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Berufskrankheiten des (Bleisatz)druckers?


Oliver Weiß

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Heute stieß ich auf dieses Album aus einem Rekonvaleszenzheim für Drucker und Setzer. 
 

Der Begleitartikel erwähnt "Kohlenstoff im Blut" als häufigste Berufskrankheit. Das schien mir unwahrscheinlich, brachte mich aber zum Nachdenken. Eine gängige OSHA-Gefahrenliste listet eine ganze Reihe von Risiken auf. Was wäre aber für einen Setzer oder Drucker des 19. Jahrhunderts die häufigste Erkrankung? Bleivergiftung? 

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Ich glaube, heute würden wir eher Staublunge (wie Asbestlungen) oder so etwas sagen bzw. in den Nanopartikeln, die durch Abrieb, Tinten, Öle, Fette und Papiere in den Körper gelangen, ursächliches finden.

bearbeitet von Phoibos
Tante Edith hat einen Link gefunden und eingefügt.
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Und in Folge der Staubbelastung dann eine Anfälligkeit für Lungenerkrankungen aller Art, TBC ist da einfach viel näher an den Lebensumständen damals als Lungenkrebs oder COPD (falls das überhaupt diagnostizierbar war).

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vor 37 Minuten schrieb bertel:

Angeblich war die häufigste Erkrankung Tbc …

Naja, das war ja damals die häufigste Erkrankung aller Menschen, egal welchen Beruf sie ausübten...

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vor 7 Minuten schrieb Oliver Weiß:

die häufigste Erkrankung aller Menschen

Der verlinkte Text spricht davon, dass die TBC bei Druckern häufiger vorkam als bei anderen und belegt das mit Zahlen, deren Herkunft der Autor nicht offenlegt (war damals (1912)  aber auch in dieser Publikationsform nicht üblich).

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vor 3 Minuten schrieb Phoibos:

Der verlinkte Text spricht davon, dass die TBC bei Druckern häufiger vorkam als bei anderen und belegt das mit Zahlen, deren Herkunft der Autor nicht offenlegt (war damals (1912)  aber auch in dieser Publikationsform nicht üblich).

Ob die Autoren wohl in Betracht zogen, daß der Setzerberuf körperlich wenig anstrengend war, und vielleicht deshalb eine höhere Anzahl von tuberkulösen Menschen beschäftigte?   

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Ich könnte jetzt das hier verlinkte Büchlein lang zitieren, aber Du hast es sicherlich schneller selbst gelesen. Das ist sehr interessant aus vielerlei Blickwinkel, nicht nur für Typographen. Auch für Historiker, da der Autor, Raphael Silberstein, später den ersten sozialdemokratischen Ärztebund mit dem Gatten von Käthe Kollwitz mitgründete.

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Genau, vielen Dank für den interessanten Lesestoff. Die erste Tabelle auf Seite 9 kommt mir spanisch vor:

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Mein Großvater war eines von 16 Kindern, aber 32 Schwangerschaften? 

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vor 5 Minuten schrieb Oliver Weiß:

aber 32 Schwangerschaften

Biologisch doch möglich: Ab 14 sexuell aktiv, pro Jahr eine Schwangerschaft, ab 47 Menopause?

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Möglich schon, aber zumindest aus meiner heutigen Sicht, unerhört! Meine Urgroßmutter sieht jedenfalls aus, als hätte sie die Schnauze gründlich voll...

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vor 6 Minuten schrieb Oliver Weiß:

unerhört

Des potentiellen Anfangsalters wegen? Jugendschutz ist damals noch eine sehr neue Erfindung gewesen und erst in den Anfangsstadien (Kinderarbeit (das sind Menschen jünger als 12) ist erst afair 1905 verboten worden). Und sonst: wenn eine Frau Spaß am Sex hat, aber keinen Zugang zu tauglichen Verhütungsmitteln oder einer entsprechenden Aufklärung, die wird nach Veranlagung halt häufig schwanger.

