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Schriftpiraterie (war: suche die Schrift officina)

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Bleisetzer

Lassen wir doch mal bitte die Vergleiche mit der 36- oder 32- oder auch 40-Stunden-Woche weg. Seit ich selbständig bin, gibt es für mich kein Soziales Netz mehr. Ich habe im Jahr einmal 14 Tage am Stück Urlaub (also 10 Werktage) und dann mache ich noch zwei- oder dreimal im Jahr ein verlängertes Wochenende, wenn ein Dienstag oder Donnerstag mal auf einen Feiertag fällt. Ansonsten arbeite ich ca. 60 Stunden in der Woche und empfinde das als völlig normal. Das ist für die meisten Selbständigen weder Anlaß, daraus eine tolle Arbeitsmoral zu folgern, noch sind sie darauf stolz. Es ist nur ganz einfach so. Bevor ich selbständig wurde, war ich sehr lange Jahre im Projektmnagement. Dort zählt nur der Termin der Endabnahme. Wieviel Stunden man täglich dafür gearbeitet hat, interessierte niemanden. Also was soll's.

Daß ein Schrift-Entwickler für einen neuen Grotesk-Schnitt rund 160 Stunden braucht, überrascht mich völlig. Ich hatte mit einem Vielfachen gerechnet. Was ich von der Schrift-Entwicklung weiß, habe ich mir z.B. in Rodenbergs "In der Schmiede der Schrift" angelesen oder in Biographien von Künstlern wie Rudolf Koch, Herbert Post etc. Und natürlich die vielen Portraits der Schrift-Entwerfer, die das Klingspor-Museum auf seiner Webseite vorstellt:

http://www.klingspor-museum.de/Kuenstler.html

Interessant finde ich auch, was Otmar Hoefer über seinen Vater, den Schriften-Künstler Karlgeorg Hoefer schreibt: http://www.kghoefer.de/ Otmar Hoefer arbeitet übrigens für Linotype und ist dem Bleisatz eng verbunden.

Ich habe eine Frage und weiß nicht genau, wie ich sie stellen kann, ohne daß sich einer der Schriften-Entwickler hier "auf den Schlipps getreten" fühlt. Ich probier's mal, ja?

Die für mich inflationäre Entwicklung neuer digitalisierter Schriften ist sicher der Hauptgrund für die niedrigen Preise. Das ist logisch, denn je knapper die Ware, desto höher der Preis. Sehr viele der Künstler, die die Bleisatz-Schriften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt haben, sind für mich übergroß. Wenn ich meine Weiß Kapitale anschaue und anfasse, dann spüre ich die Einheit und Souveränität dieser Schrift.

Ist auch der Markt der Schriften-Entwickler heute demokratisiert? Seid Ihr eher Schöpfer von Massenware als Künstler, die Kunstwerke in Form einer Schrift entwerfen? Eure Schriften haben, wie ich lese, eine maximale Nutzungsdauer von 10 Jahren. Innerhalb dieses Zeitraumes muß die Schrift nicht nur die Kosten erwirtschaftet haben, sondern muß auch Gewinn eingefahren haben. (Altes Thema: Gewinnmaximierung). Die Schriften, die ich z.B. aus den 20er Jahren kenne, sind dagegen Klassiker. Gemacht "wie für die Ewigkeit" - nicht alle, aber viele.

Habt Ihr diesen Anspruch an Euch selbst? Habt Ihr diese Schriften-Künstler der alten Zeit als Vorbild oder Ideal? Oder sagt Ihr Euch "Das war eine völlig andere Zeit. Heute haben wir andere Bedingungen?"

Georg

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Formgebung

Georg,

(Altes Thema: Gewinnmaximierung)

Hm, nee. Immer junges Thema – überhaupt Gewinn machen. Wieviel es dann wird, ist in Gottes Hand. Frag mal Erik, ob der sich gedacht hat: „So jetzt erwerf ich mal die Meta und die wird dann ein Megaseller, wie es pro Jahrzehnt vielleicht gerade mal zwei oder drei gibt und ich mach ne Menge Kohle.”. Nein, das hat er nicht gedacht. So denkt überhaupt kein Schriftentwerfer – zumindest keiner, den ich kenne.

