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Adrian Frutiger Schriften

Martin Z. Schröder

»Das internationale Schriftschaffen nach 1950 wurde massgeblich geprägt vom Schweizer Adrian Frutiger. Sein Schriftprogramm Univers und die zum ISO-Standard erklärte maschinenlesbare Schrift OCR-B sind Meilensteine wie auch die zur Frutiger weiterentwickelte Schrift der Pariser Flughäfen ein Qualitätsstandard für Signalisationsschriften. Mit den Corporate Types prägte er Firmenauftritte wie jenen der japanischen Kosmetiklinie Shiseido. Insgesamt entstanden rund 50 Schriften, darunter Ondine, Méridien, Avenir, Vectora.

Auf Gesprächen mit Frutiger basierend sowie auf umfangreichen Recherchen in Frankreich, England, Deutschland und der Schweiz zeichnet die Publikation den gestalterischen Werdegang des Schriftkünstlers exakt nach. Erstmals werden alle Schriften vom Entwurf bis zur Vermarktung abgebildet sowie mit Bezug zu Technik und zu artverwandten Schriften analysiert. Bisher unveröffentlichte, nicht realisierte Schriften sowie über 100 Logos vervollständigen das Bild.«

Rezension:

Wie mit dem Nagel festgehalten

Schriften in unserer Zeit: Ein großes, schweres, anregendes Buch über den Typographen Adrian Frutiger

von Martin Z. Schröder

Ist einem Schriftzeichner und seinem Beruf schon einmal eine derartige Aufmerksamkeit zuteil geworden? Es gibt eine recht kurze Reihe sehr schöner Bücher über Typografen und Schriftkünstler, etwa Ernst Schneidler, Jan Tschichold, Hermann Zapf; aber bislang gab es keines wie dieses über Adrian Frutiger, das Heidrun Osterer und Philipp Stamm herausgegeben haben. Es besteht nicht nur in einem Rückblick des Gebrauchsgrafikers und Schriftzeichners auf sein Lebenswerk, das uns täglich in Form seiner Schriften in Drucksachen und Ausschilderungen vor Augen steht, es ist nicht nur eine Sicht auf die schnellen weiten Sprünge der Drucktechnik vom Bleisatz zum Desktop Publishing binnen Jahrzehnten, nicht nur schriftgeschichtliche und -ästhetische Kritik, nicht bloß eine Sammlung von Schautafeln – es ist dies alles in einem! Und bildet so das umfassendste Werk über Schrift in unserer Zeit, das sich überhaupt denken läßt.

Nun hat es von der ersten Annäherung der Herausgeber an dieses über 2 Kilo schwere Werk, das man wegen seines Formates nur auf einem Tisch aufschlagen kann, zehn Jahre und etliche Reisen durch Schriftarchive und Bibliotheken in mehreren Ländern bis zur Veröffentlichung gebraucht, und ist für den Benutzer segensreich, daß sein 81jähriger Pate Adrian Frutiger bis zur Fertigstellung mitwirken konnte. Entstanden ist aus diesen Anstrengungen nicht nur eine enorme Arbeitsbiografie, auch die Bedeutung der Schrift an sich wird deutlich: Mit der Ausbreitung des gedruckten Wortes begann die Schrift zum gewöhnlichen Medium zu werden und wird ihr heute, nachdem man sie einmal zu lesen und halbwegs zu schreiben gelernt hat, kaum noch Aufmerksamkeit zuteil. Man bemerkt sie, wenn sie Anstoß erregt, etwa weil sie unleserlich ist oder weil sie sich propagandistisch aufdrängt. Adrian Frutiger nennt einen hübschen Vergleich, um zu zeigen, wie wichtig die Funktionalität im Design von Schrift als Medium des Geistes ist: „Schrift ist wie ein Löffel: wenn ich mich am Abend an die Form des Löffels erinnere, mit dem ich am Mittag meine Suppe gegessen habe, dann war es eine schlechte Löffelform.“ Die Lesbarkeit ist also der Schrift erste Funktion – aber sie transportiert schon seit ihrer Entstehung viel mehr, gerade wenn ihr der Zeichner seine individuellen Züge auszutreiben sucht. Sie bildet die Inneneinrichtung unserer Geisteswelt. In ihr selbst, ihrer Strichführung, ihrem Aufbau und in ihrer Anwendung durch die Typografie, also den Entwurf mit Lettern, steckt der Zeitgeist – und auch ihn kann man lesen – wie die Fassaden und das Interieur von Häusern nicht schweigen über ihre Bewohner. So wie sich in Gutenbergs gotischen Lettern ein Bild der Baukunst spiegelt, wie man darin den Zeitaufwand findet, den ein mit der sorgfältig zugeschnittenen Feder gezeichneter Buchstabe beansprucht, wie auch das dunkle, schmale Textgewebe hinweist auf die dem geschriebenen Wort zugewiesene feierliche Würde, so verraten andere Schriften andere Alltagskultur und Geisteshaltung. Auch die stets wiederkehrende Rückbesinnung gehört dazu: immer wieder neue Renaissancen. Aus diesen entstehen die bleibenden Werke, das klassische ist zugleich das menschlichste Werk, es wird über Jahrhunderte verstanden.

