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Schriftmuster Tannenberg

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Martin Z. Schröder

Kathrin, schon das Wort »Häßlichkeit« gilt als Temperamentsausbruch? Welche gebrochene Schrift findest du selbst denn häßlich? Um meinem Eindruck, daß Kritik hier sehr stark gescheut wird, etwas entgegenzusetzen? Ich irre oft genug, vielleicht auch hier?

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Kathrinvdm

Ich habe hier ja schon offen gesagt, dass das Feld der gebrochenen Schriften nicht wirklich meines ist, deswegen kann ich Dir ad hoc gar keine fundierte Antwort geben. Aber ich werde mich gerne in den nächsten Tagen mal eingehender damit befassen, denn die Frage ist berechtigt und auch für mich interessant. Hast Du denn Vertreter der gebrochenen Schriften, die Du (neben den hier bereits genannten) für meine Recherche meiner Aufmerksamkeit empfehlen würdest? Und zwar gar nicht mit expliziter Ansage, wie Du selber sie bewertest? Dann nehme ich die Hausaufgabe gerne an, verschaffe mir einen Überblick und werde berichten. 

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Ich war schon gespannt, mit welchen Verdrehungen Martin auf meinen letzten Beitrag antwortet. ;-)  

Ein paar Ideen hätt ich auch gehabt, allerdings nicht …
 

Die serifenlose Antiqua ist nicht in der Moderne entstanden.


Wer hat etwas von der Entstehung serifenloser Antiquas gesagt? Davon war nicht ansatzweise die Rede. Es geht hier um einen Trend zur Elementarisierung und radikalen Vereinfachung auf möglichst einfache, gegebenenfalls sogar konstruierbare Grundformen. Das machten die Bauhaus-Designer und das machten die Designer der schlichten Gotisch – in relativ zeitlicher Nähe. Was das unmittelbar mit der Entwicklung der Serifenlosen zu tun haben soll, ist mir schleierhaft, wie ich Pürsti schon sagte. Das Wesen der genannten Universalschrift ist nicht Verzicht auf Serifen. Ich weiß also nicht, warum so darauf geantwortet wird wie geschehen.  

 

Schriftkritik scheint hier aber per se kaum eine annehmbare Kategorie zu sein.

 
Da irrst du dich. 

 

Oder gibt es denn überhaupt gebrochene Schriften, die von den der Schaftstiefelgrotesk mit Sympathie gegenüberstehenden Menschen als mißraten und häßlich angesehen werden?

 
Bestimmt. Ich würde aber nicht Begriffen wie hässlich (und all den anderen subjektiven Begriffen die du hier in der Diskussion benutzt hast) um mich werfen, sondern versuchen formal-gestalterisch die Schwächen aufzeigen wollen. 

 

Wenn Ralf in der Gotenburg eine kalligrafisch fein gemachte Schrift sieht, haben wir unterschiedliche Ansichten über kalligrafische Feinheit.


Dann erkläre das und wir können uns ein Bild machen, ob deine »Ansicht« auf objektivierbare Gründe baut. Wenn nicht, ist sie relativ irrelevant (weil eben subjektiv). Wenn doch, solltest es ein leichtes sein, uns oder einen Teil von uns zu überzeugen. 

Dies hast du bisher kaum getan. Du setzt viel mehr auf eine regelrechte verbale Verunglimpfung mit all deinen abwertenden Begriffen. Auf sachlicher Ebene sagst du wenig zu der Form. Stattdessen zitierst du Typografen, die sich ebenfalls auf dem subjektiv-verunglimpfenden Niveau ausgedrückt haben. Damit ist kein Blumentopf zu gewinnen. Auf dieser Ebene erreicht man nur jene, die schon die gleiche Ansicht haben. Andere überzeugen gelingt damit nicht. 

 

 

Und SSGen wurden urplötzlich in einer kurzen Zeitspanne in Serie produziert.

 

 

Jein. 

Die Entwicklung kam nicht aus dem nichts, weder als allgemeiner gestalterischer und schriftgestalterischer Trend, noch bezogen auf die Gebrochene Schrift. Das war ja alles schon Teil der Diskussion. 

Dass die Schriftgattung in kurzer Zeit von vielen Gießereien vertrieben wurde, ist vollkommen richtig. Ja, und? Worauf möchtest mit dem Hinweis darauf hinaus? Das war zur damaligen Zeit generell im lateinischen Schriftenmarkt so und so ist es auch heute noch. Schlägt ein neuer gestalterischer Trend ein, wird er so schnell wie irgend möglich in vergleichbarer Weise von anderen Anbietern aufgelegt. Und diese Schriften mit relativ einfachen Grundformen ließen sich natürlich recht schnell zeichnen. 

