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Wofür werden heute noch gebrochene Schriften benutzt?

Hervorgehobene Antworten

Hallo in die Runde,

Ich glaube, ich fasse jetzt hier ein sehr heißes Eisen an, aber ich stelle die Frage trotzdem:

Wofür verwendet man heute noch gebrochene Schriften?

Ich kenne die ganzen Diskussionen um den Nationalsozialismus und ich weiß auch, dass die gebrochenen Schriften während der NS-Zeit abgeschafft und nicht etwa propagiert worden sind. Trotzdem stelle ich mir die Frage, wo sie heute noch ihre »Nische« haben. Ich assoziiere gebrochene Schriften in starkem Maße mit Werbung für althergebrachte Elemente der Gastronomie. Gutbürgerliche Restaurants, Bier, handwerkliche Metzgereien und Bäckereien etc. Aber sonst mag mir keine weitere Anwendung mehr einfallen. Ganz abgesehen von den Assoziationen, die viele Menschen mit gebrochenen Schriften haben (seien sie nun richtig oder falsch), empfinde ich gebrochene Schriften auch als schlecht lesbar. Aber das kann natürlich auch der Gewöhnung an Antiqua geschuldet sein.

Bitte dieses Posting nicht falsch verstehen. Ich möchte hier nicht über das Für und Wider gebrochener Schriften diskutieren. Mich interessiert tatsächlich nur ihre Anwendung.

Gelöst von Ralf Herrmann

  • Lösung

Neben der auf Tradition abzielenden Anwendung (Gasthof, Bieretikett etc.) ist es einfach einer von vielen visuell interessanten Stilen im Schaugrößenbereich. Man findet es also auf regelmäßig auf Album-Covern, T-Shirts, Veranstaltungsplakaten usw. 

Die politische Konnotation gibt es auch nur im deutschsprachigen Raum. Im Rest der Welt greift man viel leichter und unverkrampfter zu diesem Stil. Meine kostenlose Neumeister zum Beispiel wird auf einer Online-Design-Plattform für hunderte von T-Shirt-Designs verwendet. 

Hallo @gyps_ruepelli, ein paar zeitgenössische Anwendungen hast du bereits genannt. Bier, Brot und Gastro sind schon eher große Wirtschaftsbereiche, keine Nischen – zumindest in Deutschland. Bier würde ich hier außerdem zu Alkoholika im Allgemeinen erweitern, da z. B. auch Wein und Spirituosen entsprechend auftreten.

Im angelsächsischen Sprachraum werden gebrochene Schriften zudem mit Weihnachten konnotiert und entsprechend eingesetzt. Im DACH-Raum findet man diese Verknüpfung seltener, aber zumindest auf Weihnachtsmärkten (konkret: den Budenbeschriftungen).

Die Tattoo-Szene scheint ein Faible für gebrochene Schriften zu haben. Ebenso findest du in der Modewelt zahllose Anwendungen (@Ralf Herrmann hat bereits T-Shirts erwähnt, aber allein schon diese Hoodies und Sweatpants mit US-amerikanischen Städtenamen in gebrochener Schrift darauf sind im heutigen Stadtbild allgegenwärtig).

Nicht zuletzt gibt es für gebrochene Schrift hier ein eigenes Forum – doch zugegeben: die meisten Themen dort sind Entzifferungsanfragen historischer Dokumente, das stützt also weniger die Annahme, dass gebrochene Schriften heutzutage relevant sind. 

Bearbeitet ( von D2C)
Tippfehlerkorrektur

vor 19 Stunden schrieb Ralf Herrmann:

Die politische Konnotation gibt es auch nur im deutschsprachigen Raum.

„Nur“ halte ich schon für recht gewagt. Natürlich wird diese Konnotation auch international bei bestimmter Klientel bewusst eingesetzt. 

  • Ersteller
vor 2 Stunden schrieb pürsti:

„Nur“ halte ich schon für recht gewagt. Natürlich wird diese Konnotation auch international bei bestimmter Klientel bewusst eingesetzt. 

Das sehe ich auch so. Man schaue sich nur »Blood and Honour« an. Der Name basiert zwar auf dem Wahlspruch der SS, aber es ist ein internationales Netzwerk.

Wahrscheinlich ist die Assoziation von Fraktur mit Rechtsextremismus außerhalb des deutschen Sprachraums schwächer, aber allein die Präsenz in der Metal- und auch der Gothic-Szene, die hier angesprochen wurde, zeigt, dass da ein gewisser Hang zum Martialischen vorhanden ist. Das muss nicht zwangsläufig in eine bestimmte politische Richtung gehen. Gerade Grufties sind, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, oft extrem umgängliche Menschen. Aber die Faszination fürs Martialische ist halt da.

Hallo,

 

vor einer Stunde schrieb gyps_ruepelli:

Wahrscheinlich ist die Assoziation von Fraktur mit Rechtsextremismus außerhalb des deutschen Sprachraums schwächer, ...

