-Antiqua von Fritz Helmuth Ehmcke (ehem. Flinsch, Frankfurt am Main, 1909); auch unter dem Namen ITC Carlton* hier aber schlechte Umsetzung und ohne Versal-ß
- Ehmcke-Kursiv von Fritz Helmuth Ehmcke (ehem. Flinsch, Frankfurt am Main, 1910)
- Erbar-Grotesk (Ludwig & Mayer, Frankfurt a. M. 1910)
- Kleukens-Antiqua von F.W. Kleukens (Bauersche Gießerei, Frankfurt a. M. 1910)
- Journal-Antiqua von Hermann Zehnpfundt (E. Gursch, Berlin 1910)
- Grimm-Antiqua von Richard Grimm-Sachsenberg (Jul. Klinkhardt 1911, Leipzig (1920 von H. Berthold übernommen)
- Tauperle (Schelter & Giesecke, Leipzig 1912)
- Belwe-Antiqua von Georg Belwe [4 Schnitte] (Schelter & Giesecke, Leipzig ca. 1913, 1951 mit Schriftguß AG zu VEB Typoart verschmolzen)
- Koralle, Zarte (Schelter & Giesecke, Leipzig 1919)
- Koralle-Schrägschrift, Zarte (Schelter & Giesecke, Leipzig 1923)
- Koralle (Schelter & Giesecke, Leipzig 1915)
- Koralle, Fette (Schelter & Giesecke, Leipzig o.J. )
- Koralle, Breite (Schelter & Giesecke, Leipzig 1913)
- Koralle, Breite Halbfette (Schelter & Giesecke, Leipzig 1914)
- Koralle-Schrägschrift, Breite Halbfette (Schelter & Giesecke, Leipzig 1914)
- Koralle, Breite Fette(Schelter & Giesecke, Leipzig 1920)
- Koralle-Schrägschrift, Breite Fette (Schelter & Giesecke, Leipzig 1920)
- Koralle, Ganz Breite (Schelter & Giesecke, Leipzig 1921)
- Koralle Versalien (Schelter & Giesecke, Leipzig 1919)
- Koralle-Schrägschrift-Versalien, (Zarte Schelter & Giesecke, Leipzig 1923)
- Belwe-Kursiv von Georg Belwe 1914
- Ehmcke-Rustika von Fritz Helmuth Ehmcke (D. Stempel AG, Frankfurt 1914)
- Roland-Grotesk (Schelter & Giesecke, Leipzig um 1914?)
- P22 Underground Bold von Edward Johnston (1916). Diese Schrift wurde für die Londoner U-Bahn entworfen. Digitalisiert 2001
- Schneidler-Latein von F.H. Ernst Schneidler (Schelter & Giesecke, Leipzig 1919)
- Schneidler-Kursiv von F.H. Ernst Schneidler (Schelter & Giesecke, Leipzig 1920)
- Koralle mager (Schelter & Giesecke, Leipzig 1919)
- Koralle kursiv mager (Schelter & Giesecke, Leipzig 1923)
- Shakespeare-Mediaeval von Georg Belwe (Schelter & Giesecke, Leipzig 1927)
- Shakespeare-Kursiv von Georg Belwe (Schelter & Giesecke, Leipzig 1928)
- Schmale fette Koralle (Schelter & Giesecke, Leipzig vor 1931)
- Parcival (in Papier und Druck 1955/9)
- Diverse Hausschriften von der Schriftgießerei Klinkhardt (Leipzig)
- Missale Incana von Andreas Seidel (http://www.astype.de/) (2004). Basiert auf der Schrift „Erler Versalien” von Herbert Thannhaeuser, 1953.
- Adana von Andreas Seidel (http://www.astype.de/) (2005). Basiert auf der Schrift „Divana” des Grafikers Wilhelm Berg, Schriftguss AG 1925 – 1930. Die Versalien und Kaptitälchen sind neu.
