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Geschichte der Typographie

Martin Z. Schröder

Eine illustrierte Geschichte der Typografie, die alle technischen und künstlerischen Verfahren des Druckwesens erschöpfend behandelt.

Rezension

Wie man alte Bücher neu macht.

von Martin Z. Schröder

Der Historiker Hans-Jürgen Wolf hat es zu einem gewissen Ruf gebracht. Soeben erschien seine „Geschichte der Typographie“ als erster Band eines „vierbändigen Kompendiums zur Geschichte des graphischen Gewerbes“. Hans-Jürgen Wolf ist einer der fleißigsten Geschichtsforscher überhaupt. Im letzten Jahr publizierte er die Werke „Geschichte der Hexenprozesse“, „Geschichte des Okkultismus“, „Geschichte der Prostitution“ sowie die Bücher „Sünden der Kirche“ und „Aufstieg und Untergang einer Weltreligion“. Der Mann ist fleißig wie ein Bienchen. Bereits 1997 gab es von ihm eine „Geschichte der Feuerwehr“ und die „Geschichte der Druckverfahren“ – huch! Sollte jene „Geschichte der Druckverfahren“ nicht Band II des „Kompendiums zur Geschichte des graphischen Gewerbes“ werden, in deren Rahmen für das Jahr 2002 als vierter Band die „Geschichte des Papiers“ angekündigt ist? Vorbestellungen nimmt der Internet-Buchhändler BOL bereits entgegen.

Ein gewisser Ernst Völker bescheinigt indes in einem der diversen Grußworte zum neuen Buch dem Autor, „die große Geschichte der Typographie, der Druckverfahren, der Buchdruckerkunst und des Papiers detailliert geschrieben zu haben.“ Der ältere Herr auf dem Foto trägt klassisches Streifenhemd und Krawatte und guckt betont seriös, nur hat er das Vorwort zur Neuerscheinung des eben edierten ersten Bandes sowie des für 2002 geplanten schon am 10. Oktober 1997 geschrieben.

Ob der Verlag eine Erklärung für das Tohuwabohu hat? Außer einer Postfachnummer in Weißenhorn bei Ulm gibt es aber keine Hinweise auf den Historia-Verlag Ulm-Wiblingen. Auch die Telefonauskunft kennt weder in Ulm noch um Ulm und um Ulm herum einen solchen. Hm. Der Grossist muß es wissen. Der hat tatsächlich eine Telefonnummer von Herrn Hans-Jürgen Wolf, dem Eigentümer des Historia-Verlages übrigens. Er wisse aber nicht, ob diese freigeschaltet, sie sei neu. Er habe überdies läuten gehört, daß der Herr Wolf im Krankenhaus liege. Die Telefonnummer funktioniert, allerdings gehört sie zu einer genervten Dame, die kühn behauptet, nicht zum erstenmal zu erklären, kein Verlag und schon gar nicht Herr Wolf zu sein. Das kann ja jeder sagen!

Eine gut informierte Buchhändlerin des Künstlerbedarfsgroßhändlers Boesner weiß näheres über ein Werk des Historia-Verlages: „Geschichte der Druckverfahren? Haben wir im Ramschangebot.“ Band II des Kompendiums, dessen angeblich erster Band als taufrisch auf den Rezensententisch gelangte, ist nämlich im Jahr 1992 schon einmal erschienen und war bis zum Dezember 1996 für 98,00 DM im Buchhandel zu haben. Das Antiquariat der Schweizer Schibli-Doppler AG empfiehlt seinen Buchhändlern seither unverbindlich einen Ladenverkaufspreis von 49,95 DM. Dasselbe Buch bietet BOL als 1997 erschienen für 78,00 DM an.

Wenn das „neue“ Buch etwas taugte, nähme man Hans-Jürgen Wolf seinen komischen Versuch, Leser und Kritiker mit getürkten Neuerscheinungen von Ramschware aufs Kreuz zu legen, vielleicht nicht krumm. Aber diesem Werk ist bereits seinem mit werbenden Buttons und Streifchen versehenen Einband anzusehen, daß weder Autor noch Verlag, was ja hier keinen Unterschied macht, auch nur einen Schimmer von Typographie haben. Texte und Bilder sind wahl- und systemlos durcheinandergewürfelt, manche Kapitel enden mitten im Satz, auf einem Druckbogen fehlen zwei Farben, die letzten Seiten sind mit Werbeanzeigen der graphischen Industrie vollgestopft. Von Ausstattung in typographischem Sinne kann nicht die Rede sein, der Satzspiegel wurde hingeschlunzt, die Laufweite der Satzschrift wechselt nach Belieben, der Text ist fehlerhaft. Insgesamt ist dieses Werk sowohl äußerlich als auch in Text und Bild derart lausig, daß man es nicht rezensieren kann. Den so prächtige Gruß- und Lobesworte verfassenden Professoren aus Hannover und Wuppertal wie auch dem Vorstandsvorsitzenden der Druckmaschinenwerke Koenig & Bauer-Albert und dem Geschäftsführer der Voight Sulzer Papiertechnik hat die Eitelkeit mächtig mitgespielt.

Übrigens ist das Buch in einer vierfarbigen Widmung auf dem Schmutztitel einer gewissen „Bruni in Dankbarkeit zugeeignet“, während der Haupttitel einfarbig schwarz und ohne Vakatseite oder gar Frontispiz auskommen muß. Ob Bruni weiß, auf welcher Station welchen Krankenhauses Hans-Jürgen liegt? Bestimmt schreibt er dort die mehrbändige „Geschichte der Heilverfahren“ und sammelt Grußworte von Ärzten.

(Originalmanuskript, Erstdruck in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)


Untertitel: Hand- und Maschinensatz im Lauf der Jahrhunderte

Autor(en): Hans-Jürgen Wolf

veröffentlicht: 1999

Verlag: Historia-Verlag, Ulm-Wiblingen

ISBN: 978-3-9805533-0-8



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