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Schrift als Politikum: Antiqua vs. Fraktur

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boernie

Die historischen Wurzeln des Schriftenstreits in Deutschland

Der zuweilen heftig geführte Schriftenstreit in Deutschland, zwischen den Anhängern der gebrochenen Typen einerseits und den Befürwortern der Antiqua andererseits hat lange zurückreichende Ursachen. Im Jahre 1525 endete der Deutsche Bauernkrieg mit einer fürchterlichen Niederlage der Bauern. Die deutschen Humanisten, die mehrheitlich anfänglich der Reformation freundlich gegenüberstanden, wandten sich nach diesem historischen Ereignis wieder der katholischen Kirche zu. Die Humanistische Minuskel, fortan als »Lateinische Schrift« bezeichnet, setzte sich daraufhin in den Drucken des katholischen Klerus immer stärker durch.

Die evangelische Kirche hingegen, mit starken Bindungen an die protestantischen Fürsten, war an einer Weiterentwicklung oder gar an einer Veränderung wenig interessiert und verwendete in ihren Drucken vorrangig die Fraktur. In einer im Jahre 1545 in Wittenberg gedruckten Lutherbibel werden Frakturversalien immer dann benutzt, wenn im Text von Gnade und Trost die Rede ist.
Die Antiqua-Versalien hingegen kommen zum Einsatz, wenn der Text der Bibel von Strafe und Zorn berichtet. Deutlicher kann eine Parteinahme zugunsten eines Schrifttyps kaum ausfallen. Das »gemeine Volk«, als passiver Zuschauer dieser Parteilichkeit, empfand die Fraktur, da alle deutsch-sprachige Kirchenliteratur in dieser Type gedruckt war, als etwas Selbstverständ-liches. Daher dürfte auch die (historisch gesehen) äußerst zweifelhafte Bezeichnung der Fraktur als »Deutscher Schrift« herrühren. Matthias Mieses schrieb 1919 folgendes hierzu:
»... kaum verflossen einige Jahrzehnte trennender lutheranischer Arbeit
und schon empfand das führende Volk des Lutheranismus, die deutsche
Nation, die Fraktur im Gegensatz zu den katholischen Ländern als
so heimisch, daß es dieselbe als ›deutsche‹ Schrift ansehen konnte.«
(Die Gesetze der Schriftgeschichte, Wien und Leipzig, 1919).

 

Der Antiqua-Fraktur-Streit im Reichstag

Aus der Epoche der Romantik, als das Mittelalter schwärmerisch verklärt wurde, stammt die historisch zweifelhafte Annahme, die Frakturschriften verkörperten schlechthin die deutsche Gotik. Antiquaschriften wurden als „undeutsch“ und „welsch“ diffamiert; die Fraktur hingegen entspreche den angeblich deutschen Eigenschaften wie „Ernsthaftigkeit“ und „Tiefe“. Von Goethe ist bekannt, daß er an den Antiquaschriften Gefallen gefunden hatte, worauf ihn seine
Mutter schriftlich ermahnte, er solle doch »um Gottes Willen deutsch bleiben, auch in den Buchstaben« — gemeint war selbstverständlich die Frakturschrift!


Anton Joseph Dorsch dagegen hatte bereits 1791 in seinem Werk »Philosophische Geschichte der Sprache und der Schrift« polemisiert: »Unsere gotischen Lettern sind nichts anderes als verdorbene römische Buchstaben.«
Jacob Grimm, der angesehene deutsche Sprachforscher, wurde noch deutlicher: 
»Leider nennt man diese verdorbene und geschmacklose
Schrift sogar eine deutsche, als ob alle unter uns im Schwang gehenden Mißbräuche,
zu ursprünglich deutschen gestempelt, dadurch empfohlen werden dürfen. Deutsch kann aber diese Vulgärschrift ... nicht genannt werden...« (Vorrede zum Deutschen Wörterbuch)

Deutlich nationalistisch geprägt sind die Argumente für die Verwendung der Frakturschrift in einem Plädoyer des Buchdruckers August Marahrens aus dem Jahre 1870. (Handbuch der Typographie, Leipzig).

