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Wolfgang Petit

Ausstellung: Ohne Zweifel Gutenberg?

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Wolfgang Petit

Das Gebäude mitten in der Stadt Mainz schenkt Johannes Gutenberg einen sehr würdigen Platz. Aber drinnen? Insgesamt finde ich das Museumskonzept sehr verstaubt und wenig inspirierend - aber das ist natürlich eine sehr subjektive Bewertung.

 

Wenn allerdings fachlich-sachliche Unkorrektheiten die lieblose Darstellung begleiten, erzeugt das bei mir eine wirkliche Empörung.

 

Die personengeführte Druckpräsentation

Der präsentierende Herr sprach vom "Klischee", das er nun wie zu Zeiten Gutenbergs drucken wird. Das "Klischee" hat in der Drucktechnik eine völlig andere Bedeutung. Auf meine Frage hin erfuhr ich, dass der Begriff Klischee korrekt sei.

Ohne Erklärung blieb der Umstand, dass der präsentierte Druck nicht mit Einzellettern (der zentralen Erfindung Gutenbergs!) sondern in vier Einzelblocks (Schrift/schwarz) plus Schmuckelementen/rot geschah.

Die präsentierte Zweifarbendrucktechnik (Druckstöcke/schwarz mit Schmuckelementen/rot) als gleichzeitiger Druckprozess geht meiner Ansicht nach völlig an der Realität vorbei. Nähme man aus einer gesamten, geschlossenen Form die rot zu druckenden Elemente heraus, die Lettern aus der Kolumne würden stürzen, die Satzform zusammenfallen. Der Druck erfolgte mit Sicherheit zweistufig, in der ersten Stufe mit der Schwarzform, danach mit der Rotform.

 

Präsentation einzelner Buch-Exponate

Es gibt bessere Lichtkonzepte empfindlicher Bücher, so zu sehen im Stift Admont, das ebenfalls wertvolle Bücher aus dem Gutenberg-Zeitalter präsentiert.

Dass aber die Bücher in Vitrinen zum Teil flach präsentiert werden und nicht geneigt, ist nicht nachvollziehbar. Das genaue Betrachten wird unmöglich gemacht und ist völlig unnötig.

 

Entwicklung der Handschriften

Die eigentlich schöne Idee, seinen Namen in den verschiedenen historischen Handschriftarten auf die Kunststoffläche zu schreiben scheitert daran, dass kein Stift vorhanden ist.

 

Römische Schrift

Es ist wissenschaftlich unseriös, wenn die Reproduktion der Schrift mit "pompejanische Wandkritzelei" betitelt wird.

 

Koreanische Schrift

Beschrieben wird die Entwicklung koreanischer Einzellettern, bzw. characters mit Zeitangabe. Doch was wird an der Wand präsentiert? Komplette Einzelzeilen (wie Linotype), keine Einzelelemente!

 

Chinesische Einzellettern (bzw. characters)

Die Präsentation verweist auf keine Jahresangaben.

Das ist lediglich ein Auszug meiner Kritikpunkte, da ich keine Aufnahmen machen durfte (völlig korrekt) oder Notizen machen konnte, habe ich mir die weiteren Kritikpunkte nicht merken können, aber ich glaube, die oben aufgeführten reichen aus, um meine Enttäuschung deutlich zu machen.

 

Fazit

Dieses Museumskonzept stellt für mich eine historisch geringschätzende Präsentation Gutenbergs Leistung und Bedeutung dar. Sehr schade.

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Phoibos
vor 54 Minuten schrieb Wolfgang Petit:

Reproduktion der Schrift

Welcher Schrift denn präzise? In Pompeii hat man ja schon so einiges gefunden, dass ob seiner Obszönitäten in früherer Zeit durchaus als Gekritzel bezeichnet wurde.

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Martin Z. Schröder

Danke für den Bericht!

