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Warum ein Schmutztitel?

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Liebes Forum,

 

mir ist klar, was auf dem Schmutztitel und dem Haupttitel üblicherweise steht. Allerdings verstehe ich nicht: Für was ist diese Differenzierung sinnvoll? Kann mir jemand erklären, warum man Schmutztitel und Haupttitel nicht auf einer Seite setzen kann? Buchtitel (Unter- und Obertitel), Autor und Verlag passen doch gut auf eine Seite.

 

Danke für Eure Hilfe und viele Grüße!

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Buchblöcke wurden ganz früher von der Druckerei in Fässern versandt, zum Schutz des Titels und des Inhalts war der Schmutztitel gedacht. Den Buchumschlag (Buchdecke mit Vorsatz, fliegendem Blatt etc.) hat dann erst der Buchbinder individuell angefertigt.

 

 

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Ich hatte da auch mal mit einem Kunden drüber diskutiert und versuchte ihm beizubringen, dass ich diesen Einstieg in das Buch – je nach Thema und Form des Buches – ganz angenehm finde. Man fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus, wenn der Betrachter das Buch aufschlägt. Da ging es z. B. um ein albumartiges Buch mit wenig Text etwas größer als A4. Dann hat es schon was erhabenes, wenn man sich langsam vorblättert.

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vor 2 Minuten schrieb Norbert P:

Schmutztitel machen heute vor allem auch dann Sinn, wenn es ein angeklebtes Vorsatzpapier gibt, das dann mit ein paar Millimetern am Schmutztitel festklebt. Der Haupttitel schlägt danach gut auf und kann mit seiner ganzen Pracht glänzen.

Ah, sehr guter Hinweis. Vielen Dank!

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Das ist überhaupt der einzige Sinn des Schmutztitels: Er ist am Vorsatz festgeklebt. Buchblock und Vorsatz müssen schließlich verbunden werden. Der Vorsatz wiederum verbindet den Buchblock mit dem Deckel. Bei einer Neubindung des Buches wird der Schmutztitel in der Regel entfernt. Deshalb ist er (außer bei flexiblen Einbänden) technisch notwendig und kein historisches Überbleibsel wie beispielsweise das Kapital, das heute nur noch als Schmuck angeklebt wird, das man aber auch weglassen kann, weil es keine technische Funktion mehr hat. (Tschichold hat das Weglassen des Kapitals gefordert, weil es zu seiner Zeit zum Imitat und zur Vortäuschung von hochwertiger Buchbindung verkommen war wie Klinkertapete an Betonmauern, oft auch schief und zu kurz angesetzt wurde. Heute wird das Kapitalband meistens so gut angesetzt, daß man sich aussuchen kann, ob man es als Schmuck verwendet oder nicht, und für den sauberen Einsatz eines Lesebandes ist es nach wie vor unverzichtbar). Der Schmutztitel ist in der Breite schmaler als der Haupttitel wegen des Streifens, mit dem er am Vorsatz klebt. Er ist deshalb in der Regel unverzichtbar, und wenn man ihn wegläßt und den Haupttitel an dessen Stelle setzt, muß man die technische Besonderheit, also die Verschmälerung dieser Buchseite im Entwurf berücksichtigen.

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vor 50 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

kein historisches Überbleibsel

Die Herkunft sollte unstreitig sein und hat nichts mit einem gebundenen Buch zu tun, da die Bücher zur Entstehungszeit des Schmutztitels eben noch nicht gebunden waren. Wenn es heute bei gebundenen Büchern immer noch Schmutztitel gibt, obwohl an diese Stelle gar kein Schmutz kommen kann, dann ist die Bezeichnung als »historisches Überbleibsel« korrekt. (Die übrigens nicht gleichbedeutend mit »funktionslos« ist – nur um weitere Missverständnissen vorzubeugen.) Es it eine fortgesetzte und (je nach Bindeart gegebenenfalls) umgenutzte Funktion bzw. Tradition. Die Verbindung mit dem Vorsatz erklärt nämlich nicht, warum dort überhaupt Titelinformationen untergebracht werden. Das erklärt nur die Historie. 

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vor 43 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Das ist überhaupt der einzige Sinn des Schmutztitels: Er ist am Vorsatz festgeklebt.

Das ist heute richtig, aber nicht der Ursprung der Funktion und der Bezeichnung. In der Entstehungszeit der Bücher wurde nicht jeder Buchblock sofort mit einem Umschlag versehen.

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Im Klenz finde ich nur Hinweise, daß es Schmutztitel erst ab ungefähr Mitte des 18. Jahrhunderts gab und daß sich das Buchwesen über seine ursprüngliche Funktion auch wegen unterschiedlicher Begriffe dafür nicht über Herkunft und Funktion einig ist. Meine ältesten Bücher sind aus dem 19. Jahrhundert und haben keine Schmutztitel. In der Familienbibel von 1912 gibt es keinen Schmutztitel, sondern wird gleich mit dem handschriftlich ergänzten Stammbuch begonnen, an den Frontispiz und Haupttitel anschließen. Ich staune selbst. Dann habe ich ein altes prächtiges Lexikon von 1900, das hat sowohl Schmutztitel als auch Blanktitel, weil es einen prächtigen Haupttitel mit Seidenpapiereinlage und Frontispiz hat, was ja ohne mindestens ein Vorblatt nicht ginge.