Ich assoziiere rechtsextreme Kreise mit falſch geſchriebenen engliſchen Textura, z. B. der Old English. Einfach mal genauer hin schauen.

Wenn man nur die Untergruppen betrachtet, ja. Fraktur ist aber auch ein gängiges Synonym für gebrochene Schriften, dieses meine ich.

»Old English« ist nicht nur die Druckschrift von Caslon, sondern auch eine nicht genau spezifizierte Gruppe spätgotischer Druckschriften.

Bearbeitet ( von Diwarnai)

  • Ersteller

Sorry, das war mein Fehler. Ich hatte in meinem letzten Posting »Fraktur« geschrieben, meinte aber »gebrochene Schriften«.

vor 3 Stunden schrieb gyps_ruepelli:

aber allein die Präsenz in der Metal- und auch der Gothic-Szene, die hier angesprochen wurde, zeigt, dass da ein gewisser Hang zum Martialischen vorhanden ist.

Die martialische Einordnung entspringt dem konkreten Kontext und der konkreten Umsetzung der Anwendung, nicht den gebrochene Schrift selbst. Siehe für detaillierte Analysen auch meinen früheren Artikel und vor allem die dort erwähnten Quellen von Kulturwissenschaftlern. Das wurde aber alles schon unzählige Male hier im Forum durchgesprochen und endet meist im politischen Streit und mit Themenschließungen. Das muss ja nicht immer wieder neu beginnen. Für die Frage »wo werden die Schriften eingesetzt?« reicht der einmalige simple Verweis auf mögliche Einschränkungen durch mögliche Konnotationen in bestimmten Kontexten. 

Über Kontext und Anwendung kann man ja auch fast jede Schrift in jede beliebige Richtung treiben. Man schaue sich mal an, wie zum Beispiel Titel von Horrorfilmen gestaltet werden. Da finden sich meist ganz klassische Sans- und Serifenschriften (Futura, Trajan usw.). Die Umsetzung macht es! Rote Farbe, zerschnittene oder anderweitig zerstörte Glyphen, geisterhafte Umrisse etc. Diese Dinge transportieren die gewünschten Konnotationen, weniger eine vermeintlich »brutale« Schriftart. 

Gebrochene Schriften sind einfach dekorativ und daher wie gesagt für den Schaugrößenbereich weiterhin in gewissem Maße interessant. Man kann damit visuell auffallen und wiedererkennbar sein. Mehr ist es oft einfach nicht …

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Weniger martialisch:

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A customised version of Blak – with rounded corners applied to some characters – in use by Apple Music for The Agenda playlist. The Agenda is an Apple Music brand/station dedicated to representing the authentic voices of the UK and beyond, spanning hip-hop, grime, R&B, Afrobeats and everything in between.

Quelle

  • Ersteller
vor 23 Stunden schrieb Ralf Herrmann:

Gebrochene Schriften sind einfach dekorativ und daher wie gesagt für den Schaugrößenbereich weiterhin in gewissem Maße interessant. Man kann damit visuell auffallen und wiedererkennbar sein. Mehr ist es oft einfach nicht …

Da ich auf keinen Fall eine politische Diskussion lostreten wollte, trifft es dieser Absatz aus meiner Sicht am Besten. Meine Vermutung war immer, dass gebrochene Schriften heutzutage hauptsächlich in solchen Dingen wie Werbung zum Einsatz kommen, an bestimmten, ausgewählten Stellen (Zeitungen) vielleicht noch für Überschriften. Und neben dem »auffallen wollen«, das Du, @Ralf Herrmann, genannt hast, ist dabei wahrscheinlich noch ein zweiter Zweck vorhanden: Das Hochhalten von Tradition oder Kontinuität. Deswegen wohl die gebrochenen Überschriften bei manchen traditionellen Zeitungen oder bei alteingesessenen Biermarken. In der Düsseldorfer Innenstadt gibt es noch fünf traditionelle Altbierbrauereien: Uerige, Schlüssel, Schumacher, Füchschen und Kürzer. Kürzer gibt sich einen rundum modernen Anstrich und hat das Logo in einer Grotesken (welche es ist, vermag ich nicht zu sagen). Die vier anderen, die stark für Tradition stehen, haben Schriftzüge in gebrochenen Schriften. Der Schlüssel verwendet dabei eine Fraktur, die drei anderen gebrochene Groteske.