Sehr viel sachlicher argumentiert dagegen 1919 Matthias Mieses:
»Nationalismus hat in der Schriftgeschichte nichts zu schaffen. Dieselbe religiöse Sezession, die der Fraktur eine Heimstätte bei Finnen und Esten, protestantischen Litauern und Masuren, Dänen und Schweden bereitete, hat diese auch in Deutschland konserviert. Das ›Deutschtum‹ der Fraktur führt noch heute so manchen guten deutschen Mann irre. Es gibt noch in der Gegenwart manche Deutsche, die eine Steigerung ihres Nationalselbstbewußtseins darin sehen, wenn sie die Fraktur als den Ausdruck des ethnischen Wesens des Deutschtums proklamieren.« (Die Gesetze der Schriftgeschichte. Wien und Leipzig).

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bemühte sich ein „Verein für Altschrift“ (wobei „Altschrift“ als Eindeutschung des
Begiffes „Antiqua“ zu verstehen war) darum, die Antiqua als Amtsschrift einzuführen und die deutsche Schreibschrift
(= Kurrent) fortan nicht mehr an den Schulen unterrichten zu lassen. Dieses Anliegen wurde bis in das  Parlament, den Reichstag, getragen. Gründer des Vereins war übrigens der Bonner Büroartikelhersteller Friedrich Soennecken (1881), prominentester Mitstreiter der „Altschriftler“ war der spätere Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann.

Am 4. Mai 1911 kam es schließlich im Berliner Reichstag nach einer langwierigen und heftig geführten Debatte, in deren Verlauf der SPD-Abgeordnete Beck die rhetorische Frage gestellt hatte »Sind wir wirklich in der Lage, das Vaterland in Gefahr zu bringen, wenn jemand lateinische Schriftzeichen, die Antiqua, wählt?«, zu einer Abstimmung über den eingebrachten Antrag, die Antiqua als Amtsschrift einzuführen.

Der Antrag wurde mit knapper Mehrheit (85 zu 82 Stimmen) abgelehnt. Die Auszählung der Stimmen ergab aber schließlich, daß das hohe Haus beschlußunfähig war! Deshalb kam es am 17. 10. 1911 erneut zu einer Abstimmung, die
die ein eindeutiges Ergebnis von über 75 Prozent der Stimmen zugunsten der gebrochenen Schrift ergab.


Wie verbissen der Streit auch nach dieser Abstimmung noch geführt wurde, mag folgendes Zitat von August Kirschmann verdeutlichen: »Das Bestreben, die deutsche Druckschrift und auch die deutsche Schreibschrift zugunsten eines allgemeinen Weltmonopols der lateinischen Druck- und Schreibschrift aufzugeben, muß als eine mittelalterliche Versündigung am deutschen Volke mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden.« (aus: Kirschmann: Antiqua oder Fraktur? Leipzig, 1912, 2. Auflage)


Das Verbot der gebrochenen Schriften von 1941
und seine Folgen bis in die Gegenwart
In den Jahren vor 1933 war es kaum möglich, aufgrund der Schriftauswahl, z.B. auf Wahlplakaten, Rückschlüsse auf das jeweilige ideologische Lager zu ziehen. So bedienten sich z.B. die Sozialdemokraten und Kommunisten bedenkenlos der Fraktur, während die Nazis (auch noch nach 1933) zuweilen die Antiqua bzw. serifenlose Schriften benutzten.

Ebenso wie die Sprache wurde allerdings auch die Typografie ab 1933 in den Dienst der braunen Ideologie gestellt. Die Nazis erkannten früh die Möglichkeit eines gleichgeschalteten Schrift- und Erschei-nungsbildes – heute würde man es Corporate Identity nennen – und nutzten für seine Umsetzung ihre politische Macht konsequent aus. Nicht nur die monu-mentalen Bauten aus dieser Zeit, auch einige Schriften spiegeln in erschreckender Weise den Zeitgeist jener Jahre wider. Die Nazis verwarfen fast alle Versuche zur typografischen Modernisierung, insbesondere aus der Bauhaus-Zeit. (1)

