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Jan Tschichold


Martin Z. Schröder

Jan Tschichold (1902-1974) war zweifellos einer der herausragendsten und einflussreichsten Grafiker und Typografen des 20. Jahrhunderts: Ein Meister der traditionellen typographischen Praxis, insbesondere der Buch- und Lesetypographie. Eingebettet in die Avantgarde seiner Zeit, geprägt durch das Bauhaus und die De-Stijl-Bewegung, bemüht sich Jan Tschichold Mitte der 20er Jahre um eine 'neue Typografie'. Seine Überlegungen inspirieren Typografen und Designer rund um die Welt bis heute. In der Nachkriegszeit wendet sich Tschichold hin zu einer traditionellen und symmetrischen Typografie, die er selbst noch ein Jahrzehnt früher so vehement abgelehnt hatte: Das gesamt Erbe grafischer Gestaltung respektierend, gewinnt die einwandfreie Lesbarkeit des Textes oberste Priorität. Verschiedene Autoren, Koryphäen ihres Gebietes, schreiben über die 'neue Typografie', über die Plakatkunst Tschicholds und das Wiederaufleben des klassischen Designs. Unser Buch versammelt erstmalig das erhaltene Bildmaterial komplett in Farbe. Es erscheint zusätztlich eine Vorzugsausgabe: Leineneinband, Goldschnitt, Prägedruck in Schmuckschuber mit einer CD, die neben vielen Extras auch die komplette Familie der von Tschichold entworfenen Sabon-Schrift zur kostenfreien Nutzung freischaltet.

Rezension

Elend in häßlichem Glanz - Ein Buch über das Lebenswerk Jan Tschichold.

von Martin Z. Schröder

Jan Tschichold war ein Mann der Schrift. Erst revolutionierte er 1925 als Jüngling die Typografie mit einem Manifest gegen Ornament und Jugendstil in den Leipziger „Typografischen Mitteilungen“, zu dem bald jeder Schriftsetzer eine Meinung hatte. Tschichold wollte sogar die Großbuchstaben abschaffen. Später widerrief er, erkannte in seiner „Elementaren Typografie“ sogar Parallelen zur nationalsozialistischen Anschauung und verschrieb sich der Buchtypografie, deren Meister er wurde. Er erklärte die Typografie zur Wissenschaft, forschte und publizierte wie kein zweiter und formulierte typografische Maßstäbe auf historischen Grundlagen, die er entdeckte und bewies, weshalb sie auch heute gültig sind.

Tschicholds wichtigste Aufsätze sind in einer schönen zweibändigen Ausgabe lieferbar, ein Bildband aber mit Arbeiten aus dem gesamten Schaffen erschien zuletzt 1977 im Verlag der Kunst Dresden mit einem Vorwort des großen Buchkünstlers und Grafikers Werner Klemke (1988 bei Saur in München). Er zeigt neben den berühmten schrägen Filmplakaten und den scharfkantigen rotschwarzen Bauhaus-Sachen auch Tschicholds mustergültige klassischsymmetrische Anzeigen für die pharmazeutische Forschung, Vitamin-Werbung, den Titel einer Skorbut-Studie, Programmblätter der Musik-Akademie Basel, private Weihnachtskarten, die Geburtsanzeige für Sohn Peter, Briefbogen, Exlibris. Tschichold saß, bevor er in London die Penguin-Books erneuerte, seit 1933 als Emigrant in Basel und nahm dankbar jeden Auftrag an. Nach dem Krieg, inzwischen ein international bekannter und akademisch dekorierter Experte, bot Deutschland ihm keine annehmbare Arbeitsmöglichkeit, und so arbeitete er zwölf Jahre lang für einen pharmazeutischen Konzern in der Schweiz. Es entstanden also viele triviale Kleindrucksachen in Tschicholdscher Brillanz, die heute Belehrung entfalten könnten.

Nun ist im Verlag Bernd Detsch ein dickes Buch erschienen: „Jan Tschichold. Meister der Typographie. Sein Lebenswerk in Bildern“. 450 farbige Bilder zeigt das Sammelsurium, aber nur drei ähnliche der Baseler Kleinodien. Vom Lebenswerk also nur willkürliche Spuren. Dafür findet der Betrachter Privatfotos, viele der bekannten Filmplakate für den Münchner Phoebus-Palast und zu viele Arbeiten in brachialer Bauhaus-Manier. Die Erkenntnis, daß der Meister in seiner Jugend Drucksachen entworfen hat, von deren Krawalligkeit er sich später distanzierte, ist immerhin nicht ohne Trost für junge Designer.

Die Ausstattung und Typografie dieses Buches aber schlägt dem Faß den Boden aus. So übel ist Tschichold noch nie mitgespielt worden. Der Blocksatz mit ellenlangen Zeilen ohne Worttrennungen erfordert Quetschen und Zerren der Schrift. Es wimmelt von falschen Satzzeichen, von Druckfehlern und von Dummheiten wie „best gestaltetst“. Fachbegriffe sind falsch aus nicht genannten Sprachen übersetzt: Druckfarbe etwa wurde zu „Tinte“ und aus Versalsatz „großbuchstabige Schrift“, manches ist sogar unverständlich. Fabrizieren ließ man dieses Elend auf schwerem Papier mit Farben, die häßlich glänzen wie Kopien. Auch in China, wo produziert wurde, gibt es bessere Druckereien. Tschichold hat es nicht verdient, von Banausen mit seinen eigenen Arbeiten derart geprügelt zu werden. Daß demnächst wohl kein Verlag wagen wird, einen vernünftigen Tschichold-Bildband zu publizieren, weil der Markt dafür überschaubar ist, betrübt sehr.

(Originalmanuskript aus der Bibliothek von www.druckerey.de, Erstdruck in der Süddeutschen Zeitung am 5. 1. 2009)


Untertitel: Meister der Typographie

Autor(en): Cees de Jong (Herausgeber)

veröffentlicht: 2008

Verlag: Verlag Bernd Detsch, Köln

Sprache: , deutsch,

ISBN: 978-3940602015


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Eine elegante Display-Schrift von Friedrich Althausen mit 200 Ligaturen
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