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Biblia Sacra. Das Buch der Bücher.

Martin Z. Schröder

Der Verlag sagt: 180 Exemplare des bedeutendsten Buchs des Abenlandes – Illuminierte Handschriften des Mittelalters, eine der ersten Blockbuch-Ausgaben der Biblia Pauperum, Inkunabeln, darunter zwei komplette Pergamentexemplare der 48zeiligen Bibel von Fust & Schöffer, Bibeln des 16. und 17. Jahrhunderts mit Holzschnitten und Kupferstichen, Prachtausgaben des 18. und 19. Jahrhunderts, monumentale Ausgaben des 20. Jahrhunderts.

Rezension

Das Buch des Buches der Bücher

Der Antiquar Heribert Tenschert präsentiert in einem üppigen Katalog hinreißende Bibeldrucke aus sechs Jahrhunderten

von Martin Z. Schröder

Vom Antiquar Heribert Tenschert in Ramsen am Rhein ist erneut eine Sensation zu berichten. Nein, es ist noch nicht ganz so weit, daß er die weltweit größte Sammlung von Stundenbüchern besitzt, diese illustrierten Gebetsbücher für die private Andacht von Laien, welche Auszüge aus dem kirchlichen Meßbuch für verschiedene Tageszeiten enthalten. Die große Sammlung Tenscherts, größer als die der British Library, aber noch nicht so groß wie die der Bibliothèque nationale de France, wurde vor einiger Zeit in der Berliner Staatsbibliothek gezeigt, danach in Paris, München, Zürich, Genf und Cambridge. Nein, diesmal keine Stundenbücher.

Der Katalog, der jetzt aus Tenscherts Domizil, der Bibermühle, kommt, kündet von der Sensation des Privatbesitzes von zwei Fust-Schöffer-Bibeln. Johann Fust war der Geldgeber Gutenbergs, der, nachdem er Gutenberg erfolgreich verklagt hatte, mit dem Kalligraphen und Mitarbeiter Gutenbergs, Peter Schöffer, die Offizin Fust & Schöffer gründete. Das letzte Mal, daß zwei Exemplare der B 48, wie man die 48zeiligen Fust-Schöffer-Bibeln nennt, auf Pergament zusammen angeboten wurden, war 1769 im Katalog von Louis Jean Gaignat. Der hatte allerdings nur ein illuminiertes. Zwei illuminierte auf Pergament hat es noch nie in Privatbesitz gegeben! Im Jahr 1462 wurden sie als Luxusprodukte gedruckt, und jeder Käufer der Druckbogen ließ sie sich vom Illuminator seiner Wahl ausmalen und von einem Buchbinder je nach Wertschätzung des Werkes und Geldvermögen binden. Eines der beiden doppelbändigen Exemplare wurde vom als „Fust-Meister“ bekannten Künstler illuminiert und sehr viel später in violette quergenarbte Maroquinbände der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebunden, welche mit dem Wappen des Earl of Carysfort versehen sind. Es ist mit 4 Millionen Euro das teurere der beiden. Das zweite Exemplar dieses Buchpaares wurde wahrscheinlich von drei verschiedenen Malern in einem norditalienischen Atelier illuminiert. Auch dieses Buch wurde mehrmals neu gebunden, zuletzt im 18. Jahrhundert unter Beibehaltung der alten Holzdeckel und Messingbeschläge.

Großartig an diesem Katalog sind die hervorragenden Fotos. Hier wurde nicht einfach gescannt, sondern speziell die Hüllen der Bücher aus Pergament und Leder, immer geschmückt, oft reich vergoldet, wurden so sorgfältig ausgeleuchtet, daß auch die herrlichen Blindprägungen in tiefschwarzem Leder deutlich zu sehen sind und man einen Eindruck bekommt von der überwältigenden Buchhandwerkskunst vergangener Jahrhunderte.

180 Exemplare des bedeutendsten Buches des Abendlandes bietet Tenschert zum Kauf an und zeigt und erläutert er in seinem wunderbaren Katalog: Bibeln des 16. und 17. Jahrhunderts mit Holzschnitten und Kupferstichen, Prachtausgaben des 18. und 19. Jahrhunderts und monumentale Ausgaben des 20. Jahrhunderts wie die drei Pergament-Exemplare des Psalters der Bremer Presse von 1929.