Die Vertreter der »Neuen Typografie« verloren ihre Posten und einige waren gar gezwungen ins Ausland zu emigrieren. Elisabeth Friedländer, eine Berliner Jüdin, die für die Bauersche Schriftgießerei arbeitete, emigrierte 1936 nach Italien und später nach England. Ihre »Friedländer-Antiqua« durfte von Bauer nur unter dem Namen »Elisabeth-Schrift« veröffentlicht werden.
(1a)

Fortan galt nur die gebrochene Schrift als »wahrhaft deutsch«. In der Folge beugten sich auch mehrere Schriftkünstler dem herrschenden Zeitgeist und realisierten Schriftentwürfe, an denen sich bis heute die Geister scheiden. Während viele Typografen diese Schriften als ausgesprochen häßlich empfinden, sprechen andere von formalen Redu-zierungen, die bereits aus der Bauhauszeit von Typografen wie Renner, Tschichold, Albers und Beyer bekannt waren (Futura, T. Stencil, Transito, Universal etc.) und nun auf die gotischen Schriften angewandt wurden.

Die Namen dieser Schriften lassen indes kaum Zweifel an ihrem Entstehungszeit-raum zu: »Standarte«, »Tannenberg«, »Kurmark«, »National«, »Potsdam«, »Deutschmeister«, »Element« oder gar »Großdeutsch«. Sie hatten als vorherrschendes Stilmerkmal eines gemeinsam: die Reduzierung auf schlichte, einfache Formen (2), daher auch die Bezeichnung »schlichte Gotisch« für diesen Schrifttyp.

Die Schriftsetzer jener Epoche hatten indes ein feines Gespür für diese neuen, merkwürdigen Formen und sprachen schlicht und ergreifend von der »Schaftstiefelgrotesk«. Genauer kann man diese Schriften kaum klassifizieren. Die Bezeichnung »Schaftstiefelgrotesk« ist übrigens entgegen anderslautender Gerüchte keine Erfindung des Typografen Hans Peter Willberg. Ich selbst habe als junger Schriftsetzer mit einem älteren Kollegen aus Berlin zusammen gearbeitet, der diese Schriften genau so bezeichnete. Weitere geläufige Bezeichnungen für diesen Schrifttypus lauten »Gotische Grotesk« oder »Gebrochene Groteskschrift«.

Deutschland koppelte sich in dieser Zeit völlig von der typografischen Entwicklung außerhalb seiner Grenzen ab. Die neu auf den Markt kommenden »Zeitgeist-Schriften« ähnelten sich meist wie ein Ei dem anderen, wobei aber die »Kursachsen« und die »Großdeutsch« nicht völlig auf Rundungen verzichteten und sich so von den anderen Entwürfen abhoben. Das Niveau der veröffentlichten Arbeiten sank allerdings spürbar. Ausnahmen in diesem Zeitraum bilden die zeitlosen Antiqua-Entwürfe von Schneidler und Wolpe, einige Schreibschriften, die damals entstanden und, nicht zu vergessen, die »City« von Trump. (3)
 

1941 geschah plötzlich Merkwürdiges: Einem nicht zur Veröffentlichung bestimmten Rundschreiben der Reichs-kanzlei war zu entnehmen, daß die Antiqua ab sofort als die »Normalschrift« anzusehen sei und die Verwendung der »Schwabacher Judenlettern« (Originalzitat) zu unter-bleiben sei. Hatte man vor Jahren noch Fachleute aufgeboten, um nachzuweisen, daß ausschließlich die gebrochenen Schriften »wahrhaft deutsch« seien, so bemühte man sich jetzt skrupellos, das Gegenteil zu beweisen.

Der wirkliche Grund für das Verbot war wahrscheinlich die Überlegung, daß für das Ausland bestimmte Publikationen, die in gebrochenen Schriften gesetzt waren, für jene Bevölkerungsgruppen, die ansonsten lediglich mit Antiqua-Schrift konfrontiert wurden, nur schwer oder gar nicht lesbar waren. Das Frakturverbot war wohl eine pragmatische Entscheidung der Nazis: Wollte man seine »Weltmachtphantasien« ausleben, so mußte man auch eine Schrift verwenden, die die ganze Welt lesen konnte.

