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Alberich

Schmiedeeiserne Ziffern einer historischen Sonnenuhr restaurieren = Welche Schrift?

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Ralf Herrmann

Mir fällt es allerdings auch schwer, einen direkten Zusammenhang zwischen Bauhaus und schlichter Gotisch zu finden. Oder befand sich einer der Gestalter der schlichten Gotisch im Dunstkreis des Bauhaus? Wo gibt es genau Schnittmengen?

 

Ich hab nur auf Martins Argumentationsweise geantwortet. Ich wollte im Gegenzug nicht behaupten, dass man zwischen Bauhaus und schlichter Gotisch eine unmittelbare Verbindung herstellen kann. Tut man es, löst es wahrscheinlich lauter falsche Annahmen und Schlussfolgerungen aus. Was hieße »Verbindung« hier überhaupt? Dass ein Designer einer schlichten Gotisch am Bauhaus studiert haben muss? Oder dass er wie Tschichold zumindest bei der 1923-Ausstellung dabei war? Dass irgendwo wortwörtlich geschrieben steht, dass ein Designer einer schlichten Gotisch beim Entwurf von Bauhaus inspiriert war? Oder was genau? Dass solche direkten Zusammenhänge auftauchen, denke ich eher nicht. Das hätte sich ja auch schlecht mit der Vermarktung dieser Schriften vertragen …

 

Ich behaupte aber sehr wohl, was ja schon andere hier geäußert haben. Nämlich, dass eine »Moderne« als Gesamtentwicklung wirkte und Prinzipien, die sich am Bauhaus fanden, auch bewusst bei den gebrochenen Schriften angewendet wurden. Robert hat mit dem Krimhilde-Text ein Zeitdokument vorgelegt. Der Text liest sich bezogen auf die Schriftform exakt wie die Bauhaus-Manifeste – nur geht es um Fraktur. Dass hier zumindest im großen Ganzen ein wie auch immer gearteter Zusammenhang besteht, erscheint mir offensichtlich. Ob man zu dessen Beschreibung nun das Schlagwort Bauhaus benutzen muss, steht auf einem anderen Blatt. 

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Martin Z. Schröder

Liturgisch ja, sind ja auch alle von Rudolf Koch. Aber die Schriften sind auch eindeutige Hybriden, sieht man von den Antiqua-Versalien ab sind das schlichte, gotische Minuskeln (Jessenschrift). Man könnte sogar soweit gehen und sagen das diese als Vorlage/Orientierung für Tannenberg und Freunde gedient haben.

Das ist wahr. Darauf hat sich sicherlich auch Tschichold bezogen mit seiner Kritik der »Kochschriften«. Es wäre der Mühe wert, die Schaftstiefelschriften sehr viel präziser zu definieren. Weidemann hat die Exaktheit ihrer Linienführung als »hölzern« bezeichnet, und es ist das übermäßig Gerade, Exakte, das diese Schriften von allen anderen absondert. Das Steife, Winklinge, Gerade trennt sie nicht nur von der Antiqua an sich, sondern auch von den serifenlosen Antiqua-Schriften und von allen gebrochenen Schriften.

 

Ich hab nur auf Martins Argumentationsweise geantwortet. Ich wollte im Gegenzug nicht behaupten, dass man zwischen Bauhaus und schlichter Gotisch eine unmittelbare Verbindung herstellen kann. Tut man es, löst es wahrscheinlich lauter falsche Annahmen und Schlussfolgerungen aus. Was hieße »Verbindung« hier überhaupt? Dass ein Designer einer schlichten Gotisch am Bauhaus studiert haben muss? Oder dass er wie Tschichold zumindest bei der 1923-Ausstellung dabei war? Dass irgendwo wortwörtlich geschrieben steht, dass ein Designer einer schlichten Gotisch beim Entwurf von Bauhaus inspiriert war? Oder was genau? Dass solche direkten Zusammenhänge auftauchen, denke ich eher nicht. Das hätte sich ja auch schlecht mit der Vermarktung dieser Schriften vertragen …

 

Ich behaupte aber sehr wohl, was ja schon andere hier geäußert haben. Nämlich, dass eine »Moderne« als Gesamtentwicklung wirkte und Prinzipien, die sich am Bauhaus fanden, auch bewusst bei den gebrochenen Schriften angewendet wurden. Robert hat mit dem Krimhilde-Text ein Zeitdokument vorgelegt. Der Text liest sich bezogen auf die Schriftform exakt wie die Bauhaus-Manifeste – nur geht es um Fraktur. Dass hier zumindest im großen Ganzen ein wie auch immer gearteter Zusammenhang besteht, erscheint mir offensichtlich. Ob man zu dessen Beschreibung nun das Schlagwort Bauhaus benutzen muss, steht auf einem anderen Blatt. 

Tschichold, genauer: Tschichold, der Alte, hat an der Neuen Typografie ebenfalls das Kasernenhofartige kritisiert. Das Bauhaus ist aber nicht homogen. Es gibt die schönen Villen und die Kasernen. In der Typografie gibt es die Balkenentwürfe, den Norm-Ehrgeiz und die Eleganz eines Magazins wie der »Neuen Linie«. Nur im Kasernenhof treffen sich die Schaftstiefel mit den Balken. Die Industrialisierung und als solche die Moderne wirkten auf alles, auf die Produktion, die Lebensweise und die Politik mit Krieg und Judenmord. Nur entsprachen die Schaftstiefelschriften dem Nationalismus, während das Bauhaus den Nationalismus ablehnte. Welchen Sinn ergäbe es, eine Verbindung zwischen Bauhaus und Schaftstiefelschriften herzustellen, wenn keine konkrete Verbindung herzustellen ist? Das verbietet sich vollständig. Der vage Begriff der Moderne allein beschreibt nur die Zeit, Bauhaus und Schaftstiefelschrift stehen sich unvereinbar in dieser Zeit gegenüber.

