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Wie ich Schriftarten teste

Hervorgehobene Antworten

Hallo zusammen,

Ich bin nun schon über ein Jahr in diesem Forum. In der Zeit habe ich eine ganze Menge Laienfragen gestellt und dabei immer so ein bisschen ein schlechtes Gewissen gehabt, dass ich immer wieder die Community um Hilfe bitte aber nie selbst etwas Eigenes beitrage. Ob dieser Beitrag etwas Sinnvolles ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht, aber es ist mir ein Bedürfnis, einfach mal mit der Community zu teilen, was ich mir in den vergangenen Monaten für eine Vorgehensweise beim Testen von Schriftarten selbst zurechtgelegt habe. Ob davon jemand profitieren kann, weiß ich nicht - allein schon, weil die allermeisten hier natürlich viel mehr Erfahrung haben als ich. Aber seis' drum. Ich erzähle mal.

Was ich setze, sind Romantexte. Mit anderen Worten: Nur Text, der zum »linearen Lesen« gedacht ist. Weil ich keine spezielle Software dafür habe und aus meiner Zeit an der Uni damit vertraut bin, nutze ich zum Setzen LaTeX - nicht jedermanns Sache, ich weiß. Aber ich kann damit umgehen und es passt möglicherweise zu meiner Vorgehensweise, die für den einen oder anderen hier wahrscheinlich sehr »analytisch« ist.

Zum Setzen meiner Texte habe ich in den letzten Monaten einige Schriften ausprobiert - hauptsächlich dynamische Antiqua und immer solche, die frei verfügbar - idealerweise open source - sind. Es ist mir einerseits sehr wichtig, keine Schutzrechte zu verletzen, andererseits bin ich recht computeraffin.

Mein »Vorbild« für den Buchsatz ist eine gebundene Ausgabe von Günter Grass' »Beim Häuten der Zwiebel«. Von diesem Buch, das selbst in der Baskerville gesetzt ist, habe ich mir das Seitenformat abgeschaut: 205x120 Millimeter. Als Satzspiegel verwende ich im Moment folgende, selbst - auch anhand von »Beim Häuten der Zwiebel« - zurechtgestückelte Maße:

Heftbund: 5mm, linker Seitenrand 6 mm, dementsprechend Innenrand 11 mm
Außensteg: 17 mm
Kopfsteg: 17 mm
Fußsteg: 27 mm

Dieses Format und dieser Satzspiegel sind sozusagen meine »Spielwiese« zum Ausprobieren von Schriftarten, Schriftgrößen und Zeilenabständen. Ich habe mir ein Skript geschrieben, mit dem ich mir LaTeX-Inputdateien mit verschiedenen Parametern erzeugen und durchprobieren kann. Daraus entsteht dann direkt ein pdf, das ich einer computergestützten Auswertung unterziehe. Ich kopiere den gesamten Text des pdf in eine entsprechend präparierte Excel-Tabelle, die die Zeichenzahl in jeder Zeile und die Zeilenzahl auf jeder Seite bestimmt. Aus verschiedenen Büchern und hier im Forum habe ich gelernt, dass man pro Zeile am Besten etwa »zwei bis drei Alphabete« setzt, also maximal 78 Zeichen. Die Grenze, die ich einzuhalten versuche, sind 70 Zeichen pro Zeile. Wiederum orientiert an »Beim Häuten der Zwiebel« versuche ich, möglichst nicht mehr als 32 Zeilen pro Seite zu setzen. Ganz sklavisch an diese Kriterien halten tue ich mich allerdings nicht. Wenn ich unter ein paar tausend Zeilen eine einstellige Anzahl mit über 70 Zeichen und unter ein paar hundert Seiten eine einstellige Zahl mit mehr als 32 Zeilen habe, dann sehe ich meine Kriterien als erfüllt an.

Mir ist klar, dass das wahrscheinlich eine sehr technische Vorgehensweise ist. Typographie findet wahrscheinlich viel mehr mit dem Auge statt. Dass ich so vorgehe, kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich mir meine gesetzten Texte auch angucke, aber die Vorgehensweise, die ich gerade geschildert habe, ermöglicht es mir, vor einem genaueren Blick herauszufinden, was ich überhaupt näher anzusehen lohnt.

Ich könnte mir vorstellen, dass spezialisierte Software wie InDesign solche Funktionen an Bord hat, so dass man nicht mit Excel-Tabellen rumfrickeln muss, aber für einen Hobbytypographen wie mich ist das eine Vorgehensweise, die leicht mit vorhandenen Mitteln funktioniert.