Schon die Tatsache, die Antiqua als »normal« zu bezeichnen, disqualifizierte, die gebrochenen Typen von nun an faktisch als »abnormal«
. Was wie ein schlechter Scherz anmuten mochte, war den braunen Machthabern aber bitterer Ernst: Die gebrochenen Schriften begannen tatsächlich zu verschwinden. (3a)

Der Schriftkünstler Emil Rudolf Weiß arbeitete seit 1935 an seiner »Neuen Weiß-Fraktur«, die Bauersche Gießerei
hatte bereits Probeschnitte anfertigen lassen. Nun wurde die Realisierung gestoppt, der Entwurf fiel dem Schrifterlaß der braunen Barbaren zum Opfer.


Von dem faktischen Verbot von 1941 sollten sie sich auch nach Ende des 2. Weltkrieges nicht wieder erholen, was aber nicht verhinderte, daß die Nachkriegs-generationen, zumindest in Westdeutschland, sie bis heute als »Nazi-Schriften« brandmarken. (3b) Allerdings gibt es zwei bemerkenswerte Ausnahmen: Auf Bier- und Spirituosenetiketten oder Wirtshaus-Schildern beispielsweise werden sie, nicht nur in Deutschland, nach wie vor toleriert und immer gern verwendet. Jüngstes Beispiel dürfte das neu gestaltete Label der traditionsreichen New Yorker Biermarke »Rheingold« sein: eine schlichte Gotisch ziert die Bierflasche — niemand käme auf die Idee,  eine Brauerei oder einen Wirt deshalb mit der  Ideologie der National-sozialisten in Verbindung zu bringen.

Ebenso tauchen Gebrochene Schriften
weltweit in Zeitungsköpfen auf:
Die New York Times, die F.A.Z., Irish Examiner, Omaha Herald, San Francisco Chronicle, Sydney Morning Herald, Le Monde, Norrköpings Tidningar (Schweden), die norwegischen Zeitungen
Aftenposten, Oppland Arbeiderblad, Faedrelandsvennen, Adresseavisen oder De Telegraaf aus den Niederlanden sollen hier als Beispiele genügen.

Aus deutscher Sicht bemerkenswert ist die Tatsache, wie unbefangen die Typografen in der DDR mit den gebrochenen Schriften umgegangen sind. Auf Theater- und Kino-Plakaten, ja selbst auf politischen Plakaten der Einheitspartei (3c) wurden bedenkenlos gebrochene Schriften eingesetzt.

Willberg berichtet in seinem Aufsatz »Vom falschen Image der Fraktur« von einem Besuch bei Kollegen in der DDR.
Seine Frage, ob eine »Entnazifizierung der Fraktur« möglich sei, stieß hier bei Studenten und Professoren auf Unver-ständnis. Während in der Bundesrepublik der 70er Jahre ein so populärer Grafiker wie Klaus Staeck gebrochene Schriften lediglich für seine satirischen Plakat-Schlagzeilen »Mitbürger! Lesen macht dumm und gewalttätig«
(1975) oder »Unternehmer! Macht euch die Erde untertan«
(1973) einsetzte, erschien in der DDR die Ausein-andersetzung mit der belasteten Vergangen-heit dieser Schriften offen-sichtlich als ein Problem des Westens. Der Berliner Typograf Martin Z. Schröder, der in (Ost-)Berlin seine Lehre absolvierte, kommentierte diesen Sachverhalt sehr treffend wie folgt: »Die ideologischen Zuschreibungen in Westdeutschland waren uns nicht geläufig, wir unterschieden zwischen schöner und häßlicher Schrift, nicht zwischen guter und böser.«

Albert Kapr, Professor in Leipzig und weltweit anerkannter Gutenberg-Forscher, bestätigte mir angesichts eines Besuches der HBK Braunschweig im Jahr 1983, daß die Grafiker der DDR, was den Einsatz der Fraktur beträfe, keinerlei Beschränkungen unterworfen seien. Zahlreiche Bücher aus der DDR, die in Fraktur oder Schwabacher gesetzt waren, mögen dafür als Beleg dienen.