- Missale Lunea, Uncialschrift von Andreas Seidel (http://www.astype.de/)
- Prillwitz von Ingo Preuß (http://www.preusstype.com) (2005)
- Battista von Ingo Preuß (http://www.preusstype.com) (2005)
- Phoenica von Ingo Preuß (http://www.preusstype.com) (2006)
- Andron von Andreas Stötzner (http://www.signographie.de/) (2006)
- Logotypia Pro von Ralf Herrmann (http://www.fonts.info/) (2004–2007)
Vier kostenlose Fonts von Andreas Stötzner, die im Zusammenhang mit dem Thema von Signa Nr. 9 „Das große Eszett“ (http://www.signographie.de/cms/signa_9.htm) frei zur Verfügung gestellt werden, und die jeweils das komplette Großbuchstaben-Alphabet inklusive Umlaute und Versal-ß enthalten (keine Kleinbuchstaben), außerdem sind Ziffern und Interpunktion vorhanden . Alle Rechte bleiben vorbehalten. Diese Schriften werden im OpenType-Format (CFF) und als *.zip verpackt angeboten, und das Schriftpaket kann hier (http://www.signographie.de/cms/upload/pdf/Signa9-Fonts.zip) heruntergeladen werden.
- Eszett-Anna von Andreas Stötzner (http://www.signographie.de/cms/signa_9.htm) (Mai 2006)
- Eszett-Timo von Andreas Stötzner (http://www.signographie.de/cms/signa_9.htm) (Mai 2006)
- Eszett-Linea von Andreas Stötzner (http://www.signographie.de/cms/signa_9.htm) (Mai 2006)
- Eszett-Enge von Andreas Stötzner (http://www.signographie.de/cms/signa_9.htm) (Mai 2006)
- Museo: Font in 5 Schnitten (davon 3 kostenlos) von Jos Buivenga (http://www.josbuivenga.demon.nl/museo.html) (2007)
- Toshna von Andreas Seidel (http://toshna.germantype.com/) (2007)
- Linux Libertine Freier Font im Sinne der GPL und OFL von | Libertine Open Fonts (http://linuxlibertine.sourceforge.net/) (seit Version 2.6, Juni 2007)
- Graublau Sans Pro von Georg Seifert (http://www.fonts.info/) (2008)
- Fertigo Pro: Kostenloser Font von Jos Buivenga (http://www.josbuivenga.demon.nl/fertigo.html) (2008)
- Perfetto von Hubert Jocham (http://www.hubertjocham.de/) (2008)
- Scotch Modern von ShinnType (http://www.shinntype.com/) (2008)
- FF Trixie von Erik van Blokland (http://www.fontshop.de) (2008)
- Beaufort Pro von Nick Shinn (http://www.shinntype.com/beaufort.html) (2008)
- Iwan Reschniev von Sebastian Nagel (http://www.fonts.info/) (2008)
- Pratt Pro von ShinnType (http://www.shinntype.com/) (2008)
- Dez Squeeze von Chris Lozos (http://dezcom.com/typefaces/squeeze/) (2009)
- Calluna von Jos Buivenga (http://www.josbuivenga.demon.nl/calluna.html) (2009)
- Secca von Andreas Seidel (http://www.germantype.com/secca) (2009)
- Vesper von Rob Keller (http://www.motaitalic.com/fonts/vesper) (2009)
- Tabac von Tomáš Brousil (http://www.suitcasetype.com) (2009)
- CaminoDos von Jan Fromm (http://www.janfromm.de/typefaces/camingodos/) (2009)
- PT Sans von ParaType (http://www.paratype.com) (2010)
Kodierung
Im Jahr 2004 beantragte der Typograph Andreas Stötzner, Herausgeber der Zeitschrift SIGNA, beim Unicode Consortium die Aufnahme eines Latin Capital Letter Double S in Unicode {Quelle: Andreas Stötzner: Vorschlag zur Kodierung eines versalen ß in Unicode (Englisch)} (http://std.dkuug.dk/jtc1/sc2/wg2/docs/n2888.pdf). Der Antrag wurde verworfen, da die Existenz dieses Buchstabens nicht ausreichend bewiesen war, sowie aus technischen Gründen. (Quelle: Unicode Consortium: Rejected Characters and Scripts (englisch) (http://www.unicode.org/alloc/rejected.html); und als Kommentar dazu: Michael Kaplan: Every character has a story #15: CAPITAL SHARP S (not encoded) (Englisch) (https://blogs.msdn.com/michkap/archive/2005/09/25/473632.aspx).
