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Kritik an Forssmanns „Detailtypografie“

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Tholan

Forssmann schreibt auf Seite 277:

»Gebrochene Schrift. Darunter versteht man folgende Schriftarten:

Gotische Schrift, Schwabacher, Fraktur ... Man darf alle drei

Schriftarten Fraktur nennen, ohne sich zu blamieren ...«

Laut DIN 16518 unterscheidet man bei der Gruppe X

(Gebrochene Schriften) folgende Untergruppen:

Xa Gotisch

Xb Rundgotisch

Xc Schwabacher

Xd Fraktur

Xe Fraktur-Varianten

Forssmanns Text verschweigt also die Rundgotisch, die eigentlich

eine eigene Untergruppe ist. Dies ist schon deshalb sehr fragwürdig,

da die Rotunda der Antiqua näher steht, als alle anderen

gebrochenen Schriften. Auch den Fraktur-Varianten

versagt er einer eigenen Untergruppe, wo eigentlich

eine angebracht wäre.

Laien dürfen die gebrochenen Schriften sicherlich insgesamt als

»Fraktur« bezeichnen, ohne sich zu »blamieren«. Bei Fachleuten müsste

man sich schon wundern, wenn sie eine Gotisch eine Fraktur nennen

würden, da die »Fraktur« lediglich eine von fünf Untergruppen darstellt.

Forssmann schreibt weiter auf Seite 278:

»In gotischen Schriften kann auch generell das runde s verwendet

werden, vor allem in fremdsprachlichen Anwendungen oder bei

Verwechselungsgefahr in Beschriftungen.«

Woher Forssmann diese Weisheit nimmt, bleibt sein Geheimnis.

Richtig ist, daß Engländer und Amerikaner grundsätzlich auf das

Lang-s verzichten. Hieraus allerdings abzuleiten, daß bei gotischen

Schriften generell das runde s verwendet werden kann, ist schlicht

und ergreifend falsch; man vergleiche die Äußerungen anderer hochangesehener

Typografen und den Duden. Seine Behauptung hat auch fatale Folgen.

Als die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« Ende 2004 begann, generell das Lang-s aus den

(gotischen) Überschriften ihrer Kommentar-Kolumnen zu verbannen,

gingen zur Überraschung der Redaktion zahlreiche Leserbriefe ein,

in denen diese Aktion scharf kritisiert wurde. Als Rechtfertigung

verwies die FAZ in ihren Antwortschreiben unter anderem auf

das Zitat von Forssmann!

304_musterschler_1.jpg

Das Wort »Musterschüler« in einer FAZ-Überschrift vom November 2004.

Gruselig, aber Herr Forssmann hat es erlaubt!

Bei der FAZ führte man angebliche Leseschwierigkeiten gerade bei

jüngeren Lesern als Grund für die Umstellung an. Folgt man dieser

verqueren Logik, dann müßte z. B. die Brauerei »Hasseröder«

unverzüglich ihr Firmenlogo ändern. Hier taucht das doppelte Lang-s

auf. Offensichtlich haben aber die Konsumenten damit keinerlei

Schwierigkeiten. Ähnliches gilt für »Jägermeister«, »Gilde Kölsch«

oder »Fürstenberg«-Biere. Der Ruf der FAZ als seriöses typografisches Blatt

hat meiner Meinung darunter gelitten, weil das ist kein gutes Handwerk.

Zur »Ehrenrettung« der deutschen Zeitungsverlage sei darauf

hingewiesen, daß andere Zeitungen an der richtigen Schreibweise mit Lang-s festhalten.

Viele Grüße

Thomas

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Forssmann schreibt weiter auf Seite 278:

»In gotischen Schriften kann auch generell das runde s verwendet

werden, vor allem in fremdsprachlichen Anwendungen oder bei

Verwechselungsgefahr in Beschriftungen.«

Woher Forssmann diese Weisheit nimmt, bleibt sein Geheimnis.

Es ist wohl einfach seine persönliche Meinung, wie auch vieles andere in Detailtypografie.

Ralf

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Tholan
Forssmann schreibt weiter auf Seite 278:

»In gotischen Schriften kann auch generell das runde s verwendet

werden, vor allem in fremdsprachlichen Anwendungen oder bei

Verwechselungsgefahr in Beschriftungen.«

Woher Forssmann diese Weisheit nimmt, bleibt sein Geheimnis.

Es ist wohl einfach seine persönliche Meinung, wie auch vieles andere in Detailtypografie.

Ralf

Das ist umso erstaunlicher, weil Forssmann im Jahr 1993 in seinem Aufsatz: „Der Satz gebrochener Schriften“

enthalten in Albert Kapr: „FrakturForm und Geschichte der gebrochenen Schriften “ noch geschrieben hat:

Im Satz gebrochener Schriften ist das lange s unverzichtbar.

Das ist die allgemein gültige Lehrmeinung. Die generelle Verwendung von rundem s stellt nach den anerkanntesten Lehrbüchern eine Typosünde dar. Schlimm wird es, wenn eine persönliche Meinung als Legitimation für eine Lehrmeinung genommen wird, wie bei der FAZ geschehen. Soweit meine Detailkritik, womit ich dem gesamte Buch „Detailtypografie“ natürlich nicht generell den Wert absprechen will.

Thomas

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Niklaus
[…] Laien dürfen die gebrochenen Schriften sicherlich insgesamt als

»Fraktur« bezeichnen, ohne sich zu »blamieren«. Bei Fachleuten müsste

man sich schon wundern, wenn sie eine Gotisch eine Fraktur nennen

würden, da die »Fraktur« lediglich eine von fünf Untergruppen darstellt. […]

Vielen Dank für diese ausführliche Kritik – hatte mich beim Lesen nämlich auch über Forssmanns Inkonsistenz gewundert. Es geht ihm halt, wie meistens, wohl einfach um ‹kundenfreundliche› Vereinfachung.

Am Rande: Natürlich ist es verwirrend, für ‹Gattung› und ‹Art› den Ausdruck ‹Fraktur› zu verwenden – wobei sich dieser von lat. ‹frangere› (‹brechen›) herleitet, mithin wörtlich nichts anderes bedeutet als ‹Gebrochene [schrift]›.

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  • 4 Monate später...
Psocopterus

Grade ist mir wieder ein Indiz für den Untergang des Abendlandes über den Weg gelaufen:

dach.gif

Wenn man sich auf Schloss Hexenagger sorgen um die Lesbarkeit macht, sollte man auch fürchten, dass die Besucher »Gchloff Bexenagger« lesen und daher sicherheitshalber die Versalien aus einer Antiqua setzen.

Gruß, Georg

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