Fußnoten

(1) Eine »offizielle« Schriftpolitik der Nazis hat es freilich vor 1941 nicht gegeben. Noch in den Richtlinien für die Volksschulen von 1939 wird gefordert, daß die Kinder am Ende des 4. Schuljahres »im Gebrauch der deutschen und der lateinischen Schrift sicher« sein sollten. Vergleiche hierzu: Kolk, Dieter: Ist die »Tannenberg« eine Nazi-Schrift? Aus: Die deutsche Schrift 4/2004.

(1a) Siehe: Paucker, Pauline: Die Bauersche Gießerei und die Elisabeth-Schrift. In: Philobiblon, Heft 4/2000. Nachdem Elisabeth Friedländer britische Staatsangehörige geworden war, anglisierte sie ihren Namen in Elizabeth Friedlander.

(2) Hans Peter Willberg hat in seinem Buch »Typolemik« richtigerweise darauf hingewiesen, daß solche Schriftformen allerdings bereits im frühen 15. Jahrhundert auftauchten. Es hat also selbst für diese Schriftgattung historische Vorbilder gegeben. Dazu ein weiteres Beispiel: Im späten 12. Jahrhundert hatte sich eine Form der frühgotischen Schrift herausgebildet, die Kalligraphen heute als
»Textura Prescissa« bezeichnen. Auch hier sind bereits Formenmerkmale vorhanden, die uns in der »Schlichten Gotisch« erneut begegnen (siehe Harris, David, Die Kunst des Schreibens, Starnberg, 2005). »Der Abend«, die Spätausgabe der sozialdemokratischen Tageszeitung »Vorwärts«, benutzte Anfang der 30er Jahre in seiner Titelzeile Kleinbuchstaben, die stark an die »Textura Prescissa« angelehnt waren.

(3) Daß nicht alle Designer von »Schaftstiefel-Schriften« Parteigänger der Nazis waren, wird am Beispiel von Berthold Wolpe deutlich. Er emigrierte wegen seines jüdischen Glaubens bereits 1935 nach England. 1934 schuf er mit der »Deutschmeister« (Wagner, Leipzig) und der »Sachsenwald-Gotisch« (Monotype) zwei für die damalige Zeit typische Schriften im Stil »schlichte Gotisch«.

(3a) Der einzige Neuguß einer gotischen Schrift in Deutschland nach
dem unsinnigen Verbots-Rundschreiben dürfte die Sinkwitz-Gotisch gewesen sein. 1942 bei der Schriftguß AG in Dresden veröffentlicht und 1950 vom Nachfolgebetrieb VEB Typoart neu aufgelegt.


(3b) Siehe auch: Gerdes, Claudia: Typografie in Reih und Glied. Wie die Nazis die Schrift mißbrauchten. (PAGE 7/93)

(3c) z. B. Ernst-Thälmann-Gedächtnisplakat von 1954 oder Aufruf zur Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, Januar 1989


(4) Faulmann, Karl: Illustrierte Geschichte der Schrift. Wien, 1880 (Reprint Augsburg, 1990). Seite 574

(5) Hermann Zapf in: Plata, Walter (Hrsg.): Schätze der Typographie. Gebrochene Schriften. Frankfurt am Main, 1968




 

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catfonts

ich glaube, dass die Diffamierung der Frakturschrift als „Nazischrift“ im Westen Deutschlands nicht zuletzt auch durch die jeweiligen Besatzungsmächten in der Zeit, in der nach dem Krieg neue Pressemedien geschaffen wurden, forciert wurde. Die drei Westzonen standen ja unter der Kontrolle von Nationen, in denen die Antiquaschrift die gebräuchliche Druckschift ist. und so kann ich mir vorstellen, dass es von Seiten der Zensurbehörden in der Besatzungszeit eine deutliche Anweisung gegeben hat, die neu gegründeten Zeitschriften in Antiqua zu drucken, und das eben auch begründet hat, dass man sich doch von der NS-Presse auch dadurch optisch unterscheiden solle, obwohl es vielnehr darum ging, die Texte in den Zeitschriften zum Zweck der Zensur besser lesen zu können.

