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»Guillemets« oder „normale Anführungszeichen“ (in klassischem Philosophie-Text)?


Hasinger

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Eine ähnliche Frage wurde hier zwar vor einigen Jahren schonmal gestellt, allerdings ging es da hauptsächlich darum, was bei naturwissenschaftlichen Sachbüchern üblich ist. In meinem Fall geht es um eine Ausgabe eines historischen philosophischen Werkes. Ich bin absolut unschlüssig, ob ich Guillemets verwenden soll oder nicht. Schrift ist die Palatino Linotype. Rein von der Ästhetik her, finde ich die normalen Anführungszeichen fast besser. Zum einen haben mir, aus irgendeinem Grund, Guillemets noch nie so richtig gefallen, zum anderen finde ich, dass bei der Palatino Linotype die normalen Anführungszeichen recht ansprechend gestaltet sind. (siehe Beispielbild) Auf der anderen Seite denke ich, dass die Guillemets wohl eher den Lesegewohnheiten in diesem Bereich entsprechen und daher diese Lösung vielleicht auch professioneller wirken würde. Zudem werden an ein paar Stellen halbe (einfache) Anführungszeichen verwendet und bei der Palatino Linotype ist dann das linke normale Anführungszeichen nahezu identisch mit einem Komma (siehe zweites Bild), was mir ungünstig scheint.

 

Mich würde interessieren, was die erfahrenen Typographie-Profis darüber denken.

Beispiel.png

Komma.png

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Von der Lesequalität her bevorzuge ich Guillemets. Sie stören weniger, insbesondere wenn Interpunktionen, Akzente und sonstiges Gekrümmel aufeinandertreffen. Für mein Gefühl wirken sie auch immer edler. Nicht zuletzt, weil sie das Interesse des Autoren am Erscheinungsbild seines Werkes dokumentieren.

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Auch auf mich wirken sie in gewisser Weise edler. Was vermutlich damit zu tun hat, dass ich in richtigen Büchern ganz überwiegend die Guillemets sehe und in von Typographie-Laien erstellten Dokumenten quasi ausschließlich die normalen Anführungszeichen.

Allerdings, was das rein Ästhetische betrifft, sind die Guilllemets eben insgesamt etwas größer und befinden sich außerdem vertikal mittig auf Buchstabenhöhe, wodurch sie eben auffälliger sind und sich, insbesondere wenn sie mitten im Satz stehen, quasi zwischen die Buchstaben drängen, während die normalen Anführungszeichen gewissermaßen dezent am unteren und oberen Rand Platz nehmen. (Bei der Palatino sind die Guillemets sogar noch sehr zurückhaltend gestaltet; es gibt ja einige Schriften, bei denen sie viel breiter und dicker sind.) Aber vermutlich kann man das auch genau umgekehrt empfinden und die normalen Anführungszeichen für auffälliger halten.

 

Wie auch immer. Ich tendiere zu den Guillemets, da ich denke, damit eher auf der sicheren Seite zu sein. Selbst wenn mein persönliches ästhetisches Empfinden anders sein sollte, werden die Guillemets vermutlich bei der Mehrheit der Leser einen besseren Eindruck machen als die normalen Anführungszeichen.

 

Danke schonmal für die bisherigen Rückmeldungen (verbal und non-verbal).

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Ich nutze quasi ausschließlich Guillemets und finde sie im Fließtext in der Regel sehr viel unauffälliger. Normale Anführungen mögen ansich dezenter sein aber fallen durch den entstehenden Weißraum deutlich stärker auf.

 

:nicken:

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Yep, da kann ich Phoibos und Microboy nur zustimmen. Gerade in Texten, wo häufig Anführungen vorkommen, etwa auch im Fußnotenapparat oder wo im Text viel zitiert wird, sorgen Guillemets für ein schöneres, weniger löchriges Satzbild, weil sie sich durch ihre Stellung besser in die Zeile einfügen. 

 

Bei Texten etwa aus dem islamwissenschaftlichen Umfeld kommt noch hinzu, dass sie sich wesentlich besser mit "den kleinen Kringeln da oben" vertragen, also den Umschriftzeichen für Aleph/Hamza und Ayn, die den sonst verwendeten Anführungszeichen doch sehr ähneln und oft mit ihnen verschwimmen, wenn verlagsseitig dann ein wurstiger Satz durchgeführt wird. (Ich kenne meine Pappenheimer. :nicken:)

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Guillemets wirken durch den einheitlichen Grauwert der ganzen Seite ruhiger, selbst wenn sie isoliert betrachtet unpassend erscheinen mögen. Und da wir nicht Zeichen für Zeichen lesen, fallen sie dem Betrachter auch nicht unangenehm auf. 

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Geschrieben (bearbeitet)
vor 54 Minuten schrieb Microboy:

Normale Anführungen mögen ansich dezenter sein aber fallen durch den entstehenden Weißraum deutlich stärker auf.

