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Buchstabenverzierungen auf Münzen von 1630

Hervorgehobene Antworten

Hallo,

für die Beschreibung der Besonderheiten des Münzbildes von sächsischen Jubiläumsmünzen aus dem Jahre 1630 bräuchte ich mal etwas Hilfe.
Der Münzgraveur Ruprecht Niklas Kitzkatz hat sich hier in den verschiedenen Verzierungen der Buchstaben "J" und "y" ausgelassen.

grafik.png.d9693f19d6d5888876abce4b9bd79b72.pnggrafik.png.015cee2640ed111b98506966dc838d82.pnggrafik.png.32eca04cd28742d3b28c5768627e01e6.png

a) Da ich eine Publikation über diese Münzen plane, wüsste ich gerne wie man die Verzierungen korrekt bezeichnet.

b) Kitzkatz gravierte seine "E" öfter mal in runder Form (zu sehen in der waagerechten Inschrift "IOH GEOR"). Wie kann man das korrekt benennen?

 

Auch bei anderen Großbuchstaben/Ziffern finde ich Verzierungen, die ich gerne benennen würde, z.B. unten an der "1" in der Jahreszahl 1630 der Goldmünze (links neben der Schwertspitze) oder unten am "N" des Worts "NOMEN" der folgenden Silbermünze.

grafik.png.1405150ceab9a7a4151b830808291a26.pnggrafik.png.3f65a6b8fbadb6c693936a6c95f1c3df.png

Ich würde mich über Hinweise sehr freuen.

Mario Weidner

 

PS: Vielleicht ist der Beitrag in ein anderen Forenbereich besser aufgehoben, dann kann der Admin das gerne dahin verschieben, wenn das geht..

Dass es für die einzelnen Ausprägungen festgelegte Namen gibt, wüsste ich nicht. Daher würde ich von Schwüngen, Schwungformen, geschwungenen Unterlängen oder Zierformen sprechen – beim N vielleicht mit Schlussstrich. Das geschwungene E könnte man doppel- oder zweistöckiges rundes E bezeichnen im Gegensatz zum einstöckigen runden E wie in Unzialschriften. Bei der 1 und dem End-N ging es ihm  wahrscheinlich auch darum die Flächen komplett zu füllen. Einen festen Begriff dafür kenne ich abe auch nicht und daher würde ich es einfach beschreiben.

  • Ersteller

Nun, er konnte sich das sicher nicht aussuchen. Zumindest hat er es trotz des Namens zum Kurfürstlich Sächsischen Münz-Eisenschneider und Medailleur am Hofe Johann Georgs I. in Dresden von 1616-1633 gebracht und war nebenbei auch für Herzog Johann Casimir von Sachsen Coburg tätig.


Gruß
Mario Weidner

  • Ersteller
Am 14.3.2020 um 14:45 schrieb Schnitzel:

Daher würde ich von Schwüngen, Schwungformen, geschwungenen Unterlängen oder Zierformen sprechen – beim N vielleicht mit Schlussstrich. Das geschwungene E könnte man doppel- oder zweistöckiges rundes E bezeichnen im Gegensatz zum einstöckigen runden E wie in Unzialschriften. Bei der 1 und dem End-N ging es ihm  wahrscheinlich auch darum die Flächen komplett zu füllen.

Vielen Dank für das Feedback. Die geschwungenen Unterlängen beim "J" wurden 1801 so beschrieben: "In Juny das J mit einem Zuge". Diesen Begriff "Zug" habe ich so (zumindest online) ein keinem typografischen oder kalligrafischen  Nachschlagewerk gefunden.

 

Gruß aus Dresden

Mario Weidner

 

PS: Es scheint, er mochte diese verzierten Unterlängen..

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vor einer Stunde schrieb weidner:

Diesen Begriff "Zug" habe ich so (zumindest online) ein keinem typografischen oder kalligrafischen  Nachschlagewerk gefunden.

Doch, so heißt das. Siehe hier:

 

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  • Ersteller

Vielen Dank. Dann kann ich den Begriff mit gutem Gewissen verwenden. Es geht doch nichts über gute Bücher!
Wie heißt dieses Buch dort?

Gruß aus Dresden
Mario Weidner

vor einer Stunde schrieb weidner:

Wie heißt dieses Buch dort?

Das wird einfach ein Schriftmusterbuch sein. Ursprünglich waren das einfach nur Werbungsmaterialien  der Schriftgießereien (also keine [Sach-]Bücher in traditionellem Sinn), heute sind sie begehrte Sammlerobjekte.

Hmm, nur weil das in einer Werbebroschüre steht, würde ich es nicht als festen Begriff ansehen. Zug in dem Sinne habe ich noch nicht gehört. Wenn man etwas in einem Zug schreibt, scheint mir das ganz allgemein für die Geste – also die Bewegung der Hand – zu stehen. Schwung als Begriff ist m. E. zeitgemäßer und verständlicher.

Voluten, Schnörkel, Windungen oder einfach Verzierungen hätte ich noch anzubieten. Oder Verben, Adjektive: Das J ist nach unten hin ausgezogen, läuft in einer weit nach links geschwungenen, eingezogenen Schlinge aus usw. Ein Zug ist aber m.E. einfach ein beliebiger Federzug und geht in der Bedeutung weit über bloßen Zierat hinaus. Wörter für die verschiedensten Linienformen kann man sicher in den frühneuzeitlichen Schreibmeisterbüchern auftun, die waren da oft sehr subtil in der Unterscheidung.