 

Anders in der sowjetischen Besatzungszone und später der mit Russland verbundenen DDR. Hier hatten die Besatzer und damit die Zensoren ja genau so viel oder wenig Erfahrung mit Antiqua oder Fraktur, da sie ja aus einem gänzlich anderen Schiftsystem kamen. Sie mussten sich gezwungenermaßen mit dem vorhandenen Schriftenmaterial auseinander setzen. Zudem kommt die wirtschaftlich schlechtere Stellung, was dann auch dazu führte, das man auf vorhandenes Lettern- und Matritzenmaterial zurück griff, und so eben die Fraktur präsenter war.

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Ralf Herrmann

…  obwohl es vielnehr darum ging, die Texte in den Zeitschriften zum Zweck der Zensur besser lesen zu können.

 

Erscheint mir, wie glaube ich schon mal an anderer Stelle irgendwo gesagt, eine sehr unrealistische Idee. Entweder konnten diese »Zensoren« Deutsch (in den zeittypischen Schriftstilen) lesen, oder eben nicht. Ein ganzes Land sollte zur Antiqua »gezwungen« werden, damit ein paar Zensoren etwas flüssiger Lesen konnten? Das klingt nicht plausibel. 

In der Spionage (insbesondere zu Kriegszeiten) ist des doch selbstverständlich, dass man Leute hat, die perfekt die Schrift und Sprache der auszuspionierenden Länder beherrschen. Aber bei der Zeitungszensur sollen dann die Leute plötzlich Deutsch können, aber nicht die gebrochene Schrift lesen?

 

Wer diese genannten »Zensurbehörden« waren und was die so getrieben haben, würde ich mich genauer interessieren. Was weißt du darüber? Mir ist das noch nirgends untergekommen. 

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Phoibos

Wer diese genannten »Zensurbehörden« waren und was die so getrieben haben, würde ich mich genauer interessieren. Was weißt du darüber? Mir ist das noch nirgends untergekommen. 

Die jeweilige allierte Standortkommandantur im Namen der jeweiligen allierten Militärregierung. Mein Mathematik-Lehrbuch in der Oberstufe trug noch den Vermerk "Genehmigt durch die britische Standortkommandantur zu Hamburg zu Unterrichtszwecken" oder so ähnlich. Gerade in der frühen Nachkriegszeit wurde alles rationiert und jede Papierladung bedurfte einer Begründung. Ohne Lizenz der Allierten verließ kein Druckwerk die Halle

Ein neueres Beispiel, das in der Nähe der Thematik gelegen ist: http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/11/09/haftling-darf-in-sutterlin-schreiben/

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catfonts

Erscheint mir, wie glaube ich schon mal an anderer Stelle irgendwo gesagt, eine sehr unrealistische Idee. Entweder konnten diese »Zensoren« Deutsch (in den zeittypischen Schriftstilen) lesen, oder eben nicht. Ein ganzes Land sollte zur Antiqua »gezwungen« werden, damit ein paar Zensoren etwas flüssiger Lesen konnten? Das klingt nicht plausibel. 

In der Spionage (insbesondere zu Kriegszeiten) ist des doch selbstverständlich, dass man Leute hat, die perfekt die Schrift und Sprache der auszuspionierenden Länder beherrschen. Aber bei der Zeitungszensur sollen dann die Leute plötzlich Deutsch können, aber nicht die gebrochene Schrift lesen?

Oh doch, mir erscheint dies als äußerst plausibel, denn wen hat man denn in den Standortkommandanturen dafür eingesetzt? Die extra ausgebildeten Geheimdienst-Mitarbeiter, die fließend Fraktur lesen konnten? Nein, einfache Soldaten, die einigermaßen deutsch konnten. Zudem war es ja so: Zunächst wurde die komplette NS-Presse dicht gemacht, und zunächst von alliierten Soldaten betriebene Besatzungsblätter gegründet, die dann an streng ausgewählte deutsche Journalisten übergeben wurden - natürlich mit der möglicherweise nur mündlichen Anweisung, auch weiterhin so zu drucken, dass es auch für einfache Soldaten mit grundlegenden Deutschkenntnissen lesbar ist. Die komplette westdeutsche Presse wurde ja praktisch von den Besatzungsmächten komplett neu aufgebaut.

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Ralf Herrmann

Okay, so klingt es (auch für mich) plausibler. 