Zur Gebrauchsdauer von Schriften:

„Modezyklen” im Grafik-Design sind etwa zehn Jahre, gut gemachte Textschriften haben jedoch ein längere „Laufzeit”. Die zehn Jahre gelten jedoch umso konsequenter, je mehr eine Schrift „zeitgeistig” gemacht ist.

Wenn Du die Jugenstil-Schriften anschaust: Außer für historisierende Gestaltung wird die niemand mehr einsetzen. Ganz früher (also noch vor der französischen Revolution) waren Schriften schon deshalb für die „Ewigkeit”, weil der Markt der „Schriftverbraucher” sich vieeeel langsamer änderte. Auch wenn die uhr sich damals langsamer gedreht hat, „Modezyklen” gab es damals auch. Als sich der Druck mit beweglichen Lettern etablierte (in der Zeit der Wiegendrucke), war das soldatisch-uniforme Gleichmaß der gedruckten Buchstaben als unschön angesehen, das gestalterische Ideal bildete der geschriebene Buchstabe. In den Jahrhunderten davor hatte sich der bevorzugte kalligrafische Stil gleitend über die Jahrhunderte geändert: Unziale, Halbunziale, karolingische Minuskel. Dazu kommen regionale „Moden”. Das, was Du als „gemacht wie für die Ewigkeit” siehst, ist letztlich nichts als eine Leitlinie unserer Schriftgestaltung, auf die Entwerfer immer wieder zurück kommen, wenn entweder Mengentextschriften gebraucht werden oder der Entwerfer den Kanal von den Auswüchsen der Werbeschriftgestaltung voll hat. Seit es Werbung gibt (= ab der Industrialisierung), gibt es Schriften, die sehr deutlich von der Capitalis abweichen und die sich kaum oder nicht an der karolingischen Minuskel orientieren um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu lenken. Die Knalleffekte wechseln, dennoch bleiben Capitalis und karolingische Minuskeln die Prägematrizen, die das Aussehen unserer Schrift bestimmen.

H.

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Ja, der Schriftenmarkt ist demokratisiert, weil heute jeder, der einen PC hat, Schriftentwerfer sein kann. Natürlich entstehen dabei auch jede Menge Schrottschriften, aber man sollte das trotzdem durchweg als positiv betrachten. Denn es zählt eben heute nur noch die Kreativät und jeder kann sich (mit minimalen Startkosten) selbst ausprobieren. Das war zu Bleisatzzeiten kaum möglich.

Die alten Meister, ob Beethoven, Caspar-David Friedrich oder Garamond waren genauso kommerzorientiert wie die heutigen Kreativen. Sie mussten Werke schaffen, die sich verkaufen konnten. Fast immer waren es sogar direkte Auftragsarbeiten, genau wie heute.

Ein Schriftentwerfer für den Bleisatz war früher viel eingeschränkter, denn die Schriftproduktion war so teuer, dass ausschließlich gewinnversprechende Schriften angegangen werden konnten. Für Experimente war überhaupt kein Platz. Wie gut hat es da der heutige Gestalter!

Ich denke nicht, dass die heutigen Schriftentwerfer mit weniger Anspruch oder Idealen an die Sache herangehen. Der Markt hat sich einfach stark erweitert. Früher wurden - aus oben genannten Gründen - wenige Schriften geschaffen, die möglichst vielseitig anwendbar waren. Heute kann man Schriften erstellen, die nur eine ganz spezielle Aufgabe erfüllen (diese aber höchst optimiert). Für die Schriftanwender ist das ein Schlaraffenland in dem man sich nur bedienen muss. (Und die immer wieder gern zitierte Weisheit, ein guter Gestalter kommt mit einer Handvoll Schriften aus, ist aus diesem Grund auch absolut nicht mehr zeitgemäß!)

