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  • Neue Typografie-Artikel

    Neuigkeiten und Fachwissen aus der Welt der Typografie
    Für Einsteiger: Sonderzeichen an Apple-Geräten eingeben
    Die Tastaturbelegung von Computern basiert auch heute noch auf dem beschränkten Layout von Schreibmaschinen und Telegrafie-Geräten, die nie für den Satz typografisch ansprechender Texte gedacht waren. So sind zum Beispiel Apostroph und Anführungszeichnen nach wie vor nicht in der aufgedruckten Belegung einer Computertastatur zu finden. Wer Texte typografisch korrekt und ansprechend setzen will, muss also andere Wege finden, als lediglich Tasten direkt oder unter Zuhilfenahme der Umschalttaste zu drücken. Dieser Artikel gibt Ein- und Umsteigern einen Überblick über alle entsprechenden Möglichkeiten an Apple-Geräten. Der Begriff »Sonderzeichen« im Titel ist dabei bewusst weit gefasst und meint alle Zeichen, die nicht direkt auf einer Tastatur sichtbar sind. 
    1.) Tastaturkürzel der zusätzlichen Tastaturbelegungsebenen lernen
    Frühe Computersysteme waren oft auf den ASCII-Standard mit nur 128 Zeichen (7 Bit) beschränkt. Heute können wir mit Unicode in einem Dokument auf über 100.000 Zeichen gleichzeitig zugreifen. Zwischen diesen beiden Systemen liegt die Phase der 8-Bit-Zeichensätze, die in den 1980er-Jahren dominant war, als Computer erstmals weltweit Büros sowie Wohn- und Kinderzimmer eroberten. Dies ist heute insofern noch relevant, da diese 8-Bit-Zeichenkodierungen bis heute direkt über die Tastatur ansprechbar sind. Unter Windows gibt es dazu die vierstelligen »ALT-Codes«. Unter Mac OS wurden alle Zeichen auf vier Tastaturebenen verteilt:
    direkter Tastenanschlag einer alphanumerischen Taste Umschalttaste (⇧) + alphanumerische Taste Wahltaste (⎇) + alphanumerische Taste Umschalttaste (⇧) + Wahltaste (⎇) + alphanumerische Taste Die Belegung ist abhängig von der eingestellten Sprache und lässt sich über das Hilfsprogramm »Tastaturübersicht« anzeigen. Man kann sich letzteres zum leichteren Zugriff in die Menüleiste legen:
    Systemsteuerung öffnen »Tastatur« wählen Reiter »Eingabequellen« öffnen Einen Haken bei »Eingabequellen in der Menüleiste anzeigen« setzen Ruft man die Tastaturübersicht dann über das Menu auf, zeigt sich folgendes Fenster:

    Beim Betätigen der Umschalttaste, Wahltaste oder beider Tasten zusammen wird die Belegung der zusätzlichen Tastaturebenen angezeigt. Insbesondere die Kürzel für Interpunktionszeichen sollten professionelle Schriftanwender auswendig können und über die Tastaturübersicht lassen sie sich leicht lernen. Das Programm lässt sich übrigens auch minimieren, so dass es als kleines schwebendes Fenster ständig leicht erreichbar bleibt. 



     Bei den orange markierten Tasten handelt es sich um sogenannte Tottasten, die diakritische Zeichen (zum Beispiel Akzente) mit Grundbuchstaben kombinieren, sofern das entsprechende Zeichen in der Zeichenbelegung vorhanden ist. Die Eingabe beginnt hierbei mit der Tottaste und im Anschluss wartet das System auf das Eintippen eines passenden Grundbuchstabens. 

    2.) Sonderzeichen durch »Drücken und Halten« ansprechen
    Als Alternative zu Tastaturkürzeln können Sonderzeichen unter Mac OS, iOS und iPad OS auch durch eine Drücken-und-Halten-Funktion angesprochen werden. Damit lassen sich insbesondere Buchstaben mit diakritische Zeichen ansprechen. Drückt man beispielsweise die Taste »a« bei einer westeuropäischen Zeichenbelegung werden die Optionen ä, à, á, â, æ, ã, å und ā angezeigt. Die Auswahl erfolgt durch das Tippen der Zahl unter dem gewünschten Buchstaben. 

