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Die Schriftmuster der Welt in einer Datenbank …

Lehrberuf Schriftgestalter

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Schriftgestaltung, Kalligraphie, Typographie und Fontdesign erfreuen sich seit einigen Jahren einer so noch nie dagewesenen Popularität. Das ist, einerseits, phantastisch. Auch der Bedarf an schriftgraphischen Leistungen scheint eher zu- als abzunehmen, es gibt einen Markt dafür. Andererseits beobachte ich das Fehlen geeigneter Ausbildungsmöglichkeiten, vor allem was die handwerklichen Grundlagen solider Schriftgestaltung betrifft. Ein typischer Fall sind Postings von Studenten (Kommunikations- oder Grafikdesign) mit ersten Versuchen eines eigenen Font-Designs in einem Internetforum, dem zu entnehmen ist, daß Interesse und Gestaltungswille in einem unübersehbaren Mißverhältnis zu Fähigkeiten und Kenntnissen stehen. Das soll kein Vorwurf an junge Berufsanfänger sein. Aber es hat mich zu der Frage bzw. Idee geführt, ob man nicht über eine reguläre berufliche Ausbildung zum Schriftgestalter nachdenken sollte, in der die relevanten Grundlagen vermittelt werden können.

 

Eine Lehrausbildung Schriftgestaltung sollte eine fundierte Grundlage des manuellen formalen Schreibens anhand der wichtigsten Schriftarten (z.B. Römische Kapitalis, Unziale, Minuskel, Kursive, Gebrochene, Englische Schreibschrift) vermitteln. Darauf aufbauend Fertigkeiten in Stempelschnitt, Schriftzeichnen, Handsatz und Typographie, Relief/Inschriften sowie Entwurf bis hin zu Digitalisierung und Fonterstellung. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es den Beruf Schrift- und Grafikmaler für den Einsatz in der Werbung – unter den damaligen technischen Voraussetzungen. Die heutige Situation mit vielgestaltigen digitalen Anwendungen einerseits und einer bemerkenswerten Besinnung auf traditionelle Techniken andererseits bildet ein besonderes Spannungsfeld für schriftgrafische Expertise. Dieser ganze Themenkomplex ist gegenwärtig im Spektrum zugänglicher Ausbildungsberufe nicht vertreten.

 

Die Unterrichtsprogramme an den Hochschulen können, soweit mir ersichtlich, die Grundlagen schriftgestalterischen Könnens nicht in ausreichendem Umfang bedienen. Zwar gibt es einen Schwerpunkt Schriftdesign an einigen wenigen Hochschulen (Leipzig, Zürich, Den Haag, Reading), aber auch da ist die Grundlagenausbildung eher der Knackpunkt.

Meine Überlegungen zu einer möglichen Lehrausbildung gehen daher in die Richtung, sowohl für kunsthandwerklich-praktische Tätigkeiten als auch für möglicherweise folgende Hochschul-Bildungsgänge eine breite und fundierte Qualifikation in Schriftgestaltung zu ermöglichen, wie es sie gegenwärtig – nach meinem Erkenntnisstand – nicht gibt.

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Die von Dir angesprochenen Grundkenntnisse , wie "eine fundierte Grundlage des manuellen formalen Schreibens anhand der wichtigsten Schriftarten (z.B. Römische Kapitalis, Unziale, Minuskel, Kursive, Gebrochene, Englische Schreibschrift)" finde ich im übrigen nicht nur für angehende Schriftgesatalter, sondern auch für Mediengerstalter im Allgemeinen für wichtig, wenn ich hier oft höchstes Unverständnis sehe, das für ein noch wunderbar von Hand entworfenes Schrift-Logo keine benannte Satzschrift verwendet wurde. Da ist, als diese Fertigkeiten durch zunächst Transferbuchstaben und später Computerschriften ersetzt wurden oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden, und vielen aktuellen Logos sieht man eben deutlichst an, das hier totales Unwissen darüber herrscht, wie die Buchstaben einst aus den Handzügen mit verschiedenen Schreibwerkzeugen entstanden sind, und wie das selbst in der Reinzeichnung noch sichtbar sein muss. Hier werden dann Computerschriften oft stundenlang gesucht, obwohl man das gewollte vielleicht, weiß man ein wenig darüber, wie man so einen Buchstaben im jeweiligen Stil formen kann in wenigen Minuten selbst zeichnen könnte. Statt dessen werden dann die endlich gefundenen Ausgangsbuchstaben für das Logo ohne Sinn und Verstand verstümmelt.