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Martin Z. Schröder

In Schriften wie Gotenburg oder Wallau kann ich nichts sehen, was mich an eine SSG, wie z. B. die Tannenberg erinnert. Trotzdem wirft man diese Schriften in einen Topf mit den SSG-Schriften. 

 

Auch wenn dies manche Quellen so bringen, zeugt dies eher von Unwissenheit über den Enstehungsprozess der Schrift und welche Intentionen des Schriftgestalters dahintersteckten.

Die Wallau eine Schaftstiefelgrotesk? Welche Quelle bringt denn das? Wir haben das in dem Sonnenuhr-Thread schon gestreift. Es geht zumindest mir nur um eine Handvoll Schriften, nicht um alles, dem ein Schnörkel abgenommen wurde, das wäre abwegig. Gotenburg und Tannenberg sind freilich unterschiedlich, aber erscheinen dir einige Versalien der Gotenburg (B und G im obigen Bild) nicht ziemlich verschaftstiefelt? Das J weniger, aber das P ist doch ein Kloben?

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Kathrinvdm

Welche Schriften genau sind es, die allgemein als »Schaftstiefelgrotesk« charakterisiert werden? Gibt es weitere, die hier noch nicht genannt wurden?

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Martin Z. Schröder

Ich habe hier ja schon offen gesagt, dass das Feld der gebrochenen Schriften nicht wirklich meines ist, deswegen kann ich Dir ad hoc gar keine fundierte Antwort geben. Aber ich werde mich gerne in den nächsten Tagen mal eingehender damit befassen, denn die Frage ist berechtigt und auch für mich interessant. Hast Du denn Vertreter der gebrochenen Schriften, die Du (neben den hier bereits genannten) für meine Recherche meiner Aufmerksamkeit empfehlen würdest? Und zwar gar nicht mit expliziter Ansage, wie Du selber sie bewertest? Dann nehme ich die Hausaufgabe gerne an, verschaffe mir einen Überblick und werde berichten. 

Wenn du gar keine Kriterien für die Bewertung von gebrochenen Schriften hast, auf welcher Grundlage verurteilst du dann meine Ansichten? Ich habe mich nicht »mal eingehender« (Schriftmuster im Internet anschauen?) damit befaßt, sondern arbeite damit seit langem. Und ich vergebe keine Hausaufgaben.

Und nun fragst du, nachdem du mitdiskutiert hast, um welche Schriften es eigentlich geht? Und möchtest mir sagen, wie man souverän diskutiert?

Ich gehe jetzt Kuchen backen.

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Kathrinvdm

Wenn du gar keine Kriterien für die Bewertung von gebrochenen Schriften hast, …

 

Wer hat denn das behauptet? Ich halte es da mit Ralf, der schrieb:

 

… Ich würde aber nicht Begriffen wie hässlich (…) um mich werfen, sondern versuchen formal-gestalterisch die Schwächen aufzeigen wollen. …

 

Und dies ist auch möglich, ohne ein ausgewiesener Experte für dieses Feld zu sein. 

 

Schade, dass Du mich absichtlich falsch verstehen möchtest und meine ehrliche Anmerkung, dass ich auf dem typografischen Feld der gebrochenen Schriften keine Expertin bin, ins Lächerliche ziehst. Wenn nur Experten für gebrochene Schriften an dieser Diskussion teilnehmen dürfen, dann ist diese Unterhaltung jetzt vermutlich schlagartig auf zwei, drei Teilnehmer geschrumpft. Und dann wird der Erkenntnisgewinn wohl auch begrenzt bleiben, wenn lediglich bekannte Argumente ausgetauscht werden, anstatt auch den interessierten, ergebnisoffenen Blick von außen zuzulassen, der vielleicht zu neuen Erkenntnissen führen könnte.

 

Tja, dann geh mal besser Kuchen backen, wenn die Diskussion mit interessierten Fraktur-Laien unter Deiner Würde ist. 

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Erwin Krump

… aber erscheinen dir einige Versalien der Gotenburg (B und G im obigen Bild) nicht ziemlich verschaftstiefelt? Das J weniger, aber das P ist doch ein Kloben?