Gutenberg hat, soviel ich weiß, mit rotem Druck experimentiert. Das Drucken der roten Typen war aber zu umständlich und wurde wieder aufgegeben. Die rote Farbe wurde von den Rubrikatoren eingezeichnet. Am Buch des Mittelalters arbeiteten neben Setzern, Druckern und später Buchbindern auch Rubrikatoren und die Illustratoren zur »Illumination« der Texte. Wie bei Gutenberg rot gedruckt wurde, weiß ich nicht. Vielleicht hat man in einem zweiten Arbeitsgang gedruckt, man hätte aber auch die rot zu druckenden Typen aus dem Satz nehmen, einfärben und wieder einstecken können. Das ist sicherlich bekannt und nachzulesen, denn den Drucken, sofern sie vorhanden sind, was ich annehme, weil man sonst kaum davon wüßte, könnte man die Arbeitsschritte ansehen.

Eine schräge Buchpräsentation kann Nachteile für das Buch haben, zumal wenn es groß und schwer ist. Die Draufsicht in flachen Vitrinen gestattet auch eine plane Lage. Das schummrige Licht stört mich öfter in solchen Ausstellungen, aber ich nehme an, daß es nicht anders geht, will man den Zustand der Werke nicht beeinträchtigen. Es ist ja auch in der ganzen Bildkunst nicht mehr möglich, alte Arbeiten in natürlichem Licht zu sehen, was ihnen sicherlich viel von ihrem Reiz nimmt, zumal weil Farben mit wechselndem Licht arbeiten. Wer Bilder in altmeisterlicher Ölmalerei in Privatbesitz anschauen kann, kennt das Spiel mit dem Licht. Aber in der Abwägung im Museum steht der Erhalt immer im Vordergrund.

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Ralf Herrmann
vor 1 Stunde schrieb Wolfgang Petit:

Das "Klischee" hat in der Drucktechnik eine völlig andere Bedeutung. 

Wie definierst du es denn? 

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Martin Z. Schröder

Sicherlich im umgangssprachlichen Sinn. Die Herkunft des Wortes Klischee aus der Drucktechnik kennen die meisten Leute nicht. Ich stolperte allerdings in dem Bericht über die Vorführung über das Zusammenbringen von Gutenberg und »Klischee«, denn zu Gutenbergs Zeiten gab es meines Wissens noch lange keine Klischees, auch das Wort nicht.

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Ralf Herrmann
vor 24 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Sicherlich im umgangssprachlichen Sinn. 

Sicherlich nicht. Der Kontext war:

vor 2 Stunden schrieb Wolfgang Petit:

Der präsentierende Herr sprach vom "Klischee", das er nun wie zu Zeiten Gutenbergs drucken wird.

Wenn eine Fachdefinition gegebenen werden würde, könnte man prüfen, ob man dieser grundsätzlich und im konkreten Kontext zustimmt. So wird bislang nur unprüfbar in den Raum gestellt, dass die Museumsleute vermeintlich falsche Dinge verbreiten.  

 

vor 24 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Ich stolperte allerdings in dem Bericht über die Vorführung über das Zusammenbringen von Gutenberg und »Klischee«, denn zu Gutenbergs Zeiten gab es meines Wissens noch lange keine Klischees, auch das Wort nicht.

Wir haben halt nur Hörensagen. Wenn man es genau nehmen will, kommt logischerweise auch auf kleinste Details an. »Wie zu Zeiten Gutenbergs« kann insbesondere im Gespräch mit Laien auch schlicht »Buchdruck/Hochdruck« heißen.

Wir hatten dieses Jahr mit dem Museum einen Presse-Artikel, da war auch von »Gutenberg-Technik« die Rede und das Foto zeigten Leute, die am Boston-Tiegel druckten. Das kann man in gleichem Sinne wohlwollend als korrekt (aus der Kategorie klassischer Buchdruck in Abgrenzung zu späteren Druckverfahren wie Offsetdruck) verstehen oder sich als Fachmann erbost zeigen. 

