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Japanische Anführungszeichen: Wie ist es schöner/richtiger?


Sebastian Nagel

Empfohlene Beiträge

Guten Tag liebes Forum,

da ich derzeit zum japanischen Zeichenschubser degradiert bin, und mir grundlegendes plötzlich nicht mehr klar ist:

japanisch2.gif

Wie ist es korrekt?

Wie ist es typografisch schöner?

Gesehen habe ich beides schon.

2 erscheint mir optisch ruhiger.

Meine Übersetzerin hat aber 1 präferiert, wobei ich noch nicht herausgekriegt habe, *wie* typografisch sie wirklich bewandert ist.

Vielleicht weiß es hier jemand (Norbert?)

Danke und Gruß

Sebastian

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Im Chinesischen und Japanischen sind Satzzeichen ursprünglich "monospaced", denn die Zeichen nehmen ja immer den gleichen quadratischen Raum ein, Satzzeichen gab es ursprünglich nicht, dann kam eine Art von einfachen Satzpunkten hinzu, die hat man einfach (meist mittig) in so einen Block hineingekringelt.

Im modernen Schriftsatz sieht man das zwar nicht mehr ganz so eng, allerdings würde ich auch 1 bevorzugen, auch wenn ich 2 schöner finde. 1 ist aber für die japanischen Lesegewohnheiten "richtiger".

Wenn man das Ganze in einer Von-Oben-Nach-Unten-Version betrachtet, kommt man drauf, dass 2 plötzlich nicht mehr funktioniert. Und die traditionelle Leserichtung hat immer noch Bestand.

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Ich habe auch schon einmal eine japanische Broschüre gesetzt. Eigentlich relativ unkompliziert (Adobe-InDesign und Open-Type sei Dank!).

Diesen von Norbert erwähnten "Kringel"-Punkt kenne ich auch. Der stand in meinem Fall links auf einem Geviert. Nachdem ich den folgenden riesigen Leerraum – nach unseren abendländischen Geschmacksvorstellungen – manuell verringert hatte, konnte ich mich bei der Korrektur wieder ran machen und den Abstand auf das alte Maß zurückbringen. Der Japaner will das so.

Anführungszeichen sind mir bei diesem Auftrag allerdings nicht untergekommen.

Ich würde eine dritte Variante bevorzugen: Den Haken genau an der linken Kante und dahinter schön viel Platz machen bis die vertikale Ausrichtung der Zeichen ("Von-Oben-Nach-Unten-Version") wieder stimmt.

Gruß, Sharif

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Danke für die Einschätzung/Info, ich werde es dann wohl bei 1 belassen.

Interessanterweise hat die Dame mir japanische Kinderbücher mitgebracht (mit einem für unsere Augen schrecklichen Farbklima!), die auch vertikal gesetzt waren, und auch da waren die Anführungszeichen nach oben hin aus dem Textblock ausgerückt. Dann gab es aber auch wieder Bücher, die Variante 1 hatten. Für mich sahen die beiden Bücher qualitativ ansonsten gleichwertig aus, ich hätte jetzt nicht sagen können "das eine ist billiger Schund und hat wahrscheinlich auch schlechten Satz, und das andere ist besser und daran orientiere ich mich infolge".

Variante 3: Hatte ich auch schon in Überlegung: allerdings ist dann der Abstand zwischen erstem Anführungszeichen und Textanfang viel größer als der zwischen Textende und zweitem Anführungszeichen. Das sah sehr komisch aus. In diesem Fall mit dem ? geht es noch, aber mit einem "Kringelpunkt" ist es dann komisch, denn da, so wurde mir mit großer Ernsthaftigkeit gesagt, stehen "Punkt" und zweites Anführungszeichen in einem Quadrat (große Ausnahme! :) )

Westliches Indesign und Japanisch:

So wie ich das bisher "wusste" und wie mir nun auch nochmal gesagt wurde, stehen japanische Zeichen immer in quadratischen Grundflächen. Kerning, etc. gibt es nicht, es würde das Raster zerstören.

Die bei Indesign mitgelieferte Kozuka Gothic Pro hat aber interessanterweise eine Menge Kerning-Informationen mit eingebaut (nein, ich habe nicht optisches Kerning aktiviert, sondern metrisches, das die Informationen aus dem Font holen sollte).