 

Ich persönlich glaube, solche Grundlagen über den Aufbau der Basis-Schriftformen, wie sie einst Schrift- und Grafikmaler erlernten, sollte zum Grundwissen einer gestalterischen Ausbildung gehören, selbst wenn dies dann lediglich die richtige Auswahl einer digital vorliegenden Schrift erleichtert.

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Gast Schnitzel

Ich kann nur für meine Ausbildung sprechen, aber da wurde all das gelehrt! Manche Studenten hatten Interesse daran und manche wissen heute noch nicht was eine Unziale ist – und ich weiß genau, dass sie das eigentlich gelernt haben, weil ich dabei saß. Die können aber richtig gut zeichnen oder fotografieren. Und ich wette, die Foto-Nerds und Illustratoren sagen genau das gleiche: x muss viel mehr in der Ausbildung berücksichtigt werden, kein Mensch kann mehr vernünftig xen!

So eine Ausbildung ist ja erstmal thematisch sehr weit gefächert und je nach Interessenlage kann man sich (im Hauptstudium) vertiefen. Die wenigstens können alles wollen oder wollen alles können. 

Was ich ein wenig vermisse – und bei der Suche nach einem Studienplatz auch schon etwas vermisst habe – ist eine deutliche Darstellung der Schwerpunkte der (Fach-)Hochschulen. Ich kann aber auch verstehen, dass man sich da nicht zu sehr beschränken will.

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Ich finde es immer wieder sehr betrüblich, wenn ich Druckaufträge von Grafikdesignern ablehnen muß, weil sie den Mindestanforderungen nicht genügen, etwa durch falsche Schriftmischung. Aber vielleicht ist es weniger eine Frage der Ausbildungsinhalte als des Interesses. Vom Schulwissen bleibt ja auch nur ein Bruchteil übrig. Ich habe oft den Eindruck, Schulen und Hochschulen dienen eher Verwaltungsinteressen als der Bildung. Viele Vorschriften, viele Formulare, viele Module, viel Verwaltung, viel Beurteilung, immer weniger Rücksicht auf die Freiheit in den Köpfen, aus der sich Interessen erst bilden können. Wer Schriften schreiben lernen will, kann von Bildungseinrichtungen nicht daran gehindert werden. Wem das Stümpern reicht, der wird entsprechend weniger weit kommen.

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vor einer Stunde schrieb Martin Z. Schröder:

Viele Vorschriften, viele Formulare, viele Module, viel Verwaltung, viel Beurteilung, immer weniger Rücksicht auf die Freiheit in den Köpfen, aus der sich Interessen erst bilden können.

Genau das war der Grund, warum ich damals der Fachhochschule den Rücken gekehrt habe. Als ich dort im Labor begann, hat es einfach nur Spaß gemacht, Quasi Hobby, für das es auch noch Geld gab, Viele Experimente und Forschung, Probleme für Kunststoffverarbeiter lösen und engste Kontakte zu Herstellern und Verarbeitern. Und dann wurde "Reformiert" und es wurde immer mehr ein standardisiertes hindurch schleusen  der Studenten mit 0815-Übungen. Dafür noch interne Mobberei unter der mein damaliger Kollege sehr litt...

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vor 2 Stunden schrieb Martin Z. Schröder:

… Aber vielleicht ist es weniger eine Frage der Ausbildungsinhalte als des Interesses. … Wer Schriften schreiben lernen will, kann von Bildungseinrichtungen nicht daran gehindert werden. Wem das Stümpern reicht, der wird entsprechend weniger weit kommen.