Was ein Klassiker ist, kann man nur im Nachhinein(!) beurteilen. Jede moderne Schrift von heute kann ebenso ein Klassiker werden. Das hat mit den Arbeitsmittel doch nichts zu tun. Auch Garamond würde begeistert den PC benutzen (und Beehoven den Synthesizer) ... :wink:

Klar, es gibt heute viele Modeschriften, die eine geringe Halbwertszeit haben, aber der heilige Gral jedes Schriftgestalters sind immer noch jene Schriften, die vielleicht mal die Jahrhunderte überdauern werden. Und die kann man heute genauso schaffen wie früher, oder nicht?

Ralf

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ErikS

Schrift war schon immer massenware, auch wenn sie nicht von jedem gekauft werden konnte.

Ich entwerfe schriften als problemlösung, nicht, weil ich mir nachts tolle entwürfe ausschwitze, die die welt unbedingt braucht. Ob es eine in kleinen graden lesbare, platzsparende und nicht zu kalte serifenlose ist (das war die vorgabe für Meta, als Postschrift 1985 geboren) oder eine familie, die allen visuellen äusserungen eines unternehmens eine unverwechselbare stimme gibt, aber verschiedene betonungen und lautstärken zulässt (zb DB Sans & Serif) – alles aufgaben, die eine schrift löst und die keine der existierenden in gleiche weise lösen konnte. Ich nehme für normale gestaltungsprojekte kaufbare schriften wie jeder andere, und bei weitem nicht nur meine selbstentworfenen. Wir geben uns ein anforderungsprofil vor und suchen danach die richtige schrift, egal, von wem sie kommt.

Obwohl es etliche zehntausend schriften gibt, fallen mir immer noch jede menge probleme ein, die mit einer neuen schrift besser zu lösen wären. Meistens spielt dabei die unverwechselbarkeit einer marke eine rolle. Allerdings sind die drucksachen und anderen medien, die wir am häufigsten benutzen müssen, immer noch – und sogar zunehmend – von laien oder nach angeblichen sachzwängen gestaltet und verwenden systemschriften wie Arial, die schlechte kopie der Helvetica. Oder hat sich die Telekom die mühe gemacht, für die immer noch gedruckten telefonrechnungen eine schrift zu suchen, die auf das drucksystem und das erscheinungsbild des unternehmens gleichermassen abgestimmt ist? Eine systemschrift zu verwenden wegen angeblicher kompatibilitätsprobleme ist eine dumme ausrede der IT leute, der leider die meisten gestalter nichts entgegenstellen können. Bei Bosch und der Bahn gleichermassen haben wir Arial durch eine eigene hausschrift ersetzt. Die umgeht das vorgebliche problem dadurch, dass sie auf Arial dickten steht. Ein blöder kompromiss, geschuldet der dominanz von Microsoft, aber ein erster schritt gegen den typografischen unverstand bei den technikern und kaufleuten.

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Bleisetzer
Eine systemschrift zu verwenden wegen angeblicher kompatibilitätsprobleme ist eine dumme ausrede der IT leute, der leider die meisten gestalter nichts entgegenstellen können.

Das kann ich aus der jüngeren Praxis bestätigen.

Ich arbeite im Vertrieb eines Dienstleistungsunternehmens.

In meinen Augen stellt der Versand der monatlichen Rechnungen eine hervorragende Möglichkeit dar, Werbung zu transportieren. Denn die Rechnungen müssen eh produziert und zugestellt werden. Es fällt also kein Kostenaufwand an, wenn man z.B. auf die Rechnungsrückseite ein bestimmtes Produkt bewirbt. Auch auf der Vorderseite werten wir die genutzte Dienstleistung des Kunden automatisiert aus und nennen ihm einen optionalen Preis, würde er unser Produkt nicht nur in der bereits genutzten Weise, sondern auch auf eine andere Art nutzen.

Alles sehr sinnvolle Möglichkeiten, die unsere IT-Abteilung programmtechnisch hervorragend gelöst hat.

Nun hatte ich vorgeschlagen, die jetzt verwendete Arial abzulösen und statt dessen die ITC Kabel in unterschiedlichen Schnitten anzuschaffen und einzusetzen. Die einmaligen Anschaffungskosten wären wirklich marginal im Vergleich zum Wert eines Monatsrechnungslaufes.

