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Mysteriöser Ortsname in alter Meldekarte aus Berlin

Hervorgehobene Antworten

Hallo,

zuerst ein freundliches "Guten Tag" an alle in diesem Portal, das ich per Internet-Suche gefunden habe. Durch die Sachkunde der Teilnehmer hier scheint mir der Versuch vielversprechend, also probiere ich es einfach mal... Ich habe ein Rätsel von einer alten Meldekarte aus Berlin. Die Geschichte ist durchaus ironisch... nahezu alle 4 Millionen Meldekarten aus Berlin wurden zwar "gerettet", wurden dann aber nach dem Krieg aus unbekannten Gründen vernichtet und sind heute komplett verloren. Nur eine sehr kleine Zahl blieb erhalten.

Ich erforsche privat seit ein paar Jahren (für ihre Familie) das Leben einer Künstlerin, die 1927 aus Berlin für einige Jahre "verschwand" und für diesen Zeitraum bislang unauffindbar blieb, bis sie einige Jahre später nach Berlin zurückkehrte. Wie durch ein Wunder ist ihre Meldekarte eine der wenigen überhaupt, die heute noch existieren - und jetzt kommt die Ironie: Das wichtigste Wort darauf hat sich bislang als unlesbar bzw. unverständlich herausgestellt...

Es geht um diese Zeile:

Meldekarte1Zeile.jpg.19de1a3b9520af6b3c234e22cc466ea8.jpg

Die Spalte benennt die Orte/Städte/Adressen, zu denen die Person weggezogen ist, und eigentlich scheint das Wort sogar ganz gut lesbar zu sein, es sieht aus wie "Hangerohl". Das Problem: Es gibt keinen auffindbaren Ort mit diesem Namen.

Ich habe natürlich als Erstes dort nachgefragt, wo die größte Kompetenz mit solchen Fragen zu finden ist, nämlich im Archiv in Berlin, und dazu auch noch bei Mitarbeitern im Hamburger Stadtarchiv, da es damals familiäre Verbindungen in diese Region gab. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen Archiven (und auch noch einem dritten hier vor Ort) waren alle sehr motiviert, bei diesem Rätsel zu helfen, und fragten auch jeweils im gesamten Kollegenkreis nach. Es gab einige Vorschläge:

- Das "H" könnte auch eine "St"-Ligatur sein, nur gibt es "Stangerohl" auch nicht.

- Als mögliche Alternativen wurden noch "Poerngerohl" oder "Poemgerohl" vorgeschlagen, aber auch die gibt es nicht.

Die Schrift sieht halt irgendwie durchaus sorgfältig aus, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell sich bei häufiger Handschrift eine Sauklaue entwickeln kann... mein "u" und mein "n" sind faktisch der gleiche Schnörkel.

Ich sehe nun zwei Möglichkeiten:

1) Einer der Buchstaben ist (durch permanentes Schreiben) zu einer anderen Form degeneriert. Hat jemand eine Idee, welche andere Schreibweise man hier noch herauslesen könnte?

2) Es war ein phonetisches Mißverständnis. In diesem Fall hätte das Rätsel nichts mit Typografie und Schriften zu tun, aber falls jemand zufällig einen lokalen Ort kennt, den man (phonetisch ausgesprochen) mit dem Wort "Hangerohl" oder so ähnlich verwechseln könnte, wäre ich für einen Tip natürlich auch sehr dankbar.

Alle anderen Einträge auf der Karte (in ähnlichen Handschriften und von mehreren Personen) konnten wir sinnvoll entziffern und zuordnen, es ist dieses eine Wort, an dem nun alle weiteren möglichen Recherchen am bezeichneten Ort abhängen...

In jedem Fall vielen Dank für jedwede Anregung oder Idee, die jemand vielleicht hat, und viele Grüße.

  • Ersteller

Die ganze Karte möchte ich nicht veröffentlichen, da es ja auch persönliche und private Daten sind und die Einträge (gesichert) für diese Zeile nicht relevant sind. Sie stammen von unterschiedlichen Beamten über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten.

