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Neue Rechtschreibung?


boernie

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Nicht unbedingt ein "langes t" aber die Verwendung einer deutlichen tt-Ligatur (aber keiner ttt-Ligatur) würden ein (mal gesperrt)

S c h r i tt t er m p o schon deutlicher machen …

Wenn Leserlichkeit das höchste Ziel wäre, sollte man heute vielleicht gar keine Fraktur benutzen. ;-)

Aber im ernst: Diese Gedankenspiele sind ja ganz interessant, aber die Realität ist, dass man einen Text tippt und eine beliebige Schriftart zuweist – fertig! Man nutzt nicht Zeichenvorrat/Satzregeln der Antike, wenn man Trajan Pro als Schriftart auswählt und genauso ergeht es auch den gebrochenen Schriften heute. Auch die Besonderheit der Sperrsatz-Verbünde hat also kaum eine Chance auf Bestand. Auch damit spricht man allenfalls ein paar Bleisetzer-Veteranen an, aber der Masse der deutschen Leserschaft ist damit nicht geholfen. Sie würde eher darüber stolpern. Und war nicht Typografie eine dem Leser dienende Kunst?

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Mir scheint, der absolute Laie, beinahe Analphabet als Schriftbenutzer, irgendeine ungebildete Masse als Scheinkunde geistert hier im Forum massiver herum als in der Arbeitswelt mancher Typografen. Ich bin zwar Bleisetzer (Veteran eher nach den Maßstäben des Militärs), aber ich arbeite für ein vorwiegend junges Publikum, für große und kleine Verlage, und Anfang des Jahres habe ich eine ganze Zeitungsseite für die Süddeutsche Zeitung in Fraktur gesetzt, zwei der drei Texte dieser Seite waren frisch geschriebene Lyrik. Es kam ein Wäschekörbchen von Leserzuschriften, weil ich "Dienstag" versehentlich mit langem s gesetzt hatte. Ich habe gelegentlich auch Fraktur für Hochzeitsdrucksachen im Einsatz. Eine Unger-Fraktur in frischem Grün sieht nicht aus wie eine gotische Kriegserklärung. Und wenn ich die Entwürfe mit langem s vorlege, hat sich noch nie jemand erkundigt, was das für ein Buchstabe sei. Im Gegenteil, wenn die Sprache darauf kommt, dann sagt man mir: Natürlich möchte ich es nach den Regeln gesetzt haben. Und das sind die letzten Regeln der Frakturverwendung. Man kann natürlich immer die Masse am unteren Rand des Bildungsniveaus sehen. Aber der Bildungsbürger ist noch nicht in Stille verstorben, er hat sogar Nachwuchs. Von meiner täglichen Arbeitswelt sind Betrachtungen über die Lesbarkeit der Fraktur oder das Erkennen des langen s in Antiqua meilenweit entfernt.

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Wir hatten das ja an anderer Stelle schon: die Leute kommen zu Dir wegen »Retro-Fraktursatz«. Den wird es auch weiterhin geben und daran ist ja auch nichts auszusetzen.

Ich spreche davon, dass gebrochene Schriften ganz normal z.B. für Bandlogos, Parfüms, in Überschriften in Magazinen, Tageszeitungen usw. benutzt werden. Und da werden sie heute eben wie jede andere Schriftart auch gesetzt. Sie werden einfach als eine andere Schriftart verstanden. Und warum auch nicht? Konventionen ändern sich. (Siehe meinen Ausführungen oben.)

Das hat aber alles absolut GAR NICHTS damit zu tun, dass man sich einer »dummen Masse« anbiedert – ich verstehe nicht, warum dieses Argument immer wieder kommt. Wenn ich Telefonnummern zum Zwecke der optimalen Leserlichkeit gliedere, dann sagt doch auch keiner, ich würde mich einer dummen Masse anbiedern, die nicht mal ein paar Zahlen selbst auseinanderhalten kann. Es ist meine Aufgabe als Typograf optimale Leserlichkeit herzustellen. Texte (in beliebigen Schriftarten) so zu setzen, wie es die Leser in den Letzten 70 Jahren in der Schule gelernt haben, kann doch nicht so abwegig sein.

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Frühlingsgrüne Unger-Fraktur hat mit Retro nichts zu tun. Und meine Kunden kommen in der Minderheit aus solchen Erwägungen, sie kommen, weil sie das Handwerk bevorzugen. Oder ist ein Gourmet auch Retro, und Convenience-Portionen sind der Maßstab der Dinge?