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StefanB

Was hieße »Verbindung« hier überhaupt? Dass ein Designer einer schlichten Gotisch am Bauhaus studiert haben muss? Oder dass er wie Tschichold zumindest bei der 1923-Ausstellung dabei war? Dass irgendwo wortwörtlich geschrieben steht, dass ein Designer einer schlichten Gotisch beim Entwurf von Bauhaus inspiriert war? Oder was genau?

Verbindung hieße in dem Fall wohl, dass sich der Schriftgestalter einer schlichten Gotisch zur Neuen Typografie bzw. zum Bauhaus wohlwollend geäußert oder gar bekannt hat. Das ist – meines Wissens – nie geschehen.

 

Ich behaupte aber sehr wohl, was ja schon andere hier geäußert haben. Nämlich, dass eine »Moderne« als Gesamtentwicklung wirkte und Prinzipien, die sich am Bauhaus fanden, auch bewusst bei den gebrochenen Schriften angewendet wurden. Robert hat mit dem Krimhilde-Text ein Zeitdokument vorgelegt. Der Text liest sich bezogen auf die Schriftform exakt wie die Bauhaus-Manifeste – nur geht es um Fraktur. Dass hier zumindest im großen Ganzen ein wie auch immer gearteter Zusammenhang besteht, erscheint mir offensichtlich. Ob man zu dessen Beschreibung nun das Schlagwort Bauhaus benutzen muss, steht auf einem anderen Blatt.

Die ›Moderne‹ wirkte sicherlich und hinterließ in vielen Bereichen der Gesellschaft ihre Spuren. Wenn man sich allerdings die Quellen aus der Zeit anschaut und nachliest, mit welcher Vehemenz gegen Bauhaus und Neue Typografie argumentiert wurde, dann ist es für mich schwer vorstellbar, dass sich auch nur einer der tradierten Schriftgestalter »bewusst« vom Bauhaus (oder den modernen Strömungen) beeinflussen ließ.

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RobertMichael

Verbindung hieße in dem Fall wohl, dass sich der Schriftgestalter einer schlichten Gotisch zur Neuen Typografie bzw. zum Bauhaus wohlwollend geäußert oder gar bekannt hat. Das ist – meines Wissens – nie geschehen.

 

das habe ich auch nicht behauptet.

 

 

Die ›Moderne‹ wirkte sicherlich und hinterließ in vielen Bereichen der Gesellschaft ihre Spuren. Wenn man sich allerdings die Quellen aus der Zeit anschaut und nachliest, mit welcher Vehemenz gegen Bauhaus und Neue Typografie argumentiert wurde, dann ist es für mich schwer vorstellbar, dass sich auch nur einer der tradierten Schriftgestalter »bewusst« vom Bauhaus (oder den modernen Strömungen) beeinflussen ließ.

 

hmm. ich kann nicht in die köpfe der damaligen schriftdesigner reinschauen, weiß also nicht ob das bewusst geschehen ist. rückblickend würde ich aber behaupten das es 'unbewusst' eindeutig passiert ist. heutzutage ist das ja nicht anders.

wenn ich mir schriftmusterbeispiele von tannenberg und co. anschaue sieht man dies auch eindeutig in der gestaltung dieser beispiele, da wurden die schaftstiefler in vorlagen eingebaut die stark an die neue typografie erinnern. ich such bei gelegenheit mal paar beispiele raus.

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RobertMichael

Ein schönes Beispiel eines Hybriden ist übrigens die Gotika von Imre Reiner, 1933 bei der Bauerschen erschienen wurde sie als Zierschrift beworben.

 

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Martin Z. Schröder

Das ist aber nun wirklich sehr, sehr weit weg von Schaftstiefelschriften.

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RobertMichael

nö, find ich überhaupt nicht – das ist genau der Schritt in diese Richtung nur halt noch etwas verspielter. eindeutig ein hybrid aus konstruierter und reduzierter fraktur.

 

gerade gefunden: Standarte, 1934, Schelter & Giesecke

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Martin Z. Schröder

nö, find ich überhaupt nicht – das ist genau der Schritt in diese Richtung nur halt noch etwas verspielter. eindeutig ein hybrid aus konstruierter und reduzierter fraktur.

»Etwas verspielter«? Die Schaftstiefelschriften, die man mit Tannenberg usw. im allgemeinen meint, haben nicht einen Hauch spielerischer Natur. Die Bodoni ist nur etwas eckiger als die Garamond? Eine Kursive nur etwas schräger als eine Gerade? Eine Serifenlose nur etwas schlichter als eine Serifenbetonte? Aus diesen Formen, gerade Imre Reiners Spiel, leitet sich der entscheidende Eindruck ab. Ich verstehe nicht, wie stark du die Form abstrahierst. Siehst du Formteile ohne Inhalt und Aussage, wo ich komplexe  und sprechende Gebilde sehe? Ich verstehe deine Sichtweise nicht. Imre Reiner, der Grafiker unter den Schriftkünstlern, und Schaftstiefel, ich kriege das nicht zusammen.