Am 31.8.2025 um 21:42 schrieb Ralf Herrmann:

Gebrochene Schriften sind einfach dekorativ und daher wie gesagt für den Schaugrößenbereich weiterhin in gewissem Maße interessant. Man kann damit visuell auffallen und wiedererkennbar sein. Mehr ist es oft einfach nicht …

reputation.jpg

Wobei dieses spezielle Beispiel offensichtlich nicht einfach nur interessant und wiedererkennbar sein will, sondern grafisch versucht, einen semiotischen Bezug zur Presse in Form von Zeitungslayouts herzustellen. Die Verwendung der gebrochenen Schrift in Anlehnung an den in diesem Thread bereits erwähnten, häufig in gebrochener Schrift gesetzten oder gezeichneten Zeitungskopf ist damit nicht rein dekorativer Natur, sondern in einem gewissen Maße bedeutungstragend – vielleicht vergleichbar mit gebrochenen Schriften auf Schildern US-amerikanischer Gastwirtschaften mit Mittelalter- oder »Renaissance«-Thema, deren Name mit »Ye Olde« beginnt.

vor 15 Stunden schrieb gyps_ruepelli:

In der Düsseldorfer Innenstadt gibt es noch fünf traditionelle Altbierbrauereien: Uerige, Schlüssel, Schumacher, Füchschen und Kürzer. Kürzer gibt sich einen rundum modernen Anstrich und hat das Logo in einer Grotesken (welche es ist, vermag ich nicht zu sagen). Die vier anderen, die stark für Tradition stehen, haben Schriftzüge in gebrochenen Schriften. Der Schlüssel verwendet dabei eine Fraktur, die drei anderen gebrochene Groteske.

Interessant, dass nach Besuch der Websites Kürzer für meine Begriffe von den fünfen am altbackensten (soll in dem Fall nicht heißen »am wenigsten gelungen«) wirkt. Die Wahl der Logo-Schrift, die brachialen schwarzen Blöcke und das schwarz-weiß-rote Layout gemahnen – im besten Fall – an die Neue Typografie der 1920er/1930er Jahre.

Dass hingegen auch zeitgenössisch auftretende Biere gebrochenen Schriften einsetzen, ist weithin akzeptiert; auch die Auswahl dieser fünf Marken scheint zu bestätigen, dass dieses Schriftgenre per se keinen Einfluss auf den Eindruck von Modernität hat.

In die Markenwirkung spielt natürlich noch vieles andere mit hinein. Die Kampagnenkonzepte der Füchschen-Brauerei kann man inhaltlich und qualitativ bewerten, wie man will – »traditionell« würde sie niemand nennen.

  • Ersteller
Am 2.9.2025 um 13:38 schrieb D2C:

In die Markenwirkung spielt natürlich noch vieles andere mit hinein. Die Kampagnenkonzepte der Füchschen-Brauerei kann man inhaltlich und qualitativ bewerten, wie man will – »traditionell« würde sie niemand nennen.

Das ist richtig. Aber trotzdem berufen sich die vier auf ihre Tradition. Kürzer setzt sich im Auftritt auf der Website klar davon ab. Das meinte ich.

Nochmal eine Grundsatzfrage zu den Gebrochenen - wiederum wirklich nur aus Interesse. Ich las gerade den Wiki-Eintrag zur Ehmke-Antiqua. Dort steht, dass ein Argument für gebrochene Schriften während des Antiqua-Frakturstreits die bessere Lesbarkeit der Gebrochenen gewesen ist. Ich bin vielleicht zu sehr an Antiqua gewöhnt, deswegen die Frage: An welchen Punkten macht sich fest, dass gebrochene Schriften besser lesbar sind? Ich finde, dass ein wesentlicher Charme der Antiqua die deutlich minimalistischere und klarere Zeichengestaltung ist. Natürlich gibt es Serifen, aber die treten doch verglichen mit den »Verzierungen« der gebrochenen Buchstaben sehr in den Hintergrund, finde ich.

vor 9 Stunden schrieb gyps_ruepelli:

An welchen Punkten macht sich fest, dass gebrochene Schriften besser lesbar sind?

Sie sind es nicht. Es war ein recht politischer Streit und da wurde von beiden Seiten viel behauptet, bis hin zu Augenschäden für die armen Kinder, wenn sie die vermeintlich zu einfache bzw. vermeintlich zu komplexe Schrift lesen müssen. Letztlich wurden einfach sämtliche definierbare Unterschiede jeweils als Argument für das eigene Lager angeführt. 

  • Ersteller
vor 15 Stunden schrieb Ralf Herrmann:

Sie sind es nicht.

Mich beruhigt, dass ein Experte das auch so sieht. Wir haben hier ja hinreichend diskutiert, dass die Gebrochenen ihre Berechtigung und ihre »ökologischen Nischen« haben, aber besser lesbar als Antiqua finde ich sie überhaupt nicht.

  • 2 Monate später...
Am 30.8.2025 um 17:29 schrieb gyps_ruepelli:

Ich glaube, ich fasse jetzt hier ein sehr heißes Eisen an

Wieso „heißes Eisen“? – Klar, ich weiß, was gemeint ist damit; aber Schrift sollte man nicht ideologisieren. Abgesehen davon: Sollte jemand aus dem rechten Spektrum sich der Frakturschrift bedienen, kann man meist zu 95 % an dem, wie der Text gesetzt ist, erkennen, ob die Autor:in aus dem rechten Spektrum kommt. 

Bei mir verläßt so gut wie alles in Druckform in Frakturschrift das Haus – ganz einfach, weil sie mir gefällt.

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