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Die Entstehung der Großbuchstaben-Umlaute visualisiert in Google Books


Ralf Herrmann

Die Schaffung eines Großbuchstaben-Eszetts erscheint manch einem heute als eine seltsame oder gar aberwitzige Idee. Den Skeptikern ist dabei allerdings meist nicht bewusst, dass dieser Prozess im deutschen Alphabet schon einmal genau so stattgefunden hat. Und wie eine Recherche in Google Books optisch eindrucksvoll belegt, ist dies noch gar nicht lange her.

Wie vielen bekannt ist, sind die Umlaute historisch dadurch entstanden, dass man in gebrochenen Schriften das e vermehrt über statt hinter die Vokale a, o und u schrieb. (siehe auch: Überkewl, Umlaute in Übersee)
Diese Schreibung war allerdings über sehr lange Zeit eine reine Kleinbuchstabenform. Erschien der Umlaut am Wortanfang, wurde er weiterhin in seine ursprünglichen Bestandteile (Aa/Oe/Ue) zerlegt – auch in ein und derselben Drucksache. Nachfolgend ein Beispiel aus dem Teutschen Merkur von 1774.


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Wann also kam es zur Bildung der uns heute vertrauten Großbuchstaben-Umlaute? Googles so genannter Ngram Viewer ermöglicht die gezielte Recherche nach bestimmten Wörtern, Phrasen und Schreibungen im riesigen gescannten Buchbestand von Google Books. Auf diese Weise lässt sich leicht überprüfen, zu welcher Zeit man noch Aepfel und ab wann man Äpfel schrieb. Hier eine Beispielsuche nach einem Satzanfang mit »Über« beziehungsweise »Ueber«:


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Das Ergebnis ist auch bei verschiedenen Suchbegriffen eindeutig. Um 1900 erfolgte der Umschwung – die Großbuchstaben-Umlaute waren geboren und die getrennte Schreibung ging schlagartig zurück. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig. 1903 wurden die Beschlüsse einer Kommission der Buchdruckerei- und Schriftgießereibesitzer in der Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker (Nr. 27) veröffentlicht. Darin heißt es:

In Bezug auf die Buchstaben Ä, Ö, Ü stellte die Kommission fest, daß diese Buchstaben in den kleineren Schriftgraden in der bisherigen Form ohne Überhängen der Punkte nicht hergestellt werden können, weil beim Schneiden der Schriften der Kegel jetzt in der Regel voll ausgenützt wird. Die vorliegenden Vorschläge, die fraglichen Buchstaben kleiner herzustellen als die übrigen Versalien und so die Punkte noch auf den Schriftkegel zu bringen, sowie die Punkte daneben, darüber oder in das Buchstabenbild zu setzen, erscheinen der Kommission aus ästhetischen Gründen teils als häßlicher Notbehelf, teils unannehmbar. Die Kommission richtet daher an die Herren Schriftgießereibesitzer das Ersuchen, sowohl aus technischen, wie aus augen-hygienischen Gründen die Schriften in Zukunft auf einen etwas größeren Kegel zu gießen bezw. das Schriftbild kleiner zu halten, damit die fraglichen Punkte noch auf den Kegel gebracht werden können, und den Buchdruckereibesitzern empfiehlt sie, künftig keine Schriften mit großem Bild auf kleinen Kegel, keinesfalls aber einen größeren Grad auf einen kleineren Kegel zu bestellen. Bezüglich der im Gebrauche befindlichen und gangbaren Brot- und Auszeichnungsschriften bis einschließlich Mittelgrad beschließt die Kommission, die Schriftgießereien zu veranlassen, einen Neuschnitt dieser Typen vorzunehmen, wobei das Bild um so viel niedriger zu halten ist, daß die Punkte nicht überhängen.
[…]
Bezüglich der Ä, Ö, Ü beschließt die Kommission ferner, daß der Besteller, falls diese Charaktere nicht schon in der betreffenden Gießerei vorhanden sind, 1 ℳ für jeden Charakter anteilige Kosten für Herstellung des Stempels zu vergüten hat. […]

 

Heute erscheint es uns selbstverständlich, dass zu jedem Kleinbuchstaben-Umlaut auch ein entsprechender Großbuchstabe existiert. Doch es ist kaum mehr als 100 Jahre her, dass diese Schreibung üblich wurde. Wenn man der Meinung ist, dass Herr Müller auch in Versalien Herr MÜLLER und nicht Herr MUELLER heißen soll, dann muss man sich zwangsläufig auch mit dem Gedanken anfreunden, dass auch Herr Meißner eine unveränderte und eindeutige Schreibung in Versalien verdient. Der einzige Unterschied zwischen den Versal-Umlauten und dem Versal-Eszett ist, dass erstere ihre Übergangsphase zur allgemeinen Verbreitung bereits hinter sich haben – die des Versal-Eszetts aber gerade erst beginnt.

(Danke an Joshua K. für das Zitat aus der Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker.)


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