 

Hier die Quelle der SSG-Schriften inkl. Wallau:

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Gebrochene_Grotesk

 

An diesem Wikipedia-Artikel sieht man deutlich, wie uneinheitlich eben über dieses Thema gedacht wird. Vielleicht kann man dies auch entsprechend differenziert sehen.

 

Und was die Gotenburg betrifft:

 

Schriften beurteile ich nach dem Gesamtschriftbild und nicht nach einzelnen Buchstaben. Da bin ich, denke ich zumindest, nicht alleine.

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austerlitz

Bestimmt. Ich würde aber nicht Begriffen wie hässlich (und all den anderen subjektiven Begriffen die du hier in der Diskussion benutzt hast) um mich werfen, sondern versuchen formal-gestalterisch die Schwächen aufzeigen wollen.

Dass die Schaftstiefelgrotesken sich formalgestalterisch leicht mit der nationalsozialistischen Ideologie assoziieren lassen, darauf ist in diesem Thread wieder und wieder hingewiesen worden. Þorsten hat es etwa so auf den Punkt gebracht:

 

Und »völkisch-nationalistisch + modern« ist, markentechnisch betrachtet, nun mal die Kern-Identität der Nazis.

Und dass die Zeitgenossen tatsächlich solche Assoziationen mit den Schaftstiefelgrotesken verbanden, darauf ist ebenfalls hingewiesen worden.

 

Die Entwicklung kam nicht aus dem nichts, weder als allgemeiner gestalterischer und schriftgestalterischer Trend, noch bezogen auf die Gebrochene Schrift. Das war ja alles schon Teil der Diskussion. 

Dass die Schriftgattung in kurzer Zeit von vielen Gießereien vertrieben wurde, ist vollkommen richtig. Ja, und? Worauf möchtest mit dem Hinweis darauf hinaus? Das war zur damaligen Zeit generell im lateinischen Schriftenmarkt so und so ist es auch heute noch. Schlägt ein neuer gestalterischer Trend ein, wird er so schnell wie irgend möglich in vergleichbarer Weise von anderen Anbietern aufgelegt. Und diese Schriften mit relativ einfachen Grundformen ließen sich natürlich recht schnell zeichnen.

Es war allerdings ein gestalterischer Trend aus dem nationalsozialistischen Deutschland und dem austrofaschistischen Österreich. Andere deutschsprachige Länder wie die Deutschschweiz machten diesen Trend nicht mit, obwohl auch dort weiterhin gelegentlich gebrochene Schriften verwendet wurden – so wie es in Deutschland in den 1920er Jahren üblich gewesen war. Es handelt sich also nicht einfach um allgemeine Trends, sondern um nationale Sonderentwicklungen, die mit dem Aufkommen der faschistischen Diktaturen korrelieren.

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Dass die Schaftstiefelgrotesken sich formalgestalterisch leicht mit der nationalsozialistischen Ideologie assoziieren lassen, darauf ist in diesem Thread wieder und wieder hingewiesen worden. Þorsten hat es etwa so auf den Punkt gebracht:

 

Und dass die Zeitgenossen tatsächlich solche Assoziationen mit den Schaftstiefelgrotesken verbanden, darauf ist ebenfalls hingewiesen worden.

 

Es war allerdings ein gestalterischer Trend aus dem nationalsozialistischen Deutschland und dem austrofaschistischen Österreich. Andere deutschsprachige Länder wie die Deutschschweiz machten diesen Trend nicht mit, obwohl auch dort weiterhin gelegentlich gebrochene Schriften verwendet wurden – so wie es in Deutschland in den 1920er Jahren üblich gewesen war. Es handelt sich also nicht einfach um allgemeine Trends, sondern um nationale Sonderentwicklungen, die mit dem Aufkommen der faschistischen Diktaturen korrelieren.

 

Das Vorhandensein von Assoziationen und Korrelationen ist (in diesem Forum) auch gar nicht strittig. 

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Phoibos

Martin, ich lese Deine Kommentare in diesem Thread mit einem Unterton "Du Doof, Du siehst einfach nicht und willst es auch nicht, wie sehr Willbergs, Kaprs und meine Meinung richtig ist". Ich möchte Dich wirklich gerne verstehen, doch hässlich alleine ist nicht hilfreich! Eher so etwas wie "unfertiger Brutalismus der Kategorie Haus der Sowjets" oder so etwas. Etwas, mit dem Deine Meinungen und die der von Dir zitierten und propagierten Autoritäten (ich möchte diese nicht anzweifeln, aber "XY findet das auch" ist kein Argument) nachvollziehbaren Inhalt erhalten. Bitte lass uns doch an Deiner Meinung teilhaben, die sicher ob Deiner Erfahrung auch begründet ist. Genau diese interessieren mich!

