Mitte des 19. Jahrhunderts schlugen Prof. Dr. Gutav Michaëlis und andere Einzelbuchstaben vor, die ch und sch in deutschen Texten ersetzen sollten. Es erschienen auch verschiedene Drucksachen mit entsprechenden, eigens geschnittenen Bleisatzbuchstaben. Eine gute Idee oder übereifriges Reformbestreben? Ein Blick zurück auf eine in Vergessenheit geratene Idee.

Die genannten Bestrebungen fallen in die Zeit des Deutschen Bundes. Noch herrschte die Kleinstaaterei. Es gab noch keinen deutschen Staat und keine einheitliche Rechtschreibung. Jeder Staat des Bundes konnte seine eigenen Rechtschreibregeln für die Schulen aufstellen, denen dann aber auch wieder abweichende Hausorthografien in Verlagen oder schlicht persönliche Vorlieben von Autoren und Setzern gegenüberstanden. Man konnte sich freilich an die zahlreichen Bücher zur Rechtschreibung und Grammatik (von zum Beispiel Adelung, Campe, Heyse, den Gebrüdern Grimm, Sanders u. s. w.) anlehnen, aber auch sie beschrieben letztlich nur persönliche Vorlieben der betreffenden Autoren ohne jegliche Amtlichkeit oder auch nur die Wirkung eines De-Facto-Standards. »Mich schmerzt es tief gefunden zu haben, dasz kein volk unter allen, die mir bekannt sind, heute seine sprache so barbarisch schreibt wie das deutsche« schrieb Jacob Grimm noch 1847.
Dabei ging es nicht nur um Details der Rechtschreibung. Es tobte auch noch ein grundsätzlicher Richtungsstreit. Jacob Grimm und seine Schüler suchten ihr Heil in historischen Schreibweisen, während die sogenannten Phonetiker einen radikalen Umbau der Schreibung entsprechend der Aussprache wünschten (zum Beispiel »Fi« statt »Vieh«).
Auch das Alphabet und die Satzregeln zur Schreibung deutscher Texte waren noch weit von der heutigen Einheitlichkeit entfernt. Letztere wurde durch die deutsche Zweischriftigkeit zusätzlich erschwert. Gebrochene Schriften blieben oft der Tradition verhaftet und hatten lange kein Ä, Ö, Ü und J und der im 19. Jahrhundert immer wichtiger werdende Antiqua-Satz hatte wiederum die typischen Zeichen des deutschen Fraktursatzes nicht. Das Fehlen von Ligaturen für zum Beispiel ch, ck und tz war für viele noch verschmerzbar, während die Entsprechung des Eszett in Antiqua ein nicht enden wollender Streit werden sollte, der erst Anfang des 20. Jahrhundert endgültig gelöst wurde. Die Ideen von Gustav Michaëlis fallen also in Zeit, in der Reformen noch nötig und auch radikale Änderungen an der Schreibung deutscher Texte durchaus noch möglich waren.

Portrait von Gutav Michaëlis.
SLUB Dresden/DDZ. (gemeinfrei. Aufnahme: df_dat_0003122)
Michaëlis wurde 1813 in Magdeburg geboren, studierte beziehungsweise promovierte in Göttingen und Berlin und arbeitete eine Zeit lang als Lehrer. Anschließend widmete er den Rest seines beruflichen Lebens der Stenografie, begleitete aber auch Debatten um die deutsche Rechtschreibung und den deutschen Zeichensatz.
Aus seiner Erfahrung mit der Kurzschrift heraus waren Michaëlis die Schreibungen ch und ſch/sch mit zwei beziehungsweise gar drei Buchstaben für einen Laut verständlicherweise ein Dorn im Auge. In der Publikation »Ueber die Anordnung des Alphabets« aus dem Jahr 1859 schrieb er:
»Die bearbeitung unserer rechtschreibung muss notwendig auf die frage füren, ob es geraten sei, die lücke in unserer buchstabenschrift, welche durch das felen von einfachen zeichen für ch und sch hervortritt, auszufüllen. Theoretisch wird man dise frage bejahen müssen, da kein innerer grund vorligt, warum dise in sich einfachen laute nicht auch einfache zeichen und selbständige namen haben sollten.«
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Für den ch-Buchstaben schlug Michaëlis ein um 180 Grad gedrehtes »c« vor – ein Zeichen, welches bereits in der Stenografie nach Stolz im Einsatz war. Für das sch schuf Michaëlis eine neue Form, indem er dem umgedrehten »c« den oberen Teil eines »ſ« aufsetzte. In einer Fließtext-Anwendung stellte sich dies dann folgendermaßen dar:

Die Zeichen fügen sich mit ihrem Konstruktionsprinzip recht problemlos in Antiqua-Schriften ein und auch das Lesen der Zeichen funktioniert bei nur kurzer Eingewöhnungszeit überraschend gut. Hätten sich diese Buchstabenformen damals durchgesetzt, würde sie heute wohl niemand infrage stellen.
Auch der Dichter und Publizist Max Moltke schlug eigene Formen für ch und sch vor und benutzte sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner Publikation »Sprachwart« für Antiqua-Texte.
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Beispielanwendung im Deutschen Sprachwart, 1857 (Digitalisat)
Der ch-Buchstabe war dabei nah an der bereits in gebrochenen Schriften etablierten ch-Ligatur und damit ohne viel Mühe lesbar. Für die sch-Form wurde ein nach rechts laufender Bogen wie im langen s (ſ) verwendet. Diese Formen wurden auch von Michaëlis besprochen. Er lehnt sie jedoch wegen des Ligatur-Charakters ab:

In der Argumentation für seine Zeichen weist Michaëlis vor allem auf das Einsparpotenzial hin. »Von besonderer bedeutung für mich ist die ersparung beim drucke.« Michaëlis lässt sich dies auch durch ein Gutachten der Buchdruckerei und Schriftgießerei Gebrüder Fickert in Berlin bestätigen: »Im allgemeinen würde die einfürung diser beiden zeichen von praktischem vorteile für die buchdruckerei, resp. schriftsetzerei sein, da die im satz vorkommenden ch und sch auf einfache zeichen reducirt werden, wodurch der satz nicht unbedeutend beschleunigt werden würde. Berlin, den 7. Dec. 1857.«

Satzvergleich: ohne (links) und mit (rechts) Anwendung der neuen Schriftzeichen. Hinweis: der Vergleich unterscheidet aber nicht nur die Anwendung von ch und sch, sondern wendet auch weitere Modernisierungsvorschläge an.
Ein weiteres wohlwollendes Gutachten kam vom Berliner Schriftgießer Ferdinand Theinhard:
»Die von herrn Dr. Michaelis für ch und sch vorgeschlagenen zeichen würden sich ser gut dazu eignen, eine unverkennbare lücke auszufüllen. […] Nach der gewönlichen schreibart sind zur herstellung des lautes von ch zwei, zur herstellung des lautes von sch drei buchstaben oder typen erforderlich; sobald an deren stelle einfache, selbständige zeichen träten, würden nach der berechnung der typenzal zur herstellung eines gedruckten werkes 5 bis 6 % an typen weniger zu setzen sein, wodurch sich, namentlich mit rücksicht auf die breite der typen, eine ersparung von etwa einer octavseite auf den bogen ergeben würde. Bei einem werke in dem umfange des Brockhausischen Conversationslexikons würde dis allein schon einen vollen band betragen.«
Doch nicht alle Bewertungen der Idee waren so wohlwollend. Laut Jacob Grimm sollten die Stenografen sinngemäß lieber bei ihren eigenen Leisten bleiben und die Rechtschreibung und Schriftgestaltung anderen überlassen.
»Unsere Schrift beruht auf der edlen lateinischen, von allen, die es gibt, der schönsten und gefälligsten. abgeänderte oder eingeschaltete buchstaben, wo sie nöthig scheinen, haben den character der lateinischen schriftzüge festzuhalten, sonst werden sie einen übeln, den schönheitssinn verletztenden eindruck machen. wenn die schreibende hand einer andern als der gewohnten richtung zu folgen gezwungen ist, was sich rechts wendet, links drehen soll, so sind die buchstaben in ihrem laufe gehindert und gewähren widrigen anblick; umgekehre, gestürzten zeichen stellen sich gesundem auge wie fehler dar.«
Im Journal für Buchdruckerkunst wird der Vorschlag 1858 unter dem Titel »Die Typen des Dr. Michaelis für ch, sch und sz« rezensiert (Google-Books-Digitalisierung). Der Autor F. R. Hoffmann versucht darin darzulegen, dass die Zeichenvorschläge sich nicht sinnvoll aus den typischen Formen der Antiquaschrift ableiten lassen und dass »gestürzte« und »verstümmelte« Zeichenformen nicht hinreichend tauglich sind.
Anhänger fand die Idee, neue Zeichen für ch und sch zu etablieren, letztlich kaum. Die Anwendung der vorgeschlagenen Zeichen beschränkte sich vor allem auf die von Michaëlis Ende der 1850er- bis Anfang der 1860er-Jahre selbst herausgegebenen Drucksachen wie der Zeitschrift für Stenographie und Orthographie. Auch in dieser Publikation kehrte man aber in den 1860er-Jahren zu einer eher traditionellen Rechtschreibung zurück und gab sämtliche Reformversuche – einschließlich der in den Quellen gezeigten Kleinschreibung – wieder auf. Gleiches gilt für den Satz von Max Moltkes Sprachwart.

