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Schriften im Anfang des DTP


RedRum

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Hallo,

ich muss in der Schule einen Vortrag über die Schriftentwicklung der »Meta« von Erik Spiekerman halten.
Dazu hab ich schon einiges recherchiert und auch gute Informationen gefunden.

 

1985 wurde die Schrift, im Auftrag der Bundespost, entwickelt – damals noch unter dem Namen PT55.
Mich würde mal interessieren wie zu dieser Zeit der Schriftenmarkt so aufgebaut war? Das ist ja in der Zeit wo es gerade mit Desktop Publishing los ging, aber wie wurden denn damals die Schriften erstellt, verkauft etc.? Es gab ja noch keine digitalen Schriftensätze oder? So wie ich mich belesen habe wurde die Schrift erst später (1991) mit dem Programm »Ikarus« digital umgesetzt.

Es wäre schön wenn ihr mir mal so ein kleinen Einblick in die damalige Zeit gewährt damit ich einen Eindruck bekomme in welcher Zeit und somit auch mit welchen Problemstellungen die Schrift entwickelt wurde.

Danke im voraus 

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Hallo, also das Stichwort zu dieser Ära heisst erst einmal Fotosatz (s. auch hier im Wiki: http://www.typografie.info/3/page/wiki.html/_/fachbegriffe/fotosatz-r67
) – Kennzeichen für Schriften und deren Vermarktung zu dieser Zeit war, dass Schriften an das jeweilige Satzsystem einiger weniger Hersteller wie Berthold oder Linotype gebunden waren, und der Markt von proprietären Systemen gebildet wurde (und die Schriften sozusagen proprietäre Software bildeten, – d.h. Berthold Schriften liefen nur auf Berthold Systemen usw., allerdings gab es auch Schriftenhersteller wie ITC, die ihre Entwürfe an mehrere Hersteller von Satzsystemen lizensierten: s. auch wikipedia)

Die Postschrift oder PT55 lag laut einem Artikel von Erik Spiekermann in der Zeitsschrift baseline von 1986 (How I once designed a typeface for europe’s biggest company) s. diesen link in seinem blog: http://spiekermann.com/pt-551986, hier die einzelnen pdfs des Artikels wie dort hinterlegt, auf englisch:
http://spiekermann.com/wp-content/uploads/2008/10/baseline0785.pdf
http://spiekermann.com/wp-content/uploads/2008/10/baseline0785bw_02.pdf
http://spiekermann.com/wp-content/uploads/2008/10/baseline0785bw_03.pdf

auch schon digital vor bzw. wurde ihre Digitalisierung vorbereitet (eine Maschine wie die Digiset nutzte zum Beispiel vor der DTP-Revolution digitale Daten, die im Falle der Postschrift mit dem Ikarus-System von URW erzeugt wurden. Es gab also durchaus digitale „Schriftensätze“, und die Vorbereitung der Postschrift zielte schon auf die Verfügbarkeit auf möglichst vielen Satzsystemen ab)

Die Digitalisierung von 1991, von der Du sprichst, bezeichnet sozusagen die eigentliche Geburt der »Meta«, die – wahrscheinlich ohne auf die Daten von 1985 zurückzugreifen – von Spiekermanns derzeitiger MetaDesign (d.h. seiner eigenen Designfirma) Mannschaft in Form von Just van Rossum et al vorgenommen wurde, dann klar mit dem Ziel DTP vor Augen und einer eigenen, frisch gegründeten, Schriftvertriebsfirma (Fontshop) im Hintergrund.

Zu den Wurzeln der Meta findest Du hier bei Luc Devroye (http://luc.devroye.org/fonts-31894.html) eine interessante Auseinandersetzung zwischen dem Auftraggeber der Schrift, der Firma Sedley Place Design, deren Klient die deutsche Bundespost war, und ihrem ehemaligen Freelancer Erik Spiekermann in der Zeitschrift EYE, Ausgabe 19/95 (auch in englisch).

We designed Meta (Terence Griffin von Sedley Place)
vs.
Meta was my idea (die Antwort von E. Spiekermann, MetaDesign plus)
(http://luc.devroye.org/fonts-31894.html)

(dies beantwortet zumindest die Frage, warum ein erfolgreicher Designer meistens auch sein eigener Publizist ist)

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RedRum schrieb (12 Nov 2014 - 15:43):

 

Mich würde mal interessieren wie zu dieser Zeit der Schriftenmarkt so aufgebaut war? Das ist ja in der Zeit wo es gerade mit Desktop Publishing los ging, aber wie wurden denn damals die Schriften erstellt, verkauft etc.? 