Wobei ich mich frage was gewesen wäre, wenn man diese Wirkung, so es sie denn gegeben hat, nicht gehabt hätte. Hätten nicht a) die Wirkung des Normalschrifterlasses und b) die bewusste Abkehr von der NS-Zeit auch unabhängig vom dem Alliierten-Einfluss zu dem gleichen Ergebnis geführt?

Worin bestand jetzt die »Diffamierung«, von der du sprachst? Selbst wenn es gewissen bzw. sogar geheimen Druck gab, in der Presse gebrochene Schriften zu vermeiden, ist das ja noch nicht automatisch diffamierend. 

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catfonts

Diese Diffamierung besteht eben darin, dass gerade in der Westpresse Frakturschrift oft immer dann eingesetzt wurde, wenn es um irgend etwas Nationalsozialistisches oder zumindest Nationalistisches ging. Eben genau so, wie boernie in seinem Beitrag beschrieben hat, dass in der Luther-Bibel alles gute in Fraktur, alles böse dagegen in Antiqua gedruckt wurde, so wurde eben odt alles böse allein dadurch hervorgehoben, indem man Fraktur benutzte. Das erklärt ja die praktisch automatische Einordnung der Fraktur als Nazischrift im Westen Deutschlands.

Allein, dass die Presse und neue Bücher in Antiqua gedruckt wurden sehe ich hier nicht als Diffamierung.

Und gut möglich, hätte es nicht den starken Anglo-Amerikanischen Einfluss auf die Aufbauzeit der Bundesrepublik gegeben, wäre bestimmt die Möglichkeit größer gewesen, dass es zumindest ein unentspannteres Verhältnis zwischen den Schriftarten gegeben hätte, und so manches Buch wäre sicherlich auch in Fraktur erschienen, allein, weil ja in vielen Druckereien eine recht gute Ausstattung mit Lettern vorhanden war.

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Ralf Herrmann

… alles böse allein dadurch hervorgehoben, indem man Fraktur benutzte. Das erklärt ja die praktisch automatische Einordnung der Fraktur als Nazischrift im Westen Deutschlands.

 

Mhh, ich weiß nicht. Die Konnotation entstand und entsteht vor allem durch die immer noch präsenten Zeitdokumente von vor 1941 in gebrochener Schrift. Da dann kaum noch etwas nachkam, blieb die Konnotation bestehen. Die Abschaffung durch die Nazis, machte die Schrift zur Nazi-Schrift.

Dass man diese Konnotation später maßgeblich durch eine »abwertende Verwendung« ausgelöst hätte, kann ich mir schwer vorstellen. Klar, die Schrift wird so verwendet, aber das scheint mir eher die Nutzung der Konnotation zu sein, nicht ein Auslöser. (Freilich trägt es auch nicht gerade zur Beseitigung entsprechender Assoziationen bei.)

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boernie

Zitat aus
Michael Plata:

Die Abschaffung der Deutschen Schrift
in schleswig-holsteinischen
Tageszeitungen 1941-44
 

„Gothic type will not be used“. Nach Kriegsende wurde die Herausgabe von

regionalen Tageszeitungen von der britischen Militärregierung generell

verboten. Bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 erlaubte

sie den kleinen regionalen Zeitungen nur das Aushängen von Anzeigenblättern,

die in Auflagen von nur wenigen Exemplaren gedruckt werden durften.
 

Allerdings wurden von der Besatzungsmacht an wenige parteigebundene

Zeitungen Lizenzen vergeben, wie z.B. an die Kieler Nachrichten (CDU),
die  Schleswig-Holsteinische Volkszeitung (SPD) und das

Norddeutsche Echo (KPD). Alle Lizenzausgaben erschienen in Antiquaschrift.

Bezüglich der Satzschrift hieß es beispielsweise im Lizenzvertrag

einer Hamburger Zeitung lakonisch: „Gothic type will not be used.“
 

Doch auch als ab Herbst 1949 die Herausgabe von schleswig-holsteinischen

Regionalzeitungen wieder ohne jegliche Auflage möglich wurde, erschien keine
von ihnen in Fraktur. Lediglich der Wesselburener

Marschbote druckte noch 1951 die lokalen Nachrichten in Fraktur,

die auswärtigen hingegen in Antiqua.
 

http://www.beirat-fuer-geschichte.de/fileadmin/pdf/band_12/Demokratische_Geschichte_Band_12_Essay_5.pdf

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boernie
catfonts schrieb:

...und so manches Buch wäre sicherlich auch in Fraktur erschienen, allein, weil ja in vielen

Druckereien eine recht gute Ausstattung mit Lettern vorhanden war.