    Zu beachten ist, dass der Zeichenumfang bei dieser Methode auch nicht größer ist, als bei oben erklärten Tastaturkürzeln. Eine westeuropäische Belegung zeigt entsprechend zum Beispiel französische und skandinavische Akzentbuchstaben, nicht aber osteuropäische. 
    Außerdem ist die Umsetzung unter Mac OS und iOS/iPad OS unterschiedlich. Unter Mac OS lassen sich nur Buchstaben ansprechen. In den mobilen Betriebssystemen von Apple können auch Interpunktionszeichen, Währungszeichen usw. angesprochen werden. Dies ist hier auch nötig, da die virtuelle Tastatur über noch weniger »Tasten« verfügt. 
    Leider muss man bei einigen Zeichen wirklich sehr genau hinschauen, da bei Apples aktuellem Systemfont etwa die Unterscheidbarkeit von zum Beispiel Anführungszeichen nicht sonderlich ausgeprägt ist. 

    Über ‘Drücken und Halten’ lassen sich unter iOS Währungszeichen, Anführungszeichen, Apostroph usw. ansprechen
    3.) Die Zeichenübersicht benutzen
    Mac OS kommt von Hause aus mit einer hervorragenden, systemweit nutzbaren Zeichenpalette. Sie ist jederzeit über das Tastaturkürzel Control + Befehl (⌘) + Leertaste aufrufbar. Wurden (wie unter Punkt 1 erklärt) die Eingabequellen in der Menüleiste aktiviert, ist die Zeichenübersicht alternativ auch über die Menüleiste ansprechbar. 
    Die Zeichenübersicht kann in einer einfachen und einer erweiterten Ansicht benutzt werden. Die Umschaltung erfolgt durch einen Klick auf das Icon in der rechten oberen Ecke. 

    In der erweiterten Ansicht kann man die gelisteten Kategorien nach eigenem Bedarf selbst konfigurieren und damit letztlich auf den gesamten Unicode-Bestand kodierter Zeichen zugreifen. Über das Suchfeld kann auch nach Zeichen gesucht werden. So können mit Stichwörtern Emoji gefunden werden und auch die Eingabe von Unicode-Werten ist möglich. Das große Eszett ist so zum Beispiel über die Suche nach »1E9E« aufzufinden. 
    Hat man ein Zeichen ausgewählt, wird in der rechten Seitenleiste angezeigt, welche installierten Fonts dieses Zeichen unterstützen und wie das Zeichen in diesen Fonts aussieht. Gerade bei selten unterstützten Zeichen eine enorm hilfreiche Funktion!
    Hat man das gewünschte Zeichen gefunden und in der aktiven Anwendung ein Textfeld offen, reicht ein Doppelklick, um das Zeichen in die aktuelle Anwendung einzufügen. Alternativ kann das Zeichen auch direkt aus der Zeichenübersicht herausgezogen werden. 

    In den mobilen Betriebssystemen von Apple ist die Zeichenübersicht zwar ebenfalls enthalten, allerdings auf Emoji beschränkt. 
    4.) Textersetzung für Sonderzeichen benutzen
    Apple hat seine Betriebssyteme mit einer Textersetzungsfunktion ausgestattet, die eigentlich vornehmlich für Phrasen gedacht ist. So kann zum Beispiel die Eingabe von »MFG« automatisch in »mit freundlichen Grüßen« umgewandelt werden. Doch die Funktion eignet sich auch hervorragend, um regelmäßig benutzte Sonderzeichen durch bloßes Tippen und damit schnell und auf einfache Weise anzusprechen. 
    Auch synchronisiert Apple die Textersetzungen automatisch über einen iCloud-Account. So stehen einem Mac-Nutzer die unter Mac OS konfigurierten Ersetzungen auch automatisch auf dem eigenen iPhone oder iPad zur Verfügung. 
    Hier werden die Textersetzungen unter Mac OS konfiguriert:
    Systemeinstellungen öffnen »Tastatur« wählen Zum Reiter »Text« wechseln Unter iOS erfolgt die Konfiguration unter: 
    Einstellungen → Allgemein → Tastatur → Textersetzung