Zu jeder seiner Schriften erzählt Frutiger ihre Entstehungsgeschichte, die meist in einer Schriftgießerei begann, etwa bei Deberny & Peignot in Paris: Anfang der fünfziger Jahre arbeiteten dort noch etwa einhundert Schriftgießer, die von fünfzehn Graveuren die Stahlstempel erhielten, aus denen die Gußformen für Lettern entstanden. Die Firma lebte von der Kunst eines einzigen Schriftzeichners: Adrian Frutiger. In den fünfziger Jahren wird aber auch in den Fotosatz investiert. An dieser Stelle gibt das Buch einen gründlich recherchierten Überblick und informiert über die Anfänge dieser Technologie, die bis ins Jahr 1893 zurückreichen. 1953 entstanden Frutigers erste Zeichnungen für seine weltweit verbreitete Schrift Univers. Er erzählt von den schrifthistorischen Untersuchungen, die er für diese Arbeit vornahm, um sie zu einer allgemein gebräuchlichen Schrift zu machen, und wie er die Figuren und Strichstärken aus seinem Gefühl entwickelte, auch wenn sie mathematisch berechenbar erscheinen mögen. Die Univers wurde im Laufe der Jahre für alle Technologien der Satzherstellung nutzbar gemacht, zuerst 1957 für den Fotosatz, ein Jahr später als Bleischrift, über Jahrzehnte in Modifizierungen für elektronische Satzverfahren, und heute wird sie von drei Herstellern für den digitalen Satz angeboten.

Frutiger erzählt, wie er Schablonen für Buchstabenteile schneidet und mit Sandpapier bearbeitet, um die richtige Rundung für jede Figur zu finden. Er spricht über handwerkliche Details seiner Arbeit wie auch über Fragen des Urheberrechts. In diesem Werk wird kein Aspekt der Schriftkunst ausgelassen, und Frutiger ist so wahrheitsliebend und offenherzig, daß er auch frank und frei über Fehlschläge oder bis heute offene Fragen spricht, etwa warum ihm eine bestimmte Schrift nicht gelungen sei.

Um so mehr freut man sich als Leser, wenn Frutiger schließlich über seine beste Arbeit spricht und Sätze sagt wie: „Hier wird meine Persönlichkeit wie mit einem Nagel festgehalten. Ich bin stolz, daß ich die Avenir machen konnte.“ Als Adrian Frutiger die Schrift Avenir zu entwerfen begann, zehrte er aus einer vierzigjährigen Erfahrung mit Schrift. Er wollte einer mit Zirkel und Lineal konstruierten Schrift eine neue, humane Gestalt geben. Jeder Schriftzeichner kennt die Grenzen, die das menschliche Gesichtsfeld zieht: es ist horizontal weiter als vertikal – wir blicken eher zu den Seiten als in Höhe und Abgrund – anders als manches rundäugige Tier, das Gefahr von allen Seiten zu gewärtigen hat. Frutiger verringerte also im kreisrund angelegten Buchstaben O die horizontalen Linien. Wie er darauf kommt, welche Versuche er mit seinen Kreationen anstellt, wie fein und nur noch fühlbar, nicht mehr sichtbar manche seiner Eingriffe in die harte Geometrie sind, das erzählt uns Frutiger in diesem Buch.

Zu seinen wesentlichen Schriftschöpfungen ließ er sich über zwei Jahre lang befragen – und die daraus entstandenen Transkripte wurden von ihm selbst, den Interviewern und vier Lektoren kontrolliert und überarbeitet. So genau und so ausführlich ist nie zuvor über die Erschaffung von Schrift geschrieben worden.

Die Erzählung Frutigers hat man durch Originalzitate aus anderen Quellen des Schriftzeichners ergänzt und durch fachkundige Kommentare vervollständigt, an welche wiederum ein Fußnotenkonvolut angehängt wurde, dessen Detailgenauigkeit den Schriftinteressierten vor Freude Luftsprünge und aus Dankbarkeit Verneigungen machen läßt: es ist eine anregende Lektüre. Neben der deutschen Ausgabe erschienen auch eine englische und eine französische.

(Originalmanuskript aus der Bibliothek von www.druckerey.de, Erstdruck in der Süddeutschen Zeitung am 27. 8. 2009)


Untertitel: Das Gesamtwerk

Autor(en): Heidrun Osterer, Philipp Stamm, Schweizerische Schweizerische Stiftung Schrift und Typographie

veröffentlicht: 2008

Verlag: Birkhäuser Verlag

Sprache: , deutsch,

ISBN: 978-3764385767

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