Damit ist eigentlich alles gesagt.

 

Was nicht hier angesprochen wurde: wer soll Lehrplätze zur Verfügung stellen? Lehrplätze sollten dann ja von der Wirtschaft, sprich von graphischen Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Das wären dann Druckereien und Agenturen etc. Kann ich mir nicht vorstellen und sehe da auch keinen Sinn.

Ansonsten enthält ein Kunststudium genug Elemente um sich ein schriftgestalterisches Rüstzeug anzueignen. Es liegt eben am Interesse, wo Schwerpunkte gesetzt und diese dann ausgebaut werden. Studienzweige und -lehrgänge für Schriftgestaltung gibt es ja. Ansonsten siehe oben: „Wer Schrift schreiben lernen will …“

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> wer soll Lehrplätze zur Verfügung stellen?

 

Gute Frage. Ich wäre bereit und ich würde gerne, nach vielen Jahren Unterricht im Schnupperformat (weil der Studienplan nicht mehr zuläßt) endlich einmal richtig unterrichten und gründlich ausbilden. Natürlich müßte ein organisatorischer Rahmen geschaffen werden in möglichst schlanker Struktur. Und ich kann mir vorstellen, daß es hier auch den ein oder anderen Kollegen mit ausgewiesener Expertise gibt, der dazu auch bereit wäre, wenn die Voraussetzungen stimmen. 

Agenturen und Druckereien jedenfalls nicht. Auch nicht die Privatfirmen, die ›Mediengestalter‹-Lehre anbieten, wobei von Schriftsatz bis zu Bildbearbeitung und HTML schon sehr viel eingepackt ist. Ebenso an den Hoch- und Fachschulen in den etablierten Studiengängen: Schriftunterricht meist als ein Fach unter vielen, das Vertiefungsniveau ist dementsprechend von vornherein stark limitiert.

Vielleicht ist mein Ansatz etwas altmodisch: erst Handwerk, dann Kunst. Aber meine eigene Erfahrung und zahlreiche Beobachtungen bei anderen bestätigen mir die Richtigkeit dieses Konzeptes. Wer Modedesigner werden will muß erstmal schneidern können, vorher geht gar nichts. Wer mit einer soliden kunsthandwerklichen Grundlage ein Kunst- oder Designstudium beginnt, hat eine zehnmal bessere Voraussetzung für Erfolg. Ich habe an der Burg in Halle Studenten mit und ohne handwerkliche Grundbildung, ich weiß wovon ich rede.

Aber es geht mir nicht allein um eine Lehre als Studienvorbereitung. Man kann Schriftgestaltung als ganz konkretes (kunst-)handwerkliches Geschäft ansehen. Ich habe in den letzten Jahren Aufträge für Stempelschnitt, Siegelentwurf, Museumskalligraphie, Schablonenepigraphie, Steininschriften, Pinselbeschriftung und eine Bronze-Gedenktafel ausgeführt, daneben natürlich Fonts und anderes. Und ich bin keinesfalls der einzige mit einem solchen Aufgabenspektrum. Es gibt einen Markt für diese Arbeiten – aber keine adäquate Ausbildung.

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vor 5 Stunden schrieb Stötzner:

Es gibt einen Markt für diese Arbeiten

Das wird hier sicher niemand bestreiten. Was allerdings auch relevant sein dürfte: Wie viele Menschen können allein oder überwiegend mit dem Gestalten von Schriften ihren Lebensunterhalt verdienen? :-?