Danke im voraus 

 

Ich hoffe Du hast noch Zeit übers Wochenende, um deinen Vortrag vorzubereiten. Hier findest Du einen Beitrag im Forum, (http://www.typografie.info/3/topic/32593-erik-spiekermanns-»studentenfutter«/) der dir – mittels eines Werks von Erik Spiekermann namens Studentenfutter, damit dein Vortrag keine stilistischen Brüche erleidet – die Arbeitsvorbereitung von Texten für den (Foto)Satz und wie die Schriften ihren Weg in die Drucksachen fanden, komprimiert beschreibt.

 

(auf deutsch, pdf der Broschüre: download-link)

 

Die Broschüre ist ein Mittelding zwischen Satzprobe, historischen Ausführungen und praktischen Hinweisen – in der Sektion Scribble, Rough, Layout & Apple (ab Seite 117) wird ganz gut beschrieben welche Schritte Grafiker zu dieser Zeit unternehmen mussten, um ihre typografischen Gestaltungen via Satzbetrieb und Setzer druckreif zu machen:


Denn, ob nun gescribbelt, layoutet, designed, visualisiert wird … meistens geht es einfach so:

 

 

Die Setzereien hielten für Grafiker Schriftproben und Arbeitsmittel in Form von Blindtext-Proben vor – die Context-Setzereien, ein Verbund von Berthold-Setzereien, die das Büchlein als Werbemittel herausbrachten, hatten beispielsweise die ConZoomBox –


Blindtexte zum Layouten – positiv und negativ in jeder Größe und vielen verschiedenen Zeilenabständen für jeden, der einen Zoomkopierer hat. …

 

 

 

Noch eine Ergänzung zu deiner Quellenforschung wegen der PT55/Meta – bei Luc Devroye (ein Computerwissenschaftler und Typografie-Nerd, der eine ziemlich umfangreiche, unabhängige website zu seinem Hobby betreibt – s. auch meinen vorherigen Beitrag) findest du auf seiner Seite zu Georg Salden, einem deutschen Typedesigner, Hinweise auf die Diskussion des Einflusses der GST-Polo (die übrigens auch die Grundschrift von Studentenfutter ist) auf die Formen der Meta, die so Mitte des letzten Jahrzehnts hauptsächlich auf deutschen Typografie-Foren geführt wurde (im englischen Sprachraum ist Salden kaum bekannt)

 

Eine Abbildung, die den Zusammenhang Polo/Meta ganz gut erläutert, findest Du hier:

http://luc.devroye.org/cgi-bin/imageselect.cgi?xxxx=Juergen+Siebert+Polo+vs+Meta+

 

Quelle/Anregung ist ein Eintrag aus dem Corporate Blog der Fontshop AG, die die Meta vermarktet (von 2008):

http://www.fontshop.de/fontblog/das-geruecht-meta-sei-eine-kopie-von-polo/

 

In der deutschen Fassung des wikipedia-Eintrags zur Meta ist der Einfluss denn auch festgehalten (die abgeschrägten und teilweise leicht gebogenen oberen Abschlüsse der Vertikalen bei Kleinbuchstaben und ein ähnliches g findet man auch bei der Polo GST, die Georg Salden von 1972–1976 entwickelt hatte), in der englischen Version nicht. 

 

Viel Spaß in der Schule!

 

… und falls Du noch ein bisschen Englisch lesen magst: hier http://en.wikipedia.org/wiki/Talk%3AFF_Meta gibt es noch einen virtuellen Nachschlag zu der weiter oben genannten Leserbrief-Debatte zwischen Sedley Place Design und Erik Spiekermann zum Beitrag der Sedley Place Designer zur PT55 / 75 … 

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… und falls Du noch ein bisschen Englisch lesen magst: hier http://en.wikipedia.org/wiki/Talk%3AFF_Meta gibt es noch einen virtuellen Nachschlag zu der weiter oben genannten Leserbrief-Debatte zwischen Sedley Place Design und Erik Spiekermann zum Beitrag der Sedley Place Designer zur PT55 / 75 …

 

Danke, diesen Seitenarm der Geschichte kannte ich noch gar nicht. Die Liste der Personen, die eine Urheberschaft für die Erfolgsschrift anmelden, wird ja immer länger. 

