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Das wohltemperierte Alphabet

Martin Z. Schröder

Ein Buch, in dem man spazieren geht durch 600 Jahre Schriftkultur und in dem man - auf fast spielerische Weise - wahrnimmt, welch kostbares Erbe uns die Meister der Schriftkunst hinterlassen haben. Auf großzügig gestalteten Doppelseiten werden 99 Schriftgestalter vorgestellt, von den kühnen Stempelschneidern aus Gutenbergs Zeiten über die Meister der Renaissance, des Barock und des Klassizismus bis zu den Erneuerern der Schriftkunst am Ende des 19. Jahrhunderts, die zusammen mit den großen Schriftgraphikern des 20. Jahrhunderts die Typographie in die Moderne geführt haben. Ein bibliophiles Lexikon, das den allgemein kulturgeschichtlich interessierten Leser genauso erfreuen wird, wie es für den professionellen Nutzer hilfreich ist.

Axel Bertram, geboren 1936, Zeichner, Graphiker, Typograph. Von 1977 bis 1992 Professor für Gebrauchsgraphik an der Kunsthochschule Berlin. Neben seinem gestalterischen Werk zahlreiche Publikationen zu Themen seines Fachs und zur Kulturgeschichte.

Rezension

Eine Schule des Sehens.

In dem Leipziger Verlag Faber & Faber ist ein einmalig wunderbares Buch erschienen; der Gebrauchgrafiker Axel Bertram hat es geschrieben und ausgestattet, es handelt von 99 Schriftkünstlern aus sechs Jahrhunderten und trägt zu recht den Titel „Das wohltemperierte Alphabet“.

von Martin Z. Schröder

Bevor Einblick in die Pracht seines Inhaltes gegeben wird, soll seine äußere Gestalt zur Sprache kommen, denn es spricht eine Bildsprache, deren gepflegte Sorgfalt als Denkmal einer Nische zu lesen ist. Es wurde typografisch ausgestattet wie ein DDR-Buch mit den technischen Mitteln des an gutem Material reichen Westens.

Nischen in der DDR besetzt zu haben wurde vielfach behauptet, oft irrig. In den Kunstausstellungen, auf Theaterbühnen und in Büchern kam niemand umhin, sich den Zensoren zu stellen, ihnen zu gehorchen, sie anzugreifen oder sie zu überlisten. Aber die Herrschenden in der DDR waren in der Mehrzahl wenig gebildete Leute. Die DDR wurde plakativ beherrscht. Gegen die Gebrauchsgrafik war man ignorant, sobald es nicht mehr um Plakate, sondern beispielsweise um Bücher ging. Man meinte sich auszuzeichnen durch eine starke Würdigung von humanistischen Bildungsidealen – gedruckt wurde zwar auf billigem holzhaltigen Papier, aber an Personalkosten in Buchverlagen wurde nicht gespart. Zugleich waren die Fragen der Ausstattung von Büchern zu schwierig für die SEDPropagandisten, und so konnte sich eine staatlich subventionierte Massenbuchkultur entwickeln, die ihresgleichen in der Geschichte nicht findet.

DDR-Bücher wurden mit Sorgfalt gemacht – erstens weil man dank einer guten Fachausbildung um die Notwendigkeit der Konventionen für leicht lesbare Bücher wußte. Um sich von den modernen Konzepten des Sozialismus abzugrenzen, orientierten sich die Typografen zweitens an historischen Vorbildern und entwickelten mit großer Behutsamkeit zeitgemäße und eben nicht lärmende Bücher. Das Lärmen überließ man der Partei. Was den Grafikern fehlte, war das Material.

Unter diesem Mangel hatte nun Axel Bertram, einer der ersten Gebrauchsgrafiker Deutschlands, bei seinem neuen Buch nicht mehr zu leiden. Weil er aber in den Zeiten der Sparsamkeit die Tugendübungen der guten Typografie einstudiert hat, nämlich eine bewußte und derart stets auf die Wirkung bedachte Anwendung weniger Mittel, ist daraus ein mustergültiges Buch entstanden, das an die schönsten Bücher jener 600 Jahre anknüpft, deren hohe Schriftkultur er selbst in diesem Buch darstellt.

Axel Bertram, Jahrgang 1936, ist seit vierzig Jahren als Grafiker tätig. Er hat Zeitungen und Zeitschriften Gesichter gegeben, hat Münzen entworfen, darunter das 20-Pfennig-Stück der DDR – die einzige Münze, die nicht aus Aluminium, sondern aus Messing gemacht war. Er lehrte neun Jahre lang, bis er sich entpflichten ließ, als Professor an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wohin er nach dem Ende der DDR für drei Jahre zurückkehrte. Er schuf mehrere Schriften und stattete unzählige Bücher aus, entwarf Plakate und Signete, konzipierte Ausstellungen und schrieb kalligraphische Bücher. Sein jetzt erschienenes Buch ist nicht weniger als ein Bekenntnis. Das Verblüffende daran: dieses persönliche Bekenntnis darf Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, denn es versteht die Kunst der Letter als eine „künstlerische Bemühung, die bereit ist, sich in den Dienst einer Aufgabe zu stellen. Nicht das einzelne Produkt soll einen Kunstanspruch erheben – solche Zuweisungen, womöglich noch a priori, stiften eher Schaden. Aber das dem Gestalten eigentümliche planende Denken muß künstlerischer Natur sein.“ An anderer Stelle hat er schärfer seine Abneigung gegen ein „aufgeblasenes, dumpfes und wolkiges Kunstgetue“ formuliert. Damit stellt er sich in die Tradition jener Schriftkünstler, die er mit ihren Werken porträtiert hat.