    Wie in obigem Beispiel zu sehen, empfiehlt es sich, einen eigenen Präfix zu wählen, den man den eigenen Codes voranstellt. Damit kann man sicherstellen, dass die Ersetzungen nicht ungewollt erfolgen. 
     
    Eine detaillierte Vorstellung der Funktion gibt es auch in diesem YouTube-Video. 
     
    Buchvorstellung: Schrifttypen, Verstehen Kombinieren
    Im Schweizer Birkhäuser Verlag ist ein umfangreiches Buch zum Thema Schriftmischung erschienen. Der Autor Philipp Stamm ist gelernter Schriftsetzer und Professor für Schriftgestaltung, Typografie, Corporate Design an der Fachhochschule Nordwestschweiz. 
    Aus dem Klappentext: »Dieses Handbuch zeigt, dass sich für das Mischen von Schriften Kriterien bestimmen lassen. Es vermittelt durch das detaillierte Betrachten der Schriftgestalt und eine erneuerte Schriftklassifikation ein vertieftes Verständnis für die Vielfalt an Schriftformen und erarbeitet durch die systematische Analyse von Analogie und Kontrast die dringend benötigten Erkenntnisse zum Kombinieren von Schriften. Ein unverzichtbares Standardwerk für Typografen und Grafikdesigner.« 
     


     
    Bevor das 360-seitige Buch die Kriterien der Schriftmischung tatsächlich angeht, stehen ganze fünf Kapital Einführung mit Grundlagen und Begriffserklärungen.
    »Historische Betrachtungen« mit einem Abriss zum Schrifteinsatz mit besonderem Hinblick auf Schriftmischungen »Grundformen | Maßsyteme« mit Begriffserklärungen wie Geviert, Laufweite, Schriftgröße usw.  Satzschriftklassifikationen einschließlich eines eigenen Systems und »Schriftkonzepte«, d.h. Erklärungen zu Schriftfamilien bzw. digitalen Ausprägungen wie Variable Fonts  
    Die restlichen drei Kapital gehen dann die Schriftmischung direkt und ausführlich an. In Kapital sechs werden auf knapp 50 Seiten die möglichen Kriterien der Schriftgestaltung bis ins kleinste Detail hin ausgelotet. Dies ist in dieser Ausprägung wohl einzigartig. Strichstärke, Kontrast, Schriftlage, Duktus, Kehlung, Effekte, Füllungen, Farbe und so weiter. Vierzehn Gestaltmerkmale (zuzüglich Untergruppen) werden hier behandelt. 


    In Kapitel sieben folgt dann eine konkrete und praxisnahe Anleitung zur Anwendung der vorgenannten Kriterien bei der Schriftwahl. Den Abschluss des Buches bilden über 100 Seiten mit Schriftmischungs-Beispielen. 
     



     
    Fazit: Nach Jahren des Rezensieren von Typografie-Büchern freue mich über jedes Buch, das tatsächliche eine eigene Nische besetzt und nicht nur die fachüblichen Lehre neu verpackt. Das vorliegende geht mit dem Thema Schriftmischung ein eigenes Thema an und tut dies auch auf eine ungemein detailreiche Weise. Das Werk gibt sich dabei in jeder Hinsicht als schnörkelloses, echtes Fachbuch. Text und Gestaltung versuchen gar nicht erst, Laien und Quereinsteiger mit bunten Bildern und möglichst einfachen Texten abzuholen. Das Buch eignet sich für Fachleute und jene, die es werden wollen. 
    Daten zum Buch:
     Schrifttypen, Verstehen Kombinieren. Schriftmischung als Reiz der Typografie Autor: Philipp Stamm veröffentlicht: 2020 Verlag: Birkhäuser Sprache: deutsch Seiten: 360 ISBN: 9783035611137 Preis: 49,95 € Art: Hardcover bei Amazon aufrufen (Partnerlink)
    Jetzt auf Kickstarter: Deutschmeister Revival & Color Font Project
    Nach der erfolgreichen Kampagne zur Digitalisierung der Wiking-Schrift im letzten Jahr, folgt nun ein noch ambitionierteres Projekt. Dieses Mal geht es um die Deutschmeister-Schriftfamilie.

