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Grafisches Gestalten in fünf Jahrzehnten


Martin Z. Schröder

Nur die beste Lösung ist die angemessene

Kunst, die man braucht: Ein Überblick über das Werk des großartigen Gebrauchsgrafikers Axel Bertram

Dieses Buch ist die Biografie einer beruflichen Liebe, die inniger und beständiger kaum sein kann. Es verschafft Einblick in das Lebenswerk des Gebrauchsgrafikers Axel Bertram, der seine Arbeit so zugewandt und andauernd neugierig ausübte, daß mit diesem Rückblick auf fünf Jahrzehnte Gebrauchsgrafik eine Sammlung von Kunstwerken entstanden ist, die eine persönliche Handschrift nicht zeigt, aus der aber ein Bertramscher Duktus geradezu leuchtet. Auf 224 Seiten haben er und als Herausgeber sein Sohn Mathias Bertram, promovierter Literaturhistoriker und künstlerischer Leiter des für seine besonders schönen Bücher anerkannten Leipziger Lehmstedt-Verlages, die Bilder einer Welt zusammengetragen: Dies alles, Bücher, Handschriften, Satzschriften, Musikalien, Zeitschriften, Plakate, Signete, Münzen, Briefmarken und ein umfangreiches grafisches Werk entstammen tatsächlich nur einer Hand? Im Rückblick läßt sich sagen, wie dieser Reichtum entstehen konnte, und man kann auch ahnen, warum dieses einmalige Werk bis heute nur so wenigen Kennern namentlich bekannt geblieben ist.

Als junger Mann folgte Axel Bertram seiner Zuneigung zum bildlichen Ausdruck und eignete sich bei den besten Lehrern seiner Zeit an der Ostberliner Kunsthochschule in Weißensee, Arno Mohr, Ernst Vogenauer, Klaus Wittkugel und Werner Klemke, die wesentlichen Begriffe des Handwerks an. Er lernte früh, einen hohen Anspruch zu entwickeln. Gebrauchsgrafik ist in Bertrams Verständnis keine Design-Dienstleistung, die nur zweckdienliche Aufgaben erfüllt, sondern entsteht als künstlerisches Werk, das eigene Wirkung entfaltet, darin durchaus vergleichbar mit den Werken alter Meister der Malerei und Bildhauerei, von denen nicht die geringsten aus Aufträgen hervorgingen.

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Erschaffen wurde das Meisterwerk aus einer Haltung, die Mathias Bertram in aufschlußreichen Begleittexten darstellt und die aus allen Arbeiten spricht: Axel Bertram folgte stets einem von Beginn an erkennbaren Anspruch: Gebrauchsgrafik ist Kunst, die man braucht. Sie klärt auf, informiert, bildet, befördert Kommunikation und derart die Entwicklung der Gesellschaft. Diese Definition enthält Moral. Ein Künstler setzt sich, anders als ein nur seine Kunden zufriedenstellen wollender Dienstleister, mit den sittlichen Normen seiner Zeit auseinander, er legt einen höheren Maßstab an seine handwerklich-künstlerische Leistung. Er dient einer Idee mehr als einem Produkt. Vielleicht ist es gerade das Heilsversprechen, in dessen Dienst ein überzeugter Anhänger singuläre Werke schafft. In der von seinem Sohn freimütig und offenherzig geschriebenen Werkeinführung werden die Arbeitsbedingungen Axel Bertrams dargestellt. 1936 geboren und die DDR von Jugend an als fürsorglichen und moralisch richtigen Staat begreifend, war er vom Sozialismus so sehr überzeugt, daß er die verächtlichen Züge dieser Ideologie nicht wahrnahm oder, als er sie nicht mehr übersehen konnte, sich schönredete als überwindbare Schwächen einzelner Funktionäre. Er war gläubig, und er schuf als ein Gläubiger. Allerdings hatte er offenbar kein großes Interesse für den Sozialismus. Er zweifelte kaum, aber ihm fehlte wohl die Zeit für eine Pseudoreligion, die sich in dröger Litanei selber lobpreiste und die bürgerliche Lebensform bekämpfte. Er hat mit seinen politischen Arbeiten bei den Funktionären nicht viel Anklang gefunden. Bertram war das Konkrete, Sinnliche, Lebendige, also doch das Bürgerliche wichtiger als weltanschauliche Manifeste, eben auch der grafische Ausdruck als unverzichtbarer Bestandteil eines anregungsreichen Lebens. Gebrauchsgrafik ist für diesen Künstler ein Genußmittel, das Entzücken hervorrufen kann. Das paßt nicht recht zum Obrigkeitsstaat DDR.