 

Aus mündlichen Überlieferung älterer Kollegen weiß ich, daß zahlreiche Druckereien

meiner Heimatstadt durch die allierten Bombenangriffe im Oktober 1944 in Schutt

und Asche lagen. Auch das Pressehaus am Hutfiltern war stark betroffen. Von einer

»guten Ausstattung mit Lettern« kann bezüglich dieses — und sicherlich auch anderer

Zeitungsbetriebe — kaum die Rede sein.

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catfonts

Das ist für die vom Bombenkrieg betroffenen Ortte sicher richtig, nur gibt oder gab es ja auch viele Deruckereien un Kleinstädten, die nicht zerbombt waren. diese meinte ich

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Ralf Herrmann

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bemühte sich ein „Verein für Altschrift“ (wobei „Altschrift“ als Eindeutschung des

Begiffes „Antiqua“ zu verstehen war) darum, die Antiqua als Amtsschrift einzuführen und die deutsche Schreibschrift

(= Kurrent) fortan nicht mehr an den Schulen unterrichten zu lassen. Dieses Anliegen wurde bis in das  Parlament, den Reichstag, getragen. Gründer des Vereins war übrigens der Bonner Büroartikelhersteller Friedrich Soennecken (1881), prominentester Mitstreiter der „Altschriftler“ war der spätere Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann.

Am 4. Mai 1911 kam es schließlich im Berliner Reichstag nach einer langwierigen und heftig geführten Debatte, in deren Verlauf der SPD-Abgeordnete Beck die rhetorische Frage gestellt hatte »Sind wir wirklich in der Lage, das Vaterland in Gefahr zu bringen, wenn jemand lateinische Schriftzeichen, die Antiqua, wählt?«, zu einer Abstimmung über den eingebrachten Antrag, die Antiqua als Amtsschrift einzuführen.

Der Antrag wurde mit knapper Mehrheit (85 zu 82 Stimmen) abgelehnt. Die Auszählung der Stimmen ergab aber schließlich, daß das hohe Haus beschlußunfähig war! Deshalb kam es am 17. 10. 1911 erneut zu einer Abstimmung, die

die ein eindeutiges Ergebnis von über 75 Prozent der Stimmen zugunsten der gebrochenen Schrift ergab.

Weiß jemand, wo man den Antrag in Gänze nachlesen kann?

Ich lese in verschiedenen Quellen davon und der Zweck des Antrags wird dabei höchst unterschiedlich zusammengefasst. Mal ist bloß von der Zulassung der Antiqua neben der Fraktur in amtlichen Dokumenten die Rede, mal von der »Abschaffung der Deutschen Schrift«. Mich würde interessieren, was da nun genau drin stand.

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Phoibos

Weiß jemand, wo man den Antrag in Gänze nachlesen kann?

Ich lese in verschiedenen Quellen davon und der Zweck des Antrags wird dabei höchst unterschiedlich zusammengefasst. Mal ist bloß von der Zulassung der Antiqua neben der Fraktur in amtlichen Dokumenten die Rede, mal von der »Abschaffung der Deutschen Schrift«. Mich würde interessieren, was da nun genau drin stand.

 

Die Anträge habe ich nicht auf die Schnelle gefunden, aber die Protokolle des Reichstages:

4.5.1911: http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k12_bsb00003332_00422.html (der Antrag soll im Anhang sein, aber nach dem hab ich nun nicht mehr gesucht)

17.10.1911: http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k12_bsb00003334_00012.html

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boernie

Im Absatz Der Antiqua-Fraktur-Streit im Reichstag ist mir leider ein peinlicher

Tippfehler unterlaufen. Der zitierte Abgeordnete hieß nicht Beck, sondern Geck.

Sorry!

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