    Ursprünglich 1927 in einem einzelnen fetten Schnitt erschienen, kamen in den 1930er-Jahren drei weiter gotische Schnitte (mager, halbfett, schmalhalbfett) hinzu. Über eine Kickstarter-Kampagne soll nun der Entwurf von 1927 und der schmalfette Schnitt von 1934 bestmöglich digitalisiert und ausgebaut werden. Bei erfolgreicher Kickstarter-Finanzierung bis 22. März 2021 können die hochwertigen Digitalisierungen dabei gänzlich kostenfrei unter der Open Font License angeboten werden. 

     
    Die beiden Schnitte werden von den Original-Lettern der Schriftgießerei in Blei bzw. Holz digitalisiert. Der Zeichenumfang wird mindestens auf eine komplette westeuropäische Belegung erweitert. Und wie bei früheren Digitalisierungen von gebrochenen Schriften durch FDI Type würde es auch für die »FDI Deutschmeister« alternative Glyphen für alle Buchstaben geben, deren Skelett zu stark von den Antiqua-Lesekonventionen abweicht. Anwender der Schriften haben dann die Wahl, ob sie die Schrift mit den originalgetreuen historischen Formen und mit klassischen Fraktursatzregeln (einschließlich langem s und Fraktursatz-Ligaturen) setzen oder bestmöglich lesbar für ein größeres oder gar internationales Publikum. 


    Entstehen sollen also letztlich vier Schnitte im OpenType-Format, die alle unter der liberalen OFL-Lizenz für jegliche Zwecke kostenlos einsetzbar wären. 
     Deutschmeister Fraktur A – das Design von 1927  Deutschmeister Fraktur B  – das Design von 1927 in einer modernisierten Version  Deutschmeister Gotisch A  – das Design des schmalfetten Schnitts von 1934  Deutschmeister Gotisch B  – das Design des schmalfetten Schnitts von 1934 in einer modernisierten Version
     
    Doch das Projekt beinhaltet sogar noch mehr als die vier gerade genannten Schnitte. In den letzten Jahren hat die Entwicklung von farbigen Fonts wieder an Fahrt aufgenommen. Neben Entwicklungen von Apple und Microsoft, die insbesondere zur Darstellung von Emoji genutzt werden, gibt es mit OpenType-SVG mittlerweile auch eine standardisierte und herstellerübergreifend nutzbare Lösung, die in immer mehr Anwendungen unterstützt wird – im Designbereich zum Beispiel in den entsprechenden Anwendungen von Adobe, in QuarkXPress, Sketch und Affinity Designer. OpenType-SVG-Schriften können dabei sowohl Vektor- und Bitmap-Darstellungen enthalten. 

    Diese neue Technik soll auch für das hier besprochene Projekt Anwendung finden. Die Blei- und Holzlettern der oben gezeigten Schriften sollen als fotografische Repräsentation in zwei OpenType-Fonts nutzbar gemacht werden, sodass man am Computer mit ihnen arbeiten kann, als hätte man Zugriff auf die Originallettern. Mehrfach vorhandene Buchstaben werden dabei auch mehrfach digitalisiert, sodass die entstehende digitale Darstellung ganz nah an einem echten Buchdruck-Layout ist. 