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RobertMichael

es geht mir um das reduzierte.

natürlich sind die schaftstiefelgrotesken nicht verspielt, die gotika ist es jedoch, im vergleich zu ebendiesen. reduziert man diese jetzt weiter auf ihre grundformen kommt man den schaftstiefeln immer näher. das kann man natürlich auch auf andere schriften anwenden: liturgisch (otto hupp) oder maximilian (rudolf koch) ... wenn du diese vorhanden formen weiter reduzierst bist du bei einer schaftstiefelgrotesk, darum geht es mir... schriftentwicklung.

modernisierung, wegnehmen was zuviel an schnörkeln ist, die reduzierung auf das grundskelett, wie beim bauhaus (auch wenn zur bauhaus-philoshopie noch mehr gehört)

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Martin Z. Schröder

Ich kann dir nicht folgen. Ich begreife den Sinn deiner Aussage nicht. Es geht nicht um »Grundformen«. WIe kommst du darauf? In der Grundform gibt es nur eine Antiqua, nur eine Gebrochene, vielleicht auch überhaupt nur drei Zeichen, das Quadrat, das Dreieck, den Kreis. Oder nur einen Strich. Man kann alles irgenwohin reduzieren. Und? Was bedeutet das? Reduktion ist modern, modern ist Bauhaus? Bauhaus ist Funktion ohne Ästhetik? Ästhetik hat keine Funktion? – Ich verstehe nicht, wovon du redest. Es tut mir leid. Wenn zwischen Imre Reiners Schrift und den Schaftstiefelgrotesken eine Ähnlichkeit, eine Verbindung, irgend eine Art von Beziehung gesehen wird, halte ich das für kompletten Unsinn und sogar für verleumderisch: Die einen erweckten die längst überwundene Gotik in der Schrift zu einem neuen, besonders tristen, steifen, faden Bild, das sie für politisch gewollt hielten, was es auch war, und das nationalistisch vermarktet wurde; der andere entwickelt eine lebendige Schmuckschrift mit noch nie gesehenen Fomen, etwas Noch-nicht-Dagewesenes, in dem übrigens kaum etwas reduziert, sondern vielmehr hinzugefügt wurde. Und das bringst du zusammen? Nein, ich kann dir nicht folgen.

Wie kommst du darauf, daß bei den Schaftstiefelschriften etwas weggenommen wurde, was »zuviel« ist? Sie haben keine reduzierte, sondern eine andere Form. Wenn man einer gut lesbaren Schrift die Durchbiegung in einer Linie wegnimmt, hat man sie reduziert? Die Biegung war ein Wesenszug der gut lesbaren Schrift. Sie ist nach der Begradigung nicht »weniger«, sondern »anders« geworden.

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RobertMichael

wer spricht denn von funktion ohne ästhetik? du wirst jetzt leider wieder alles durcheinander. wieso längst überwundene gotik? was für eine andere form haben denn schaftstiefelschriften? ich versteh dich leider auch nicht. gebogene schriften sind gut lesbar und gerade balken sind schlechtlasbar? eine schwabacher ist besser lesbar als eine schaftstiefelschrift?

 

an dieser stelle habe ich eigentlich auch keine lust mehr die diskussion weiterzuführen, wir drehen uns im kreis.

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Martin Z. Schröder

Ich fürchte auch, daß es nichts bringt, wir verstehen uns in diesen Fragen nicht.

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Wrzlprmft

Mal ein paar Einwürfe:

Bertold Wolpe, Erschaffer der Schaftstiefelgrotesken Deutschmeister und Sachsenwald-Gotisch, war Jude (zumindest nach Definition der Nazis). das schließt zwar eine nationalistische Gesinnung nicht per se aus, aber gegeben das politische Klima und seine Emigration 1935 halte ich es doch für eher unwahrscheinlich, dass seine Schriften mit nationalistischen Gedanken entstanden sind.

Ich bin gerade mal meine Sammlung historischer Vorlagen gebrochener Schriften (für Werbegestalter u. Ä.) durchgegangen, und die meisten enthalten gebrochene Ziffern, die sich an das restliche Schriftbild angleichen. Darunter finden sich übrigens keine klassischen Schaftstiefelgrotesken und auch sonst wenig, was man als gebrochene Groteske bezeichnen könnte.

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109

Bertold Wolpe, Erschaffer der Schaftstiefelgrotesken Deutschmeister und Sachsenwald-Gotisch, war Jude (zumindest nach Definition der Nazis). das schließt zwar eine nationalistische Gesinnung nicht per se aus, aber gegeben das politische Klima und seine Emigration 1935 halte ich es doch für eher unwahrscheinlich, dass seine Schriften mit nationalistischen Gedanken entstanden sind.

 

Kenne diesen exakten Sachverhalt nicht, aber gerade viele Juden waren deutsch-national eingestellt. Viele Juden haben im Großen Krieg gekämpft und verstanden oft zu spät, dass sie im 3. Reich mit dem Schlimmsten zu rechnen haben. :-(