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vor 1 Minute schrieb Phoibos:

Des potentiellen Anfangsalters wegen? Jugendschutz ist damals noch eine sehr neue Erfindung gewesen und erst in den Anfangsstadien (Kinderarbeit (das sind Menschen jünger als 12) ist erst afair 1905 verboten worden). Und sonst: wenn eine Frau Spaß am Sex hat, aber keinen Zugang zu tauglichen Verhütungsmitteln oder einer entsprechenden Aufklärung, die wird nach Veranlagung halt häufig schwanger.

Spaß am Sex war da vielleicht eher den sogenannten "ehelichen Pflichten" unterlegen. Meiner Großmutter mütterlicherseits waren zwölf Kinder laut eigener Aussage viel zu viel.  

 

Das ist natürlich nur meine Meinung, und eine reine Annahme. In ein etwaiges "rabbit hole" folge ich Dir nicht 😉 

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vor 1 Stunde schrieb Oliver Weiß:

Ob die Autoren wohl in Betracht zogen, daß der Setzerberuf körperlich wenig anstrengend war, und vielleicht deshalb eine höhere Anzahl von tuberkulösen Menschen beschäftigte?   

Der Setzerberuf war körperlich anstrengend, die typischen Folgen waren Plattfüße, Buckel und verkrüppelte Hände. Ich hab eine Weile im Akkord als Setzer gearbeitet, aber nur 9 Stunden am Tag. Und ich hatte nach einer recht kurzen Weile die Schnauze voll. Die Schlepperei war nicht ohne, aber das machte nicht krank. Die Setzer waren froh, als der Fotosatz kam: endlich mal hinsetzen. Als in den Setzereien noch ohne Luftabsaugung gegossen wurde, war es die »Bleikrankheit«. Ich bekam als Lehrling noch täglich Gratismilch dagegen, obwohl es die Bleikrankheit nicht mehr gab und Milch damit sowieo nichts zu tun hat. Drucker hatten später, eher im 20. Jahrhundert, verschiedene Allergien und Tumore von den Chemikalien, die sich jeden Tag großzügig über die Hände kippten.

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Pardon, das hätte ich so nicht sagen sollen. Mein Wissen erstreckt sich nur auf die folgende Passage aus dem von Phoibos verlinktem Büchlein, und selbst da wird die Belastung des Fahrgestells ausdrücklich erwähnt: 

 

Die Arbeit wird stehend ausgeführt; die Beine, Schenkel und Füße sind überlastet, während der übrige Körper bei dieser Arbeit fast gar nichts leistet. Dadurch macht sich bei kühler Witterung leicht ein Kältegefühl bemerkbar, da jede Wärme erzeugende Körperbewegung fehlt, und infolgedessen findet man oft eine Verweichlichung des Körpers, die sich in Neigung zu Erkältungen, großer Anfälligkeit gegen Abkühlung und Zugluft äußert; man findet deshalb oft in den Setzersälen ein ängstliches Geschlossenhalten der Fenster, was wiederum verschlechternd auf die Luftverhältnisse der Arbeitsräume wirkt.

 

Die Gratismilch wird am Ende des Büchleins ausführlich behandelt. Zwei Zitate von Setzern aus dem Internet sind auch dabei – stammen vielleicht sogar von Dir, Martin? 🙂 

 

Das "ängstliche Geschlossenhalten der Fenster" hatte auch zu meiner Lehrzeit seine Auswirkungen. Ich arbeitete in einem Büro mit zwei älteren Herren, die auf das Vermeiden jeglicher Belüftung bestanden. Dabei rauchte einer den ganzen Tag Zigarre (!), der andere Pfeife (!!). Meine Mutter beschuldigte mich dann abends, den Tag in der Kneipe verbracht zu haben, so wie meine Kleider stanken. 

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Ich weiß aus einer belastbaren Quelle, dass die Maschinensetzer der Frankfurter Rundschau auch noch jeweils einen 1/2 Liter Milch pro Tag bekamen … und diesen, wie auch die Makulaturausgabe, nach Schichtende verkauft haben.

