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Wurden die Anführungszeichen 99/99 früher verwendet?

Hervorgehobene Antworten

Beim durchsehen verschiedener Schriftmusterkarten ist mir aufgefallen, dass einige Schriften nur das Anführungszeichen 99 für oben und unten beinhalten. Ich dachte mir dann, dass es beim setzen wohl um 180 Grad gedreht wird, was wahrscheinlich möglich ist, wenn es geschickt in Form gebracht ist.

Nun habe ich aber bei der Werbung für die Element (Bild: "element-original.tif") gesehen, dass hier tatsächlich 99/99 verwendet wird:

Screenshot 2026-03-02 052306.png

Meine Frage ist nun: war es damals üblich, 99/99 im deutschen Sprachraum zu verwenden? Unter welchen Bedingungen und in welcher Zeit wurde das gemacht? Oder ist das hier nur eine Ausnahme und der Setzer hat es falsch gemacht?

Bearbeitet ( von TS10)

Gelöst von Ralf Herrmann

  • Ersteller

Es gab, wie gesagt, einige Schriftarten, die nur 99er hatten. Daher ergibt sich ja gerade meine Frage, ob es üblich war. Wenn es nicht üblich war, wieso gab es dann viele Schriften, die nur 99er hatten?

Und wie viel Prozent waren das? Ab wann fingen die Schriftarten an, nur 99er zu haben und ab wann hörte es auf?

Stärker aufgefallen ist mir das erst, als ich gesehen habe, dass auch Tahoma (Schriftart für den Windows-XP-Desktop) noch die 99er hat. Mglw. ist die Situation also gar nicht so klar. Heutzutage hat jedenfalls keine Schriftart mehr die 99er.

Bearbeitet ( von TS10)

Vor 27 Minuten, TS10 schrieb:

Ab wann fingen die Schriftarten an, nur 99er zu haben und ab wann hörte es auf?

Gar nicht, das war kein allgemeingültiges Merkmal, der Großteil hielt sich an 99/66. Nicht der Konvention entsprechende Anführungszeichen gibt es aber noch heute, beispielsweise bei der Verdana.

  • Lösung
Vor 24 Minuten, TS10 schrieb:

Heutzutage hat jedenfalls keine Schriftart mehr die 99er.

Heutige Schriften sind ja für viele Sprachen gemacht, da braucht man immer alle Varianten.

Die Entwicklung der deutschen Umlaute über die Zeit nachzuverfolgen, wäre mal interessant. Ist mir nicht bekannt, dass das schon mal jemand gemacht hat. Ich hab mal wahllos ins Bücherregal gegriffen und das Handbuch der Typographie 1870 herausgegriffen.

Da wird die 99/66- und die 99/99-Variante zusätzlich über die Form(!) unterschieden (Striche vs. »Hochkomma«). Sehr spannend!

IMG_3675.jpg

Sicherlich lässt sich das mit entsprechender Recherche nachvollziehen. Würde mich nicht wundern, wenn das mit dem Antiqua-Fraktur-Streit zu tun hat.

4 Stunden her, Ralf Herrmann schrieb:

Würde mich nicht wundern, wenn das mit dem Antiqua-Fraktur-Streit zu tun hat.

Hab jetzt nochmal in Ruhe weitergelesen. Die „”-Form wird tatsächlich Antiqua-Gänsefüßchen genannt; die erstgezeigte Variante als die Normalform, also damals für Fraktur. Dass sich die Ausrichtung nach unten und oben hierzulande erhalten hat, erklärt sich auch mit dem deutschen Setzkasten, wo für „ und “ gegebenenfalls das gleiche Zeichen zum Einsatz kommt, nur einmal gedreht.

IMG_3680.jpg

  • Ersteller

Danke! Die folgenden Länder verwenden heute noch diese Anführungszeichen:

  • Estland

  • Kroatien

  • Polen

  • Rumänien

  • Serbien

  • Ungarn

Womöglich war diese Schreibweise also in Teilen Deutschlands eher verbreitet, wo es eine geographische Nähe gab. Das würde in Richtung Sprach- und Dialektentwicklung passen.