Ein interessanter Aspekt, den ich bisher gar nicht bedacht hatte. Tatsächlich ist mit den Guillemets der Grauwert der Seiten etwas besser.

 

[EDIT: Die beiden weiteren Beiträge hatte ich beim Verfassen noch nicht gesehen.]

bearbeitet von Hasinger
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vor 2 Minuten schrieb Hasinger:

etwas besser.

Viel Besser! :gimmifive:

 

Gerade am Anfang einer Zeile oder wenn zwei Zitate durch ein Komma getrennt sind funktionieren Guillemets sehr viel besser.

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Bei einem ›klassischen‹ philosophischen Werk wird die Erwägung wahrscheinlich keine Rolle spielen, hier aber trotzdem meine erste Assoziation beim Thema Anführungszeichen und Philosophie: Ich habe vor einiger Zeit mal eine Diss im Bereich analytische Philosophie bearbeitet: unzählige Anführungszeichen, auch (und gerade) in zahlreichen formelhaften Ausdrücken. Mein erster Gedanke damals: Ruhe in den Text bringen durch französische Anführungszeichen. Nachvollziehbarer Einwand der Autorin: Die Zielgruppe dieser Texte wird mit Sicherheit über die Verwendung der »komischen« Anführungszeichen stolpern; ist man in diesem Bereich einfach anders gewöhnt; also wieder zurück zu den „normalen“ Anführungszeichen ...

Das ist sozusagen der letzte mögliche Einwand gegen Guillemets: die Lesegewohnheit der Zielgruppe  (obwohl ich mir spontan nicht vorstellen kann, welcher ›klassische‹ Philosophietext unbedingt „deutsche“ Anführungszeichen erfordert) ...

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Gast Schnitzel
vor 10 Minuten schrieb Liuscorne:

Nachvollziehbarer Einwand der Autorin:

Ich kenne die Autorin ja nicht und will ihr nicht zu nahe treten, aber vielleicht findet sie die französischen Anführungszeichen ›komisch‹, weil sie die noch nie bewusst wahrgenommen hat :-?Dass man es generell nicht gewohnt ist, Texte damit zu lesen kann ich mir nicht vorstellen. Dass sie für Hausarbeiten und Dissertation vielleicht eher üblich sind, weil diese eben eher zu Hause mit Word getippt wurden, okay. Die Zielgruppe (Prüfer:innen?) wird aber wohl nicht nur Hausarbeiten lesen ..? Und diese Unscheinbarkeit im Fließtext ist ja gerade DAS Argument für Guillemets.

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vor 25 Minuten schrieb Liuscorne:

ist man in diesem Bereich einfach anders gewöhnt

Ich hätte vielleicht noch genauer sein sollen, da man wohl auch bestimmte Texte der analytischen Philosophie als »klassisch« oder »historisch« bezeichnen könnte. Ich wollte es so verstanden wissen, dass damit wichtige Werke gemeint sind, die, sagen wir mal, mehr als 150 Jahre alt sind. Bei Ausgaben solcher Werke (und auch der Sekundär-Literatur in diesem Bereich) sehe ich fast ausschließlich die Guillemets. In Bezug auf Texte der analytischen Philosophie ist es aber sicherlich ein guter Hinweis.

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vor 13 Minuten schrieb Schnitzel:

Dass man es generell nicht gewohnt ist, Texte damit zu lesen kann ich mir nicht vorstellen.

Ich hatte Liuscorne so verstanden, dass die Leser in diesem Bereich die Guillemets nicht gewohnt sind, was nicht bedeuten würde, dass sie sie generell nicht kennen oder gewohnt sind, sondern einfach, dass sie sie bei dieser Textsorte als unpassend empfinden.

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Man muß da in der Tat etwas aufpassen. Ich habe meine Dissertation in Minion Pro in 11 pt gesetzt. Formal waren 12 pt vom Prüfungsamt vorgeschlagen. Viele Arbeiten meiner Kollegen waren in 12 pt Arial, da war dann Minion Pro 11 pt quasi ein Kompromiss; im größeren Bereich der Lesegrößen, aber nicht ganz so riesig wie 12 pt Arial.

 

Ich habe dann dem Zweitprüfer sein Exemplar persönlich vorbei gebracht. Der saß gerade am Schreibtisch und las einen Artikel in der Fachzeitschrift Nature, welche gefühlt in 6 pt gesetzt sind (klein; ich habe gerade keinen Nerv die tatsächliche Schriftgröße nachzumessen). Der schaute mich kurz an, schlug wortlos die Arbeit auf, kommentierte: "Das ist ja viiiiiiiel zu klein für meine alten Augen!", und widmete sich dann wieder seinem Artikel.

 

Da wir uns ganz gut kannten habe ich ihn dann direkt damit aufgezogen, wie es denn sein könne daß er diese krasse Diskrepanz gar nicht bemerken würde. Das hat dann immerhin ein kurzes "Stimmt auch wieder!" aus ihm herausgelockt. Aber es zeigt wie stark die Erwartung eben von der Gewöhnung geprägt ist, auch wenn es objektiv eben völlig irrational ist.

