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U1

Martin Z. Schröder

Die erste Begegnung mit einem Buch geht fast immer über den Umschlag. Es gibt die Liebe auf den ersten Blick und im besten Fall hält der Inhalt, was der Umschlag verspricht. Es gibt Kunden, die wegen eines Buches im Fenster die Buchhandlung betreten - und mit Buch verlassen. Es gibt die vertanen Chancen: hervorragende Bücher mit Umschlägen, die ihre Zielgruppe nicht ansprechen. Es gibt Verlage, die mehrere Umschlagvarianten von den Lesern beurteilen lassen und solche, die der Qual der Wahl mit mehreren Varianten zum drehen und wenden Ausdruck verleihen. Was also liegt näher als ein Buchumschlagbuch? Nicht das Abbild der Vorschauen-Flut, sondern eine fachkundige, strukturierte und analysierende Sammlung der besten Beispiele aus aller Welt. Nach Genres gegliedert vom Roman bis zum Ratgeber, nach Sujets sortiert von Kopf bis Erotik, nach Gestaltungsmitteln unterschieden von Achsen und Teilungen uber Farbwirkungen und -kontraste bis zu Typo-Covern, Kalligrafie und Illustration als Stilmittel. Fur Covergestalter und andere Verpackungskünstler. Fur Verleger, Lektoren, Vertriebler, Vertreter und Buchhändler und alle anderen, die gern beim Cover mitreden.

Rezension

Weg mit den Schutzumschlägen - Das eigentliche Kleid eines Buches sieht anders aus.

Eine Polemik gegen die "U1"

von Martin Z. Schröder

Man schleiche in der Dunkelheit, welche klare Sicht in beleuchtete Stuben ermöglicht, durch eine Straße, in die sich das oberste Fünftel der überdurchschnittlich gebildeten Mittelschicht eingenistet hat: Oberstudienräte für Altgriechisch, Ex-Gattinnen von Herzchirurgen, Bankräuber. Die Bücherregale dieses obersten Fünftel unterscheiden sich von denen der vier anderen: Lackiertes Papier ist gar nicht zu sehen, mit lieblichem Glänzen und Glitzern sind nur die goldgeprägten Rückenschilder beschäftigt. Die Leder-, Leinen- und Papierrücken schmücken mit sanften Farben, oft in Erdtönen, gern auch in den gedeckten Farben von Gebirge, See und Abendhimmel die Stube wie eine durchgeistigte Tapete und gewähren beim Strahlen einem der Buchwand gegenüberstehenden französischen Kabinettschrank aus Nußbaum den Vortritt. Hier werden Bücher gelesen und liebkost, ihre Rückenleder regelmäßig leicht geölt, (zugleich mit dem Ölen der Pistolen). Wie lästig fiele bei der Lektüre ein am Einband herumrutschendes Lackpapier, von dem die Finger, durch den nirgends entweichen könnenden Handschweiß angeklebt, sich nur unter lautem Schmatzen lösen lassen, wenn man einmal umblättern möchte.

Schon das nachgeordnete Fünftel der oben benannten Schicht blättert nicht um und hat daher einen Bücherschrank, der sich hinsichtlich seines Farblärms nicht von der Wand eines Buchladens unterscheidet.

Jan Tschichold, Retter und Ritter der europäischen Typographie, Begründer ihrer Wissenschaft, Meister ihrer Kunst, ließ folgendes dazu hören: „Leider ist auf Kosten der heutigen farbenprächtigen Schutzumschläge der Einband, das eigentliche Kleid des Buches, oft arg vernachlässigt worden. Viele Leute huldigen, vielleicht daher, der Unsitte, die Schutzumschläge aufzubewahren und die Bücher mit ihnen in den Bücherschaft zu stellen. Ich begreife das noch, wenn der Einband dürftig oder gar häßlich ist; doch gehören Schutzumschläge in den Papierkorb wie Zigarettenschachteln.“

Seit wann wird die Menschheit überhaupt mit Schutzumschlägen behelligt? Es gab zwar schon zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die ersten Verlagsbände, doch sittete es bis weit in das neunzehnte Jahrhundert, in Buchhandlungen die unbeschnittenen Bogen wie Ballen aus Stoff in den Regalen zu lagern und reichte der Käufer eines Buches je nach Jahrhundert und Geldbeutel den erworbenen Ballen an einen Buchmaler weiter zur Illuminierung und sodann an den Buchbinder, welcher zu alter Zeit schwere Holzdeckel um das Buch schlug, verbunden mit metallenen Schließen, gewandet in kostbare Stoffe und, wenn der Kunde es zahlte, besetzt mit herrlichem Schmuck.