Bearbeitet ( von TS10)

  • Ersteller

Mglw. gab es sogar Vermischungen von 99/66 und 99/99 in gleichen Schriftarten unterschiedlicher Schnitte. Die Schadow-Werkschrift hat 99/66 und die Schadow kursiv scheinbar nur 99/99 gemäß der veröffentlichten Schriftmusterkarten auf flickr.

Screenshot 2026-03-04 032725.png

Allerdings muss man bei diesen Karten auch vorsichtig sein, da viele von denen fehlerhaft sind, bspw. fehlen häufig wichtige Figuren.

Hier kann man sich durch die Figurenverzeichnisse typischer deutscher Bleisatzschriften klicken:

https://www.flickr.com/photos/letterformarchive/albums/72177720310834741/with/53151886571

Die meisten Schriften zeigen „” im Figurenverzeichnis.
Das ist aber wie gesagt wegen der möglichen Drehung der ersten Form nicht zwingend die empfohlene oder typische Anwendung, sondern erstmal nur die Auflistung der verfügbaren Zeichen.

Im Satztechnischen Lexikon von 1925 werden als »allgemein gebräuchlichste« die strichartigen Formen für Fraktur und für Antiqua gleichsam „–“ oder „–” aufgeführt. Eine Empfehlung für eine Antiqua-Variante wird aber nicht gegeben. Außerdem wird erwähnt, dass für Fraktur, Antiqua und Kursiv zunehmend auch «–» zum Einsatz kommt. Das war in dem Buch von 1870 für deutsche Texte noch nicht der Fall. Die heute übliche, »umgekehrte« Anwendung wird jedoch noch strengstens abgelehnt. Da war also wirklich in den letzten 150 Jahren viel Bewegung in der Anwendung.

  • Ersteller

Hier noch ein Nachtrag zu der Annahme, die Anführungszeichen wären unterschiedlich bei den genannten Schnitten.

Scheinbar ist es wirklich so, dass es allein von der Drehung abhängt und dass die Person, die die Schriftmusterkarte anfertigt, frei entscheidet, welche Anführungszeichen gezeigt werden.

In diesem Figurenverzeichnis ist die gleiche Schrift (Schadow-Werkschrift) ohne 99/66 sondern stattdessen mit 99/99 sichtbar.

Ich nahm erst an, dass das nicht so frei möglich ist, da bei jeder Schriftmusterkarte dabeistand, sie wäre nach einer Din-Norm angefertigt. Diese Norm (DIN 16517) behandelt offensichtlich aber die Anführungszeichen nicht in diesem Ausmaß.

Die DIN schrieb den Inhalt vor:

  • Physisches Format: Die Karteikarte ist im Format DIN A5 (148 mm × 210 mm) auszuführen, um eine einfache Archivierung in Standard-Karteikästen zu ermöglichen.

  • Struktur und Aufbau:

    • Kopfzeile: Platz für den Namen der Schrift (z. B. Futura, Garamond), den Hersteller (Schriftgießerei) und die Schriftklassifikation.

    • Schaugrößen: Darstellung der Schrift in verschiedenen Punktgrößen (Graden), meist von 6 bis 48 oder 60 Punkt.

    • Zeichensatz: Ein vollständiger Abdruck des Alphabets (Groß- und Kleinbuchstaben), der Ziffern sowie der wichtigsten Satz- und Sonderzeichen.

  • Mustertexte: Festgelegte Blindtexte (oft das „Alphabet-Pangramm“), um die Wirkung der Schrift im Fließtext und die Spationierung (Abstände) beurteilen zu können.

  • Technische Angaben: Angaben zur Kegelhöhe, Dickte und Verfügbarkeit von Varianten (mager, halbfett, kursiv).

Es mussten auch nur die „wichtigsten“ Satz- und Sonderzeichen enthalten sein, nicht alle. Zur Verwendung bestimmter Satzzeichen für bestimmte Anwendungen (wie die Frage, ob 99/66 oder 99/99 verwendet wird), traf die DIN kein Aussage.

  • 1 Monat später...

Interessant. Gerade am Wochenende habe ich ein aus DIN 17 gesetztes älteres Schild gesehen, was erstaunlicherweise typografisch perfekt gefräst wurde. Nur diese „falschen“ Anführungszeichen fielen auf, aber das könnte die Erklärung sein.

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