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Þorsten

Gilt dies nicht alles ebenso (oder teils sogar noch mehr) für die vorausgegangenen Experimente in der Antiqua?

Prinzipiell schon. Nur gab es dort wohl keine massive Bestrebung, die allerersten Versuche quasi über Nacht als Standardschriften für die Masse durchzusetzen. Serifenlosen Antiquas hatten anscheinend lange Zeit, sich von Gedankenspielen zu benutzbaren Schriften zu entwickeln. Viele der ersten Ideen wurden dabei über Bord geworfen. Das ist beim engeren Kern der SSG wohl nicht passiert. Hätte es da eine ähnlich lange, ungezwungene Entwicklung gegeben ohne politisch-ideologische Zwänge, lägen die weit benutzten Satzschriften vielleicht näher an Ode, Fruktur etc. als an Tannenberg.

 

Softwaremäßig ausgedrückt: Tannenberg & Co. hatten nie einen Beta-Test. Sie sind von frühen Entwicklungsversionen über Nacht als Produktionsversionen (mit totalem feature freeze) heraus gebracht worden. Updates gab es nie. Das sieht man halt.

 

Und die Gotenburg sieht für mich auch um einiges weniger harsch aus als die Tannenberg. Aber auch in ersterer gibt es sicher unausgereifte Formen. Auf dem von dir gezeigten Bild fällt mir z.B. das Schwänzchen des x auf, das nicht so recht zur Formensprache des Rests zu passen scheint.

 

Hätte Koch das 20 Jahre früher oder Zapf 20 Jahre später gezeichnet, wäre die Rezeption eine ganz andere.

Und zwar wahrscheinlich in zweierlei Hinsicht: einerseits hätte es nicht den Druck/die Versuchung gegeben, Schriften dieser Art als nahezu perfekten Ausdrucks eines neuen Geistes zu feiern. Man hätte sie kritisieren dürfen. Und dann hätte sich diese neue Gattung eben weiter entwickelt und viele der Ungereimtheiten wahrscheinlich ausgebügelt.

 

Übrigens lassen sich gebrochene Schriften sehr wohl gut begradigen.

Hat das jemand bezweifelt?

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catfonts

Hmmm? Bei so manchen Beiträgen klingt das so, alsob alles, was zum einen pünkltlich zur "Machtergreifung" der Nazis im toootal gleichgeschalteten Deutschland auf den Markt kam, und dann noch einen zu "Deutschen" Namen erhalten  hat, ist automatisch Nazi-Material. Aber warum bezeichnet eigentlich niemand im gleichen Zeitraum veröffentlichte Pinsel-Schreibschriften auch als Nazi-Schrift, schließlich spielen solche Schriften in Propagandamaterial eine nicht unbedeutende Rolle?

 

Allerdings habe ich heute eine CD mit Scans internationaler Schriftgießerei-Proben bekommen. Und schaue ich mir die aus Frankreich an, finde ich darin nicht nur lange Artikel über eine typische und neue sehr französische Schriftgestaltung. Und auch hier gibt es Schriftstile, die dann eben auch in anderen Ländern kaum verwendet wurden. Es war einfach eine ziemlich untereinander abgegrenzte Zeit.

 

Könnte es bei den SSGs nicht auch so passiert sein:

 

Es mag in den späten 1920ern gewesen ein, irgend ein unbekannter Schildermaler erstellt eine Haus-Anschrift, hierbei versucht er mit möglichst nur geraden Linienzügen auszukommen, dabei aber erine gebrochene Schrift zu erstellen. Erich Meyer hat das gesehen, interesant gefunden und danach dann die später im Stil der Zeit Tannenberg genannte Schrift gezeichnet (auch viele andere Dinge bekamen damals derart martialische Namen)

 

Die Schrift hatte dann praktisch das "Pech" eine Art "One-Hit-Wonder der Schriftgestaltung" zu sein, dass praktisch alle konkurrierenden Schrifthersteller in Deutschland ihren Hausgestaltern den Auftrag gaben, auch so etwas zu erstellen. Und wie das bei Moden nun mal so ist, wäre diese sicherlich so ca 10 bis 15 Jahre später ohnehin zu Ende gegangen, und genau wie viele sehr populäre Schriften der folgenden Jahrzehnte dann auch irgebnwann von niemandem mehr genutzt. Einfach übergesehen, verbraucht und altmodisch, und die im einstigen Superhit steckenden Fehler werden immer deutlicher. Aber hier kam dann gleichzeitg der große Knall, das katastrophale Ende des 3. Reichs, wenn man diesen Schriftenerlass mal außer Acht lässt, der war ja nicht öffentlich, und schon muss die Schrift diese Zeit auf Ewig mit sich herum schleppen...