Es entstand in diesen fünf Jahrzehnten allerdings etwas, das man selbst als Manifest lesen kann. Es gibt wohl keinen zweiten Gebrauchsgrafiker, der so viele historische Bildsprachen in so hoher Güte beherrscht und der zugleich auf so vielen gebrauchsgrafischen Feldern so unterschiedliche Aufgaben derart sicher bewältigt. Ob phantastische Illustration oder Architekturzeichnung, fotografisches Arrangement oder Spitzfeder-, Breitfeder- und Pinselkalligrafie, ob Gipsschnitt für Münzen oder Bleistiftzeichnung, ob Zeitungsentwurf oder Buchtypografie, ob figürliche Briefmarke oder abstraktes Plakat, und keineswegs zu vergessen die Herstellung von Satzschriften für den Fernsehbildschirm wie für Bücher – es wäre ja schon eine bedeutende Leistung, in ein oder zwei Genres Meisterwerke vorzulegen. Der überbordende Reichtum, den Axel Bertram erschaffen hat, zeigt eine einmalige Lebensleistung. Das allen Arbeiten zugrunde liegende ästhetische Programm ist von der ersten bis zur letzten Arbeit gleich: Die beste Lösung der Aufgabe ist die angemessene.

Um nur ein Beispiel für die Spanne zu geben: 1983 erschien „Das Hohelied Salomo“ in der Übersetzung von Martin Luther. Axel Bertram hat es vierfarbig in einer rundgotischen Schrift nach dem Schreibmeisterbuch von Wolfgang Fugger aus dem Jahr 1533 mit der Feder geschrieben und illustriert. Diese Köstlichkeit wurde in einer Auflage von 10 000 Exemplaren gedruckt: Bibliophilie für viele, damals rasch vergriffen, heute noch preisgünstig antiquarisch zu bekommen. Vom altmeisterlichen Schwung der Feder sind die rein typografischen Titel weit entfernt, die Bertram von 1994 an für die Editionen des Komponisten Kurt Schwaen schuf und für die er Alphabete in ihre geometrischen Bestandteile auflöste und wie in rhythmischen Lichtspielen auf die Seiten fallen ließ. In diesem Buch wird man unentwegt überrascht und erfährt, was Gebrauchsgrafik bedeuten kann und wie selten sie uns als so hohe Kunst vor Augen kommt. Man denke nur an die drögen Blumenfotobriefmarken, mit denen die Post seit Jahren unser Auge beleidigt.

Warum nun ist das Werk von Axel Bertram nicht einem noch größeren Publikum bekannt geworden? Es liegt einerseits in der Natur des Genres. Gebrauchsgrafik gelangt nur selten ins Museum, sie ist eine Kunst des Alltags, und darin fühlt sich Bertram am rechten Platz. In der DDR stieß man überall auf seine Arbeiten, in Büchern, Zeitungen, an Litfaßsäulen, auf Briefen und in der Geldbörse. Aber so wenig Neigung Bertram zur Produktwerbung hatte, so wenig war er auch an der Reklame seiner eigenen Arbeiten und für seine Person zu haben. Er hat keine Lehrbücher geschrieben, sondern Zeitungsartikel. Er hat keinen Ruhm mit der Beschriftung von Autos und internationalen Konzernen gewonnen, es gab keine legendären Vortragsaktionen auf internationalen Kongressen mit jubelnd verehrender Jugend. Und das Land, an dessen bildlicher lebensweltlicher Gestalt er mitgewirkt hat, ist im wirtschaftlichen und moralischen Bankerott zugrunde gegangen.

Um so wertvoller erscheint nun dieses Buch, das sich nicht zuletzt als eine Geschichte der ostdeutschen Gebrauchsgrafik lesen läßt. Diese überwältigend reiche Monografie ist ein Bilderbuch für Leser, ein Almanach für Historiker, ein Album für Kunstfreunde, ein handliches Coffee-table-book für Design-Conaisseure, ein Lehrbuch für Typografen und Grafiker, die das Lernen nicht aufgeben.

Lehmstedt Verlag, Leipzig, 2012. 224 Seiten mit 500 farbigen Abbildungen. 39,90 Euro

Text: MARTIN Z. SCHRÖDER

Dieser Text erschien zuerst im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung am 12. Dezember 2012, hier in der Manuskriptfassung veröffentlicht durch den Autor


Autor(en): Axel Bertram

veröffentlicht: 2012

Verlag: Lehmstedt

Sprache: , deutsch,

ISBN: 978-3942473385


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