    Die Kampagne zum Digitalisierungsprojekt der Deutschmeister-Schriften läuft noch bis zum 22. März 2021 auf Kickstarter. Nur wenn die gesamte Finanzierungssumme erreicht wird, werden die Förderer entsprechend belastet und das Projekt umgesetzt. 
    Projekt bei Kickstarter aufrufen
    Buchvorstellung: Der erste Eindruck zählt! Das Handwerk der Typografie verstehen und anwenden
    Im Verlag Hermann Schmidt ist 2020 ein weiteres Typografie-Einsteigerbuch erschienen. In »Der erste Eindruck zählt!« führt Sabrina Öttl auf 160 Seiten in die Grundlagen des Gestaltens mit Schrift ein. Die Autorin möchte mit dem Buch »Interesse wecken, erste Fragen beantworten, weitere aufwerfen und Ihnen zeigen, wie vielseitig und wirkungsvoll Sie mit Typografie kommunizieren können«. Öttl arbeitet als angestellte Designerin mit den Schwerpunkten Typografie und Editorial Design in Egg in Österreich. Ihre Bachelorarbeit »Ansichtssache – über Lesbarkeit und Details in der Typografie« beeindruckte den Verlag Hermann Schmidt und führte zur Idee des hier besprochenen Buches, an dem die Autorin vier Jahre gearbeitet hat. 

    Das Buch gliedert sich folgendermaßen:
    Vorwort Einleitung Definition: Wie Schrift unseren Alltag begleitet Charakter: Wie Schrift unterschiedlich wirken kann Lesen: Wie Schrift verarbeitet und gelesen wird Schriftqualität: Wie Schrift gestaltet und ausgewählt wird Satzqualität: Wie Schrift sorgfältig gesetzt wird Gestaltung: Wie Weißraum strukturiert wird Anhang Typografische Merkhilfe Typografische Shortcuts Literaturverzeichnis Es geht also im Schnelldurchlauf einmal durch das gesamte Feld der Typografie. Leserlichkeit und Lesbarkeit, Schriftmerkmale, Mikrotypografie und Satzregeln, Makrotypografie (Print und Digital). Die wesentlichen Aspekte typografischen Arbeitens werden überblicksartig dargestellt. Wie man auf den Abbildungen sehen kann, verzichtet das Buch dabei übrigens gänzlich auf fotografische Darstellungen. 

    Fazit: »Der erste Eindruck zählt!« geht inhaltlich oder didaktisch keine neuen Wege und füllt damit auf dem deutschen Buchmarkt auch nicht unbedingt eine Lücke. Es handelt sich vielmehr um ein weiteres solides Fachbuch, mit dem vor allem Berufseinsteiger in Ausbildung oder Studium im Bereich Grafikdesign nicht viel falsch machen können. Dazu trägt auch der günstige Preis von 20 Euro bei. 

    Daten zum Buch:
    Titel: Der erste Eindruck zählt! Das Handwerk der Typografie verstehen und anwenden Autor: Sabrina Öttl Verlag: Hermann Schmidt Mainz Erschienen: 1. Oktober 2020 Umfang: 160 Seiten Format: 17,2 × 24,5 cm Art: Fadengeheftete Broschur ISBN: 9783874399081 Bei Amazon aufrufen (Partner-Link)
    Einblicke in die Schriftgießerei Genzsch & Heyse
    Die Hamburger Schriftgießerei Genzsch & Heyse wird 1833 durch Johann August Genzsch gegründet. Nachdem der Drucker Johann Georg Heyse als Teilhaber eintritt firmiert man als Genzsch & Heyse und wirkt circa 100 Jahre lang als eigenständige Schriftgießerei. 1930 wird die Mehrheit der Aktien durch die Bauersche Gießerei, die H. Berthold AG und die D. Stempel AG übernommen. Die Gießerei bleibt jedoch noch bis 1963 bestehen und ein Teil der Schriften wird nach der Liquidation von Trennert und den vorgenannten Gießereien weiter vertrieben. Zum 75. Jubiläum Anfang des 20. Jahrhunderts entstehen verschiedene Drucksachen – etwa das Buch »Erinnerungen« (1908) aus dem die folgenden Fotografien einschließlich der Original-Bildunterschriften stammen. 