Der Strich über dem ersten Buchstaben "von oben" ist aber natürlich etwas irritierend, hier sind die drei Zeilen im Kontext:

Meldekarte1b.jpg.002cc109ef6626634f849291d05f8741.jpg

Die obere Zeile lautet (gesichert) "Potsdamer Straße", der Name "Rau" daneben ist ebenfalls verifiziert. Die Zeile darunter lautet nach einstimmigen Urteil der befragten Archivare "auf Reisen" und wurde erst nach 1928 von einer anderen Person hinzugefügt.

Der kleine/kurze zweite Strich neben der Unterlänge von oben dürfte evtl. zum fraglichen Wort gehören.

Alle anderen Einträge darüber und darunter stammen von völlig anderen Personen aus anderen Zeiten und haben keinen Bezug zur fraglichen Zeit ab 1927.

die dritte Zeile würde ich lesen:

w.[egen?] Reiſen

…angerohl  ist eindeutig zu lesen. Nur: Tante Goggel findet für  angerohl  gar nichts.

Das ist wirklich mysteriös.

Unter der Prämisse, dass der Eintrag aufgrund einer mündlichen Angabe erfolgt ist und der Name mit St anfängt, gibt es in Österreich zwei Orte namens Stang, von denen mindestens einer ein Gewässer benamthttps://de.wikipedia.org/wiki/Stang_(Gemeinde_Kirchschlag)

image.png.5b86adb3d558fcb042e83dc1ff5d33f3.png

Quelle: https://www.findbuch.at/adressbuch-von-oesterreich-1938

Mit dieserlei unwissenden Mutmaßung* könnte ich mir einen Ort/Hof/wasauchimmer Stanger Aue plus einem Sack voller Mundarten vorstellen.

Aber dass aus diesem blinden Gerate etwas wird, bräuchten wir durchaus noch mehr Informationen zur Biographie etc.

 

*) Ich bin null kundig in Ahnenforschung, aber so wird ab und wann im Bereich der Antikenwissenschaften Orte als möglicherweise identifiziert.

  • Ersteller

Wow, vielen Dank für die Ideen und Anregungen. Einige davon sind sehr interessant, z.B. die "-auel" Idee, das werde ich bei weiteren Suchen berücksichtigen.

Mir tut es etwas leid, daß einige meiner Angaben natürlich etwas geheimniskrämerisch wirken müssen, aber es steckt ein sensibles Thema dahinter, und damit muß ich dann einfach in einem öffentlichen Forum auch sehr sensibel umgehen.

Die Person war wie gesagt Künstlerin, die auf Bühnen aufgetreten ist und in ihrer aktiven Zeit eine bedeutsame und wichtige Person der Kunstszene war. Allerdings geriet sie nach dem Krieg in vollständige Vergessenheit und ist heute nur noch sehr wenigen Spezialisten ein Begriff. Nach ihrer rätselhaften Abwesenheit 1927 kehrte sie Ende der 30er Jahre nach Berlin zurück und wurde von dort Anfang der 40er deportiert und ermordet. Auch dazu finden sich Einträge auf dieser Meldekarte und ich denke, Ihr habt Verständnis, daß diese Einträge nicht in diesem Rahmen hier in die Öffentlichkeit gehören, weshalb ich nicht die vollständige Karte veröffentlichen will und werde.

Was das Raten möglicher phonetischer Gleichklänge angeht, natürlich könnte hier mehr Hintergrundwissen helfen, aber... über das verfügen wir selbst nicht. Sie hatte eine Karriere unter anderem in Hamburg, München und natürlich Berlin. Ihre Auftritte sind dort in der Fachliteratur belegbar, wenn auch sehr vergraben und verborgen... Google hilft da überhaupt nicht, aber ich hatte und habe Kontakt zu alten Kunstwissenschaftlern, die auf Bergen von 100 Jahren alten Zeitschriften sitzen und daraus tatsächlich Kunstkritiken hervorziehen, wenn man ihnen den Namen nennt.