Erst von der Industrialisierung wurde eine Änderung des Buchhandels eingeleitet, und hier wurde es bald nötig, Bücher als fertige Ware auf den Wegen vom Drucker über den Händler zum Leser zu schützen.

Tschichold nennt den Einband des Buches dessen Kleid, den Schutzumschlag Regenmantel. Heute werden Bücher zusätzlich eingeschweißt, was Tschichold schon vor über fünfzig Jahren als zwanghaft erkannte: „Um den Schutzumschlag gar einen weiteren aus Cellophan zu legen, um jenen vor Schaden zu bewahren, ist ebenso närrisch, wie wenn jemand den Stoffüberzug eines teuren Lederkoffers noch mit Papier umhüllt.“

Schutzumschläge sind heute Reklamemittel, die dem Verleger größere Kopfschmerzen bereiten als seine Bücher selbst. Sie sind Verkaufshilfen ersten Ranges; der Titel eines neuen Buches kündet spröde davon: „U1 - Vom Schutzumschlag zum Marketinginstrument“. „U1“ wird die Schauseite, die erste Seite des Schutzumschlages genannt: Umschlag 1. In der Einführung zu diesem Bildband äußern die Autoren, was sie über Typographie, namentlich den Entwurf von Schutzumschlägen glauben: „Die Frage, was jetzt der ultimative „gute“ Umschlag ist, sollte eine rhetorische bleiben. Die Kriterien hierfür ändern sich ständig. Schauen Sie, lesen Sie und finden Sie Ihr eigenes Urteil.“

Na schön: Dieses Buch zeigt ein Schreckenskabinett lärmender und häßlicher Umschläge. Fast alle haben typographische Mängel, die eines belegen: ihre Designer haben den Einführungskurs in die Typographie geschwänzt. Schon die Lektüre der hervorragenden „Ersten Hilfe in Typographie“ aus demselben Verlag wie der Sammelband würde ihnen dienen. Wir sehen also Versalien, die nicht ausgeglichen sind (die Räume, die sich beispielsweise zwischen NN und LA ergeben, müssen stets harmonisiert werden), wir schauen gesperrte Minuskeln (auseinandergezerrte und dadurch schwer lesbare Kleinbuchstaben), wir erblicken falsche Kapitälchen (fette große Großbuchstaben mit mageren kleinen Großbuchstaben), und wir nehmen die bunten Regenmäntel zur Kenntnis, welche um die deutsche Belletristik geschlagen werden. Sie sind aus allen vorgenannten Fehlern gewebt, entweder mit Ausschnitten von Gemälden alter Meister oder rührseligen Fotos unziersam vereint. Die Texte unter diesen schlimmen Abbildungen zeugen von starker Beschäftigung der drei Autoren mit dem aufgelesenen Material. Die Umschläge der Büchergilde Gutenberg beispielsweise, die den Vornamen des Autors nicht zeigen und ein Schulbeispiel für falschen Umgang mit Schrift darstellen, haben eine Erklärung erhalten, die von bewundernswertem Gedankenreichtum Zeugnis ablegt: „Klare Aufteilung in gelungener Farbgebung.“

Warum eine solche Sammlung zum Schreckenskabinett werden muß? Jeder will anders sein, aber niemand schaut auf die Bücher der Konkurrenz. Das Anderssein orientiert sich an Umschlägen, die vor zwanzig oder fünfzig Jahren entworfen wurden. Anders wäre heute wieder einmal die klassische Typographie edler Einfalt und großer Stille, anders wäre schon, wenn Werbedesignern, die sich selbst reproduzieren, der Schutzumschlag entzogen und Typographen in die Hände gegeben würde, die sich auf den Umgang mit Schrift verstehen. Die wenigen abgebildeten Proben aus dem englischen Buchgeschäft zeigen, daß bessere Qualität und derart eine Ansprache intelligenter Leser durchaus möglich ist.

Einstweilen möge man sich damit behelfen, die Schutzumschläge nach dem Kauf eines Buches wegzuwerfen, um in den eigenen vier Wänden eine etwas geistvollere und stillere Stimmung zu schaffen als in einem Sortimentsbuchladen unserer Tage, der vom für Minderjährige verbotenen Bereich einer Videothek von niemandem mehr unterschieden werden kann.

(Originalmanuskript aus der Bibliothek von www.druckerey.de, Erstdruck in der Süddeutschen Zeitung am 8. 2. 2007)


Untertitel: Vom Schutzumschlag zum Marketinginstrument

Autor(en): Renate Stefan, Nina Rothfos, Wim Westerveld

veröffentlicht: 2006

Sprache: , deutsch,

ISBN: 978-3874396875



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