Ich arbeite grundsätzlich gern mit Frontispiz, wenn ich Bücher gestalte. Der einseitige Titel erfüllt repräsentative Zwecke schwächer als der doppelseitige, und warum diesen guten Platz nicht nutzen? Das Impressum setze ich grundsätzlich nicht nach vorn. Auch wenn ich es hübsch setze und schmücke, nehme ich es immer nach hinten. Die Titelei ist für mich ein festliches Vorspiel für den Text, in das ich keine technischen Angaben setzen möchte.

Ergänzen möchte ich zum heutigen Schmutztitel, daß dessen Entwurf völlig frei ist, auch wenn man gelegentlich etwas von Regeln dazu lesen sollte. Diese dürften funktional nicht begründbar sein. Bücher, die heute gedruckt werden, dürften eine zweite Bindung kaum einmal erleben. Es gibt einfach zu viele. Ob der Nachname des Autors mit einem Kurztitel oder nur das Verlagssignet oder eine Widmung oder eine Jahreszahl oder Schmuck oder auch gar nichts – es ist alles erlaubt, und wenn ein Buchgestalter diese Freiheit nutzt, von der er im Buch aus funktionalen Gründen sonst fast keine hat, finde ich das oft erfreulich.

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Im "Lexikon Buch - Bibliothek - Neue Medien" lese ich, dass der Schmutztitel als Schutz "in früheren Jahrhunderten aufgekommen" ist, als Drucker und Verleger die Bücher als ungebundene Exemplare in Rohbogen (ungefalzt und unbeschnitten) verschickt haben. Eine genaue  Zeitangabe findet sich dort nicht.

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Mayers Konversatuionslexikon ist ja damals auch im Abo verkauft wurden, als nur gefalzte, aber nicht geschnittene Hefte. Auch diese hatten so etwas wie einen Schmutztitel, in Form einen das ganze Heft unschließendes Streifband, der allerdings bom Buchbinder entfernt werden sollte. Dieses enthilt jeweils auf der Rückseite eine Auflistung der bisher erschinenen Hefste zum Nachbestellen, sowie das Angebot der verschiedenen fertigen Buchdeckel. Da das Buch dann bei einem örtlichen Buchbinder fertig zu machen war, diente der eigentlich Schmutztitel eben auch der schnellen Orientierung, wie herum der Buchblock in die Decke gehört.

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Ich stelle mir das ursprüngliche Buchbinderhandwerk irgendwie eher als besonnenes und gewissenhaftes Vorgehen vor, das keine »schnelle Orientierung« braucht, wie etwa bei dem heutigen, maschinellen Zusammentragen von Zeitungen und Büchern, wo keine Sekunde verplempert werden darf – ich kann mich aber auch irren …

… und bitte Catfonts: einmal nochmal über die Beiträge rüberlesen VORM Absenden. Diese ganzen Vertipper machen mich echt madig und ich kann vor lauter roten Strichen und Kringeln am Tablet gar nichts mehr lesen 

:hammer:

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vor 12 Stunden schrieb Martin Z. Schröder:

Ob der Nachname des Autors mit einem Kurztitel oder nur das Verlagssignet oder eine Widmung oder eine Jahreszahl oder Schmuck oder auch gar nichts – es ist alles erlaubt, und wenn ein Buchgestalter diese Freiheit nutzt, von der er im Buch aus funktionalen Gründen sonst fast keine hat, finde ich das oft erfreulich.

Sehe ich ganz genauso – der Wagenbach-Verlag hat zum Beispiel oft ein kleines Comic-Karnickel, dass den Inhalt spielerisch darstellt.

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vor 10 Stunden schrieb bertel:

Im "Lexikon Buch - Bibliothek - Neue Medien" lese ich, dass der Schmutztitel als Schutz "in früheren Jahrhunderten aufgekommen" ist, als Drucker und Verleger die Bücher als ungebundene Exemplare in Rohbogen (ungefalzt und unbeschnitten) verschickt haben. Eine genaue  Zeitangabe findet sich dort nicht.

Wenn wir nun aber überlegen, an welcher Stelle des ungefalzten Druckbogens der Schmutztitel steht und wo der Haupttitel, werden wir dann nicht bemerken müssen, daß diese Aussage nicht stimmen kann?

Da wäre im übrigen mehr zu schützen gewesen als eine Seite des ganzen Bogens.

Ich habe heute in meiner zweiten Bibliothek noch einmal herumgeschaut, und die meisten älteren Bücher, von vor 1910, haben keinerlei Schmutz- oder Blanktitel. In einem feierlichen Buchbinderbuch aus der Jugenstilzeit ist der Haupttitel ans Vorsatz geklebt. Schön finde ich das nicht.