Allerdings beschränkten sich diese Quellen auf die Orte und Regionen, die wir bereits recherchieren konnten, was dafür spricht, daß sie ab 1927 entweder unabhängig von Bühnenensembles alleine auftrat, oder sogar zeitweise der Bühne den Rücken kehrte und z.B. als Lehrerin arbeitete, was auch schon vorher nebenher der Fall war.

Der langen Rede kurzer Sinn - sie war in ihrer aktiven Zeit vorher alleine und in Ensembles regelmäßig unterwegs in ganz Deutschland (wenn nicht sogar Europa) und kann daher 1927 auch wirklich überall hin verzogen sein. Es gibt Hinweise auf den Raum Würzburg und Nürnberg, wo es 1927 unmittelbar naheliegend gewesen sein könnte, aber dort wird sie amtlich nicht geführt und im Umland gibt es keine Orte, die auch nur annähernd mit "(H/St)angerohl" verwechselt werden könnten.

Das ist also die Lage der Dinge... ich habe die Recherchen zuletzt aus verschiedenen Gründen etwas pausiert, werde aber diesen Sommer und Herbst mit Nachdruck wieder daran weiterarbeiten. Alle Vorschläge und Ideen hier sind sehr willkommen und ich bin für Eure Hilfe sehr dankbar. Wir hatten für Hamburg und Berlin auch jeweils eine Glückstreffer-Heunadel gefunden, die alles weitere dort öffnete, und insofern brauchen wir auch für "Hangerohl" irgendeinen Glückstreffer, egal wie absurd er erstmal erscheinen mag...

  • Ersteller

Danke! Das ist eine sehr gute und mögliche Idee und das werde ich versuchen. Ich muß gestehen, daß ich mich mit Ahnenforschung vorher nie beschäftigt hatte, das aber in den letzten Jahren quasi im Schnellgang nachgeholt hatte...

Und es ist durchaus faszinierend, die deutschen Behörden haben schon vor über 100 Jahren Daten gesammelt ohne Ende, mehr als die meisten anderen Länder. An jedem Ort mußten sich neue Bewohner umgehend bei der Polizei und den Behörden melden, die dann alles auf Karteikarten gekritzelt haben, zum Teil kryptisch. Der größte Teil dieser Karten existiert heute noch, in irgendwelchen Keller-Archiven, aber natürlich wurden die niemals in einem gemeinsamen Index erfasst. Wenn man genau weiß (oder glaubt) eine Person hätte in einem eingrenzbaren Zeitraum dort gelebt, dann geht jemand ins Archiv, fischt die Karte raus (sofern existent) und macht eine Kopie. Aber man muß vorher den exakten Ort kennen, denn schon 5km weiter im Nachbarort gibt es keine Information mehr darüber...

  • 2 Wochen später...
  • Ersteller
Ein kleines Update. Ich habe die (sehr freundliche und hilfsbereite) Stadtverwaltung von Stangenroth kontaktiert und die werden in den Archiven nachsehen, was allerdings einige Zeit dauern könnte und wird. Sollte sich etwas ergeben, laß ich es Euch alle natürlich hier wissen.
Die Spur nach Würzburg hatten wir natürlich schon vor 2-3 Jahren verfolgt, allerdings ohne Erfolg, bzw. ohne auffindbare Indizien. Würzburg zählte zu den Städten, die im Krieg durch Bombeneinschläge die gesamten Einwohner-Akten verloren haben, daher ist es nicht mehr feststellbar, ob/wer dort gemeldet war. Es gäbe nur noch Protokolle der Stadtratssitzungen in den 20er Jahren, in denen (rein theoretisch) Hinweise auf die kulturellen Einrichtungen zu finden wären, aber die sind noch nicht digitalisiert, im Original nicht zugänglich, und so wie alles läuft, werden sie wohl auch nie mehr digitalisiert werden...
Wie auch immer, wenn man nicht jede Spur verfolgt, braucht man gar nicht erst anfangen, und wer in Zukunft das hier zufällig liest und noch andere Ideen hat, wir sind für *jede* Theorie dankbar, egal wie absurd sie klingen mag. Wenn überhaupt eines Tages, dann wird dieses Rätsel auch nur durch einen Zufall gelöst werden können...

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