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Eine Frage an die Schriftgestalter

Empfohlene Beiträge

Lukas W.

Jetzt hätte ich einmal eine Frage an die Schriftgestalter hier im Forum.

Ich habe nämlich wieder mal folgendes Problem: Ich weiß, am Anfang eines Schriftentwurfes stehen meistens Skizzen. Am Ende steht meist das Herumschieben von Bézier-Anfasserpunkten am Computer. Dazwischen muss der auf dem Papier erstellte Entwurf in den Computer; über Scanner oder andere Digitalisierungsinstrumente.

Aber was kommt kurz vor der Digitalisierung und Weiterbearbeitung? Sprich: Wie ausgereift sollte der Entwurf für effizientes Arbeiten schon auf dem Papier sein? Ich habe gehört, in den Zeiten vor Vektor-Fonts (und vielleicht oft auch heute noch) seien die Reinzeichnungen oft mit Tusche gezeichnet und dann mittels Rasierklinge etc. nachgebessert worden, bis sie zufriedenstellend waren.

Ich habe das auch schon ausprobiert, musste dann aber feststellen, dass der Entwurf im PC plötzlich ganz furchtbar aussah und ich wieder viel Zeit mit den Bézierkurven verbringen musste. Toll, dachte ich mir, dann hätte eine Bleistiftzeichnung mit 4 cm x-Höhe auch gereicht! Andererseits musste ich auch feststellen, dass die Entwürfe zu mechanisch, langweilig, kraftlos und kompromissbehaftet werden, wenn sie zu einem Großteil am PC entstehen.

Dazu kommt noch das merkwürdige Paradoxon, das man vielleicht Unschärferelation der Skizze nennen könnte: Nämlich, dass (zumindest bei mir) kleine Skizzen tendenziell eher ausdrucksstärker sind als größere, dafür aber natürlich ungenauer. Und umgekehrt. Manchmal habe ich auch so eine Skizze vor mir, von der ich denke, sie wäre perfekt, bis auf dieses kleine Detail. So, was tun? Den Buchstaben durchpausen? Möglichst genau abzeichnen? Dann hakt es meistens wieder an anderer Stelle.

 

Kurz: Wie stellt ihr das an, wie wird aus einem Entwurf eine Reinzeichnung? Oder anders gefragt: Wie wichtig ist eine Reinzeichnung überhaupt? Ich bin mir ziemlich sicher, dass das jeder ein wenig anders handhabt, bestimmt sogar von Entwurf zu Entwurf unterschiedlich. Ich wollte mir daher nur mal ein paar Meinungen dazu anhören, damit ich mir ein Bild davon machen kann, wie es ablaufen kann.

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catfonts

Ich gehe bei Fonts, die (wie jetzt der Linz-Straßenschilder-Font, bei dem die Skizze ein Foto ist) oder bei eigenen Ideen so vor:

 

1. Ist es die eigene Idee, dann erst mal die kleine flüchtige Blei-Scribble-Skizze. Einscannen, und damit vergrößert ausdrucken (blass)

 

2. diese Verrgrößerte Skizze wird dann gesäubert, also tatsächlich sorgfältiger nachgezeichnet, allerdings von Hand und Bleitift, das reicht. Man kann so eierige Ecken radieren, und sauberer zeichnen. Auf Papier, weil ich das nach belieben zur Hand drehen kann,

 

3. das Ergebnis erneut scannen, aber nicht per Autotrace digitalisierten, da hat mein keinerlei Kontrolle, wo das System die Knoten setut, und das herumgezuppel an Vektoren ist nicht mein Ding. Also nutze ich CorelDraw, weil ich hier nicht an Ankern ziehen muss, sondern direkt an der Kurve ziehen kann. Da importiere ich den Scan, und packe ihn in eine Ebene, die ich vor Bearbeitung schütze. Zeichnen tue ich auf einer 2. Ebene darüber

 

4. Jetzt zeichne ich mit dem Freihand-Werkzeug einen Verlauf von geraden Lionien von Extrrempunkt der Kuntur zu Extrempunkt, also bei Bögen jeweild den (geschätzten) Punkt, der am höchsten oder tiefsten oder am weitesten links oder rechts ist, oder woi die Kurve einen spitzen Winkel hat, oder ein Bogen in eine Gerade über geht. Ich vermeide es nach Möglichkeit mehr Punkte zu setzen.

Vek1.jpg.8ee52e6e3ca21ac2e5a2a5eeaba064c4.jpg

 

5. Anschließend wandele ich die Abschnitte, die keine Gerade sind in Kurven, und ziehe sie an der Kurve an meine gezeichnete oder fotografierte Kontur heran, fasse dann erst die Kontrollpunkte an, und korrigiere sie so, dass diese bei Knoten an Extrempunkten genau in der Waagerechten oder Senkrechten zum Kurven-Knoten liegen.

Vek2.jpg.b87214492fcf731639ef93ab58ada4ab.jpg

 

6. Dabei teile vich meine Buchstaben möglichst in Teilabschnitte ein, deren Form auch bei anderen. Buchstaben wiederkehrend genutzt werden können, wie hier im Beispiel der Stamm des R mit seiner Grund-Serife.