    Stempelschneider und Graveure

    Gießereigebäude Richardstraße 45 mit Wohnhaus des Inhabers (1871)

    Kontorzimmer des Chefs

    Großer Gießersaal

    Geschäftskontor

    Packraum und Expedition

    Lager. Anbau aus dem Jahr 1899

    Abteilung für Fräsen, Unterschneiden usw.

    Graviermaschinen-Abteilung

    Presse zum Einprägen der Stempel — Laboratorium

    Justiersaal und Matrizen-Werkstätte

    Klischee-Galvanoplastik

    Bäderraum der Klischee-Galvanoplastik

    Maschinenbau-Werkstätte

    Haus-Buchdruckerei
    Für Einsteiger: Wie man Schriften mischt
    In einem früheren Artikel haben wir uns bereits ausführlich mit der Auswahl von Schriften beschäftigt. Nun soll es – darauf aufbauend – um die Mischung von Schriftarten gehen. Wie viele Schriften sollte man mischen? Wie findet man gut funktionierende Mischungen und was sollte beim Satz unterschiedlicher Schriftarten beachten werden?
    Soll man Schriften überhaupt mischen?
    Schriftmischungen sind heute weit verbreitet. Fachbücher, Wurfzettel, Plakate, Websites, Werbetafeln usw. – mit der Fülle heute digital verfügbarer Schriften muss man nicht zwingend sparsam mit den visuellen Ausdrucksmöglichkeiten umgehen. Dennoch sollte man nicht mit dem bloßen Argument der Üblichkeit Schriften mischen. In der Anfangszeit der Buchdruckerkunst reichte dem Schriftsetzer für viele Drucksachen oft nur ein einziger Schriftschnitt in ein oder zwei Größen. Und man kam nicht nur ohne verschiedene Schriftstile aus – selbst die Auszeichnung von Texten durch Schnitte einer Schriftfamilie war noch nicht etabliert. Dennoch ließen sich Texte problemlos visuell gliedern oder bestimmte Passagen hervorheben – etwa durch unterschiedliche Schriftgrößen, Weißräume zwischen Zeichen und Zeilen oder den Einsatz von Farbe. All diese Mittel stehen uns auch heute noch zur Verfügung und sind sogar noch leichter einzusetzen. Bevor man vorschnell zu Schriftmischungen greift, kann man diese Möglichkeiten ebenfalls in Betracht ziehen. 
    Über den Zweck Klarheit erlangen
    Schriftmischung ist also kein Selbstzweck. Sie kann insbesondere funktionale und/oder ästhetische Gründe haben. Funktionale Schriftmischung dient vor allem der Gliederung von Texten und der Hervorhebung von relevanten Stellen. In Fachbüchern und Lexika sollen Überschriften oder gar einzelne Textstellen (z.B. Verweise) oft möglichst schnell auffindbar sein. Schriftmischungen können hier helfen.

    Funktionale Schriftmischung im Rechtschreibduden
     
    Magazinen wiederum verleihen ausdrucksstarke Schaugrößenschriften ein unverwechselbares und grafisch interessantes Aussehen, während sich die Fließtexte in der gleichen Drucksache in einer traditionellen Antiqua lesefreundlich zeigen können. Die Schriftmischung ist also auch hier gerechtfertigt, da sie es erlaubt, dass die unterschiedlichen Schriften ihre Stärken in der jeweiligen Anwendung voll ausspielen können. 