Der Vorschlag wurde abgelehnt, genau, wie Eric sie beschreibt:

Aus Ich-habe-es-nicht-verstanden technischen Gründen sei es nicht oder nur mit immensem programmtechischen Aufwand möglich, die automatisiert während des 24-stündigen Rechnungslaufes erstellten PDF-Files mit einer anderen Schrift zu versehen.

Also produzieren wir weiterhin 08/15-Rechnungen anstatt den zusätzlichen Werbeeffekt einer ins Auge fallenden Schrift zu nutzen.

Georg

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Poms

@Georg

Auch Rechnungen gehören zur Kommunikation der Firma, wie Visitenkarten, Flyer, Broschüren, Plakate etc.

Hat deine Firma Visitenkarten in der Arial? :D

Bis auf das (HTML-)Web kann man durchgängig mit einer Hausschrift arbeiten, zumindest firmenextern. Problematik hierbei ist nicht unbedingt die Technik (obwohl es MS Word einem recht schwer machen kann...), sondern der begrenzte Horizont vieler Entscheider.

Auch fürs Web ist die Arial (und die Helvetica) problematisch, sie läuft zu eng -> Probleme bei zu kleiner Schriftgröße.

Grüße Thomas

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Bleisetzer
@Georg

Auch Rechnungen gehören zur Kommunikation der Firma, wie Visitenkarten, Flyer, Broschüren, Plakate etc.

Bis auf das (HTML-)Web kann man durchgängig mit einer Hausschrift arbeiten, zumindest firmenextern. Problematik hierbei ist nicht unbedingt die Technik (obwohl es MS Word einem recht schwer machen kann...), sondern der begrenzte Horizont vieler Entscheider.

Zu 1:

Das sage ich doch. Was Du "Kommunikation" nennst, ist in Wahrheit immer Sales. Kommunikation ist nur das Werkzeug. Das Ziel ist immer der Abschluß eines Neuvertrages oder der Add On-Verkaufserfolg. Als Vertriebsprofi muß ich das so sehen. Auch kundenfreundliches Verhalten, z.B. 0800-Nummer für die Kommunikation oder Kulanz bei Reklamationen ist nur Sales, nichts anderes.

Zu 2:

Auch hier: Das sage ich doch. Ich bin der Entscheider, aber mein Horizont ist so begrenzt, daß ich der lapidaren Mitteilung der IT-Abteilung "Geht nich.. zu aufwendich.." nichts an Fakten entgegensetzen kann. Ich bin Vertriebler, kein Programmierer - halt mit begrenztem Horizont.

Ich finde diese Smilies so infantil und nutze sie kaum. Außer, ich mache mal eine bewußt infantile Bemerkung. Also denk' Dir ein Lächeln von mir, damit Du nicht denkst, ich würde Dir den "begrenzten Horizont" übelnehmen. Dem ist zwar so, weil ich so fürchterlich sensibel bin und leicht verletzlich, aber Du kriegst den Spruch dann halt irgendwann zurück - mitten zwischen die Augen. Nachtragend bin ich nämlich auch noch..

Georg

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RobertMichael
Aus Ich-habe-es-nicht-verstanden technischen Gründen sei es nicht oder nur mit immensem programmtechischen Aufwand möglich, die automatisiert während des 24-stündigen Rechnungslaufes erstellten PDF-Files mit einer anderen Schrift zu versehen.

das würde mich aber mal interessieren.

wie groß wäre denn der aufwand?

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Bleisetzer
Aus Ich-habe-es-nicht-verstanden technischen Gründen sei es nicht oder nur mit immensem programmtechischen Aufwand möglich, die automatisiert während des 24-stündigen Rechnungslaufes erstellten PDF-Files mit einer anderen Schrift zu versehen.

das würde mich aber mal interessieren.

wie groß wäre denn der aufwand?

Die IT-Abteilung läuft bei uns seit kurzem im Outsourcing.

Hat nichts mit Deiner Frage zu tun? Und ob..

Das bedeutet: teuer. Ich weiß nicht, wie teuer.

Aber ich weiß, daß derzeit zu teuer.