Im Jahr 2005 rief der Interessensverband Rat für deutsche Rechtschreibung e.V. dazu auf, Abhilfe zu schaffen für den Notbehelf ß in Versalschreibweise durch SS zu ersetzen. Es bedürfe allerdings einer Initiative aus der Schreibgemeinschaft (z.B. von Seiten der Typografen), und nicht der Iniative des Rates für deutsche Rechtschreibung, um hier auf der Basis eines gesellschaftlichen Konsenses Abhilfe zu schaffen.
Ein zweiter Antrag auf eine Aufnahme des Versal-Eszetts als LATIN CAPITAL LETTER SHARP S ist am 27. April 2007 vom Komitee des zuständigen Deutsches Institut für Normung (DIN) gestellt worden. {(Quelle: Wischhöfer, Cord: Proposal to encode Latin Capital Letter Sharp S to the UCS (Englisch)} (http://www.dkuug.dk/jtc1/sc2/wg2/docs/n3227.pdf). Deutschland wurde in der einwöchigen, turnusmäßigen Sitzung durch Mitglieder des DIN-NIA 29.01 (Codierte Zeichensätze) vertreten. Im Rahmen der 50. Sitzung der zuständigen Internationalen Organisation für Normung (ISO) bzw. der International Electrotechnical Commission (IEC)-Working-Group vom 23. bis 27. April 2007 ist beschlossen worden, das Versal-Eszett solle gemäß diesem Vorschlag im Unicode-Standard die Stelle U+1E9E erhalten.{Quelle: Resolutions of WG 2 meeting 50 (Beschlüsse des 50. Treffens der Working-Group 2 des Subkomitees 2 des gemeinsamen Komitees von ISO und IEC, (English) (http://www.dkuug.dk/jtc1/sc2/wg2/docs/n3254.doc); Quelle: Andreas Stötzner auf seiner Netzseite} (http://www.signographie.de/cms/front_content.php?idcat=1&idart=97).
Laut unicode.org (Proposed New Characters: Pipeline Table (http://unicode.org/alloc/Pipeline.html)) wurde die Belegung am 18. Mai 2007 vom Unicode Technical Comitee angenommen und ist seit dem 27. Mai in der 5. Phase – der sogenannten approval stage – des Standard-Entwicklungsprozesses der ISO. {Quelle: Stages of the development of International Standards} (http://www.iso.org/iso/standards_development/processes_and_procedures/stages_description.htm), seit 21. September 2007 in der 6. Phase– der sogenannten publication stage.
Am 4. April 2008 ist wie angekündigt mit dem Erscheinen des Unicode-Standards Version 5.1 der Großbuchstabe Scharf-S aufgenommen worden und hat den Platz U+1E9E erhalten. Quelle: Specification for the Unicode Standard, Version 5.1.0. (http://www.unicode.org/versions/Unicode5.1.0/)
Es gilt folgende Tabelle:
| Zeichen | Unicode Position | Unicode Bezeichnung | Bezeichnung | HTML dezimal |
|---|---|---|---|---|
| ẞ | U+1E9E | LATIN CAPITAL LETTER SHARP S | Lateinischer Großbuchstabe Eszett | ẞ |
Hinweis: Manche Schriftdateien (z.B. Athena oder Vusillus) haben diesen Codepunkt anderen Schriftzeichen zugewiesen, sodass die Anzeige auf dieser Seite fehlerhaft sein kann.