Zeitschrift für Stenographie und Orthographie. 8. 1862. Quelle
Interessanterweise beschränkte sich Michaëlis in seinen Besprechungen des Themas auch allein auf den Antiqua-Satz, der im Laufe des 19. Jahrhunderts zwar für wissenschaftliche Texte (wie etwa die Fachliteratur der Stenografie) üblich wurde, jedoch noch kaum für deutsche Zeitungen und Belletristik eingesetzt wurde. Hier dominierten weiterhin die gebrochenen Schriften, in denen ja zumindest Ligaturen für ch, ck, tz, ſt etc. fest etabliert waren und der Gedanke einzelner Zeichen für Laute der deutschen Sprache ja im Sinne von Michaëlis ja bereits sogar etwas besser umsetzt wurde. Dies wurde von Michaëlis jedoch in keiner Weise thematisiert. Warum ist ein Zeichen für ch eine »Lücke in unserer Buchstabenschrift«, ein ck aber keine Erwähnung wert? In diese Kerbe schlägt auch Jacob Grimm: »… wozu ein gekürztes zeichen neben ungekürzten sp, st …?«.
Schluss
Der Wunsch nach einzelnen Zeichen für ch und sch ist nachvollziehbar, berechtigt und schon lange in anderen Sprachen mit gleichen und ähnlichen Lauten umgesetzt. Doch eine Einführung ist eben auch ein starker Bruch mit den Lesegewohnheiten. Eine Durchsetzung könnte wohl nur auf zwei Arten erfolgen:
als politisch erzwungener Akt. Darauf verwies auch Grimm in seinem Gutachten. Die Zeichen »sind eine gewaltsame neuerung, deren erfolg von einer despotischen willkür wie Peters des groszen, der den Russen ein verkehrtes R für den laut ja vorschrieb, abhienge.«
als langsame Durchsetzung durch die Unterstützung von Autoren, Setzern und Schriftgießereien und die schlussendliche Erhebung einer gängig werdenden Praxis zum Standard. Dafür ist aber ein hinreichender Leidensdruck nötig, der die Durchsetzung antreibt und potenzielle Unterstützer begeistert. Die bloße Aussicht auf fünf bis sechs Prozent Einsparung an Drucktypen reichte dazu freilich nicht aus. Zumal die Anwendung von ch und sch niemandem echte Probleme bereitete.
So geht die Kosten-Nutzen-Rechnung letztlich einfach nicht auf. Dem starken Bruch der Lesegewohnheiten steht einfach keine Not und kein klarer Nutzen entgegen, der die Widrigkeiten einer Umstellung rechtfertigen würde. Denn zu Zeiten des Bleisatzes war das Hinzufügen neuer Zeichen noch ein beträchtlicher Aufwand. Für jeden Schriftgrad hunderter Schriften, die die einzelnen Gießereien im Angebot hatten, müssten die Zeichen jeweils neu geschnitten werden und Druckereien müssten die Zeichen für sämtliche Schriften nachbestellen. Ein großer zeitlicher und finanzieller Aufwand für alle Beteiligten. Aber nur die vollständige Durchsetzung wäre schließlich zielführend. Blieben alte und neue Schreibung parallel im Einsatz, würde mehr Schaden als Nutzen entstehen.
Schaut man sich die tatsächlich für deutsche Texte durchgesetzten Schriftsatz-Änderungen der letzten 200 Jahre an, finden wir ein typisches Muster: kleine, evolutionäre Schritte, die Leser nie vor größere Probleme stellten. Man denke an die späte Ausdifferenzierung von i/I und j/J zu zwei Zeichen oder die schrittweise Etablierung der Umlaute (nachgestelltes e; übergestelltes e; e wird zu Strichen bzw. später Punkten; Praxis der Kleinbuchstaben-Umlaute wird auf Großbuchstaben übertragen). Oder man denke an die Etablierung des Antiqua-Eszett Anfang des 20. Jahrhunderts und schließlich der Etablierung des großen Eszett im 21. Jahrhundert. Beide Schritte wurde von zahlreichen neuen Buchstaben-Gestaltungen begleitet, die deren Gestalter aus historischen und praktischen Überlegungen heraus schufen und verteidigten. Durchgesetzt hat sich letztlich ein Antiqua-Eszett, das nah am bekannten Fraktur-Eszett war und ein großes Eszett, das auf dem kleinen aufbaut. So zeigen alle diese Beispiele einen Wandel hin zu neuen Satzweisen und Buchstabenformen, die den Leser mit seinen Gewohnheiten ein Stück weit mitnehmen.
Einzelne Buchstaben für ch und sch hätten wohl in der Frühzeit der Verschriftlichung der deutschen Sprache mit der lateinischen Schrift entstehen müssen. Für einen nachträglichen Austausch war es im 19. Jahrhundert bereits zu spät, selbst wenn diese Phase vor der Etablierung einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung prinzipiell noch mehr Experimente erlaubte als im Anschluss. So haben wir uns letztlich einfach mit unserem ch genauso arrangiert – wie etwa die Niederländer mit ihrem ij.
In den 1870er-Jahren begleitete Gustav Michaëlis übrigens die Versuche zur Etablierung der ersten einheitlichen deutschen Rechtschreibung und machte sich als Vorsitzender des Vereins für die deutsche Rechtschreibung in Berlin für die Etablierung des kleinen und großen Antiqua-Eszett stark. Doch dies ist ein Thema für einen anderen Artikel.