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Interview mit Felix Braden zu seiner Schriftentwicklung der FF Scuba

Ralf Herrmann

Wie bist Du zum Typedesign gekommen?

Da gibt es drei Stationen, die wichtig für mich sind: Der erste Kontakt entstand durch meinen Vater, der als Architekt oft Urkunden für Grundsteinlegungen geschrieben hat und sich immer noch sehr für Kalligrafie interessiert. Ich habe daher schon als Kind Texte à la »Home sweet Home« mit der Bandzugfeder geschrieben. Nach dem Abi habe ich dann Praktikum in einem Designbüro gemacht und bin auf den Schriftgestalter Jens Gehlhaar getroffen. Er hat mich an Typedesign herangeführt und mir gezeigt, wie Fontographer funktioniert. Und die dritte Station ist Prof. Andreas Hogan, bei dem ich meine Diplomarbeit in Typografie machen durfte und der mir auch während des Studiums viele Möglichkeiten geboten hat mich mit Schriftgestaltung zu beschäftigen.

 

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Wo suchst bzw. findest Du die Inspirationen für Deine Schriftentwürfe?

Inspiration finde ich in erster Linie in der Arbeit anderer Type Designer. Das funktioniert sowohl mit historischen Quellen im Museum als auch über das Gespräch mit lebenden Menschen. Außerdem ist mir meine eignene typografische Arbeit immer eine gute Inspirationsquelle gewesen. Die Probleme, auf die ich beim Gestalten stoße, zeigen mir häufig wo es ein Bedürfnis nach einer Schrift, aber keine oder zumindest keine gute Lösung gibt.


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Wie entstand die Idee zur FF Scuba und wie der Name der Schrift?

Die Idee zur Scuba entstand durch einen Kunden, der eine Webseite in Verdana hatte und daran orientiert ein Erscheinungsbild entwickelt haben wollte. Ich habe dann längere Zeit nach einer Übersetzung der Verdana für den Printbereich gesucht und kein zufriedenstellendes Ergebnis gefunden.

 

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Der Name der Schrift hat sich vor kurzem noch geändert. FF Scuba hieß bis zur Veröffentlichung noch Adria und wäre dann eine schöne Hommage an die Arbeit von Adrian Frutiger gewesen. Leider war der Name schon vergeben und ich musste mir eine Alternative überlegen. Charakteristika der Schrift sind meiner Meinung nach der kühle Charme und die Verknüpfung von Mensch und Technik, daher sollten das auch die zentralen Themen bei der Namensfindung sein. Da die Namen aller Floodfonts etwas mit dem Thema Wasser zu tun haben, bin ich auf die englische Bezeichnung für das Drucklufttauchgerät gekommen (Abkürzung für self-contained underwater breathing apparatus).
Eine weitere Verbindung zum Wasser ist, dass mir mein Skizzenbuch mit den Schriftentwürfen im Schwimmbad abhanden gekommen und in die Hände von Kindern geriet, die darin herumgekrittelt haben. Daher stehen alle möglichen Flüche auf meinen Skizzen, die natürlich nicht von mir stammen. Immerhin haben Sie das Buch dann abgegeben und ich habe es glücklicherweise zurückbekommen.

 

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Auf welchen Einsatzbereich zielt die Schrift ab?

FF Scuba hat viel Charakter und ist für eine Mengensatz-geeignete Serifenlose sehr eigen. Dadurch eignet sie sich gut zur Markenbildung. Außerdem, habe ich einen warmen, menschlichen Aspekt in einen sehr kühlen, technischen Designansatz einfließen lassen. Ein Kontrast, der meiner Meinung nach auch das besondere der Schrift darstellt. Damit wäre FF Scuba perfekt geeignet für Unternehmen mit einer hohen technischen Affinität, die trotzdem den Menschen im Mittelpunkt Ihres Handelns sehen, z.B. in den Medien, der Computerbranche, oder Airlines, Energieversorger, Medizinische Unternehmen oder ähnliches.


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Wie bist du beim Schriftentwurf vorgegangen?

Begonnen habe ich mit einer Analysephase. Ich habe ganz gezielt nach Schwächen von Verdana im Printbereich gesucht und nachzuvollziehen versucht, welche Entscheidungen Matthew Carter getroffen hat, die vorwiegend für die Bildschirmoptimierung sinnvoll sind. Dann habe ich mich mit serifenlosen Schriften für den Printbereich beschäftigt und analysiert, was hier anders sein sollte und warum.


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Dannach habe ich begonnen zu zeichnen. Normalerweise habe ich immer ein Skizzenbuch dabei in das ich zeichne, wenn ich an der Bushaltestelle sitze oder das Fernsehprogramm gerade langweilig ist. Diese Entwürfe zeichne ich dann am Rechner nach, drucke die Buchstaben immer wieder aus und korrigiere die Kurven mit der Hand. Parallel dazu mache ich die Zurichtung und teste die Schrift gleich im Fließtextverhalten – auch wenn erst wenige Buchstaben fertig sind. Sobald ich das Alphabet komplett habe drucke, ich alle Klein- und Großbuchstaben aus, klebe die Blätter aneinander und hänge sie relativ groß an die Wand. Diese Fahnen hängen dann längere Zeit in der Nähe meines Arbeitsplatzes. Ich glaube, wenn man die Schrift aus dem Augenwinkel sieht, findet man Fehler leichter, als wenn man akribisch danach sucht.