Dadurch (und durch den für lateinische Sprachen aktivierten Randausgleich) wurde der Quadratraster natürlich vollkommen zerlegt. Meine Übersetzerin ist schier verzweifelt als sie neben mir saß, wir haben dann mehr schlecht als recht das Raster manuell wiederhergestellt. Als sie dann gegangen ist hat es bei mir "klick" gemacht, ich habe das Kerning manuell auf "0" gestellt, den Randausgleich deaktiviert und den ganzen manuellen Mist den wir eingebaut hatten wieder entfernt. Sofort war alles wohlgeordnet. Die Furigana durfte ich dann natürlich manuell neu ausrichten...

Nun bin ich verwundert, dass die Schrift Kerning-Infos enthält. Gibt es Situationen im japanischen, wo nicht blockartig geschrieben wird?

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wenn überhaupt kerning, dann am ehesten bei headlines oder bei freistehenden legenden. aber mir kommt das auch seltsam vor.

noch ein wort zu variante 3: das anführungszeichen sollte immer dicht am nächsten zeichen (textanfang) stehen, denn seinen ursprung hat dieser eckige haken wohl in so einer art kasten-umrahmung. mir scheint oft, chinesen und japaner seien in ihrer typographie viel näher an ihren "wurzeln" als unsereiner, denn bis vor wenigen jahrzehnten gab es gerade mal 3 unterscheidbare "typefaces" (und x-tausend kalligrafische varianten, aber das ist was anderes).

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  • 3 Monate später...
  • 14 Jahre später...
Am 16.5.2007 um 18:05 schrieb Sebastian Nagel:

da ich derzeit zum japanischen Zeichenschubser degradiert bin, und mir grundlegendes plötzlich nicht mehr klar ist

(Fünfzehn Jahre zu spät, aber vielleicht immer noch von Interesse, »für’s Archiv« …)

Was mir auf den ersten Blick an dem Beispiel auffällt, sind die Wortabstände, die im Japanischen nicht üblich sind (außer in Lehrbüchern).

Was den Satz der Anführungszeichen betrifft, gefallen mir beide Beispiele nicht besonders. Beispiel 1 habe ich in japanischen Büchern und Zeitschrifte noch nie gesehen. Beispiel 2 ist sehr üblich, sowohl im waagrechten als auch im senkrechten Satz: ein strenges Raster aus Quadraten, wobei jedes Schriftzeichen und jedes Interpunktionszeichen jeweils ein Quadrat einnimmt.

Dieses strenge Raster ist aber nicht die alleinseligmachende Option. In vielen älteren Druckwerken findet man deutlich kleinere Anführungszeichen, die kein ganzes Rasterquadrat einnehmen, sondern »dazwischengequetscht« sind; der Zeichenabstand wird so verringert, dass nach dem schließenden Anführungszeichen die Ausrichtung nach dem Raster wieder stimmt (hier die Buchtitel 「言苑」 und 「辭苑」):

1-IMG_1038.thumb.JPG.99cb2a736200e45e308056a7353c6bf7.JPG

(Aus dem Jahr 1938: 新村出编纂『言苑』博文馆、昭和13年2月15日。)

Manchmal wird das strenge Quadratraster aus Platzgründen zum Teil oder vollständig aufgegeben:

2-IMG_1040.thumb.JPG.fd0e4271c3a2454013f203565a3dca92.JPG     3-IMG_1041.thumb.JPG.2c33dabeac57bafe8c2756ab9a3fa126.JPG

(links: op. cit.; rechts, aus dem Jahr 1921: 國民文庫刊行會編輯『詩經』國民文庫刊行會〈國譯漢文大成〉、大正10年8月22日。)

Für den modernen japanischen Schriftsatz gibt es an sich recht detaillierte Regeln, für den Werksatz erschöpfend behandelt im Industriestandard JIS X 4051. Eine etwas kürzere und praxistauglichere Version, die auch auf Englisch verfügbar ist, ist die W3C Note Requirements for Japanese Text Layout. Das strenge Quadratraster ist da nicht mehr vorgesehen, sondern Zeichen wie Klammern und Anführungszeichen nehmen kein ganzes Quadrat ein. Die detaillierten Regeln dafür (§ 3.1.2ff.) sind etwas kompliziert (vor allem, wenn mehrere Interpunktionszeichen aufeinandertreffen), lassen sich aber mit InDesign sehr einfach automatisch korrekt umsetzen, wenn die Einstellungen für ostasiatisches Layout aktiviert sind (dazu Ken Lunde: Adobe InDesign Tips: Japanese/CJK Functionality + English UI—Redux).

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