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Martin Z. Schröder

Heute war ich in der Ausstellung »Tanz auf dem Vulkan. Das Berlin der Zwanziger Jahre im Spiegel der Künste« im Berliner Ephraim-Palais (Stadtmuseum Berlin). Neben bedeutenden Kunstwerken, ein paar Kleidern und Möbeln hängen dort auch Plakate aus Kunst und Kultur. Man bekommt einen Eindruck von der Stimmung dieser Zeit. Eine gebrochene Schrift muß man suchen, ich habe auf den zwei Etagen dieser großen Ausstellung fünf Zeilen gefunden, übrigens auf einem Theater-Plakat auch mit rundem s in der Mitte, aber nicht in Schaftstiefeln. Die Fraktur war am Aussterben, sie verschwand aus dem Stadtbild. Es gab sie noch in Zeitungen und Büchern, aber nicht mehr in Magazinen und Theater- und Konzertprogrammen. In den 20er Jahren war Berlin eine tobende Metropole, eine moderne Großstadt. Die Schaftstiefelgrotesken wirken auf diesem Hintergrund stumpf und brutal, sie passen zu dem Geist, der mit den 30ern in Berlin einzog. Die Ausstellung endet mit dem Beginn des Nationalsozialismus. Hier kommen plötzlich die eckigen, steifen Figuren, das Soldatische ins Bild, die Ordnungssucht, die Übermenschen. Hier tauchen plötzlich vermehrt gebrochene Schriften auf, und zwar die Schaftstiefelgrotesken. Sie dienten dem erfolgreichen Versuch, die Nation zu erwecken, an dem sich verschiedene Parteien beteiligten. Wenn man diese Bilder des prallen Lebens einer modernen Großstadt sieht, kann man nicht anders, als die Schaftstiefelgrotesk den nationalistischen Strömungen und in der Folge der politischen Entwicklung dem Nationalsozialismus zuzuordnen. Diese Schriftentwicklung stand der weltoffenen Moderne so krass entgegen, daß bekanntlich Hitler selbst sie öffentlich geißelte, und zwar schon 1934. Sie ist, da hat er recht, schon damals eine Schrift der »Rückwärtse« gewesen. Ich habe vor zehn Jahren in einem Artikel aus seiner Rede zitiert:

„Das ganze Kunst- und Kulturgestotter von Kubisten, Futuristen, Dadaisten usw. ist weder rassisch begründet noch volklich erträglich.“ Das sagte er (Hitler) in seiner Rede am 6. September 1934 auf der NSDAP-Kulturtagung im Nürnberger Apollo-Theater. Hitler sah die Deutschen in antiker Tradition, er geißelte „Straßenbenennungen und Maschinenschrift in echt gotischen Lettern“ und rief über „jene Rückwärtse“ aus: „Sie haben keine Ahnung davon, daß deutsch sein, klar sein heißen könnte, sonst würden sie sich besser als Versteinerungen in die Museen zurückziehen, denn als aufdringliche Geister die Mitwelt erschauern zu lassen.“ Etwas später: „So wie wir aber in unserem übrigen Leben dem deutschen Geist die freie Bahn zu seiner Entwicklung gaben, können wir auch auf dem Gebiete der Kunst nicht die Neuzeit zugunsten des Mittelalters vergewaltigen. Eure vermeintlich gotische Verinnerlichung paßt schlecht in das Zeitalter von Stahl und Eisen, Glas und Beton, von Frauenschönheit und Männerkraft, von hochgehobenem Haupt und trotzigem Sinn." Die Gotik war Hitler unheimlich. (Ende des Zitats)

 

Das war aber 1934 noch keine durchsetzungsfähige Meinung. Bis zum Verbot der Gebrochenen vergingen noch sechseinhalb Jahre. Im Mai 1933 hatte Innenminister Frick der gebrochenen Schrift noch ewigen Vorrang vor der lateinischen Schrift garantiert. 1937 wurde jüdischen Verlagen die Verwendung gebrochener Schriften verboten. Die Berliner Ausstellung zeigt, wie wirklichkeitsfern diese Ideen waren, die gebrochene Schrift mußte von den Nazis erst einmal wiederbelebt werden. Sie brachten die Moderne und die Gotik für die nationale Idee im Schriftbild zusammen, mit den Schaftstiefelgrotesken. Und Moderne hieß für die Nazis nicht, was man in Berlin in den 20er Jahren sah, das galt ihnen als entartet, sondern Moderne war Autobahn, Rüstungindustrie, industrielle Judenvernichtung erst in Deutschland (das erste KZ entstand im März 1933 in Dachau für die Inhaftierung politischer Gegner und war, obwohl selbst kein Vernichtungslager, Ausgangspunkt für die großen Vernichtungslager) und später in ganz Europa. Das war die Moderne der Nazis, und die Schaftstiefelgrotesk gehörte zu dieser Art der Moderne, der nationalsozialistischen Industrialisierung. In anderen Bereichen der Moderne muß man sie mit der Lupe suchen. Die Schaftstiefelgrotesk ist die deutsche Verbindung von Nationalismus und Moderne. Sie ist politisch belastet. Wie man damit umgeht, ist eine andere Frage. Ich kann sie nicht losgelöst vom Nationalsozialismus und seinen Verbrechen sehen, denn wir tragen bis heute an diesen Verbrechen unserer Vorfahren. Es sind noch keine hundert Jahre vergangen. Ich meine, daß diese nur so kurze Zeit verwendeten Schriftzeichen nie von ihrer Belastung befreit werden können.

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Pachulke

Ich kann sie nicht losgelöst vom Nationalsozialismus und seinen Verbrechen sehen …

 

Warum gelingt Dir das (vermutlich) bei Jugendamt, Autobahn, Schulpflicht und Erstem Mai, aber nicht bei der Schlichten Gotisch? :-?

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Martin Z. Schröder

Du irrst, das entspricht nicht meinen Ansichten. Der nationalsozialistische Staat war ein fürsorglicher Sozialstaat, von dem alle Deutschen bis auf jene jüdischer Abstammung, anderer politischer Ansichten sowie geistig und körperlich Behinderte, sexuell unerwünscht Orientierte, Angehörige verachteter Volksgruppen profitiert haben. Das deutsche Volk, ausgenommen die genannten Gruppen und einige andere mehr, hatte Gewinn durch Krieg und Judenmord bis zum Kriegsende. Noch heute ist Deutschland voll von Raubkunst, wir profitieren heute noch von den Beutezügen unserer Großelten und Urgroßeltern. Das weiß ich, das ist in den letzten Jahren gründlicher erforscht worden als je zuvor, darüber gibt es Bücher. Welchen Einfluß hat das auf meine oben gemachten Ausführungen? Worin besteht der Zusammenhang zum diskutierten Schrifttypus?