Georg

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Niklaus

@ Formgebung

Selbst im italianisierten, ergo akut dolce-far-niente-verdächtigen, Tessin arbeitet man in meiner Branche seine zehn bis zwölf Stunden täglich, gerne auch am Wochenende. Man macht einfach nicht so ein Riesending draus. Umso mehr habe ich über die dramatische Schilderung des Schriftentwerfer-Alltags als eines chronisch unterschätzten und verkannten Metiers geschmunzelt, ebenso wie über die – bemerkenswert ironieresistente! – nachgeschobene Belehrung.

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Formgebung

Niklaus,

solange ich wie ein Grafik-Designer denke, schmunzele ich mit Dir.

Grafik-Designer haben das Problem des Entwurfsklaus (wie heißt der

Mann?) einfach nicht in diesem Umfang. Es wird ja kaum keiner das

von Dir entworfene Verlagsprogramm oder die von Dir entworfene

Speisekarte einscannen, den Firmennamen auswechseln und das wars.

Genau das passiert aber mit Entwürfen der Schriftentwerfer. Empörte

Beschwerden, daß das aber gar nicht nett sei, werden dann mit den von

mir genannten Irrtümern gekontert.

Tatsächlich: bei diesem Thema werde ich nicht nur ironieresistent,

sondern sogar vollkommen humorlos. Tut mir leid, dass Du mir ins

Sperrfeuer gelaufen bist.

Ich unterstelle bei keinem der Dauergäste in diesem Forum Ahnungs-

oder Gewissenlosigkeit. Allerdings ist dieses Forum öffentlich und wird

von rund 1000 meist stummen Mitlesern bevölkert. Da hier hin und

wieder bizarre Anfragen landen wie jene, die diese Debatte emergieren

ließ (suche die Schrift officina), waren meine Texte gewissermaßen über

Deine Schulter an die Tribüne geschrieben. Da lass ich mir nicht so gern

in den Schreibarm fallen, das geht nicht gegen Dich persönlich. Meine

Erfahrung ist, dass man gar nicht oft genug betonen kann, dass schon

hinter kleinen Schriftpaketen monatelange Arbeit steckt. Da kann ich

fuchsteufelswild werden.

Nix für ungut.

H.

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Niklaus

Keine Ursache! Die Schmauchspuren puste ich gerne von der Schulter weg (um Dein vertracktes Bild aufzugreifen). Vielleicht ist es ja einfach so, dass ich zu viel mit Freischaffenden – Theater- und Filmleuten, Übersetzern, Schriftstellern etc. – zu tun habe, so dass ich, was das Gefälle zwischen Aufwand und Anerkennung betrifft, noch ganz andere Verhältnisse gewohnt bin («Weshalb brauchen Sie eigentlich drei Jahre, um ein Buch zu schreiben?» «Könnte man den Film nicht am Schluss abändern?» «Ließe sich der zweite Band nicht auf einen zusammenkürzen?» …)

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  • 2 Wochen später...
Markus Wäger
Grafik-Designer haben das Problem des Entwurfsklaus (wie heißt der Mann?) einfach nicht in diesem Umfang. Es wird ja kaum keiner das von Dir entworfene Verlagsprogramm oder die von Dir entworfene Speisekarte einscannen, den Firmennamen auswechseln und das wars.

Das stimmt so nicht. Vor vielen Jahren habe ich ein sehr aufwändiges Design für eine statische Website gestaltet (am Ende mein liebstes Online-Kind; leider war der Inhalt wischiwaschi und die Site starb bald wieder). Ein anderer Unternehmer (IT) dachte sich: »Oh! Cool.« — und hat einfach alle Gifs und Jpegs von den Seiten gezogen und eine dilettantische Kopie erstellt.

Ideenklau findet sich übrigens nicht nur beim Schriftdesign, sondern ist in der Werbung gar Gang und Gäbe.