Optimale Leserlichkeit dürfte kaum ein eindeutig definierbarer Begriff sein, der für alle gilt. Wer Bücher liest, die etwas älter sind als er selbst (so etwas ist noch üblich, also daß man die Bibliothek seiner Eltern nicht wegschmeißt und Antiquariate auch von innen sieht), hat keine Schwierigkeiten mit langem s. Wer nur noch vor dem Bildschirm, auf der Autobahn und im Supermarkt Schrift wahrnimmt, nun ja, der kann einem in vielerlei Hinsicht leidtun. Müssen wir uns aber hier um diese Armseligkeiten als typografisches Fürsorgeamt kümmern und jede Verzierung am Alphabet als veraltet und unpraktisch ansehen?

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Wie gesagt: darum geht es nicht! Klar, können sich auch heutige Leser noch irgendwie zusammenreimen, was die FAZ-Überschrift in Retro-Satz wohl heißen könnte. Die Frage ist: warum sollte man ihnen überhaupt erst Steine in den Weg legen? WEM ist damit gedient? (Das ist jetzt keine rhetorische Frage – ich hätte sehr gern eine Antwort darauf.)

Ein heutiger Text – z.B. in einer Tageszeitung – ist ein direkter, in der Gegenwart(!) stattfindender Dialog zwischen den Autoren und den Lesern. Kein Autor einer FAZ-Überschrift käme auf die Idee, für seine Überschrift ein vor 80 außer Gebrauch geratenes Wort zu benutzen – weil das ja »mal so üblich war« und also irgendwie der Journalisten-Tradition entspräche. Er benutzt die Wörter, die heutige Leser verstehen.

Warum zum Teufel soll dann aber für den Schriftsatz nicht das Gleiche gelten? Der erfüllt doch den gleichen Zweck! Warum soll der Inhalt nun plötzlich schwerer zugänglich gemacht werden, nur um irgendeiner diffusen Tradition zu dienen, die Leute benutzten, die längst tot sind. Wem oder was wird hier gedient und warum?

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Großbuchstaben, Ausrufezeichen und Fette Schrift erhöhen zwar die Lautstärke ...

Du meinst, es sind Stöcke im Weg. Ich meine, die Leser sind nicht so ungebildet, wie du glaubst. Ich würde meine Kunden nicht grundsätzlich für ungebildeter halten als mich selbst. Dienen heißt nicht, auf ein imaginäres Niveau hinabzuklettern, sondern die anspruchsvollen Leser so gut wie möglich zu bedienen, wenn das Produkt für sie gemacht wird. FAZ-Leser - nun ja, ein Blick auf die Leserbriefseite dürfte ausreichen, um das Bildungsniveau der Leser zu erkennen.

Zitat Ralf Hermann:

die Realität ist, dass man einen Text tippt und eine beliebige Schriftart zuweist – fertig! Man nutzt nicht Zeichenvorrat/Satzregeln der Antike, wenn man Trajan Pro als Schriftart auswählt und genauso ergeht es auch den gebrochenen Schriften heute. Auch die Besonderheit der Sperrsatz-Verbünde hat also kaum eine Chance auf Bestand. Auch damit spricht man allenfalls ein paar Bleisetzer-Veteranen an, aber der Masse der deutschen Leserschaft ist damit nicht geholfen. Sie würde eher darüber stolpern. Und war nicht Typografie eine dem Leser dienende Kunst?

Zitat-Ende

Ich habe den Eindruck, du verrennst dich gelegentlich in eine Generalisierung. "Man" - ich fühle mich davon nicht angesprochen, fühle mich aber auch nichts als Exot. Vielleicht irre ich in meiner Wahrnehmung, aber von dir so beharrlich und freundlich berücksichtigte und sicherlich mit Recht für etwas blöd gehaltene "Masse der deutschen Leserschaft" (bei diesen Worten sehe ich sie marschieren), die kommt in meiner Arbeit nicht vor, ohne daß meine Kunden verschrobene Leute mit absurden Ambitionen wären. Glaube ich jedenfalls bislang. Aber es kann schon sein, daß ich ein oller Veteran bin, das würde meine melancholische Zuneigung zum Kulturpessimismus beflügeln. Wo ist der Strick?