 

Vielleicht wäre es sinnvoll, Deiner Ausarbeitung eine Nomenklatur der Zierformen beizufügen, die Du dann in Deinen Beschreibungen anwendest? Wenn das wohldurchdacht ist, kann es durchaus zu einem Standard werden, der ja anscheinend auf Deinem Gebiet in der Hinsicht noch fehlt.

  • Ersteller
vor 11 Minuten schrieb Philographus:

Wörter für die verschiedensten Linienformen kann man sicher in den frühneuzeitlichen Schreibmeisterbüchern auftun, die waren da oft sehr subtil in der Unterscheidung.

Vielen Dank für den Hinweis auf die Schreibmeisterbücher. Ein paar schöne Digitalisate habe ich gefunden

Ich würde an Deiner Stelle zunächst die neuere Literatur konsultieren, um zu erfahren, ob die Bezeichnungen der Schreibmeister nicht womöglich schon irgendwo systematisiert sind.

 

Recherchetips:

  • Werner Doede: Bibliographie deutscher Schreibmeisterbücher von Neudörffer bis 1800. Hamburg 1958.
  • Thomas Frenz: Die Schriftbeschreibungen in den Schreibmeisterbüchern. In: Methoden der Schriftbeschreibung. Hg. v. Peter Rück. Stuttgart 1999, S. 141–150. Darin sind noch viele weitere Beiträge enthalten, die Dich interessieren könnten.
  • Peter O. Büttner: Schreiben lehren um 1800. Hannover 2015.
  • Ersteller

Das ist erstmal ne Menge Leſeſtoff, vielen Dank. Und irgendwie juckt es in den Fingern, die alten Schreibfedern wieder rauszukramen - wo sind die bloß?

Am 15.3.2020 um 18:28 schrieb weidner:

Die geschwungenen Unterlängen beim "J" wurden 1801 so beschrieben: "In Juny das J mit einem Zuge".

Ist mit dem "Zuge" nicht eher der Querstrich durch den Schaft des J gemeint, den man im letzten Bild Deines Ursprungsbeitrags besonders gut erkennen kann? Das dürfte vom lateinischen ductus ,Zug‘[1] stammen, vgl. inducere ,durchstreichen‘ zu ducere ,ziehen‘ (hier im angeschnittenen ersten Artikel der Seite Bedeutung IB2c).

Am 14.3.2020 um 12:39 schrieb weidner:

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Edit: Übrigens gibt es auch Zugbuchstaben, zu denen der Grimm schreibt: „zugbuchstaben sind eine art von zierbuchstaben“ – offenbar irrig, denn in Wahrheit handelt es sich schlicht um Anfangsbuchstaben (weil sie das Wort anführen, lat. ducere) in Verbindung mit dem französischen false friend lettre d’ornement ,Großbuchstabe‘, vgl. hier.

vor 8 Stunden schrieb Philographus:

Edit: Übrigens gibt es auch Zugbuchstaben, zu denen der Grimm schreibt: „zugbuchstaben sind eine art von zierbuchstaben“ – offenbar irrig, denn in Wahrheit handelt es sich schlicht um Anfangsbuchstaben (weil sie das Wort anführen, lat. ducere) in Verbindung mit dem französischen false friend lettre d’ornement ,Großbuchstabe‘, vgl. hier.

Der zweite Link funktioniert nicht. Warum da etwas »irrig« sein soll, erschließt sich mir nicht. Zug verweist auf die Eigenschaft von Buchstaben, entsprechende Verzierungen oder Schwünge (wie wir heute eher sagen würden) zu haben. Diese Eigenschaft wird aber nicht wahllos auf alle Buchstaben angewendet. Schon gar nicht früher im Buchdruck, wo es physische Beschränkungen durch die Lettern gab. Die Anwendung ist typisch für Wortanfänge- und enden und Initialalphabete. Diese typische Anwendung bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass Zugbuchstaben mit Anfangsbuchstaben gleichzusetzen wären. 

vor 4 Stunden schrieb Ralf Herrmann:

Der zweite Link funktioniert nicht.

Hier ist der richtige Link.

 

Du hast jedoch recht damit, dass Zugbuchstaben verzierte Buchstaben sind; da hatte ich zu schnell geschossen. Hier ist ein vergnügliches Beispiel für die Verwendung in einem Schreibmeisterbuch, wo an derselben Stelle auch die Junktur ein feiner Zug vorkommt. Interessanterweise wird das Wort Zugbuchstaben aber dennoch oft unterschiedlos für Zier-, Anfangs- und Großbuchstaben gebraucht, wie man in Wörterbüchern der Zeit nachverfolgen kann, etwa auch hier; die Bedeutungsangabe bei Grimm ist also zumindest unvollständig.

 

Diese Gleichsetzung erinnert mich an die These, dass die Großschreibung der Substantive im Deutschen von der Freude der Schreibmeister des 16. bis 18. Jahrhunderts an den Formen der an sich schon zierlichen und verschnörkelten Fraktur-Großbuchstaben herrühren solle. Ich glaube, die These stammt aus Friedrich Vornholts Dissertation Die Initialen und Großbuchstaben der lateinischen Buchschrift in ihrer Entwicklung bis zur Frakturschrift. Greifswald 1907. Leider kann ich das nicht überprüfen, da die Bibliotheken hier wegen der Seuchengefahr geschlossen sind.

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