 

vor 3 Stunden schrieb Wolfgang Petit:

Die präsentierte Zweifarbendrucktechnik (Druckstöcke/schwarz mit Schmuckelementen/rot) als gleichzeitiger Druckprozess geht meiner Ansicht nach völlig an der Realität vorbei. Nähme man aus einer gesamten, geschlossenen Form die rot zu druckenden Elemente heraus, die Lettern aus der Kolumne würden stürzen, die Satzform zusammenfallen.

Warum sollte man sie herausnehmen?  

vor 3 Stunden schrieb Wolfgang Petit:

Der Druck erfolgte mit Sicherheit zweistufig, in der ersten Stufe mit der Schwarzform, danach mit der Rotform.

Da müsste man jetzt Leute fragen, die dazu geforscht haben. Die Frage dürften schon andere zuvor gestellt und beantwortet haben. Ich kenne es auch nur so allgemein wie von Martin beschrieben – wäre aber auch vorsichtig, gleich von »mit Sicherheit« zu sprechen. Worauf basiert das? Argument aus persönlichem Unglauben?

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Wolfgang Petit

Ich füge mal ein Foto an, Präsentation "Druck zu (Leb-) Zeiten Gutenbergs". Der Drucker nahm aus dieser Form die roten Elemente heraus (die Schwarzform blieb stehen), färbte sie separat ein, setzte sie wieder ein und druckte mit der Spindeldruckpresse. Einen Rahmen, die die Satzform umschloss, gab es nicht. Ich glaube, daran ist meine Kritik nachzuvollziehen.

 

 

aaa Gutenberg k.jpg

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Wolfgang Petit
Am 7.10.2018 um 15:51 schrieb Martin Z. Schröder:

Eine schräge Buchpräsentation kann Nachteile für das Buch haben, zumal wenn es groß und schwer ist. Die Draufsicht in flachen Vitrinen gestattet auch eine plane Lage.

Pardon, ich habe nicht deutlich gemacht, dass die Bücher nicht in einer flachen Vitrine präsentiert wurden, sondern hinter Glas an der Wand.

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Wolfgang Petit
Am 7.10.2018 um 16:01 schrieb Ralf Herrmann:

Wie definierst du es denn? 

Im Buchdruck definiere ich es als eine fotochemisch hergestellte Druckform, deren hochstehende Partien die Farbe annehmen. Ob manuell oder mechanisch hergestellte Druckelemente, die es vor der fotochemischen Entwicklung gab, auch Klischee heißen weiß ich nicht.

 

aaa Klischee.jpg

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Martin Z. Schröder

Der Satz sieht in der Tat nicht gutenbergisch aus, allerdings sieht er in meinen Augen überhaupt nicht nach etwas aus, das in einer Druckerei jemals stattgefunden hat. Aber ich bin kein Historiker für das Gewerbe, ich habe in dieser Hinsicht nur Zufallswissen angesammelt. Wie Gutenberg gedruckt hat, weiß man heute nicht mehr. Die älteste erhaltene Werkstatt ist, wenn ich nicht irre, Plantin-Moretus in Antwerpen, 16./17. Jahrhundert. Und dort kann sich ein Setzer meiner Lehrzeit (1980er) schon zu Hause fühlen. Also es ist sowieso alles ausgedacht, was Gutenbergs Technik abbilden will.

Wie wurde denn der Satz eingefärbt? Walzen gab es bei Gutenberg noch nicht.

Den Begriff Klischee gab es erst sehr viel später, Bildmaterial war zu Gutenbergs Zeiten in Holz geschnitten, bald auch gestochen, also wären Holzschnitt und Holzstich die genaueren Begriffe. Als Oberbegriff kann man in der Buchdruckerei aber alles, was nicht in Setz- und Linienkästen liegt, auch Klischee nennen. Das ist Praxis gewesen, wie ich sie kenne. Im Fundus der Klischees findet man dann vieles: Holzstiche, Holzschnitte, Holzätzungen, Galvanos, Stereos, Bleischnitte; aus einem Block gemacht, aufgenagelt, geklebt.