 

7. Habe ich so alle Elemente beisammen, um daraus alle Buchstaben zu kombinieren, nutze ich die Verschmelzungs-Werkzeige in meinem Vektor-Grafikprogramm, und habe dann hier noch alle Buchstaben nebeneinander, und kan sie so sogar schon miteinander wirken lassen.

post-22079-0-40965700-1423678664_thumb.p

 

8. Die so gezeichneten Glyphen exportiere vich als Block (also z.B. alle Gemeinen) in eine EPS-Datei und importiere diese dann in ein Glyphenfenster in Fontlab, beispielsweise, habe iuch die gemeinen importiert, in das a, in dem dann allerdings das ganze Alfabet drin ist. Diese Glyphe kopierte ich dann einfach, so wie sie ist in alle anderen Gemeinen im Font-Fenster. Jetzt Öffne ich eiune Glyphe nach der anderen, markiere mit Strg+A alles, und demarkiere nur den Buchstaben, der bleiben soll, kurzer Klick auf Entf, und die vjeweiligev Glyphe ist vereinzelt, diesen Schritt wiederhole ich durch das komplette Alfabet. das geht so schneller als jeden Buchstaben einzeln zu importieren. Als letzter Schritt werden diesen Buchstaben über Tools - Action - Metrics - Set Sidebearings  (ich verwende die englische Version) den Buchstaben zunächst eine einheitliche Vor- und Nachbreite verpasst, bevor ich diese je nach spezieller Buchstabenform von Hand anpasse.

post-22079-0-24222600-1423679719_thumb.p

 

An den Vektoren muss ich dann kaum noch etwas machen.

 

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Lukas W.

Danke, catfonts, für den ausführlichen Bericht!

Ja, die Digitalisierung mache ich eigentlich fast genauso, nur dass ich Inkscape statt CorelDraw und Fontforge statt Fontlab verwende. Das ganze Alphabet in alle Glyphen zu importieren, muss ich mir merken, damit könnte es tatsächlich schneller gehen, als so, wie ich es bisher mache.

Auch die kleine Skizze zuerst zu vergrößern und dann reinzuzeichnen scheint mir eine gute Idee.

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catfonts

Das ist die Methode, wie ich es manchmal schaffe, einen kompletten Font anwendbar in einem Nachmittag hin zu klatschen. - Bei Linz lasse ich mir aber etwas mehr Zeit.

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Martin Z. Schröder

Ich verstehe davon gar nichts, aber in dem dicken Buch »Schriften« von Adrian Frutiger erzählt er ausführlich von jeder Schrift, wie er sie gemacht hat.

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Lukas W.

@catfonts: Ich halte mich ja, was Arbeit mit Grafikprogrammen angeht, schon für einigermaßen schnell, wenn ich mich mit meinen Kommilitonen vergleiche. Aber die Geschwindigkeit, mit der du da immer was hinzauberst, ist echt der Wahnsinn! Umso beruhigender dann, zu wissen, dass du auch nur mit einfachen Methoden arbeitest. Ich hatte schon einen Zaubertrick vermutet. :bow:

 

@Martin Z. Schröder: Danke für den Tipp! Ich hab gerade nachgeschaut, über unsere Bibliothek ist es leider nicht zu beziehen. Dann müsste ich höchstens schauen, ob es irgendwo antiquarisch erhältlich ist, der Preis ist schon recht stattlich.

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catfonts

@catfonts: Ich halte mich ja, was Arbeit mit Grafikprogrammen angeht, schon für einigermaßen schnell, wenn ich mich mit meinen Kommilitonen vergleiche. Aber die Geschwindigkeit, mit der du da immer was hinzauberst, ist echt der Wahnsinn! Umso beruhigender dann, zu wissen, dass du auch nur mit einfachen Methoden arbeitest. Ich hatte schon einen Zaubertrick vermutet. :bow:

 

Danke :-), aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich Corel schon seeeeehr lange verwende. Eben so lange, wie es dies überhaupt käuflich gibt.

 

Was jetzt die Frage anbelangt, wie genau jetzt ein Papier-Entwurf ausgearbeitet sein muss, und on man da mit der Rasierklinge an der Tusche feilt, ist wohl hauptsächlich eine Frage, on man selber auch digitalisiert, oder om man das andere machen lässt, und dann auch, wie digitalisiert wird.

 

Unsere großen (schon fast klassischen) Schriftgestalter aus der noch Blei-Ära arbeiteten ja noch komplett analog, also mit Stift, Zirkel, Lineal auf Papier, während die Umsetzung in die Stempel für die Bleiguss-Matritzen, oder die Digitalisierung mit Peter Karows genialem Ikarus dann eine Sache für mehr handwerkliche Spezialisten war. Hier ist es essentiell, das die Reinzeichnung zu 100% dem entspricht, was der Schriftgestalter sich erdacht hat, wird bei der Verkleinerung für das Ausfräsen der Stempel mittels Pantografen, oder beim Setzen der der Ikarus-Ankerpunkte ja genau auf derv Reinzeichnungskontur entlang gefahren. Jede noch so kleine Delle findet sich dann auch im Stempel oder in der Digitalisierung. Den dabei digitalisierten Koordinaten sieht man eine Abweichung von der idealen Kontur gar nicht an.

 

Zeichnet und digitalisiert man aber selber, und dann gleich in Bezier-Kurven, sieht man selbst ja sehr gut, wo man seine Zeichnung ungenau ausgeführt hat, und kann so die "Rasierklinge" auch gleich digital ersetzen, daher fummel ich eben auch nicht bis ins letzte an meinen Skizzen.

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Lukas W.

Ja, das meinte ich eben. Wenn man selber seine Schrift am Computer digitalisiert, kann man da natürlich noch beliebig ausgiebig die digitale Rasierklinge ansetzen. Wie ich aber schon sagte, habe ich dann die Erfahrung gemacht, dass man zu viel an der Schrift rumdoktert, die dann am Ende zwar harmonischer aussieht als die Skizzen, dafür aber auch kraftloser.

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