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Gast bertel

Martin, du verdrängst in deiner Argumentation ganz gerne, dass du nur einen klitzekleinen Teil der Leserschaft "bedienst", und just deine Leser- und Kundschaft sich bewusst in die Vergangenheit orientiert. "Sie kommen, weil sie das Handwerk bevorzugen", mehr muss ich gar nicht sagen.

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Was hat die Satzart mit Bildungsniveau zu tun? Mir leuchtet das nicht ein. Soll eine Zeitungsüberschrift absichtlich nur von einer Bildungselite gelesen werden können – quasi als Geheimschrift, die das dumme RTL2-Volk nicht versteht?

Warum sind Änderungen von Konventionen automatisch ein Herablassen auf ein niedrigeres Niveau? Und wenn ja, warum sollen wir dann unbedingt das Niveau von 1940 halten? Warum nicht das von 1840? Warum ist nicht 2012 der Maßstab der Konventionen? Klingt für mich nicht wie eine absurde Idee.

Wenn’s gegen die neue Rechtschreibung geht, dann betonen die Konservativen immer ach so gerne die viel besseren »natürlichen Entwicklungen«. Wenn aber die Satzkonventionen sich ganz natürlich abändern (wie es ja gerade geschieht), ist das jetzt plötzlich ein Zeichen der Verblödung. Na was denn nun?

Ich sehe keine plausiblen Argumente, sondern nur wie üblich das »ich will, dass es so bleibt wie es mir am vertrautesten ist«. Die Argumente zu Tradition und Bildung und funktionaler Notwendigkeit (bestimmter Satzbesonderheiten) sind doch alle nur posthum nachgeschoben, um die heute einfach nicht mehr vorhandene Fraktursatz-Konvention nachträglich als ultimativ und unveränderlich darzustellen.

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An Bertl:

Handwerk ist nicht gleich Vergangenheit. Die Branche wächst gerade kräftig. Stichwort: Manufactum. Das ist Gegenwart und Trend. (Mehr dazu bei Richard Sennett.)

"Mein Publikum" war bei meiner Arbeit für die Süddeutsche nicht gerade klein. Die Zeitung wird am Wochenende für eine halbe Million Leser gemacht, wenn ich nicht irre. Inklusive einer ganzen Frakturseite für unsere Sonderausgabe. Die Bücher, die ich für Rowohlt mache, haben eine Auflage von mehreren Zehntausend.

Aber jetzt verlasse ich den Computer für ein Weilchen und drucke an den 2200 Büchern vom Bleisatz weiter. Es dürfte nicht viele Bleisatz-Bücher mit solchen Auflagen geben.

An Ralf:

Die FAZ hat keine geringe Auflage. Aber ich glaube, die Argumente sind getauscht, ich gehe mal in mich und bedenke die deinigen in Ruhe.

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Gast bertel
An Bertl:

Handwerk ist nicht gleich Vergangenheit. Die Branche wächst gerade kräftig. Stichwort: Manufactum. Das ist Gegenwart und Trend. …

Danke, dass du die Gegenargumente gleich selbst lieferst. Gerade manufactum ist nicht Gegenwart, sondern Retro in vermeintlich gegenwärtiger Qualität zu einem völlig überhöhen Preis. Nepp und Wucher wären treffender. Der Trend geht eindeutig nicht zum Handwerk, sondern zum industriellen Nachbau ehemals handwerklich hergestellter Waren.

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Als jahrelanger Lieferant dieses Versandhauses möchte ich diesen Vorwürfen widersprechen. Ich liefere weder Nepp noch bin ich Wucherer noch fertige ich industriellen Nachbau. Beleidigungen sind keine Argumente.

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Gast bertel

Du bist nicht der einzige Lieferant – dein Anteil macht auch hier nur einen klitzekleinen Teil aus.

Dose Ölsardinen = 3,20 €

Klebestift = 2,40 €

Schreibtisch = 915 € (der völlig unverständlicherweise ohne Stiftefang kommt, d.h. es rollen immer alle Stifte zu Boden)

Handrasenmäher = 168 €

Das sind nur wahllos zusammengetragene Produkte, allesamt bei ca. 300 % der Kosten vergleichbarer Produkte. Wenn das für dich kein Wucher ist, dann haben wir wohl unterschiedliche Realitäten.

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Die Frage ist: warum sollte man ihnen überhaupt erst Steine in den Weg legen? WEM ist damit gedient?