Des Weiteren geht es dem Schriftgestalter nicht anders als dem Musiker: da darf man auch erst einmal Jahre im Keller proben und vor einer Hand voll Leute spielen, bevor man einmal für ein paar Monate (oder wenige Jahre) Geld sieht — und das gelingt den wenigsten. Die meisten werden’s wohl früher oder später aufhören (ich spreche aus Erfahrung) oder auf öde Tanzmusik umsteigen (sowie der Enttäuschte Schriftentwerfer dann eben seine Logos gestalten muss)

Und auch Architekten können wohl ein Lied davon singen, was für ein steiniger Weg es ist bis in dieser Branche Geld zu verdienen ist.

Da sind viele andere Branchen ähnlich gestrickt. Man muss halt entscheiden ob man dem Geld oder der Leidenschaft folgt oder einen Kompromiss sucht. In diesem Sinne kann ich mich eben dem pathetischen Gesang über die armen Schriftgestalter nicht anschließen, wie wohl ich jedem erfolgreichen die dicke Kohle gönne.

Ich schließe mich in meiner Philosophie ganz dem Herrn Schweizerdegen an, der geschrieben hat …

Deswegen haben es Typographen nicht leicht, und Schriftentwerfer schon gar. Es ist immer die Frage, wie weit einer seinen Leidenschaften nachzugehen schafft und ob er gescheit genug ist, irgendwann, wenn er es nicht ganz schafft, den Notwendigkeiten des Unterhalts nachzugeben und sich dann auch mit Freude an seinem Alltag an den Platz zu stellen, über den er nicht hinauskommt, denn sein Lebtag zu hadern und minderwertige weil freudlos gemachte Arbeit abzuliefern, ist ein größeres Übel. Ich habe meine Druckerei fast zehn Jahre lang nebenberuflich immer ein Stückchen vergrößert, bis ich meine eigene Werkstatt hatte und habe zum Geldverdienen immer andere Sachen gemacht – und ich habe sie alle gern getan, weil ich gern frohgemut bin am Tage und mich für nichts, was ich anfasse, schämen müssen möchte. Meine Druckerei macht mich nun nicht reich, aber sie trägt sich vernünftig, wächst auch ein bißchen und macht mich vor allem froh und hält mich gesund. Reichtum anzustreben, der über einen vernünftigen Unterhalt hinausgeht, macht auf Dauer blöde, weil man immerzu mit dem, was man schon hat, unzufrieden sein muß. Davon kriegt man den Griesgram.

Liebe Grüße. Markus.

PS: Ich freue mich im Übrigen über die Zunahme an Schreibern die offensichtlich nicht nur an der Form der Typen und der typografischen Gestaltung interessiert sind, sondern auch dem eigentlichen Text der damit gekleidet wird Wert beimessen und bei denen sich Form und Stil auch in der Schreibweise findet. :)

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RobertMichael

> Es wird ja kaum keiner das von Dir entworfene Verlagsprogramm oder die von Dir entworfene Speisekarte einscannen, den Firmennamen auswechseln und das wars.

doch, ist mir genauso schon passiert.

irgendwann vor langer zeit einen kleinen, handlichen pizzaflyer gemacht,

die ausdrucke dem kunden mitgegeben, dieser ist nie wieder gekommen –

ein paar wochen später entdecke ich den flyer in einer zeitungsbeilage,

er stimmte mit meinem original zu ca. 90 % überein. geklaut wird überall ...

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  • 14 Jahre später...
typogeorge

Unfassbar interessanter Thread gefüllt mit Arbeits/Lebenserfahrung aus dem Jahre 2006. So mancher hatte hier Dinge beschrieben die heute Standard sind oder circa umschrieben wurden (Cloud, Aboservices bei Software usw.). Es wird noch ein wenig dauern, dies alles durchzuarbeiten.

Ich würde gerne diesen Faden hier wieder resurrektieren.
 

Wie sieht es den heute aus mit Kopierschutz? Werden zum Beispiel in gekauften Schriften Informationen des Käufers eingearbeitet? Wie macht das Fontstand mit ihrem Mietmodell? 

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Phoibos
vor 29 Minuten schrieb typogeorge:

Wie sieht es den heute aus mit Kopierschutz?

Nicht praktikabel und bisher nicht im ausreichenden Maße möglich (die Bits, die das bißchen Rechtemanagement (in PDF einbetten, etc.) festlegen, sind leicht flipbar).

