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Schriften-"Hitparade" für den Buchsatz?

Hervorgehobene Antworten

Hallo in die Runde,

Vielleicht eine etwas skurrile Frage, aber gibt es eine Art "Hitparade", eine Untersuchung, welche Schriftarten am häufigsten im Buchsatz verwendet werden? Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Baskerville und ihre Verwandten dort sehr beliebt sind.

Gelöst von Thomas Kunz

Bei vielen Büchern wird die verwendete Schrift im Impressum angeführt. Bei Belletristik ist dies öfters der Fall.

  • Lösung

Hans Peter Willberg, Stiftung Buchkunst (Hgg.): 40 Jahre Buchkunst. Die Entwicklung der Buchgestaltung im Spiegel des Wettbewerbs »Die schönsten Bücher der Bundesrepublik Deutschland« 1951–1990. Frankfurt am Main: Buchhändler-Vereinigung, 1991 enthält auf Seite 215 eine Tabelle mit einigen der Schriften, aus denen die von der Stiftung Buchkunst ausgezeichneten Bücher gesetzt wurden:

  • Garamond
  • Times
  • Walbaum
  • Helvetica
  • Bembo
  • Janson
  • Futura
  • Baskerville
  • Aldus
  • Trump
  • Univers
  • Palatino
  • Bodoni
  • Sabon
  • Dante
  • Mono-Grotesk
  • Akzidenz-Grotesk
  • Century
  • Optima
  • Folio

Scan (pdf-Datei, 1 Seite, 6,66 MB)

Damals konstatierte Willberg:

Zitat

Von der Vielzahl der angebotenen bzw. existierenden Schriften sind in den letzten vierzig Jahren wenige angewendet worden, nicht einmal 150 verschiedene bei den prämierten Büchern.
Beim »Sieger« Garamond zeigt sich, daß sich Schönheit eben doch durchzusetzen vermag. Es verwundert, daß beispielsweise die Bodoni erst an 13. Stelle steht, es erstaunt, daß in den siebziger Jahren so beliebte Schriften wie die Times und die Helvetica in den ausgehenden achtziger Jahren seltener genutzt werden und es ist interessant zu sehen, daß große Würfe von Schriftkünstlern der Gegenwart, wie die Univers, sich schnell durchsetzen können.*

[a. a. O.]

Das war am Anfang des letzten Jahrzehnts des vergangenen Jahrhunderts. Seitdem hat sich der Buch- und noch mehr der Schriftmarkt stark gewandelt. Es wäre interessant, dem eine aktuelle Liste gegenüberzustellen. Leider kenne ich keine.

Aufgrund der sich nur langsam wandelnden Lesegewohnheiten hat sich die Liste der Satzschriften für das lineare, kontemplative – also nicht selektivem, konsultierendem oder schauendem – Lesen eines Papierbuches wahrscheinlich wenig geändert . Die Namen der Schriften sind vielleicht andere, die Anbieter sind (hoffentlich) andere, aber die Gattung der verwendeten Schriften wird gleichgeblieben sein: Serifenschriften mit dynamischen Formprinzip und mildem Kontrast.

Zitat

[…] nothing beats a medium-contrast oldstyle for comfortable immersive reading.

[Luc(as) de Groot, LucasFonts, TheAntiqua]

 

 

 

__________________________

* Wenn HPW von der Schönheit der Garamond statt von ihren Qualitäten hinsichtlich Leserlichkeit und Lesbarkeit spricht, kribbelt es bei mir. Und auch seine Verwunderung bezüglich des späten Auftretens der Bodoni im Ranking erstaunt mich.

 

  • Ersteller

Hallo zusammen,

Es ging mir tatsächlich um den Belletristik-Satz, das hätte ich deutlicher machen müssen, glaube ich. Und um ehrlich zu sein: Die Zusammenstellung von Willberg ist tatsächlich ein konkreteres Ergebnis als ich es erwartet hätte. Und dass das Resultat so deutlich zugunsten der Garamond ist, verblüfft mich dann doch.  - Genauso wie der Umstand, dass die Times so gut abgeschnitten hat. Die ist für mich einfach dadurch, dass sie Windows-Default ist, derartig abgedroschen und verbrannt...

Willbergs Statement zur Bodoni wundert mich, ehrlich gesagt, gar nicht. Ich finde Bodoni für den Mengensatz sehr schwierig, ganz einfach weil schon die Regular so fett wirkt, dass man denkt, man hätte das ganze Buch fett gesetzt.

Denk aber daran, dass du nach

am häufigsten im Buchsatz verwendet

gefragt hattest, Willberg aber 

Schriften, aus denen die von der Stiftung Buchkunst ausgezeichneten Bücher gesetzt wurden

aufgezählt hat.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Paar Stiefel.

vor 13 Stunden schrieb gyps_ruepelli:

Und dass das Resultat so deutlich zugunsten der Garamond ist, verblüfft mich dann doch.

Das Ergebnis beruht zu großen Teilen auf Büchern die noch im Bleisatz gedruckt wurden. Die Schriftauswahl war damals deutlich eingeschränkter als heute und richtete sich oft danach was die jeweilige Druckerei im Bestand hatte.

Bei der Garamond würde sich heute schon einmal die Frage stellen welche der unzähligen Digitalisierungen denn gemeint ist. Die Unterscheide sind teilweise immens.

Ich frage mich eher was eine solche Hitparade für einen praktischen nutzen hätte. Platz 1 ist ja mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die »beste« Schrift sondern »nur« die Verbreiteste.  Die Gründe dafür sind vielfältig – Verfügbarkeit, verlagsinterne Richtlinien, Kosten oder auch nur die Macht der Gewohnheit.

Bearbeitet ( von Microboy)

Ich hab mal ins Impressum von verschiedenen Büchern geschaut, die bei uns gerade so rumliegen (Belletristik). Manche Verlage nennen ja dort die verwendete Schriftart.

So eine willkürliche Auswahl erzeugt natürlich keine Schriften-Hitliste.

Aber es könnte ein Hinweis darauf sein, dass Garamond-Schnitte recht beliebt beim Buchsatz sind.

Legacy (Claassen)

Museo (Faber & Faber)

Baskerville (Galiani)

Berthold Bembo (Manesse)

Stempel Garamond (Wallstein)

Stempel Garamond (Piper)

Didot (Wagenbach)

New Caledonia (DVA)

Dante MT (C.H.Beck)

Versailles LT (Hoffmann und Campe)

Apollo (Hoffmann und Campe)

Garamond (dtv)

Caslon 11/13‘ (dtv)

 

DuMont:

Arno Pro

Aldus Nova Pro

Elzevir

 

Rowohlt:

Plantin PageOne

Stempel Garamond LT Pro

Kepler MM

Caslon 540

 

Am experimentierfreudigsten scheint Kiepenheuer & Witsch zu sein:

Adobe Caslon Pro

Chaparral

Adobe Garamond

AdobeGaramond Pro

Sabon

Minion

ITC Cheltenham

Dante

Aldus

Scala

Alfred, dank für deine Mühe. Kannst du bitte den Titel des Buches aus dem Wagenbach-Verlag benennen, das aus der Didot gesetzt wurde. 

vor 3 Minuten schrieb Thomas Kunz:

Alfred, dank für deine Mühe. Kannst du bitte den Titel des Buches aus dem Wagenbach-Verlag benennen, das aus der Didot gesetzt wurde. 

Gern, Thomas. Es ist "Ein gewisses Lächeln" von Francoise Sagan, 2011, 2017.

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