Die Medieval Unicode Font Initiative erarbeitet Zeichenbelegungen für Mittelalterforscher. Im Entwurf zur Version 2.0 der Zeichenbelegung wird geplant, Latin Capital Letter Sharp S als Zeichen U+E3E4 zu codieren. {Quelle: MUFI Character Recommendations} (http://www.mufi.info/specs/)
Synonyme für ß (Eszett)
Die Bezeichnung »Scharfes S« für Eszett wäre eigentlich korrekter, ist aber umgangssprachlich nicht so verbreitet; gelegentlich wird das scharfe S auch als »Straßen-S, Buckel-S, Ringel-S, Rucksack-S« oder auch sehr schön als »Dreierles-S« bezeichnet.
In den Antiqua-Schriften wird die ß-Ligatur von den Zeichen Lang-s „ſ“ und Rund-s „s“ abgeleitet
(ſs=ß), in den gebrochenen Schriften dagegen vom Lang-s „ſ“ und vom z.
Diskussionen zum Thema
- „Krasser Schnitzer …“ im TypoForum (http://www.typografie.info/typoforum/viewtopic.php?t=1460)
- „Topp-Thema: Eszett als Großbuchstabe“ im TypoForum (http://www.typografie.info/typoforum/viewtopic.php?t=300)
- „Großes ß: wohin damit im Font?“ im TypoForum (http://www.typografie.info/typoforum/viewtopic.php?t=1056)
- „Das Eszett wird erwachsen“ im TypoForum (http://www.typografie.info/typoforum/viewtopic.php?t=3517)
- „Versal ß - HEIßE Kiste“ im typeFORUM (http://www.typeforum.de/thread_353.htm)
Benutzte Quellen:
- Georg Kandler, Erinnerungen an den Bleisatz, Band 1 (1995) und Band 2 (2001), Minner Verlag, Kornwestheim.
- Albrecht Seemann, Handbuch der Schriftarten, Leipzig 1926.
Links
- Newsmeldung im TypoWiki (http://www.typografie.info/typowiki/index.php?title=Das_Eszett_wird_erwachsen)
- Dokumentation „Das versale ß“ von Andreas Stötzner (http://www.signographie.de/cms/upload/pdf/Versal_SZ_1_2_0.pdf)
- „Das Eszett wird erwachsen“ von Andreas Stötzner auf seiner Netzseite (http://www.signographie.de/cms/front_content.php?idcat=1&idart=97)
- Artikel in Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Versal-Eszett)
- Georg Belwe (http://www.klingspor-museum.de/KlingsporKuenstler/Schriftdesigner/Belwe/GBelwe.pdf)
- Fritz Helmut Ehmcke (http://www.klingspor-museum.de/KlingsporKuenstler/Schriftdesigner/Ehmcke/FHEhmcke.pdf)
- F.H. Ernst Schneidler (http://www.klingspor-museum.de/KlingsporKuenstler/Schriftdesigner/Schneidler/ESchneidler.pdf)
- „Das große Eszett für die Westentasche“ im Typo Wiki (http://www.typografie.info/typowiki/index.php?title=Das_gro%C3%9Fe_%C3%9F_%28Eszett%29)
Signa 9: Das große Eszett
Seit wann ist die Schaffung dieses Buchstabens im Gespräch? Welche Versuche gab es dazu in der Vergangenheit? Was ist die wirkliche Herkunft unseres heutigen ß? Wie soll ein versales ß aussehen? Besteht eine Chance zur Kodierung?Diesen und vielen weiteren Fragen sind die Autoren der Signa 9 (http://www.signographie.de/cms/signa_9.htm) nachgegangen.