 

vor 30 Minuten schrieb typogeorge:

Werden zum Beispiel in gekauften Schriften Informationen des Käufers eingearbeitet?

Möglich, es gibt mindestens eine Foundry, deren Namen mir grad nicht einfällt, die das macht. Die großen Anbieter tun das meines Wissens nicht.

 

vor 31 Minuten schrieb typogeorge:

Wie macht das Fontstand mit ihrem Mietmodell?

Wenn die das genauso wie Adobe machen, manipulieren sie das Dateisystem und arbeiten mit maximal möglicher Unbequemlichkeit. Mit ausreichend krimineller Energie aber wie jedes DRM umgehbar.

Im Zeitalter von Google Fonts, OFL und Fontspuirrel so wie Datengräber wie dafonts sehe ich aber auch keine Notwendigkeit, Künstler um ihre Entlohnung zu bringen. Zumal die meisten Schriften auch via SSL auch für Studenten finanzierbar sind.

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Gast Schnitzel
vor 20 Minuten schrieb Phoibos:

... maximal möglicher Unbequemlichkeit.

Und wieso unbequem?

Ich finde das gar nicht unbequem, manchmal ruckelt es ein bisschen, dann dauert das bis die Schrift bei InDesign erscheint, aber ansonsten ...

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Phoibos
vor 30 Minuten schrieb bertel:

Inwiefern

Früher, als ich noch Abo hatte, hat Adobe die Fontdateien in Windows in einem für Ottonormalverbraucher nicht zugänglichen Ort in einem unsichtbaren Ordner gespeichert. Also keine Low-Level-Manipulation, aber, wie gesagt, muss man schon einiges an Neugier (hab ich ausreichend) bzw. krimineller Energie (hab keine Lust, da wirklich Zeit zu investieren, es gibt genügen bequeme, faire und legale Bezugsquellen) mitbringen.

 

vor 18 Minuten schrieb Schnitzel:

Und wieso unbequem?

In bezog beides das auf die DRM-Frage bzw. das Thema (Schriftpiraterie). Die Fonts heißen ewigkryptischlange Buchstaben-/Zahlenkombis, waren teilweise gesplittet und hatte keine Dateiendungen (also auf meine früheren Erfahrungen bezogen).

 

Also, wenn man die Dateien "entführen" möchte, maximal unbequem.


Die Anwendung im Sinne der erworbenen Lizenz ist tatsächlich sehr einfach und praktisch.

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Gast Schnitzel
vor 8 Stunden schrieb Phoibos:

In bezog beides das auf die DRM-Frage bzw. das Thema (Schriftpiraterie)

Mit dem Perspektivwechsel macht das alles Sinn – Danke für die Aufklärung.

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Semisafe
Am 19.4.2021 um 11:25 schrieb typogeorge:

Wie sieht es den heute aus mit Kopierschutz? Werden zum Beispiel in gekauften Schriften Informationen des Käufers eingearbeitet?

Aktuell sieht es bei Adobe Fonts so aus, dass die Schriftdateien ohne Dateiendnung und bloß mit einer Nummer benannt in einem mehr oder weniger sichtbaren Ordner gespeichert werden. Im Unique Font Identifier ist eine Zeichenkette enthalten, die vermutlich Rückschlüsse auf den zugehörigen Adobe-Account erlaubt. Adobe scheint diese dynamisch zu generieren und signiert anschließend die Fonts, bevor sie digital "ausgeliefert" werden. Ob es noch ausgefeiltere Mechanismen gibt (etwa weitere versteckte Zeichenfolgen, minimale Variationen an Metriken etc.), kann ich nicht sagen.

 

Meiner Meinung nach ist das eine einfache und kundenfreundliche Möglichkeit, die Weitergabe der Dateien zu beschränken. Die harten DRM-Methoden der ganz großen Software-Unternehmen sind doch eine einzige Kundengängelei. Und am Ende trifft es nicht die Richtigen, denn die werden immer eine Möglichkeit finden. Insofern bin ich froh, dass meine gekauften Schriften (also nicht Adobe Fonts, das ich kaum nutze) nicht online aktiviert werden müssen, sie offline verfügbar sind und ich sie theoretisch auch in 20 Jahren noch verwenden kann, unabhängig vom Bestand irgendwelcher Anbieter und deren Servern.