 

Aus Sicht der Prüfer kann ich da nur sagen: alles was vom Prüfer (!) als störend wahrgenommen wird macht das Lesen langsamer, und die Prüfer sind hier oftmals sehr allergisch. Je mehr es sich anfühlt daß man Arbeit investieren muß desto vergrätzter kann ein Prüfer reagieren. Bewusst wird sich das auf die Benotung nicht auswirken, immerhin sind die meisten Prüfer doch sehr professionell, aber unbewusst kann das eben schon eine Rolle spielen.

 

Die einfachste Lösung: einfach mit den Prüfern vorher absprechen, wenn möglich. Es gibt ja eben wie ausgeführt gute Argumente. Und wenn es den Prüfern egal ist oder sie zustimmen dann macht man es eben so wie es typografisch am besten passt. Wenn es aneckt dann lieber so wie es üblich ist.

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Anscheinend ist das auch sehr vom Verlag abhängig. Bei zwei umfangreichen philosophischen Bänden, die ich mal gesetzt habe (Holger Kaletha: Musikalische Intentionalität. Eine Phänomenologie musikalisch-ästhetischen Erlebens. Studien zur Wertungsforschung, und Holger Kaletha: Paradigmen des Entwicklungsdenkens. Gegenstandskonstitution und bewegungsdynamische Orientierung – das eine mit Gänsefüßchen, das andere mit Guillemets) war das jeweils eine Vorgabe des Verlags.

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vor 58 Minuten schrieb Liuscorne:

welcher ›klassische‹ Philosophietext

Also in meinen Interessenssphären (Antike, Geschichte) finden sich beide Anführungszeichen.

Die Tipps, sich mit den Adressaten auseinanderzusetzen und den Verlag zu befragen, sind der beste Weg. Wenn es im Bereich des self-publishing ist, nimm das, womit Du Dich wohlfühlst.

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Mal eine Frage am Rande: Was hat es eigentlich zu bedeuten, dass der C.H.-Beck-Verlag offensichtlich gerne in deutschsprachigen Werken (von deutschen Autoren, keine Schweizer) französische Guillemets verwendet? Ich habe hier gerade zwei Bücher von C.H. Beck (aus sehr unterschiedlichen Gebieten und auch zwanzig Jahre auseinander) liegen und bei beiden wurde die französische Variante gesetzt.

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Dass bedeutet, dass sie viel Wert auf gutes Aussehen legen. Wie gesagt, die Guillemets sorgen für ein ruhiges Gesamtbild der Seite. Wenn Du das mal ausprobieren willst, druck eine Seite zum Testen aus und dreh sie auf den Kopf. Dann nimmt das Gehirn nämlich leichter die bedruckte Fläche als Fläche wahr und bleibt nicht bei Wörtern hängen.

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vor 5 Minuten schrieb Phoibos:

Dass bedeutet, dass sie viel Wert auf gutes Aussehen legen.

Missverständnis!

 

Ich war bisher davon ausgegangen, dass man in Deutschland die Guillemets »so« setzt und in Frankreich und der Schweiz «so». Bei den angesprochenen Büchern wurde ausschließlich die zweite Variante verwendet, die ich als «französische Guillemets» bezeichnet habe.

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Geschrieben (bearbeitet)

Phoibos, was @Hasinger meint, ist, glaube ich, dass C. H. Beck in der Tat die französische Satzvariante der Guillemets verwendet, nicht einfach nur eckige Anführungszeichen. Also nicht »so«, sondern « so » (mit kleinem Leerraum, aber keinem ganzen Leerzeichen nach/vor den Anführungszeichen). Hier würde ich nicht sagen, dass diese Anwendung der Guillemets einen Vorteil beim Grauwert gegenüber der deutschen Konvention bietet; das ruhige Gesamtbild ist somit kein Argument. Ich habe gerade probehalber in einige Beck-Bücher geschaut, alle aus dem Bereich Kunstwissenschaft, und mich gewundert, dass mir selbst das beim Lesen nicht aufgefallen war.

bearbeitet von D2C
Edit: Hasinger hat zwischenzeitlich selbst geantwortet.
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vor 8 Minuten schrieb Hasinger:

Missverständnis

Ah, verstehe! Keine Ahnung, warum die das machen, ist aber eine interessante Frage!

 

vor 8 Minuten schrieb D2C:

mit kleinem Leerraum

Das PDF zur Verlagsgeschichte verwendet keinen Leerraum nach den Anführungszeichen, bist Du Dir sicher mit dem Spatium?

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  • 4 Wochen später...

Mein Typografie-Professor hat sinngemäß immer gesagt, daß es überhaupt keinen vernünftigen Grund für "normale" Anführungszeichen gibt. Ich sehe das ähnlich. Verwende ausschließlich Guillemets. Gründe dafür wurden bereits genug genannt. Die Art des Textes ist hierbei irrelevant.  

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  • 2 Wochen später...

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