In solchen Führungen und Vorführungen kürzt man sicherlich manchmal ab, denn es ist ja im Grunde nur ein Unterhaltungsprogramm, ein Karneval der Geschichte. Das darf man nie alles für bare Münze nehmen. Ich habe das schon auch erlebt, daß ich während einer Vorführung eines mir fremden Berufes als Handwerker dachte: Das, was man mir da vorträgt, ist zwar mit Sicherheit Unsinn, weil es umständlich ist und unhandwerklich gedacht, aber es ist auch ziemlich egal. Hauptsache, die Anekdoten sind lustig. Ich erzähle in meinen Führungen auch manchmal Anekdoten, die mal als Geschichte galten und in alten Büchern stehen und heute als unsicher oder widerlegt gelten, aber wenn sie gut erzählt sind und gestimmt haben könnten, ist das doch egal. Geschichte ist sowie zum großen Teil Erfindung und Interpretation. Man ist sich ja nicht einmal darüber einig, was vor zehn oder fünfzig Jahren geschah. Wie soll es dann erst bei Jahrhunderten anders sein als mehr oder weniger gut ausgedacht.

Aber das Einfärben des Satzes mit einer Walze wäre sehr lustig falsch. Eigentlich schon beinahe dumm.

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Wolfgang Petit
vor 10 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Wie wurde denn der Satz eingefärbt? Walzen gab es bei Gutenberg noch nicht.

Hier durfte ich ja fotografieren, deshalb kann ich das wohl richtige Einfärbewerkzeug zeigen ...

aaa Einfärben.jpg

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Martin Z. Schröder

Das ist doch aber dann ganz schön, die Tampen, die man auf dem Druckerwappen auch sehen kann.

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Ralf Herrmann
vor 1 Stunde schrieb Wolfgang Petit:

Im Buchdruck definiere ich es als eine fotochemisch hergestellte Druckform, deren hochstehende Partien die Farbe annehmen.

Diese Einschränkung auf »fotochemisch« ist nicht branchenüblich. Der Begriff wird seit langem viel breiter gefasst, wie auch leicht in der Fachliteratur (auch deutlich älterer) nachzuschlagen ist. Wenn das Museum also vorgefertigte Textblöcke druckt, die nicht aus Einzellettern bestehen, dann war die Bezeichnung Klischee in der Tat richtig. 

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Wolfgang Petit
vor 4 Stunden schrieb Ralf Herrmann:

Diese Einschränkung auf »fotochemisch« ist nicht branchenüblich. Der Begriff wird seit langem viel breiter gefasst, wie auch leicht in der Fachliteratur (auch deutlich älterer) nachzuschlagen ist. 

 

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Wolfgang Petit

Wäre für mich und die Leser wäre es hilfreich, wenn Sie Ihr Wissen hier mitteilen würden oder die Quelle nennen würden, wo der Begriff "Klischee" nachzuschlagen ist.

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Wolfgang Petit
vor 4 Stunden schrieb Ralf Herrmann:

Wenn das Museum also vorgefertigte Textblöcke druckt, die nicht aus Einzellettern bestehen, dann war die Bezeichnung Klischee in der Tat richtig. 

Für mich stellt sich die Frage, weshalb das "Double Gutenbergs", der die Epoche der Erfindung der beweglichen Letter repräsentiert, eine Drucktechnik imitiert, die zu seiner Zeit noch gar nicht existierte. Ein Museum hat die Aufgabe, historisch korrekt zu sein.