Es wird einem Bedürfnis gedient – dem Bedürfnis nach Abwechslung, nach Anderem, nach Unbekanntem, nach Originalität oder auch dem Bedürfnis selbst etwas zu erkennen, zu lösen, nachdenken zu müssen (dürfen) usw.

Je normierter, institutionalisierter und übersichtlicher unser Umfeld wird, desto mehr steigt gerade dieses Bedürfnis.

Spricht man der Typografie alle Schrulligkeiten, Ecken und Kanten ab, dass nur mehr die Leserlichkeit übrig bleibt, wird’s auch für den Leser ziemlich langweilig.

Gruß

Erwin

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Inhalte von Büchern (nur als Beispiel) wurden und werden ja mit schönster Regelmäßigkeit aktualisiert und modernisiert. Viele Dinge die zur Entstehungszeit von Büchern als völlig normal erachtet wurden, werden heute belächelt oder sogar als problematisch empfunden. Die Rechtschreibung wird an das angepaßt was wir heute gewöhnt sind, die Inhalte milde bis extrem modifiziert. Trägt dies zur Verdummung der Leute bei? Vielleicht, aber das Ziel ist eigentlich genau umgekehrt: die Verlage wollen daß die Bücher gelesen werden und machen sie für uns und für heute verständlich. Wie gut das gelingt steht auf einem anderen Blatt, aber das Ziel ist ja gerade daß ein Buch von möglichst vielen Menschen gelesen wird. Was die Verdummung eigentlich reduzieren sollte (mit Ausnahmen).

Bei Tageszeitungen ist dies noch extremer aus Aktualitätsgründen. Natürlich könnte sich die FAZ komplett von der Fraktur verabschieden, was vielleicht konsequenter wäre. Die hat aber das Erscheinungsbild geprägt und dient als Herausstellungsmerkmal. Davon wird man sich so schnell nicht verabschieden. Ich unterstelle jetzt der FAZ einmal daß sie in ihren Artikeln aufklärerisch tätig sein möchte (ob das gelingt sei dahingestellt). Dazu muß sie so viele Menschen ihrer Zielgruppe unmittelbar ansprechen. Mit dem langen s wird dies weniger gut gelingen; die Überschriften sind aus Gewohnheitsgründen weniger gut erfaßbar, einfach weil weniger Fraktur gelesen wird. Nichts desto trotz: wenn die Zeitung aufklärerisches Potential hat und ein Maximum an Lesern anspricht (und dies mit Hilfe "falscher" s-Regeln), dann kann dies trotzdem zur Verschlauung der Leserschaft führen, nicht Verdummung.

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Es wird einem Bedürfnis gedient – dem Bedürfnis nach Abwechslung, nach Anderem, nach Unbekanntem, nach Originalität oder auch dem Bedürfnis selbst etwas zu erkennen, zu lösen, nachdenken zu müssen (dürfen) usw.

Ja, das ist eine schöne Komponente der Typografie.

Aber sie rechtfertigt jetzt nicht gerade das dogmatische Festhalten an vor 100 Jahren geltenden Konventionen.

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Je normierter, institutionalisierter und übersichtlicher unser Umfeld wird, desto mehr steigt gerade dieses Bedürfnis.

Ich denke, dass unser Umfeld oder die Welt in der wir leben, eher unübersichtlicher wird und stetig weiter zersplittert.

Grüße,

CIX.

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Wird die FAZ hier überhaupt angeschaut? Ich hatte sie ein paar Tage nicht in der Hand, meines Wissens hat sie vor 5 Jahren die Fraktur abgeschafft. Abgesehen vom Zeitungskopf.

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Lebe halt seit mehr als 5 Jahren nicht mehr in Deutschland. Ist bezüglich des prinzipiellen Argumentes aber auch eigentlich gänzlich unerheblich.

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Ja, das ist eine schöne Komponente der Typografie.

Nur das sollte mein Beitrag aussagen.

Aber sie rechtfertigt jetzt nicht gerade das dogmatische Festhalten an vor 100 Jahren geltenden Konventionen.

Das liegt mir fern und ich hoffe, dass mein Text nicht so verstanden wurde.

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Gast bertel
Wird die FAZ hier überhaupt angeschaut? Ich hatte sie ein paar Tage nicht in der Hand, meines Wissens hat sie vor 5 Jahren die Fraktur abgeschafft. Abgesehen vom Zeitungskopf.

Im Fontblog wurde das damals besprochen.

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