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Þorsten

Warum gelingt Dir das (vermutlich) bei Jugendamt, Autobahn, Schulpflicht und Erstem Mai, aber nicht bei der Schlichten Gotisch? :-?

Weil es Jugendämter, Autobahnen und Schulpflicht überall in der industrialisierten Welt gibt. Und überall haben sich diese Institutionen ganz ohne Nazis über Jahrzehnte entwickelt. Mit den schlichten Gotischen war das aber eben anders. Die hatten ausschließlich im Einflussbereich der Nazis eine rasante Blüte, haben sich nirgends sonst entwickelt und hatten nach dem Ende der Naziherrschaft auch keine nennenswerte Renaissance.

 

Nichts davon trifft auf die von dir aufgeführten weltweiten Einrichtungen zu. Im Übrigen ist der 1. Mai keine deutsche, sondern eine amerikanische Erfindung und erfreut sich heute hier (in den Spätsommer verlegt) einer Beliebtheit, die er weder unter den Nazis noch den Stalinisten je hatte.

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Pachulke

Weil es Jugendämter, Autobahnen und Schulpflicht überall in der industrialisierten Welt gibt. Und überall haben sich diese Institutionen ganz ohne Nazis über Jahrzehnte entwickelt.

 

Zumindest was den deutschen rigiden Schulzwang angeht, stimmt das überhaupt nicht. Es gibt kaum ein weiteres civilisiertes Land, das so brutal (bis hin zur Kindswegnahme) Hausschule kriminalisiert (weswegen ja vor ein paar Jahren eine schwäbische Familie in Tennessee politisches Asyl erhalten hatte). Das war eindeutig eine Erfindung zur Gleichschaltung, die einfach nach ’45 niemand zurückgenommen hat, und die heute aus Angst vor sog. Parallelgesellschaften mit Klauen und Zähnen verteidigt wird. Übrigens ist das die tiefere Ironie der »Feuerzangenbowle«, weil zur Zeit ihres Erfolges (Buch ab 1933, Film ab 1943) eine Biographie wie die des Protagonisten Pfeiffer (Promotion nach Hauslehrerunterricht) gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Aber ich schweife ab …

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Þorsten

Aber ich schweife ab …

Ich bezweifle, dass dich dieser Zusatz vorm Esoterik-Paragrafen rettet. Aber bis es soweit ist, sollen deine Fehler nicht unkorrigiert stehen bleiben.

  1. Selbstverständlich herrscht in den meisten industrialisierten Ländern Schulpflicht.
  2. Das gilt auch für die USA. Alternative Schulformen unterliegen in allen Bundesstaaten staatlicher Reglementierung, auch wenn sich die Ausgestaltung UAS-typisch von Bundesstaat zu Bundesstaat unterscheidet. In einigen Staaten ist es fast unmöglich, eine »Ein-Kind-Schule« zu eröffnen, deren einziger Lehrer kein Lehramts-Diplom hat und deren Schulgebäude ein normales Wohnhaus ist. In anderen ist das relativ geradlinig (wenn auch fast immer aufwendiger, als sich naive Deutsche das vorstellen). Aber überall müssen Regeln befolgt werden. Dazu gehört die Anwendung eines staatlich vorgeschriebenen (Mindest-)Lehrplans. Äquivalente Regelungen in Deutschland hätten den Romeikes also nichts genutzt. Sie hätten Biologie oder andere ungeliebte Fächer auch in einer Zuhause-Schule nicht einfach unter den Tisch fallen lassen dürfen.
  3. Der Asylantrag der Romeikes wurde also ganz folgerichtig rechtskräftig abgelehnt. Allerdings wurde die Abschiebung auf politischen Druck unbefristet ausgesetzt. (»Abgeordneter XY kämpft für in Deutschland verfolgte evangelikale Christen« macht sich halt gut im Spendenbettelbrief.)
  4. Überhaupt baust du wieder Strohmänner auf. Niemand hat behauptet, die Nazis hätten Deutschland nicht nachhaltig beeinflusst. Warum kramst du also wieder diese alte Kuck-was-die-Nazis-noch-alles-erfunden-haben-Geschichte vor?

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Ralf Herrmann

Martin, 
wie schon gesagt: ich glaube die historischen Zusammenhänge müssen hier überhaupt nicht noch einmal erklärt werden – sie sollten bekannt sein. Manche Frakturdogmatiker wollen den Zusammenhang zwischen Politik und der Instrumentalisierung und Anwendung gebrochenen Schriften nicht sehen, weil es nicht zu ihrer Agenda passt, aber die Fakten sind deutlich und damit (zumindest hier bei uns) ziemlich unstreitig. 
 
Streitig ist die Bewertung der Schriften und ihrer Entstehung. Du überziehst diese Schriftgattung mit einem Reigen von abwertenden Begriffen bezüglich ihrer Gestaltung, die so derb und überzogen rüberkommen, dass sie mehrfach als reine Polemik bezeichnet wurden. Die Frage ist: ist das wirklich eine sachliche Betrachtung der Form oder schiebt sich »Gefühl vor rationale Analyse«? Du sagst es ja selbst: du kannst die Schriftgattung nicht unabhängig von Nationalsozialismus betrachten. Und genau so klingen deine Äußerungen auch. Was du mit der politischen Ideologie verbindest, meinst du in der Schriftform selbst wiederzufinden und du kannst beides nach eigener Aussage auch nicht voneinander trennen. Diese assoziative Verknüpfung ist menschlich, aber nicht zwangsläufig angemessen. Und in diesem Fall finde ich sie auch nicht angemessen. 
 