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Martin Z. Schröder

Eine »historisch korrekte« Theatervorführung eines Arbeitsvorganges von 1440 ist nicht möglich. Kann man sich das nicht denken? Es gibt kaum Material über Gutenberg, man kennt seine Lebensdaten nicht, weiß nicht, wie er genannt wurde, wie er aussah, hat nur wenige Anhaltspunkte, wann er wo gewesen sein könnte, gestützt auf wenige Gerichtsakten. Alles um die Person Gutenberg herum ist Folklore. Wir haben eine gewaltige Wirkungsgeschichte um seine Erfindung, und weil das Publikum es gern persönlicher haben möchten, errichtet man ein Gutenberg-Museum und spielt Theater. Das tut man nun seit einigen Jahrhunderten. Jedes Jahrhundert vereinnahmt die historische Gestalt auf seine Weise. Den einen ist er ein Nationalheld, den andern der Mann des Jahrtausends. Romane wurden über ihn geschrieben. Immer für die jeweilige Gegenwart. Inzwischen sind die historischen Romane schon Historie. Mittlerweile ist Gutenberg auch digitalisiert, so etwas machen dann Studenten. Und je weiter die Zeit voranschreitet, desto exotischer und fremder wird uns die ganze Ursprungsangelegenheit. Historische Korrektheit gibt es nicht. Geschichte ist immer Erzählung und Interpretation. Ob man drei Jahre zurückblickt oder 600, eine einzige und objektive Darstellung, auf die sich alle Zeitzeugen oder Historiker einigen können, wird es niemals geben. Die Darstellung und Interpretation kann genial überzeugend gemacht sein oder so laientheaterhaft wie in Museen üblich. Ich meine, die rote Schürze und die Handschuhe auf dem Foto des Druckers. Das ist doch drollig. Rote Farbe. Eine rote Schürze für einen Drucker des 15. Jahrhunderts. Das genügt doch schon, um zu sehen, daß es Unsinn ist. Aber die Besucher wollen ein bißchen solchen Unsinn haben. Drei alte Bibeln wären kein Publikumsmagnet, zumal es anderswo bessere gibt.

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Ralf Herrmann
vor 8 Stunden schrieb Wolfgang Petit:

Für mich stellt sich die Frage, weshalb das "Double Gutenbergs", der die Epoche der Erfindung der beweglichen Letter repräsentiert, eine Drucktechnik imitiert, die zu seiner Zeit noch gar nicht existierte.

Das stimmt so auch wieder nicht. Der Druck von z.B. Holzblöcken existierte sehr wohl und wie schon erklärt ist für selbige (als Hochdruckelemente, die schon in der Inkunabelzeit weit verbreitet waren) die Bezeichnung Klischee auch eine korrekte. Warum keine Einzellettern zum Einsatz kamen, musst du das Museum fragen. Aus der Ferne spekulieren bringt uns nicht weiter. 

Zitat

Ein Museum hat die Aufgabe, historisch korrekt zu sein.

Ja. Wie schon gesagt: es kommt auf kleinste Details der Formulierungen an. Ich mache selbst mehrmals die Woche einstündige Museumsführungen in einem Druckkunstmuseum. Ich erkläre nach besten Wissen und Gewissen das etablierte Fachwissen, aber wenn man 500 Jahre auf 1 Stunde herunterbrechen muss, sind massive Vereinfachungen der Zusammenhänge, Entwicklungen und Objekte unvermeidlich. Gelernten Setzern und Druckern mag das verständlicherweise nicht immer gefallen und sie mögen entsprechende Darstellungen dann sogar als »falsch« bezeichnen, weil es nicht den eigenen Erwartungen entspricht. Ein Beispiel wurde ja hier vorgeführt: Du kennst Klischee nur in einer eingeschränkten Bedeutung und wähntest also einen Fehler beim Museum – der aber letztlich nicht vorlag. In gleicher Weise wäre ich auch bei allem anderen Dingen vorsichtig. Wenn keiner von uns zu Mehrfarbendruck in der Inkunabelzeit geforscht hat, sollte man auch nicht »mit Sicherheit« sagen, dass es falsch gezeigt wurde. Vielleicht weiß das Museum ja wie beim Begriff Klischee mehr als du?