Was ich mir von diesem Posting jetzt erhoffe? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau. Was ich als Hobbytypograph auf keinen Fall möchte ist, »alten Kutschern das Peitscheknallen beibringen« wie es Otto Rehagel einmal formuliert hat. Dass die meisten hier viel mehr Erfahrung und ein geschulteres Auge haben als ich, ist mir klar und das ist auch gut so. Deswegen fühlt Euch auch gerne frei, an meiner Vorgehensweise Kritik zu üben oder mir zu sagen, was ich besser machen kann.

Bearbeitet ( von gyps_ruepelli)

Ich finds cool! Aber ich bin ja auch Informatiker und kein Typograf! 😁 Solche Daten sind meiner Ansicht nach eine sehr gute objektive Grundlage, die Du Deinem subjektiven Eindruck gegenüber stellen kannst. So mache ich das bei meiner Software auch, nur natürlich mit ganz anderen Daten.

Wie sind Deine Erfahrungen mit Deinem Ansatz? Gibt es Fälle, wo die Zahlen sagen: "Super!" - und sich das Auge dagegen sträubt?

Nutzt Du LuaLaTeX? Da funktioniert die Schriftauswahl am leichtesten, finde ich.

Wie kopierst Du denn die Zeilen nach Excel? Manuell? Oder gibt es dafür irgendwelche Tools? Ich könnte mir vorstellen, daß das mit Python schnell lösbar ist. Spannend!

  • Ersteller

Hallo. Also ich behaupte nicht, so viel Erfahrung mit dem Ansatz zu haben, dass ich schon sagen kann, ob er Ergebnisse liefern kann, die dem Auge widersprechen. Ich nutze ihn normalerweise, um den Text sozusagen "auszubalancieren" - also die richtige Schriftgröße und den richtigen Zeilenabstand zu finden, bevor ich mir das Ganze en détail ansehe. Aber dabei ist bislang nichts rausgekommen, was ich nicht für in Ordnung befunden hätte.

Ich bin im letzten Jahr in der Tat zu LuaLaTeX gewechselt - allein schon, weil man damit ja auch unkompliziert an den Fonts rumschrauben kann ohne in die Fontdateien selbst einzugreifen.

Das Kopieren mache ich manuell. Da gibt es bestimmt auch Python-Tools, aber ich bin mit Python nicht so sehr fit. Die einzige Programmiersprache, die ich wirklich zu beherrschen glaube, ist Fortran - neben LaTeX, wenn man das als Programmiersprache auffassen will.

Generell finde ich Excel (bzw. LibreOffice Calc, ich nutze Linux) ein sehr nützliches Tool für viele Lebenslagen. Neulich habe ich an einem Font selbst rumprogrammiert und eine Ligatur gebastelt. Um das einzujustieren, habe ich die Originalbuchstaben genommen und die Splines-Punkte in einer Excel-Tabelle verschoben.

  • 2 Wochen später...
  • Ersteller
Am 1.8.2025 um 12:32 schrieb Callelulli:

Wie sind Deine Erfahrungen mit Deinem Ansatz? Gibt es Fälle, wo die Zahlen sagen: "Super!" - und sich das Auge dagegen sträubt?

Nutzt Du LuaLaTeX? Da funktioniert die Schriftauswahl am leichtesten, finde ich.

Wie kopierst Du denn die Zeilen nach Excel? Manuell? Oder gibt es dafür irgendwelche Tools? Ich könnte mir vorstellen, daß das mit Python schnell lösbar ist. Spannend!

Wie ich schon schrieb, bin ich noch in der Ausprobier-Phase mit dem Ansatz. Für verschiedene Renaissance-Antiquas (EB Garamond, Cardo) hat er aus meiner Sicht ganz brauchbare Resultate geliefert. Bei der Vollkorn, die ja eher Barock ist, habe ich das Gefühl, dass das, was man damit herausbekommt, zu klein ist. Mit anderen Worten: Man muss die Schriftgröße wohl leicht erhöhen. Das hat auch deswegen einen Sinn, weil die Renaissance-Antiquas ja in der Regel breiter laufen als die Barocken. Aber das heißt für mich nicht, dass der Ansatz nutzlos ist, denn er liefert immerhin eine Grundlage, auf der man anfangen kann.

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