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Dear Ms Brauch

Joshua K.

Die ursprünglich in Nordfrankreich entstandenen gotischen Lettern waren weit verbreitet; durch die Beliebtheit der »deutschen« Schrift während der Zeit des Nationalsozialismus wird die Fraktur seither nur noch selten verwendet – und oft auch in einschlägigem Kontext. Dieses Buch stellt ein Bemühen um die Rehabilitierung der Fraktur dar, indem es auf die Ästhetik dieser Schrift und die in ihr liegenden gestalterischen Möglichkeiten abzielt, jenseits von ideologischen Vorbehalten. Es führt in die Typografie der Fraktur ein, informiert über den jahrhundertelangen Streit zwischen Anhängern der runden und der gebrochenen Schriften und zeigt anhand von Grafiken und anderen Anwendungsbeispielen das grafisch reizvolle Potenzial dieser Schriftgattung. »Dear Ms Brauch, …« eröffnet eine Publikationsreihe, in der der Studiengang Informationsdesign der FH JOANNEUM hervorragende Abschlussarbeiten in jährlicher Erscheinungsform einer design-interessierten Öffentlichkeit präsentiert.

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Rezension

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um eine Bachelor-Arbeit im Studiengang »Informationsdesign« an der Fachhochschule Graz. Die Autorin verfolgt das Ziel, die Fraktur zu rehabilitieren, indem sie die Ästhetik und die in ihr liegenden gestalterischen Möglichkeiten aufzeigt, über die Geschichte der gebrochenen Schriften aufklärt und so Vorurteile gegen sie ausräumt.

Schlägt man das Buch auf, fühlt man sich unweigerlich an Judith Schalanskys »Fraktur Mon Amour« erinnert. Beide Autorinnen wollen die gebrochenen Schriften durch eine zeitgemäße Gestaltung von ihren bekannten assoziativen Altlasten befreien. Auch das Buch von Elisabeth Gruber setzt daher auf kräftige Farben und einen großflächigen ornamentalen Einsatz von Frakturbuchstaben. »Dear Ms Brauch« präsentiert allerdings keine Schriften, sondern will seinem Anspruch nach ein Lesebuch sein, auch wenn die verspielte Gestaltung der Lesbarkeit zuweilen etwas abträglich ist.

Nach einer kurzen Definition, was der Ausdruck Fraktur überhaupt bedeutet, wird ausführlich erklärt, wie die verschiedenen gebrochenen Schriftarten historisch entstanden sind. Der nächste Abschnitt beschreibt am Beispiel einzelner Schriften, wie sich im Laufe der Zeit die Form der Fraktur geändert hat. Anschließend werden Vorteile der Fraktur gegenüber der Antiqua aufgezählt. Die Regeln zum richtigen Einsatz des langen und runden s sowie der Ligaturen werden leider nur unvollständig erklärt. Im Anschluss daran wird ausführlich über die Zweischriftigkeit im deutschen Sprachraum, den Schriftstreit von Fraktur- und Antiqua-Anhängern im 19. und 20. Jahrhundert, die Rolle der Fraktur im Nationalsozialismus und das Frakturverbot von 1941 berichtet. Als Beispiele für die Anwendung der Fraktur im Dritten Reich sind Plakate und Zeitungen abgebildet.

Der anschließende Abschnitt behandelt die Verwendung gebrochener Schriften nach dem zweiten Weltkrieg in der BRD und DDR und im heutigen Alltag. Glanzpunkte der Fraktur, die nach 1945 vor allem in der DDR entstanden, zeigt sie jedoch wenige auf. Viele Bilder zeigen, wo heute noch Fraktur verwendet wird. Zudem hat Elisabeth Gruber Bilder von verschiedenen Produkten retuschiert und Antiqua-Beschriftungen durch Fraktur ersetzt sowie umgekehrt Fraktur-Beschriftungen durch Antiqua. Die geänderten Bilder sind den ursprünglichen Fassungen gegenübergestellt, so dass man sieht, wie man nur durch einen Wechsel der Schriftart einen ganz anderen Eindruck hervorrufen kann.

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Fazit: Hält man sich vor Augen, dass dieses Buch eine Bachelor-Arbeit ist, so kann das Ergebnis in Inhalt und Umfang sicherlich überzeugen. Das Buch bieten einen lockeren und optisch ansprechenden Einstieg in die Geschichte und Gegenwart der gebrochenen Schriften. Dem gesteckten Ziel – durch die Aufklärung über die Fraktur eine Rehabilitierung zu erreichen und dieser Schriftgattung neuen Raum für eine heutige Anwendung einzuräumen – wird das Buch sicherlich gerecht.

Jedoch ist das Niveau einer Hochschularbeit nicht automatisch auch ausreichend um direkt verlegt zu werden. Hier hätte dem Buch ein fachliches Lektorat doch sehr gut getan. Denn als Student bedient man sich mangels eines tief greifenden Wissens des Themas natürlich vor allem dessen, was man in anderen Büchern findet und es werden nicht selten fragwürdige Aussagen unreflektiert übernommen oder missverständlich wiedergegeben.

Schon im Vorwort stutzt der fachkundige Leser zum Beispiel über die Aussage, die Fließtext-Schrift des Buches sei die 1928 von Paul Renner geschaffene Bitstream Futura Light – eine der Lieblingsschriften Hitlers*. (Bitstream wurde jedoch erst 1981 gegründet.)

Und auch die historische Auseinandersetzung mit der Rolle der Fraktur im 3. Reich und den »Schaftstiefelgrotesken« ist natürlich eine inhaltlich Tretmine, die umfassendes typografisches und gesellschaftspolitisches Wissen zu dieser Zeit erfordert, um hier eine nutzbringende Einschätzung geben zu können, die nicht nur die Ansichten aus anderen Büchern übernimmt.

Auch der Umgang mit dem Urheberrecht der verwendeten Materialien lässt Raum für Kritik. Die gezeigten Abbildungen wurden einfach aus anderen aktuellen Büchern gescannt oder aus dem Internet – zum Beispiel aus der Flickr-Gruppe Blackletter today – entnommen, ohne das Einverständnis der Urheber einzuholen. Auch dies ist im Rahmen einen internen Hochschularbeit vielleicht verzeihlich, hätte aber vor dem Verlegen des Buches korrigiert werden müssen.

* Nachprüfbare Quellen sind nicht bekannt. Die Autorin beruft sich auf Judith Schalansky


Untertitel: Schicksal und Schönheit der gebrochenen Schriftformen

Autor(en): Elisabeth Gruber

veröffentlicht: 2009

Verlag: Leykam-Verlag, Graz

Sprache: , deutsch,

ISBN: 978-3-7011-0162-7




<p>Graublau Slab – Die Erweiterung zum Bestseller Graublau Sans</p>
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