  • Gefällt 1
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typogeorge

@semisafe:

 

Interessant zu wissen. Nur zur Klärung, mich interessiert der aktuelle technische Stand Schriften, zum Beispiel die eigene, irgendwann Sicher und Benutzerfreundlich für einen Kunden zu vereinen. Beziehungsweise was hat sich an DRM durchgesetzt?

 

Was habt Ihr da für eine Meinung vorallem aus der Sicht des Schriftenentwerfers. 

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vor 29 Minuten schrieb typogeorge:

Beziehungsweise was hat sich an DRM durchgesetzt?

Keins zu benutzen hat sich durchgesetzt. 
Was die benutzerfreundliche Verbreitung und Aktualisierung von Fonts angeht, wäre TypeWorld vielleicht einen Blick wert. 

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Phoibos
vor 56 Minuten schrieb Semisafe:

weitere versteckte Zeichenfolgen

Wäre möglich und wahrscheinlich auch der einzig praktikable Weg. Doch was nutzt Dir es, wenn Du die Verbreitung auf einen Deiner Kunden zurückführen kannst? Du müsstest dann nachweisen, dass er absichtsvoll und vorsätzlich die Lizenz verletzt hat.
Sollte Dein Kunde einen Font bei lizensiert haben, der PDF-Embedding erlaubt oder gar einen Webfont, wäre Dein Ansinnen sowieso zwecklos.

 

vor 58 Minuten schrieb Semisafe:

minimale Variationen an Metriken

Das kannst Du vielleicht bei ca. fünfzig Kunden oder so machen, aber irgendwann ist das nicht mehr menschenmöglich. Und außerdem hätte ich Bedenken, so einen Font zu lizensieren, da der in meinen Augen die Gefahr beinhaltet, dass diese veränderten Metriken die Nutzung erschweren, kurz, dass ich einen kaputten Font bekomme. Einer der großen Schriftersteller hat mal seine Gegnerschaft zu einem Symbol in diesem "versteckt" (es ging um das Versal-Eszett). Ich würde diesen Font mit der Begründung "kaputt" reklamieren.
Auch wenn ich kein Anwalt bin, würde so ein Wasserzeichen auch einiges an rechtlichen Problemen beinhalten, da kein Kunde dann wüsste, wie "heil" der lizensierte Font ist.
Die Dutch Type Library (sagt mir meine Erinnerung, habe jetzt auf die Schnelle keinen Beleg dafür gefunden) hat für den einen oder anderen Font absichtsvoll sehr hohe Preise aufgerufen, zum einen um eine gewisse Exklusivität zu erzeugen, zum anderen die <life of brian>pöhsen Purscheny</life of brian> abzuschrecken.

Das beste Mittel ist meiner Meinung nach, einfach eine qualitativ hochwertige Arbeit abzuliefern, so dass sich die Ehrlichen freuen, Dir eine Entlohnung zukommen zu lassen. Das unerlaubte Weitergeben von digitalen Daten ist schlicht nicht zu verhindern. Das haben schon milliardenschwere Konzerne versucht (Film, Musik). Qualität und ein vernünftiger Preis bzw. ein viel zu hoher Preis (ich weiß nicht, ob diese Strategie wirklich erfolgversprechend ist, s.o.) ist da imho das Mittel der Wahl.

Hier habe ich einen Kommentar vom Typekit-Team gefunden: https://blog.typekit.com/2009/07/21/serving-and-protecting-fonts-on-the-web/

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Phoibos

Vielleicht kennt jemand ja das Papier und kann etwas dazu sagen: https://www.researchgate.net/publication/220942156_A_digital_watermark_for_vector-based_fonts

 

Die Foundry, die ihre Fonts mit einem Wasserzeichen schützte, habe ich jetzt nach einer halben Stunde Googelei nicht gefunden. Die hatten ihre Technik auch für andere Designer angeboten, doch das Nicht-Finden spricht nicht für ihren Erfolg.

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