 

Rainer Gerstenberg erzählte mir auch, dass er zu Beginn seiner Ausbildungszeit noch einen Liter Milch gegen die Bleikrankheit bekommen hat, später wurde das dann auch auf 1/2 Liter reduziert. Vor ein paar Tagen ist er 75 Jahre alt geworden und arbeitet seit 60 Jahren als Schriftgießer. Er ist, dem Alter entsprechend, in guter gesundheitlicher Verfassung.

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Ich habe letztes Jahr das Buch Moral Communities: The Culture of Class Relations in the Russian Printing Industry 1867–1907 gelesen. Krankheiten bzw. Sterbealter sind ausführlich drin behandelt worden. Gut, die Infos sind nicht 1:1 auf Deutschland zu der Zeit übertragbar, aber bei den großen Druckereien in St. Petersburg und Moskau scheinen die Schriftsetzer damals merkbar früh gestorben zu haben. In dem Kamp um mehr Arbeitsrechte wurde behauptet, es gäbe kaum Schriftsetzer über 40. Die Situation bei den anderen Berufsgruppen innerhalb des Druckwesens war besser. Nach der Information in dem Buch war es nicht die Bleivergiftung an sich, an dem die damals so oft zu früh gestorben sind, sondern die Folgen von dem Alkoholkonsum in Zusammenhang mit (wahrscheinlich nur leichter) Bleivergiftung.

 

https://www.ucpress.edu/book/9780520301924/moral-communities

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Ja, gesoffen wurde im grafischen Gewerbe immer reichlich. Damals. Aber Alkoholismus war natürlich auch hier nicht nicht als Berufskrankheit anerkannt. Interessant zu erfahren wäre aber, warum ausgerechnet die Setzer - als die intellektuelle Speerspitze der Arbeiterklasse - nun soviel mehr gesoffen haben sollen als die anderen. Oder haben sie das einfach nur nicht so gut vertragen wie die "harten" Drucker?

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Ja, gesoffen wurde bestimmt auch anderswo. In meiner Lehre als Industriekaufmann bei MBB 1988-90 habe ich das aus erster Hand miterlebt. Der Betrieb war in BaWü. Da es aber eine Bayrische Firma war, wurde dort das Bier in den Getränkeautomaten subventioniert. Ein halber Liter Stuttgarter Hofbräu war daher deutlich billiger als eine Fanta. Mein Chef in der Buchhaltung kam schon morgens um halb sieben mit (noch) geröteten Augen ins Büro. Die Aktentasche beulte sich durch etwas hochprozentiges für seinen Kaffee, unterm Arm hatte er ein Bier (zum Frühstück), in der freien Hand ein weiteres für den Feierabend. Die Firma beschäftigte vollzeitlich einen Suchttherapeuten (ich vergesse, wie das richtig heißt). Des öfteren sah man jemanden aus der Chefetage auf allen vieren aus dem Gebäude kriechen. Das war kraß! Wie es jetzt in Deutschland ist, weiß ich nicht. Hier in Amerika ist das jedenfalls undenkbar.

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vor 6 Stunden schrieb Oliver Weiß:

Hier in Amerika ist das jedenfalls undenkbar.

Naja, das us-amerikanische <vorurteil>"Bier"</vorurteil> ist ja auch kein Grundnahrungsmittel 😄
Aber trotzdem, krasses Erleben! Solche Stories kannte ich bisher nur von älteren Menschen vom Bau. Also es gibt für den Gebrauch von Bier als Getränk historisch einige gute Gründe (sauberer als das zur Verfügung stehende Wasser, nahrhafter, gesünder als was es sonst noch an Flüssigkeiten gab), doch mit der Zeit nimmt diese zur Tradition gewordene Notwendigkeit auch im bauenden Gewerbe ab.

