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Typographische Verbrechen

Hervorgehobene Antworten

Hallo in die Runde,

Inspiriert durch andere Sammelthreads aus diesem Forum wollte ich hier mal eine Sammlung typographischer Grausamkeiten aufmachen. Die erste kommt aus meinem Arbeitsalltag. Ich arbeite bei einer kleinen Firma und wurde vor ein paar Monaten gebeten, eine Imagebroschüre für unser Unternehmen zu layouten - weil der Chef wusste, dass ich sowas kann (wir sind in einer ganz anderen Branche tätig). Ich habe mich also rangesetzt und eine Broschüre gebastelt. Als es dann ans Deckblatt ging, auf dem natürlich das Firmenlogo prangen sollte, klappte mir vor Staunen der Mund auf. Das Logo unserer Firma ist vor langer Zeit mal in einer extra dafür gekauften Schrift gestaltet worden - und es enthält einen Versalienschriftzug und daneben... ja, es sollten wohl Kapitälchen sein. Es sind aber falsche Kapitälchen. Anstelle der Kapitälchen hatte man einfach Versalien in einem kleineren Schriftgrad genommen während man für das Logo an der Glastür auf dem Flur vor unseren Räumen einfach nur Versalien genommen hat.

Ich habe meinen Chef darüber in Kenntnis gesetzt, dass das, was auf unserer Internetseite steht, ein typographisches Kapitalverbrechen sei. Er schüttelte nur den Kopf und meinte »was Dir alles auffällt«.

Mein Lebenspartner meinte nur augenzwinkernd, ob das nicht eher ein Kapitälchenverbrechen sei. Aber ich glaube, falsche Kapitälchen lassen keine Verniedlichung zu, oder? 

Der Ausdruck »Type Crime« geistert seit Jahrzehnten durch die sozialen Medien und das Web. Genau so lange ist mir schleierhaft, woher die Faszination des »Verbrechens« in der Typografie stammt. Geht das auf Adolf Loos zurück? Jan Tschichold? Meist werden ganz normale Satzfehler oder Anwendungen, die unseren typografischen Konventionen zuwiderlaufen, zum »Verbrechen« hochstilisiert.

Ist es mangelndes Selbstwertgefühl, dessenthalben sich Typografinnen und Schriftgestalter immer wieder als selbsternannte »Gesetzeshüter« mehr Relevanz verleihen, als sie tatsächlich haben? Ja, wir Gestalterinnen ärgern uns, und trotzdem kommt in der Regel bei all diesen »Typografieverbrechen« nichts und niemand zu Schaden. Anders als bei echten Gesetzesverstößen.

Was am ehesten in die Kategorie »typografische Verbrechen« gehören könnte, wenn es sie gäbe, sind gestalterische Umsetzungen, die kritische Information schlecht zugänglich machen und dadurch Menschen behindern oder sogar gefährden können (etwa unleserliche Gefahrenhinweise oder schlecht gestaltete Leitsysteme), sowie Verträge und Endnutzerlizenzvereinbarungen, die zum Nachteil der Verbraucherinnen oder Lizenznahmer BESONDERS SCHLECHT ZU LESEN SIND UND SIE DAVON ABHALTEN SOLLEN, DEN SINN DER VEREINBARUNG ZU ERFASSEN ODER ÜBERHAUPT ERST ZU LESEN. (Winzige Schriftgröße, überlange Zeilen und minimalen Durchschuss hier bitte dazudenken.)

Merkwürdigerweise findet man solche Fälle aber nie in den üblichen Type-Crime-Compilations.

Was im weiteren Sinne mit der Kategorie »typografische Verbrechen« verwandt sein könnte, wenn es sie gäbe, sind misslungene oder fehlerhafte typografische Umsetzungen an dauerhaften Anlagen von öffentlichem Interesse oder im Stadtbild, vielleicht analog zu Verstößen gegen den Denkmalschutz oder gegen den Bebauungsplan. Aber »Verbrechen« wären das wohl auch in keiner Legislation. Eher so etwas wie Ordnungswidrigkeiten, vermute ich.

Hierunter fielen dann Vorkommnisse, die durchaus auch mal in den einschlägigen Channels und Medien auftauchen (selten im Zusammenhang mit »Typo-Verbrechen«, vielmehr als isolierte Kuriositäten), z. B. das Kriegsmahnmal in Comic Sans, das Exzellenzzentrum mit der weniger als exzellenten Arial-Beschriftung, der verpatzte New Yorker Library Way oder Papst Franziskus’ Grab.

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  • Ersteller
vor 13 Stunden schrieb D2C:

Der Ausdruck »Type Crime« geistert seit Jahrzehnten durch die sozialen Medien und das Web. Genau so lange ist mir schleierhaft, woher die Faszination des »Verbrechens« in der Typografie stammt. Geht das auf Adolf Loos zurück? Jan Tschichold? Meist werden ganz normale Satzfehler oder Anwendungen, die unseren typografischen Konventionen zuwiderlaufen, zum »Verbrechen« hochstilisiert.

Im Grunde gebe ich Dir Recht. Es gibt Typographen, die ausgesprochen apodiktisch in ihren Ansichten sind. Irgendwann las ich mal eine solche Stellungnahme zum Versal-ß. Das ß sei eine Ligatur und könne deswegen keine Versalie sein. Punkt. Das würde ich anders sehen. Ich sehe das ß als Buchstaben. In Dänisch und Norwegisch wird æ - obwohl unverkennbar eine Ligatur - als Buchstabe gesehen und existiert natürlich auch als Versalie Æ. Typographie ist Design und damit ein Stück weit natürlich auch Geschmackssache. 

Und natürlich ist die Wortwahl "Verbrechen" eine gewisse Überspitzung. Aber es gibt aus meiner Sicht eben doch Dinge, die einfach extrem unschön sind (ist aber natürlich auch Geschmackssache). Und es kann ja auch mal gut tun, ein bisschen zuzuspitzen, um sich das Herz zu erleichtern.

Ich musste mich mal durch eine Studienbroschüre der Fernuni Hagen quälen, deren Text offenbar mal mit OCR eingescannt worden ist. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, dass alle versalen "I" zu versalen "T" geworden waren. Da begannen dann Sätze mit "Tnfolgedessen" usw. Das Ganze natürlich gesetzt in Times New Roman...

Überhaupt sind die Leute von der Fernuni in Typocrimes gut. Unterschiedliche Absätze auf einer Seite in unterschiedlichen Schriftgrößen kommen da auch immer mal wieder vor.

Ein typographisches Verbrechen ist alles, was bei einem guten, aber herzkranken Typographen zum vorzeitigen Ende eines Satzeſ

vor 4 Stunden schrieb gyps_ruepelli:

Und natürlich ist die Wortwahl "Verbrechen" eine gewisse Überspitzung.

Nein, es ist keine „Überspitzung“ es ist schlicht und einfach semantisch falsch. Beinhaltet dann auch eine (ungewollte) Ironie wenn man mittels semantischer Unkorrektheit auf typografische Unkorrektheit hinweisen möchte. Korrektheit anzumahnen verpflichtet eher den/die Mahnenden auch jenseits der eigenen Profession korrekt zu bleiben.

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