Als Schutz für den Haupttitel ergibt der Schmutztitel erst Sinn bei einem vorgefalzten und schon zusammengetragenen und ggf. ineinandergesteckten, aber noch unbeschnittenen und ungebundenen Buch. Ob diese vorgearbeiteten Bücher schon in der Zeit ausgeliefert wurden, als noch im Faß versandt wurde, weiß ich nicht. Der Transport der ungefalzten Rohbogen und der Schmutztitel als Schutz für den Haupttitel sind zwei Dinge, die mir nicht zueinander zu passen scheinen. Wenn der Schmutztitel erst spät in der Buchgeschichte aufkam, dann im Zusammenhang mit gefalzten Bogen. Im Rohbogen ergibt das doch wohl keinen Sinn?

Der Hinweis auf die Orientierung des Buchbinders geht fehl, weil die zu bindenden Bogen an den Signaturen und Marken erkannt werden, nicht an Inhalten.

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vor 5 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Ich habe heute in meiner zweiten Bibliothek noch einmal herumgeschaut, und die meisten älteren Bücher, von vor 1910, haben keinerlei Schmutz- oder Blanktitel.

Vielleicht weil die eben als Schmutztitel erkannt und dann beim Binden entfernt wurden :-?

Ist nur eine Vermutung ... könnte man das irgendwie erkennen?

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vor 10 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Wenn wir nun aber überlegen, an welcher Stelle des ungefalzten Druckbogens der Schmutztitel steht und wo der Haupttitel, werden wir dann nicht bemerken müssen, daß diese Aussage nicht stimmen kann?

Warum soll die Aussage nicht stimmen? Eine Erklärung wäre hilfreich …

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Schnitzel: Druckbogen, von denen man eine Seite abschneidet, werden einen Buchbinder etwas ratlos machen. Er muß ja seine Nadel in einen Falz stechen.

Bertel: Beim Ausschießen der Seiten kommt ein Schmutztitel niemals über einem Haupttitel zu liegen. Er liegt auf der Gegenseite. Die ersten 8, 16 oder 32 Seiten werden auf einen Bogen gedruckt. Wenn du den dann falzt, kommt der Schmutztitel über den Haupttitel. Im ungefalzten Bogen liegt der Haupttitel auf der Schöndruckseite, der Schmutztitel auf der Widerdruckseite. Die berühren sich gar nicht. Deshalb kann die Aussage, im ungefalzten Bogen würde eine Druckseite eine andere schützen, grundsätzlich nicht stimmen. Es gibt ja da noch gar keine »Seiten«. Oder denke ich falsch?

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vor 16 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Es gibt ja da noch gar keine »Seiten«. Oder denke ich falsch?

Stimmt schon. Die zitierte Herkunft mit den Rohbögen macht weniger Sinn. Die aber schon:

vor 39 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Als Schutz für den Haupttitel ergibt der Schmutztitel erst Sinn bei einem vorgefalzten und schon zusammengetragenen und ggf. ineinandergesteckten, aber noch unbeschnittenen und ungebundenen Buch. 

 

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Ich befürchte, dass du hier falsch denkst, weil du von der heutigen Buchproduktion ausgehst. Wurden früher denn überhaupt 8, 16 oder 32 Seiten auf einen Bogen gestellt oder waren es nicht vielmehr nur 4 Seiten pro Bogen und der Schmutztitel kam somit auf dem Haupttitel zum Liegen?

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Daran dachte ich auch. Von einem Klotz wie der Gutenbergbibel ist ein 32seitiger Druckbogen schwer vorstellbar. Der Schmutztitel scheint aber erst sehr spät aufzukommen, Mitte 18. Jahrhunderts (siehe Klenz). Und da machte man keine Bücher mehr für den Altar, sondern bedruckte durchaus größere Bogen. Der vierseitige Druckbogen dürfte schon in der Inkunabelzeit eher selten gewesen sein. Das Stundenbuch und dergleichen war ja für die Hand gedacht.

Irgendwo habe ich noch Fachbücher aus dem Buchwesen, wenn ich nur den Ort wüßte ...

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Möchte in diesem Zusammenhang auf eine seltene Bindeart verweisen, bei der das Vorsatzpapier nicht an der Schmutztitelseite angeklebt wird.

 

Im gezeigten Beispiel handelt es sich um ein handgebundenes Büchlein.

 

Das gefalzte Vorsatzpapier wurde um ca. 8 bis 10 mm breiter als der Buchblock beschnitten.

 

Dann wurde das Vorsatzpapier um die 1. Lage gefalzt und mit der 1. Seite der 2. Lage verklebt.

 

Dadurch wurde beim Fadenheften dann der gesamte Vorsatz, also 4 Seiten, mit der 1. Lage mitgeheftet.

 

Ob diese Bindeart auch industriell angewandt wurde, kann ich nicht sagen.

 

Vorsatz1.jpg.e47dfc94dfbffd476836a25eb56ce9be.jpg

Vorsatz2.jpg.3bf5b2c0b1b30b2ef4618c6d139179b4.jpg

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