Heribert Tenschert erläutert jeden Artikel. Er beschreibt ausführlich die Ware, nur rein äußerlich, wie sich versteht, oft erklärt er die Herkunft der Bücher, und man kann daran sehr viel Freude haben, weil man die Begeisterung des kenntnisreichen Autors spürt, zum Beispiel wenn er am Ende der Beschreibung eines geschmiedeten orientalisierenden Lyonneser Flechtwerk-Silbereinbandes des 16. Jahrhunderts genau die Flecken und kleinen Löcher vom Rost der Nägel der Schließen aufzählt und schließlich kommentiert: „Insgesamt ein sehr schönes Exemplar in einem unerhörten Einband.“

Das wohl wichtigste Buch in diesem Katalog ist eine in Süddeutschland von in den Niederlanden geschnittenen Holzstöcken gedruckte Biblia Pauperum. Von diesem um 1464 gedruckten Blockbuch sind nur drei Exemplare bekannt, eines in Privathand. Tenscherts Anmerkung: „Es ist mit Sicherheit das schönste Exemplar einer Biblia Pauperum auf dem Markt seit fast 100 Jahren.“ Den Seltenheitswert dieses Buches erkennt der Laie nicht so rasch, denn es ist nur mit einer bräunlichen Tinte auf Wasserbasis abgerieben worden und nicht bunt ausgemalt.

Einige Bücher sind aber für jedermann sofort als ganz köstliche zu erkennen, vor allem die herrlichen, meist reich vergoldeten, gelegentlich mit farbigen Intarsien versehenen Lederbände, beispielsweise die von Christophe Plantin in Antwerpen gedruckte Bibel von 1583 in dem wohl größten bekannten Einband à la fanfare eine kunstvolle französische Bindung des späten sechzehnten Jahrhunderts. Auf einer Höhe von 44 Zentimeter und einer Breite von 30 sind in rotes, reichlich mit filigranen Ranken vergoldetes Maroquin feine schwarze Lederornamente als Intarsien eingefügt worden, dazu kommt eine ganz zarte graue Wachsfarbenmalerei. Es ist wirklich himmlisch, zumal wenn man sich vorstellt, wie weich sich dieses Leder in die Hand schmiegt.

Man wird fast traurig angesichts der meist lieblos gemachten Papierbündel, die heute in unseren Buchläden stehen. Heribert Tenschert hat den Haupttitel seines Buches außergewöhnlich auszustatten versucht, man könnte aber auch in seinem Buch die zahlreichen handwerklichen Fehler kritisieren. Unter typographischen Gesichtspunkten ist es eine Beleidigung: rote halbfette kursive Renaissance-Antiqua. Vor allem sieht man die Schwächen im Kontrast zu den abgebildeten Polyglotten- Bibeln, in denen bis zu acht Sprachen bebildert auf einer Seite zu stehen kommen und jede der Schriften mehr oder weniger eine Meisterleistung ist und auch der Satzspiegel den Kunstregeln entspricht.

Eine der schönsten Polyglotten ist die 1571 von Plantin gedruckte, deren interessante, den Geschäftsbüchern und Korrespondenzen des Druckers entnommene Geschichte Tenschert erklärt. Diese Bibel mit dem hebräischen Originaltext, einem syrischen, einer lateinischen Übersetzung des syrischen Textes, der lateinischen Vulgata und mit griechischem Text wurde unter der Schirmherrschaft des spanischen Königs Philipp II. produziert. Dieser hatte erst sechs Pergament-Exemplare bestellt, erhöhte dann aber auf dreizehn, wofür der Drucker 16.263 Kalbshäute beschaffen mußte. Heute sind noch vier oder fünf Pergamentexemplare bekannt; sie gehören dem Escorial in der Provinz Madrid, der British Library in London, der Biblioteca Nazionale in Turin, dem Vatikan in Rom, ein fünftes wird aus Salamanca gemeldet, die anderen gelten als verschollen. Und das von Tenschert ist für 225.000 Euro zu haben, wenn es nicht schon verkauft ist.

Martin Walser führt in seinem begeisternden Vorwort zum Katalog die Bibeln der Tenschert-Sammlung zu einem Stoff zusammen, aus dem sich europäische Romane schneidern ließen über weltliche Herrscher, geistliche Oberhäupter, über fromme und vermögende Vorbesitzer von Luxus-Bibeln und die Handwerker, die mit allen in enger Beziehung standen. Walser nennt diesen schönen Bibel-Katalog „das Buch des Buches der Bücher.“

(Originalmanuskript aus der Bibliothek von www.druckerey.de, Erstdruck in der Süddeutschen Zeitung am 22. 11. 2004)


Untertitel: Die Bibel vom 13. bis zum 20. Jahrhundert in ausgewählten Exemplaren

Autor(en): Heribert Tenschert. Vorwort von Martin Walser

veröffentlicht: 2004

Verlag: Antiquariat Bibermühle AG

Sprache: , deutsch, englisch,

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