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Auf die Fahnen kritzele ich meine Korrekturen und klebe den verbesserten Buchstaben dann wieder über den alten. In den Detailansichten kann man ganz gut erkennen, wie viele Schichten teilweise übereinandergelagert sind. Dazwischen wird die Schrift immer wieder in Fließtextgrößen getestet.
Wenn ich mit dem Ergebnis zufrieden bin lasse ich das Alphabet etwas ruhen, dann mache wieder A4 Ausdrucke von einzelnen Buchstaben und korrigiere die Buchstaben mit dem Bleistift. Außerdem lege ich sehr viel Wert auf Korrekturen von anderen Menschen, die sich auch mit Schriftgestaltung beschäftigen. Das hilft mir oft mehr als dauernd im eigenen Saft zu kochen.

 

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Nach 10 Jahren Typedesign bist du von anfangs experimentellen Freeware-Schriften nun bei einer klassisch-sachlichen Grotesken angekommen. War die jahrelange Beschäftigung mit dem Typedesign eine notwendige Voraussetzung, die FF Scuba entwickeln zu können?

Bei mir war es auf jeden Fall so, dass ich anfangs wesentlich mehr Lust auf experimentelles Arbeiten hatte. Ich wollte etwas Neues, Ungewöhliches machen während sich die Formen von Fließtextschriften ja immer nur in Nuancen unterscheiden können. Außerdem hatte ich anfangs auch keine Muße mich über einen derart langen Zeitraum mit einem Thema zu beschäftigen – an der FF Scuba habe ich nun immerhin 4 Jahre gearbeitet. Ich denke, die Diszipin eine ganze Großfamilie aufzubauen muss man sich schon erarbeiten. Über die Jahre merkt man dann, dass man experimentelle Schriften nur sehr selten einsetzen kann und würde lieber etwas machen, was man selbst auch häufiger verwendet.
Mir persönlich hat die ganze Experimentiererei aber auch viel gebracht. Gerade die Auseinandersetzung mit den Pixelfonts und rasterbasiertem Design hat mir beim Aufbau der Scuba sehr geholfen.


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Du bedankst Dich im Schriftmuster-PDF explizit bei Matthew Carter und Adrian Frutiger als Inspirationsquelle. Dies schneidet eine interessante Frage an: Moderne Gebrauchsschriften müssen auf bestehendem aufbauen, um benutzbar und erfolgreich sein zu können. Wie gehst Du in Deiner Arbeit mit dem bekanntlich schmalen Grat zwischen Inspiration und Plagiat um?

Noch vor kurzem habe ich einen Text von Fred Smeijers* gelesen, der sich sehr darüber sorgt, dass es nur noch so wenige »neue« Entwürfe im Typedesign gibt und viele Schriftgestalter sich im Kreis drehen. Insbesondere beklagt er sich, dass häufig aus zwei bestehenden Fonts ein Zwitter interpoliert und als neuer Entwurf verkauft wird. Zweiteres finde ich auch sehr bedenklich aber ansonsten – also wenn eine Schrift von Grund auf neu gezeichnet wird – sehe ich das Problem der nicht vorhandenen Originalität eigentlich nicht. Ich denke, dass jede Schrift durch den Stil ihres Gestalters so markant wird, dass sie einen eigenen Charakter und somit auch einen gestalterischen Wert besitzt, selbst wenn man sich bei einzelnen Buchstabenformen an anderen Schriften orientiert. Ich denke, dass kaum jemand wirklich in der Lage ist, nachzuvollziehen, wie seine Idee entstanden ist und wovon sie beinflusst wurde. Bei meiner Capri, die vor kurzem bei Fountain erschienen ist, dachte ich z.B., dass das kleine g tatsächlich auf meinem Mist gewachsen wäre. Später habe ich dann entdeckt, dass in einer Handschrift meines Vaters genau die gleiche Form enthalten ist und auch Rian Hughes eine geometrische Serifenlose mit einem ähnlichen g entworfen hat. Beide Schriften waren mir vorher bekannt und wahrscheinlich haben sie mich sogar unterbewusst bei meinem g beeinflusst. Dennoch halte ich das für eine ligitime Form der Inspration.


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Bedenklich wird es meiner Meinung nach erst, wenn ich Entwürfe nachzeichne, bewusst kopiere oder sogar auf die bestehenden Dateien zurückgreife. Außerdem finde ich es sehr wichtig, Insprationsquellen zu benennen – zum einem um den Designern den angemessenen Respekt zu zollen und zum anderen um den Vergleich mit der Inspirationsquelle nicht zu scheuen.
Beim speziellen Fall der FF Scuba war die ganze Sache noch komplizierter. Hier wollte ich bewußt eine Ähnlichkeit mit den kleinen Pixelgrößen (unter 13 Pixel) der Verdana erzeugen. Auf dieser Größe lassen sich bei einer Schrift so wenige Eigenheiten abbilden, dass man sich hier im Sinne eines Plagiats noch nicht auf dünnem Eis bewegt. In den größeren Graden, sollte sich die Schrift dann aber deutlich von Verdana unterscheiden. Ich habe hier ganz bewußt nach Formen gesucht, die keine Ähnlichkeit mit Verdana haben und mich gezielt davon entfernt. Ich denke, wenn man FF Scuba im Detail mit Verdana vergleicht, sieht auch das ungeübte Auge, dass die Schriften kaum mehr Gemeinsamkeiten haben als die meisten humanistischen Serifenlosen.


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*) Fred Smeijers, "Fifteen years of democratic type?", in Type now, Hyphen Press, London 2003

 



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