Es gab bislang keine Darstellung, welche die Schriftkünstler unseres Kulturkreises so nachvollziehbar schlüssig als zu einem Stammbaum gehörig verstehen läßt, der die prächtigsten und vor allem bleibende Blüten treibt. Bertram hat für jeden von ihnen eine Doppelseite mit einem Text über Person und Werk sowie Proben ihrer Arbeiten versehen. Es sind vor allem die zahlreichen Querverweise innerhalb des Buches, die eine Verwandtschaft aller am Beispiel sichtbar machen. Es gibt, soweit ist es eine bekannte Tatsache, keine Schriftkunst ohne historischen Bezug, nun aber wird der Bezug sichtbar, beispielsweise in dem Angriff des jungen Francesco Cresci gegen Giambattista Palatino in den 1560er Jahren, dessen Cancellaresca er als grob beschimpfte, während wir Laien die Unterschiede bislang kaum sahen. Wir erfahren in dem Text über Ludovico degli Arrighi beiläufig, daß die Cancellaresca die Handschrift der Humanisten, Gelehrten und gebildeten Kleriker war und sie den Übergang bildete von der venezianischen zur französischen Kursiven – hier wiederum fallen die Namen Griffo und Manutius sowie Garamond und Granjon, denen natürlich eigene Doppelseiten gewidmet sind.

Für den Laien wie für den Fachmann sind die detailkundlichen Erläuterungen von großem Wert, beispielsweise die Erklärungen zur Einführung der kleinen Füßchen, Serifen genannt, an den Kleinbuchstaben, wodurch die Textzeilen erst ihre leichte Lesbarkeit erlangen. Größere Texte, Zeitungen wie Bücher, werden fast ausnahmslos in Schriften mit Serifen gedruckt. Nicht minder interessant ist Bertrams Sehschule. An der nach ihrem Schöpfer Firmin Didot benannten Schrift zeigt er uns, was eine gerade Linie in einer Letter bedeutet. Wir werden eingewiesen in die Baugesetze der Buchstaben, in denen eine Linie erst dann gerade scheint, wenn sie leicht durchgebogen ist.

Schrift ist nicht konstruierbar, auch wenn das Auge etwas anderes vorgaukelt. Wer dieses Buch gelesen, nein, wer sich an diesem Buch ergötzt hat, wird Schriften mit anderen Augen sehen und ist um einen unschätzbaren Aspekt unserer Kulturgeschichte reicher.

Bertram verharrt nicht in der Wiegenzeit des Buchdruckes, er nimmt den Leser auf eine Reise durch 600 Jahre Europa und auf Ausflüge nach Amerika mit. Er zeigt ihm beispielsweise etwas von der Arbeit des Kalligraphen Edward Johnston, der 1915/16 die Schrift für „London Transport“ entworfen hat, die den Londoner Bussen und Bahnen ein weltweit bekanntes Gesicht gegeben hat.

Nicht unerwähnt soll Bertrams Qualität als Autor bleiben. Hier spricht jemand auf höchst angenehm belehrende Weise, weil er als Lehrer weiß, wie man den Stoff darbietet, den er als Praktiker sowohl in der kulturgeschichtlichen wie auch in der drucktechnischen Bedeutung so gut kennt wie kaum ein zweiter. Und der Stoff selbst bietet eine enorme Informationsfülle. Fünfzehn Jahre lang hat Bertram für dieses Werk recherchiert. Die Ausstattung seines Buches treibt dem Bibliophilen das Wasser in die Augen. Zu einem erstaunlich niedrigen Preis bekommen wir einen auf schwerem, getönten Papier durchgehend zweifarbig gedruckten, sorgsam gebundenen Bildband, in dem alle Schriften nicht etwa als Fotoreproduktionen wiedergegeben sind, sondern als eigenständige, neu gezeichnete Bilder. Die Satzschriften stammen vom Autor.

Bertram zitiert Erasmus von Rotterdam, der den Antwerpener Drucker Christoph Plantin dafür lobt, daß nicht „6000 Fehler wie Ameisen“ in seinen Büchern herumkrabbeln. Das kann man vom „Wohltemperierten Alphabet“ nicht sagen. Angesichts der Herrlichkeit dieses Buches muß man aber über die zahlreichen Druckfehler hinwegsehen. Bertram befindet sich damit übrigens in direkter Linie zum Meisterdrucker Erhard Ratdolt, der 1476 auf einem Titelblatt mitteilte, daß sein Buch „mit hübscher Vernuft (!)“ gedruckt sei.

(Originalmanuskript aus der Bibliothek von www.druckerey.de, Erstdruck in der Süddeutschen Zeitung am 7. 12. 2004)


Untertitel: Eine Kulturgeschichte

Autor(en): Axel Bertram

veröffentlicht: 2004

Verlag: Faber & Faber, Leipzig

Sprache: , deutsch,

ISBN: 978-3936618389



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