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Na ja, wenn es nicht Schriften allein, sondern auch Schriftstücke aller Art sind, dann ist da schon ein Markt vorhanden. Wenn ich da nur an Schriftzüge im Bereich Logos, Verpackungen und Werbung denke! Und Andreas macht ja noch viel anspruchsvollere Sachen im kulturellen Bereich. Für eine kleine feine Gruppe von Studenten sollte die Nachfrage reichen. An meiner Fachhochschule hätte so ein Angebot wie das von Andreas umrissene jedenfalls toll reingepasst – neben der Bleisatzwerkstatt und Prof Veljovic mit Schriftgeschichte und -gestaltung. Ich würde am liebsten sofort so ein Studium anfangen, wenn ich nur davon lese!

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Gast Schnitzel
vor 12 Stunden schrieb Þorsten:

Wie viele Menschen können allein oder überwiegend mit dem Gestalten von Schriften ihren Lebensunterhalt verdienen?

Im Bereich Typedesign habe ich keine Ahnung, aber ich kenne mittlerweile einige (auch international hochangesehene) Kalligrafen und Schriften-/Schildermaler und kaum einer von denen kann ausschließlich davon leben. Der eine Teil verdient einen Großteil durch das Unterrichten – sei es an Hochschulen oder in Workshops – und der andere Teil hat einen Nebenjob, ist hauptberuflich in der Werbung unterwegs oder hat einen gut verdienenden Partner. Gerade in den letzten Jahren boomen ja diese Retro-/Vintage-/Craft-Geschichten und damit sprießen natürlich auch die DIY-Leute und Laien aus dem Boden. Einen Markt gibt es und wird es immer geben – mal mehr mal weniger. Nur wieviele davon auf Dauer profitieren können ist die Frage.

Von den Kalligrafen, die auch Übersee unterwegs sind höre ich oft, dass in den Staaten Kalligrafie viel höher angesehen wird als hier und gerade deutsche Schriftkünstler dort hoch im Kurs stehen. Workshops sind dort ganz schnell ausgebucht und mit langen Wartelisten, während die gleichen Dozenten hier oftmals Kurs mangels Anmeldungen ausfallen lassen müssen.

Ich denke die Bildungsangebote sind doch eigentlich ganz gut: Es gibt ein paar (Hoch-)Schulen, die eine Vertiefung anbieten (Stötzner hat die wesentlichen ja aufgezählt) und die anderen bieten zumeist wenigstens einen Einstieg. Dass Schrift nicht überall auf hohem Niveau unterrichtet werden kann ist ja logisch, denn im Vergleich zu Fotografie, Webdesign und andere neue™ Medien, Illustration etc. ist Schrift ja eine Nische und das wird man künstlich nicht ändern. Man kann natürlich ein anderes Bewusstsein dafür schaffen und so eine Bewegung in Gang setzen oder etwas beeinflussen so wie verschiedene Verbände das machen (wie Ars Scribendi) oder eben die zahlreichen Publikationen in dem Gebiet, die in den letzten Jahren erschienen sind. Wobei man da auch die Spreu vom Weizen trennen muss.

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> ist Schrift ja eine Nische

 

Eher ein Stiefkind als eine Nische. Gestaltete Schrift kommt jeden Tag überall zur Anwendung.

Die Gestaltung von Schriften/Fonts ist heute so populär wie nie. Es gab noch nie so viele Leute, die sich damit beschäftigen.

 

Die vertiefenden Studienmöglichkeiten an den erwähnten Hochschulen sind ganz gut und schön, trotzdem fehlt m.E. etwas anderes: eine solide und inhaltlich breit angelegte Grundausbildung, die vor der Vertiefung kommen müßte. Jeden Tag kann man in Foren Anfängerpostings lesen wie »bin Student, hier mein erster Fontentwurf, bitte mal kritisieren…« und dann sehe ich, daß für solche Arbeit elementare handwerkliche Voraussetzungen fehlen. Natürlich kann man sich das alles mit Hartnäckigkeit auch irgendwie über Umwege aneignen. Es sind auch immer wieder Fragen nach solchen Ausbildungsmöglichkeiten zu lesen, die dann – mangels Alternative – mit den genannten Hochschulen beantwortet werden oder mit »such dir einen lokalen Workshop«.

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