Erstens finde ich deine abwertenden Beschreibungen eben in der Schriftform so nicht wieder. Ich habe hier z.B. ein Buch von 1940 über eine Thüringer Stadt im Regal, das komplett in Schaftstiefelgrotesk gesetzt ist. Der Fließtext in einem mageren, recht weit laufenden Schnitt; große Zeilenabstände, viel Weißraum um die Textblöcke, schlichte Zwischenüberschriften … Die Schriftwahl erzeugt nicht mal ansatzweise das brutale, grobschlächtige, stumpfe Bild, das du der Gattung zuschreiben willst, sondern die Seiten wirken eben einfach schlicht und modern für ihre Zeit (weil mit neueren konstruierten und damit nicht traditionellen Schriften gesetzt). Wie ein Buch in Univers 20 Jahre später. Wenn du mehr siehst, dann beschreibst du wahrscheinlich nicht was du siehst, sondern was du weißt und also assoziativ hineininterpretierst. 
 
Zweitens braucht der Entwicklungssprung zu konstruierten/elementaren Schriftformen keine Ideologie. Es ist eigentlich ein geradezu erwartungsgemäßer möglicher Sprung: Handschrift → Druckschrift, die sich an Handschrift anlehnt → konstruierter Schrift. Da sind wir dann wieder bei Willbergs später Einsicht. Warum ist eine vergleichbare Entwicklung mal normal und mal böse Ideologie. 
 
Drittens kam dieser Sprung nicht aus heiterem Himmel. Die konstruktivistischen Gestaltungsprinzipien zogen sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch alle Disziplinen und gingen um die Welt. Das Bauhaus war dabei nur eines von vielen Puzzlesteinen. Es überrascht nicht, dass diese Strömungen irgendwann auch eher traditionell behandelte Bereiche wie die gebrochene Schrift erreichten und die zeitlichen Zusammenhänge passen ja auch. Tschichold rief ausdrücklich vom Bauhaus inspiriert die ELEMENTare Typografie aus und etwas später werden eben jene Prinzipien nicht mehr nur in der Antiqua angewendet, sondern finden sich auch bei gebrochenen Schriften mit ganz ähnlichen Beschreibungen. Eine der ersten Schriften heißt auch noch ausdrücklich ELEMENT. Reiner Zufall?
Du scheinst diesen Zusammenhang nicht gelten zu lassen – nach der Logik: 1. Schaftstiefelgrotesk = Nazischrift. 2. Nazi mag Bauhaus nicht. Ergo: Da darf es keine Verbindung geben. Aber gestalterische Strömungen passen halt nicht so einfach in solche Schubladen. 
 
Überhaupt stört mich hier immer wie schnell von »Nazi« (sprich den damaligen Machthabern) zu den Schaftstiefelgrotesken gesprungen wird. Die Nazis habe die Schaftstiefelgrotesken weder herausgegeben, noch bestellt, noch überhaupt konsequent selbst benutzt. Die Schriften waren ein frei gehandeltes Produkt von Schriftgießereien und als solche auch recht unspektakulär. Denn Antiqua und gebrochene Schriften boten die Gießereien ja seit Jahrzehnten parallel an und Trends wurden halt schnell aufgegriffen und kopiert. Das war der Normalfall. 
Dass die Gießereien auf die neuen politischen Verhältnisse reagierten, steht außer Frage. Die Neu-Veröffentlichungen der Zeit belegen das ganz klar. Aber heißt dies, dass die Gestaltung der neuen Schriften (Schriftmuster nicht eingerechnet) wirklich irgendwie ausdrücklich ideologische Botschaften vermittelten? Das bezweifle ich weiterhin und behaupte, dass wir diese Botschaften vor allem assoziativ aus bestimmten Anwendungen ziehen. (Wie wir das bei Gestaltung ja generell machen.) 
 
Ich verstehe als Schriftgestalter noch nicht einmal, wie ideologische Schriftgestaltung überhaupt funktionieren sollte. Selbst wenn mich die NPD einfangen und zur Gestaltung einer Hausschrift zwingen würde, käme da doch lange keine stumpfe, grobschlächtige Schrift raus, weil die Ideologie das so verlangen würde. Ich wüsste noch nicht einmal, wie ich Buchstabengestaltungen überhaupt Ideologien zuordnen sollte. Wie sollen linke und rechte Buchstaben aussehen? Allenfalls müsste man mit etablierten Assoziationen arbeiten, aber dann sind wir eben schon wieder auf der Interpretationseben und nicht mehr bei formalgestalterischen Beschreibungen. 
Und ebenso kann ich mir auch nicht vorstellen, wie die Gestalter der Schaftstiefelgrotesken bewusst Ideologie in die Entwürfe gelegt haben sollen. Sie setzen auf die politisch gewollte gebrochene Schrift als Grundlage und modernisierten sie durch elementarere Gestaltungsprinzipien der Zeit. Das ist in sich schlüssig und viel mehr kann ich belastbar nicht erkennen. 
 
Also kurzum, ich lehne beide Extreme in dieser Frage ab. Weder kann man die Schaftstiefelgrotesken gänzlich von den politischen Umständen lösen, noch kann man sie diesen alleinig zuschreiben. Insofern: nein, für mich sind die Schriften in ihrer Entstehung nicht »belastet«. Sie waren wie hunderte anderer Schriften auch frei gehandelte Produkte von unabhängigen Schriftgießereien, die eine der üblichen Schriftgattungen (gebrochene Schrift) des Marktes in zeitgemäßen Gestaltungen anbot. Insofern kann an ihnen kein »Blut kleben«. 
Die Umstände und die Anwendungen dieser Schriften haben aber eine starke assoziative, kollektive Aufladung erfahren und darin liegt nun bis heute die »Belastung«. Ich halte es für sinnvoll und möglich diese beiden Dinge zu unterscheiden.