     
    Wie viele Schriften sollte man mischen?
    Zu viele Schriften zu mischen ist ein typischer Anfängerfehler. Eine bekannte Faustregel in unserer Branche lautet deshalb, dass man nicht mehr als zwei oder drei Schriftarten mischen sollte. Man darf dies jedoch wirklich als Faustregel verstehen, nicht als Dogma. Eine Gestaltung mit mehr als zwei oder drei Schriftarten ist nicht automatisch eine typografische Sünde. Entscheidend ist letztlich der Zweck der Mischung. Oft gibt es schlicht keinen plausiblen Grund für viele Schriften innerhalb einer Gestaltung. Umso mehr Schriften wir mischen, umso mehr treten die einzelnen Schriften miteinander in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des Lesers. Es kann dadurch ein unruhiges Gesamtbild entstehen, das der leichten Aufnahme der Texte abträglich ist. Ist bestmögliche Lesbarkeit das Ziel, sollte man sich mit Schriftmischungen also eher zurückhalten. In anderen Fällen mag einer spielerischer oder expressiver Umgang mit Schrift aber Vorrang vor bestmöglicher Lesbarkeit haben. Es kommt also immer auf das konkrete Projekt an. 
    Nach diesen einführenden Bemerkungen folgen nun drei wesentliche Strategien zur Schriftmischung. 
    In der Familie bleiben
    Bleibt man bei der Schriftmischung innerhalb von Schriftfamilien, kann man fast nichts falsch machen. Die Schriftschnitte einer Familie sind stets perfekt auf den gemeinsamen Einsatz abgestimmt. Die Fließtexte in »regular«, Überschriften in »fett«, Zitate in »kursiv« usw. – all dies funktioniert fast automatisch. Auch sind heute immer mehr Schriftsippen verfügbar, die Schriften verschiedene Schriftklassifikationen in einer Großfamilie zusammenführen und dem Nutzer damit selbst für komplexe Gestaltungsaufgaben eine große Palette an Möglichkeiten zur Verfügung stellen. Und Schriften mit optischen Größen sorgen dafür, dass auch die Anwendungsgröße der Schrift berücksichtigt wird. 

    Beispiel einer Schriftsippe: Questa Grande, Questa Sans, Questa (Serif)
     
    Kontrast erzeugen
    Werden komplett unabhängige Schriften gemischt, empfiehlt es sich, auf einen hinreichend großen Kontrast zu achten. Ähnliche Schriften aus der gleichen Hauptklassifikationskategorie (Antiqua, Grotesk, Schreibschrift, gebrochene Schrift etc.) vertragen sich schlecht. Eine Helvetica sollte man nicht mit der Frutiger mischen und eine Garamond nicht mit der Times New Roman. Erst wenn der Unterschied hinreichend groß ist, kann der Zweck der Schriftmischung wirksam zum Tragen kommen. So kann eine Groteskschrift statt mit einer anderen Groteskschrift besser mit einer Antiqua oder einer Schreibschrift kombiniert werden. Dieser Kontrast lässt sich weiter erhöhen, wenn sich auch die gewählten Schriftschnitte – zum Beispiel in Strichstärke, Neigung oder anderen Charaktereigenschaften – unterscheiden. 

    Beispiele für Kontrast: zarte Schreibschrift (LiebeKlara) + fette Grotesk (Grota) und fette Antiqua (Warnock Pro) mit magerer Slab-Serif (Graublau Slab Pro)
     
    Einen ähnlichen Duktus verwenden
    Schrift kommt vom Schreiben. Auch wenn Satzschriften (also »Fonts«) heute meist gezeichnete und nicht tatsächlich schreibbare Buchstabenbilder besitzen, steckt der typische Strichstärkenverlauf verschiedener Schreibwerkzeuge (Breitfeder, Spitzfeder, Redisfeder etc.) weiterhin in vielen Schriftentwürfen.  Diese Eigenschaft ist auch ein typisches und hilfreiches Klassifikationsmerkmal von Schriftarten. So unterscheiden man zum Beispiel im Zusammenhang mit der Schattenachse zwischen dynamisch-humanistischem und statisch-klassizistischem Formprinzip. Bei der Schriftmischung können wir uns dies zunutze machen. Schriften mit dem gleichen Formprinzip mischen sich leichter. 

    Die dynamische Adobe Garamond Pro harmoniert mit der FF Tisa Sans (oben), während sich die statische Bauer Bodoni gut mit der Montserrat verträgt (unten).
     