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Wolfgang Petit

@ Ralf, es ehrt Dich, dass Du Deine Kollegen in Schutz nimmst, aber noch einmal zusammengefasst, obwohl es eigentlich überflüssig ist:

 

Die personengestützte Präsentation sollte Gutenbergs Buchdrucktechnik zeigen. Das Druckergebnis ergänze ich hier. Es ging bei der Präsentation um die Erfindung der beweglichen Letter. Die Matritzen hierzu wurden auch gezeigt. Der tatsächliche Druck geschah nicht mit beweglichen Lettern, sondern mittels "Klischee", das es in dieser -  präsentierten - Form noch gar nicht geben konnte (siehe Foto zuvor). Die Schrift   s c h e i n t  mir zudem die Gutenberg-Bibelschrift (Handsatz) zu sein. Das halte ich zusammen betrachtet  für historisch unhaltbar.

 

Die Reaktion des Gutenbergs-Museums war erfreulicherweise hierauf positiv:

"wir bedauern sehr, dass der Besuch im Gutenberg-Museum Ihre Erwartungen nicht erfüllt hat, nehmen Ihre Ausführungen zu den verschiedenen Abteilungen aber gerne zum Anlass, Entsprechendes zu optimieren. Dass bei der Druckvorführung kein Satz aus Einzellettern sondern ein Klischee verwendet wird, um zu verhindern, dass die Lettern herauspurzeln und Unordnung entsteht, ist richtig, wurde aber offenbar bei der von Ihnen gesehenen Vorführung nicht entsprechend vermittelt. Auch das Verfahren mit den beiden Farben hätte man eigentlich erklären sollen (in Gutenbergs Bibeldruck wurden Initialen und alle farbigen Stellen ja sogar von Hand eingemalt oder geschrieben und gar nicht gedruckt). Da darf die Attraktivität der Vorführung in der Tat nicht zu Lasten der historischen Fakten gehen. Wir werden Ihr Schreiben auch zum Anlass nehmen, die Druckvorführungen aller Vorführenden, aus dem Hause und aus dem Kreis der Gästeführenden, wieder einmal einer Qualitätskontrolle zu unterziehen."

 

 

 

 

 

aaa Druckergebnis Museum.jpg

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Ralf Herrmann
vor 6 Stunden schrieb Wolfgang Petit:

@ Ralf, es ehrt Dich, dass Du Deine Kollegen in Schutz nimmst …

Das tue ich aber gar nicht. Du zeigst Probleme in der Museumsvorführung auf – ich zeige Probleme in deinen Aussagen auf. Beides ist logischerweise gleichermaßen legitim und nicht »parteiisch«, sondern Skeptizismus. 

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gutenberger

Ich vermute mal, dass die vom Klischee drucken, weil sie halt die Gutenbergbibeln nicht mit einzelnen Lettern nachsetzen können, weil es diese vermutlich gar nicht mehr gibt. Oder halt nur für irrsinniges Geld nachzuproduzieren wären. Also hatten sie ja nur die Wahl: soll der Druck wenigstens weitgehend aussehen wie die Gutenbergbibel oder drucken wir historisch korrekt mit Einzellettern was ganz anders Aussehendes. Von daher würde ich das jetzt nicht dem Museum vorwerfen ... okay, zwei, drei Sätze könnte der Vorführer natürlich schon dazu sagen.

Was den Farbdruck betrifft, so bilde ich mir ein, dass von Gutenberg selbst solche Versuche nicht überliefert sind ... ich weiß jetzt nur gerade nicht ob der Herr Schöffer oder ein anderer aus der ersten Generation nach Gutenberg der erste "Mehrfarbdrucker" war. Auf alle Fälle passierte das gar nicht lange nach Gutenberg. Rein praktisch würde ich schon denken, dass sie beide Farben gleichzeitig gedruckt haben und zum Einfärben die Rotform rausgezogen und dann wieder reingesteckt haben. Das wäre an einer Schraubenpresse auf alle Fälle der schnellere und auf Dauer auch passgenauere Weg ...