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Martin Z. Schröder

Du gehst auf meine Beobachtung der Plakate in der erwähnten Ausstellung und auf die Schlußfolgerung, daß die Politik (auch andere Parteien, auch Nazi-Gegner) die gebrochenen Schriften, nicht nur die Schaftstiefelgrotesken, ins Straßenbild zurückholten und daß dann die Nazis von 1933 an die Fraktur von höchster Stelle zur deutschen Schrift per se erklärten, gar nicht ein. Ist diese Beobachtung falsch? Was steckte hinter diesem Gebrauch der gebrochenen Schriften? Nicht die Ansprache eines Nationalgefühls?

 

Du sagst, man könne die Schaftstiefelgrotesken nicht gänzlich von den politischen Umständen lösen. Wie weit kann man sie denn lösen?

Mir fällt dabei ein, daß ich als NVA-Soldat gelernt habe, daß wir die Uniform der Wehrmacht trugen, um das deutsche Militär wieder zur Ehre zu verhelfen. Das hat nur bei denen funktioniert, die über die Form hinweggeschaut haben. Eine ältere Familienangehörige von mir erschrak noch jedesmal, wenn sie die Reithosen und Stiefel der Volkspolizisten und Armeeoffiziere sah. Die Form spricht. Es gibt keine Form ohne Funktion. Und es gibt Formen, die sind für sehr lange Zeit, vielleicht für immer, »verbrannt«. Wenn jemand das Hakenkreuz als »Swastika« bezeichnet, werde ich sofort mißtrauisch. Und die Abrede der Funktion der Schaftstiefelgrotesk, den Versuch der Umwidmung von der einzigen Schrift, die einer Zeit, einer Ideologie und einem verbrecherischen Staat zugeordnet werden kann, verstehe ich nicht.

Du sagst, die Schaftstiefelgrotesken (du selbst verwendest diesen sprechenden Begriff) hätten eine »starke assoziative, kollektive Aufladung erfahren« und seien dadurch bis heute belastet. »Erfahren« hört sich so passiv an, als könnten sie nicht dafür. Sind sie nicht verbreitet worden, weil der Zeitgeist der nationalen Erweckung das forderte? Hätte es diese Schriften ohne das Dritte Reich gegeben? Nein, die Fraktur war im Sterben begriffen. Sie wurde in den neuen Formen als nationales Symbol wiederbelebt.

Daß diese Schrift ganz erheblich belastet ist, kann man sich auch vor Augen führen, wenn man sich Anwendungen überlegt. Kann man sich einen politischen Text in der von dir erwähnten Schrift aus dem Thüringen-Buch vorstellen? Jede gebrochene Schrift gäbe dem Text eine nationalpolitische Färbung. Eine Propaganda-Schrift der Nazizeit wäre darüberhinaus eine politische Botschaft. Während eine Hochzeitseinladung in einer Unger-Fraktur etwas Liebliches haben kann, dürfte eine Schaftstiefelgrotesk auch hier zum Träger einer politischen Botschaft werden. Diese Form setzt die Volksbühne mit ihren Plakaten auch entsprechend ein.

Du sagst, die Schaftstiefelgrotesken »waren wie hunderte anderer Schriften auch frei gehandelte Produkte von unabhängigen Schriftgießereien, die eine der üblichen Schriftgattungen (gebrochene Schrift) des Marktes in zeitgemäßen Gestaltungen anbot. Insofern kann an ihnen kein »Blut kleben«.« Dem muß ich widersprechen. Nicht einmal ein Stück Brot war zwischen 1933 und 1945 in Deutschland das frei gehandelte Produkt unabhängiger Bäcker auf einem freien Markt. In einer Diktatur, und besonders in einer so mörderischen wie dieser, kann es keinen freien Markt und keinen freien Handel geben.

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catfonts

Nun, ich stimme hier Ralf eigentlich mehr zu.

Eas stimmt, die schlichen Gotischen haben einen starken nationalen Charakter, aber das war damals nicht nur in Deutschland so. Betrtachte ich die Typografie unserer Nachbarländer erkennt man auch hier nationalgefärbte Formensprache. Zudem führte ja die empfundeneiedrigung durch den Kriegsverlust auch zu einem "Jetzt erst recht" Gefühl, welches natürlich auch die Nazis propagandistisch ausgenutzt haben - So war eben die Macghtübernahme der Nazis und die entwicklung der schlichen Bruchschriften durchaus ein aus der gleichen "patriotischen" Einstellung erwachsene Parallelentwicklungen. Trotzdem glaube ich, wäre die Entwicklung anders gelaufen, und entweder die demokratischen Parteien wären an der Machgt geblieben, oder gar deutschland währe kommunistisch geworden, hätte es die schlichten gebrochenen Scxhriften auch gegeben.

 

Und dann hatte die Schriftart schlicht das Pech, zeitgleich mit dem Ende der Nazi-Herrschaft außer Gebrauch zu klommen, nicht zuletzt ebebn auch durch die Nazis und ihren Normalschriften-Erlass selbst, passten zu nationale Schriften ja nicht in die Weltherrschaftspläne. Und dann folgte ebenb eine Besatzungszeit, die dann verstärkt zu einem Kulturimport führte, und damikt eben auch zu einem geänderten Stilempfinden, in das die als altmodisch empfuindenen gebrochenen Schriften einfach nicht mehr passten.