 

vor 6 Stunden schrieb Oliver Weiß:

Suchttherapeuten

Größere Firmen haben einen eigenen sozialpsychologischen Dienst, der zum einen im Sinne der Fürsorgepflicht der Arbeitsgeber*innen und zum Anderen als Herausstellungsmerkmal (die Firma als Familie) die Arbeiternehmer*innen bei Krisen, Mobbing, Überforderung, Sucht, Ämterproblemen... unterstützt und hilft. Ist mir bei Stellenausschreibungen deutlich häufiger begegnet als ein betriebsärztlicher Dienst, was mir auch reichlich sinnig erscheint, denn ein niedrigschwelliges Angebot für psychologische Unterstützung ist (hoffentlich) notwendiger als ständig einen Arzt für medizinische Notfälle zur Verfügung zu haben (dafür reicht ja letztlich auch ein Erste-Hilfe-Profi, zumindest in einer Großstadt, in der es alle paar Meter Mediziner gibt).
 

 

vor 6 Stunden schrieb Oliver Weiß:

Ein halber Liter Stuttgarter Hofbräu war daher deutlich billiger als eine Fanta.

War das Bier echt billiger als alle anderen nicht-alkoholischen Getränke? Das ist doch gar nicht erlaubt! Ich hatte mal auf dem Kiez eine recht anregende Diskussion mit dem Security-Menschen, der Kellnerin und dem Wirt einer Kneipe bezüglich des Preises für ein Glas Wasser, die durch meinen Vorschlag, die Diskussion anderen Ortes weiterzuführen zu können, sofern ich eine Rechnung bekäme, brachte doch etwas Einsicht oder Erinnerung in den Wirt...

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Gast Schnitzel
vor 8 Minuten schrieb Phoibos:

War das Bier echt billiger als alle anderen nicht-alkoholischen Getränke? Das ist doch gar nicht erlaubt!

Zitat

Die Erlaubnisbehörde kann für den Ausschank aus Automaten Ausnahmen zulassen.

Quelle:

vor 8 Minuten schrieb Phoibos:

:-?

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vor 6 Minuten schrieb Schnitzel:

:-?

Grund wäre beispielsweise für eine Ausnahme, dass die Mechanik des Automaten nur einen Preis für alles (oder ungünstige Staffelungen der Münzeingabe) zulässt und die Gebindegrößen nicht identisch sind.

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Gast Schnitzel
vor 7 Stunden schrieb Oliver Weiß:

In meiner Lehre als Industriekaufmann bei MBB 1988-90 habe ich das aus erster Hand miterlebt.

./.

Zitat

Die Regelung ist in § 6 GastG Ausschank alkoholfreier Getränke in der Fassung des Gesetzes vom 13. Dezember 2001


Wie der Gesetzestext vorher aussah habe ich auf die Schnelle gerade nicht herausgefunden …

Ansonsten: Wo kein Richter, da kein Henker :-?

 

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Wenn ich mich richtig erinnere, wurde die Einführung dieser Regelung eifrig diskutiert (könnte um 2000 herum gewesen sein). Der Moderator fragte unter anderem, warum ein Glas Mineralwasser teurer sein muss als ein ganzer Kasten aus dem Getränkeshop.

Der „Experte“ (Vorsitzender des Gaststättenverbands oder so) begründete es damit, dass der Bierpreis ein „Konkurrenzpreis“ sei und der der Wassers nicht.

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  • 8 Monate später...

Vom Buckel bei Schriftsetzern habe ich gehört, 
aber Neigung zum Alkoholismus (und auch zur Spielsucht) 
ist mir eher von Druckern bekannt,
besonders von denen im Zeitungsdruck beschäftigten.

Sonst habe ich nur gehört von Toluol (Formenwaschmittel)
was sehr gesundheitsschädlich gewesen sein soll,
deshalb wurde zu meiner Zeit Benzin genommen,
was vermutlich auch nicht besser war...

Das Blei wurde kaum erwähnt, 
obwohl es ja eigentlich sehr giftig sein soll. 
Häufiger ging es um Belastung durch Lösungsmittel,
von denen aber auch eher die Drucker betroffen waren.

Vielleicht wurde das von den Schriftsetzern verdrängt?
Es gab so einen Staubsauger, um die Setzkästen zu reinigen.
Aber daß das gefährlich wäre?

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