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Danke, diesen Seitenarm der Geschichte kannte ich noch gar nicht. Die Liste der Personen, die eine Urheberschaft für die Erfolgsschrift anmelden, wird ja immer länger.

 

Keine Angst Ralf, dabei bleibts wohl. Tja, der Erfolg hat halt viele Väter, nicht wahr (die Sedley Place Episode war mir auch neu, aber man muss sich nicht wundern, wenn man mit dem Auftraggeber Ärger kriegt, wenn man als freelancer mit dem Artwork stiften geht. Was ein Coup. Die Reaktion seitens Sedley kommt freilich ein bisschen spät, da spielt der Erfolg sicher eine Rolle – und Agenturen haben sich ja öfter ein bisschen komisch, wenn es um ihre Rolle geht)

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Tja, was soll ich dazu noch sagen außer »Danke«! Du hast mir jede Menge wertvollen Input gegeben den ich nun noch mit einbauen werde. Die baseline-Artikel kannte ich schon aber der Rest ist auch sehr interessant, gerade das Büchlein »Studentenfutter« von Erik Spiekermann erklärt mir bildhaft (ab Seite 117) wie man damals mit Schrift »gestaltet« hat ;).

Genau dazu hab ich nämlich irgendwie nichts finden können ;)

 

Vielen vielen Dank!

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Gern geschehen – Gebrauchsgrafiker freuen sich immer, wenn sie zu gebrauchen sind, also reichen wir das auch mal weiter an den Herrn Kähler, der das vergriffene Werk wieder digital verfügbar gemacht und den Schöpfer der schmalen Schriften und der komprimierten Darstellung von komplexen Sachverhalten, Herrn Spiekermann (further reading, falls noch nicht bekannt: http://www.amazon.de/Ursache-Wirkung-ein-typografischer-Roman/dp/3874393070)


 


Noch ein paar Bemerkungen zu den Umständen, zu denen die Schrift entwickelt wurde (im baseline Artikel wird von special considerations gesprochen: drucken auf rauem, dünnen oder auf andere Weise problematischen Papier, extrem kleine Schriftgrößen usw.)


 


Stiefkind der Gestaltung, aber ein grosser Posten bei dem Unternehmen Deutsche Bundespost waren Formulare, zu der Gestaltung gab es bei Sedley Place Design eine Reihe von Designprojekten, die Gestaltungsbausteine und -regeln entwickelten und z. B. in die Entwicklung spezieller AV-Blätter (also Blätter zur Arbeitsvorbereitung für den Fotosatz) mündeten (findest Du in anderer Art auch in Studentenfutter). 


 


Auch ein Designmanual war in Arbeit (CD3, Formulare) welches ich, damals noch freelancer, mit dem einzig verbliebenen Kollegen und Typografen Ralf Rudorf als Berater in Text und Bild entwickelte und in Satzanweisungen fixierte. Nach Abschluss der ca. dreimonatigen Arbeiten verschwand das Handbuch in der Schublade, weil die Bundespost als einheitliches Unternehmen nicht mehr existierte und es kein Interesse gab, das Handbuch noch zu realisieren (Hmm. Post Mortem … vielleicht sollte ich noch mal wühlen, ob ich nicht doch noch eine Kopie der Satzanweisungen finde. Steckt schliesslich ne Menge Arbeit drin … :baeh: ).


 


Zurück ging das wahrscheinlich (war vor meiner Zeit) auch auf Spiekermann und Intimus Florian Fischer,(der gemeinsam mit Peter Scholz den Bereich Deutsche Bundespost bei Sedley Place Design Berlin innehatte, bis die beidem nach einem Eklat mit der Geschäftsführung ihr eigenes Büro gründeten) zudem gab es noch andere Typografen, z.B. Joachim Weichert, die an der Entwicklung beteiligt waren  –  Themen wie (Platz)Ökonomie, Leserlichkeit und eine eher nicht amtliche Ausstrahlung finden sich denn ja auch in der Meta wieder.


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