    Schriftmischung innerhalb von Zeilen
    Kommen unterschiedliche Fonts nur in unterschiedlichen Absätzen zum Einsatz, sind metrische Unterschiede zwischen den Fonts größtenteils irrelevant. Dagegen ist es ein großer Zufall, wenn unterschiedliche Schriften in der gleichen Schriftgröße in einer Zeile auf Anhieb harmonieren. In der Regel muss eine Schrift in der Größe der anderen angepasst werden. Bei gemischtem Satz ist hier die x-Höhe in der Regel das entscheidende Maß. Für Schriftmischungen innerhalb von Zeilen gelten die vorgenannten Empfehlungen zu Kontrast und Duktus in gleicher Weise bzw. sind gegebenenfalls sogar besonders relevant. 

    Nicht harmonierende Schriften (erste Zeile) lassen sich durch visuelles Angleichen der x-Höhe in einer Zeile kombinieren (zweite Zeile). Dritte Zeile: Verstärkter Kontrast durch Hintergrundfarbe auf x-Höhe.
     
    Buchvorstellung: Das ABC der Typografie
    Mit dem ABC der Typografie erscheint im Rheinwerk Verlag ein weiteres Einsteigerbuch zum Thema Typografie. Auf knapp 400 farbigen Seiten erfolgt ein praxisnaher Rundumschlag zu allen Teilbereichen der Typografie. Die Kapitel gliedern sich folgendermaßen:
    Grundlagen der Typografie Layout und Satz Mikrotypografie Schrift im Kontext Digitale Typografie (Webfonts, E-Books etc.) Schriftgeschichte Eingestreut sind zudem Gastbeiträge anderer deutscher Autoren zu Spezialthemen wie inklusives Design,  Editorial Design, Lettering etc. 



    Eine Leseprobe einschließlich komplettem Inhaltsverzeichnis kann hier als PDF angeschaut werden.  



    Fazit: Das Buch spannt den Bogen sehr weit. Eigentlich könnte jedes Kapitel ein Buch für sich sein – man denke an Bücher wie Detailtypografie und Lesetypografie. Beim ABC der Typografie bekommt man als Leser also sehr viel fürs Geld. Das Buch gibt sich dabei betont sachlich und fachlich. Es gibt keine unterhaltsamen Texte oder Bilderfluten, die Laien erst einmal anschaulich erklären müssten, was Typografie überhaupt ist und kann. Stattdessen werden Grundlagen und Praxis nüchtern und recht umfangreich erklärt.
    Die technisch-praktische Umsetzung wird im Gegensatz zu vielen anderen Einsteiger-Büchern dabei nicht ausgespart, sondern am Beispiel von InDesign erklärt. Dies schränkt den Anwendungsbereiches des Buches ein, liefert damit aber auch ein positives Alleinstellungsmerkmal des Buches. Wer, zum Beispiel als angehender Grafikdesigner, gerade in die Nutzung von InDesign einsteigt und auch im Bereich Typografie noch zu den Anfängern zählt, ist mit diesem Buch gut bedient. Wer mit anderen Anwendungen arbeiten will, wird den Erklärungen zu InDesigns Absatzsetzer, optischem Kerning, Textvariablen, GREP-Einstellungen usw. aber natürlich wenig abgewinnen können. 



    Auch aktuelle Entwicklungen wie variable Fonts, Webfonts, responsives Webdesign usw. werden zumindest überblicksartig erklärt. Mythen wie »TrueType = TTF und OpenType = OTF« werden wie in fast jedem Buch leider wieder einmal falsch erklärt, aber solche Details sollen den Wert des Buches nicht grundsätzlich schmälern. In der Summe handelt es sich um ein solides und erfreulich umfangreiches Typografie-Einsteigerbuch – insbesondere für InDesign-Anwender.   
    Autoren: Natalie Gaspar, Patrick Marc Sommer veröffentlicht: 2020 Verlag: Rheinwerk Design Sprache: deutsch Seiten: 399 ISBN: 9783836261661 bei Amazon aufrufen (Partnerlink)  
<p>Elfen-Fraktur – eine außergewöhnliche Schnurzug-Fraktur</p>
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