 

Schließlich sind in denb folgenden Jahrzehnten die allgemeinen Formen auch mehrmals gewechselt. Schriften, die in den 1950ern gebräuchlich warfen, wechselten mit Stilen der 60er, 70er usw bis heute in schöner Regelmäßigkeit, und gerade die Nachkriegsjahre brachtzen ja weltweit ein neues Formempfinden mit sich.

 

Andere Dinge hingegen, die wirklich Nazi-Entwicklungen waren, und sogar gegen die etablierten Hersteller vom Regieme durchgesetzt wurden werden heute völlig neutral gesehen, nur weil sie die Zeit überdauerten, ja eigentlich erst nach dem Krieg richtig in Gange gekommen sind. So sieht niemand im Volkswagen das Hitler-Auto.

 

Und auch die Autobahn: Ja es stimmt, die Planungen gehen auf die Zeit vor denb Nazis zurück, aber unter einem fortbestehen der Weimahrer Republik hättes es den Bau so wohl kaum gegeben, berstand damals doch eigentlich gar kein Bedarf an einem landesweiten Autobahnnetz, und damit stand die Finanzierung auch nur einer Autobahnlinie auf sehr wackeligen Beinen. Schaut man sich die Bilder der gerade fertigen Autobahnen an, sieht man, wie leer die damals waren. Oft mussten die FDotografen lange warten, bis sie auf der schönen neuen Betonpiste wenigstens ein Auto ablichten konmnten.

 

Für die Nazis war es aber ein geniales Projekt, wo man gut die Massen der Arbeitsliosen von der Straße bekommt, und dieses Gewaltwerk eben auch international propagandistisch gut ausschlachten konnte. Und wenn man eben scxhon die Straßen gebaut hgat, müssen sie auch gefüllt werden - darum ein Automobilwerk bei Fallersleben...

 

Das dann die Autobahnen das Land eben entwickelte habnen auch andere Länder gesehen - und eben damit ein Argument gefunden, dem deutschen Bedispiel mit Nur-Auto-Straßen zu folgen. Es waren eben Dinge, die nicht, wie eine Schriftart der jeweilgen Mode unterworfen ist, sondern eben die Zeit überlebten, unmd damit die Chance hatten, "entnazifiziert" zu werden.

 

Ich glaube, hätte es den 2. Weltkrieg erst später gegeben, und die Nazis wären noch länger an der Macht geblieben, hätte die weltweite Mode möglicherweise ebenso zum Ende der schlichten gebrochenen Schrift mitte der 1940er geführt, und dann hätte man wohlmöglich eine ganz andere Scxhriftart mit den Nazis in Verbindung gebracht - wer weiß?

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Ralf Herrmann

Du gehst auf meine Beobachtung der Plakate in der erwähnten Ausstellung und auf die Schlußfolgerung, daß die Politik (auch andere Parteien, auch Nazi-Gegner) die gebrochenen Schriften, nicht nur die Schaftstiefelgrotesken, ins Straßenbild zurückholten und daß dann die Nazis von 1933 an die Fraktur von höchster Stelle zur deutschen Schrift per se erklärten, gar nicht ein. Ist diese Beobachtung falsch?

 

Nein, sie ist nicht falsch. Ich sagte dazu, dass sie so deutlich ist, dass man sie gar nicht diskutieren muss, weil sie hier gar niemand bestreitet. 

 

 

Nicht die Ansprache eines Nationalgefühls?

Doch, klar.  

 

 

Schaftstiefelgrotesken (du selbst verwendest diesen sprechenden Begriff)

 

Wir hatten das in einem anderen Strang schon mal diskutiert. Für mich ist der Begriff einfach ein visuelles Bild ohne irgendeine besondere Wertung. Ich habe ihn gelernt wie Zwiebelfisch, Hurenkind und andere Fachbegriffe auch. Ich lege da nichts weiter rein. Ich sehe keine Prostitution im Hurenkind und auch keine Nazi-Verbrechen in Schaftstiefelgrotesk. Die Schriften könnte auch Lattenzaun-Gotisch heißen. Es hätte für mich die gleiche Bedeutung. Da bin ich wieder ganz der Pragmatiker. 

 

 

»Erfahren« hört sich so passiv an, als könnten sie nicht dafür.

 

Genau so. 

 

Daß diese Schrift ganz erheblich belastet ist, kann man sich auch vor Augen führen, wenn man sich Anwendungen überlegt. Kann man sich einen politischen Text in der von dir erwähnten Schrift aus dem Thüringen-Buch vorstellen? Jede gebrochene Schrift gäbe dem Text eine nationalpolitische Färbung.

 

Jepp, das ist die assoziative Aufladung von der ich spreche. Sie existiert vor allem in unseren Köpfen, nicht in der Sache selbst. Genau aus diesem Grund finden sich gebrochene Schriften ja auch z.B. in Südamerika und Asien noch in völlig unpolitischer Anwendung. Die kollektive Konditionierung, die die Naziherrschaft mit den gebrochenen Schriften assoziativ verbindet ist dort nicht vorhanden. 

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Pachulke

Überhaupt baust du wieder Strohmänner auf. Niemand hat behauptet, die Nazis hätten Deutschland nicht nachhaltig beeinflusst. Warum kramst du also wieder diese alte Kuck-was-die-Nazis-noch-alles-erfunden-haben-Geschichte vor?

 

Um zu zeigen, daß entweder die Schlichte Gotisch eben solch ein »Strohmann« ist oder eben die anderen »kulturellen Errungenschaften« auch nicht. Ich halte es für Willkür, diese Schriften eindeutig dem Nationalsozialismus zuordnen zu wollen, gleichzeitig z. B. den Maifeiertag aber nicht.

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Iwan Reschniev — nach einer Schrift von Jan Tschichold
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