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Wolfgang Petit
vor 18 Stunden schrieb gutenberger:

Rein praktisch würde ich schon denken, dass sie beide Farben gleichzeitig gedruckt haben und zum Einfärben die Rotform rausgezogen und dann wieder reingesteckt haben. Das wäre an einer Schraubenpresse auf alle Fälle der schnellere und auf Dauer auch passgenauere Weg ...

Wäre nicht das Stürzen der Zeilen und Lettern die Folge, wenn ich aus dieser (siehe Foto der Präsentation im Museum) Form die Rotelemete herausnähme? Und nicht - auch zu Gutenbergs Zeit - logischer, die Flächen der Rotform blindzuschlagen und - leidlich passgenau - die Rotform im zweiten Gang zu drucken? Natürlich mit Rahmen ...

aaa Gutenberg k_bearbeitet-2.jpg

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gutenberger

Nö. Wenn man richtig setzt, kann man die Rotform durchaus ohne größere Unfälle rausziehen, einfärben  und wieder reinstecken ...

Wenn man dagegen zwei Druckgänge macht, hat man vielerlei doppelte Arbeit: Schlitten rausfahren, Einfärben (bei einer kleinen Rotform durchaus nicht einfach), Papier (passgenau) drauflegen, den Schlitten wieder zurückkurbeln, Druck machen, alles wieder rauskurbeln und rausnehmen ... Hinzu kommt, dass Gutenberg vermutlich mit gefeuchtetem Papier gedruckt hat und demzufolge die Passer nicht mehr exakt stimmen, weil sich durch die Feuchtigkeit das Papier verändert.

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Martin Z. Schröder

Warum genau die Versuche mit zweifarbigem Druck wieder aufgegeben wurden, weiß niemand. Klar ist nur, daß es eine einfache Lösung nicht gab. Die Rotform ziehen, färben, einstecken ohne Wischer an der roten oder schwarzen Form, so einfach ist das ja auch wieder nicht. Es ging nicht um ein Initial wie in der irreführenden Darbietung des Museums, sondern die kompletten Rubrizierungen im Text. Natürlich kippen da Lettern auch zur Seite. Teilweise sind ganze Zeilen und sogar Absätze rot. Das ist mit Ziehen, Färben, Stecken nicht zu bewältigen. Und in zwei Schritten hat es nicht paßgenau gesessen. Und deshalb wurde es auch nicht gemacht. Daß es Versuche gab und sie wieder aufgegeben wurde, bedeutet, daß es eben nicht funktioniert hat. Deshalb ist die Museumsvorführung wohl auch in dieser Hinsicht nur Folklore ohne technischen Sinn.

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Erwin Krump

In unserer Lehrwerkstätte hatten wir zu Bleisatzzeiten auch öfters zweifärbige Abzüge auf einer Kniehebelpresse hergestellt. Auch auf einer einfachen „Nudelpresse“ brachten wir das mit etwas Geschick zusammen.

 

Wir hatten aber entweder von zwei Formen mit Anlegevorrichtung gedruckt, oder aber mit schmalen Walzen die vorher abgewischten Zeilen eingefärbt. dazu gehörte sicher einiges an Übung. Es kam immer auf die Form des Satzes an, welche Methode zur angewandt wurde.

 

Die Zeilen ziehen und einfärben kann ich mir bei großen Schriftgraden ev. vorstellen, trotzdem würde ich eine passende kleine Walze vorziehen.

 

Es gibt und gab immer mehrere Methoden um ans Ziel zu kommen. Methoden an die sich vielleicht heute keiner mehr erinnert.

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