 

Kann sein, das dies reine Phantasie ist, aber doch irgendwie auch möglich, oder?

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Martin Z. Schröder

Hmmm? Bei so manchen Beiträgen klingt das so, alsob alles, was zum einen pünkltlich zur "Machtergreifung" der Nazis im toootal gleichgeschalteten Deutschland auf den Markt kam, und dann noch einen zu "Deutschen" Namen erhalten  hat, ist automatisch Nazi-Material. Aber warum bezeichnet eigentlich niemand im gleichen Zeitraum veröffentlichte Pinsel-Schreibschriften auch als Nazi-Schrift, schließlich spielen solche Schriften in Propagandamaterial eine nicht unbedeutende Rolle?

Sollte tatsächlich immer noch nicht durchgedrungen sein, daß hier eine bestimmte Form diskutiert wird? Und zwar nicht eine »vereinfachte« per se, sondern eine militärisch gerade, steife, »teutonische«:

 

»An den Anfang der Vorstellung von Trumps Schriften möchte ich die einzige von ihm entworfene gebrochene Drucktype, die Trump-Deutsch, erschienen 1935, stellen. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie beeindruckt ich war, als ich die Schrift zum erstenmal sah. Zwei Schnitte wurden geschaffen, die aufeinander fein abgestimmte, teils differenzierte Unterschiede der Strichführung aufweisen: die grazile magere und die kraftvolle, einzigartige Trump-Deutsch, eine Gotisch von ganz besonderem Reiz, die noch heute einer meiner Lieblinge ist. Seit der frühen holländischen Gotisch, der englischen Black Letter, der Manuskript-Gotisch und der Ganz Groben Gotisch von F. H. E. Schneidler ist keine solch faszinierende, eigenständige gotische Schrift geschaffen worden. Die Formgebung der Type verrät, wo Trump sein Rüstzeug zum Zeichnen von Schrift geholt hat. Im Gegensatz zu den teutonischen Schriftschöpfungen der damaligen Zeit – ich erinnere an die Element, Tannenberg, Deutschland, National – ist der Type eine maßvolle, angenehme Zurückhaltung eigen.«

Max Caflisch, München, 1991

Anno 1953 wurde bei der Neuausgabe von Paul Renners »Die Kunst der Typographie« im Verzeichnis »Zur Ordnung und Benennung der Schriften« die Rubrik »Verbindung gotischer Klein- und antiker Großbuchstaben, ferner Bemühung um größte Vereinfachung der gotischen Formen« ersatzlos gestrichen.

 

In der Ausgabe von 1948 (2. Auflage des 1939 erschienen Buches) standen hier:

Jessenschrift

Tannenberg mager, halbfett, fett, schmal

Element mager, halbfett, fett, schmalfett

 

In der Ausgabe 1953 findet sich die Jessenschrift unter »Gotisch« mit dem Zusatz »mit Antiqua-Großbuchstaben«. Tannenberg und Element sind entfallen.

Die schlichteren gebrochenen Schriften Weiß-Gotisch, Offenbach, Weiß-Rundgotisch, Wallau, Trump-Deutsch, Weiß-Fraktur, Unger-Fraktur sind geblieben. Neu dazu kamen Gilgengart und Kühneschrift als neuere Fraktur bzw. Rundgotisch.

 

Ob diese Änderung auf Paul Renner oder den Bearbeiter der Neuausgabe Georg Schautz zurückzuführen ist, geht aus dem 1953er Buch nicht hervor, aber es erschien noch zu Lebzeiten Renners (als er mit der Steilen Futura befaßt war). Unklar ist auch, ob die Schriftauswahl der 1939er/1948er Ausgabe von Renner selbst und allein vorgenommen wurde (er war nach seiner Verhaftung und Entlassung in die Schweiz emigriert) oder von seinem Berliner Verlag zumindest mitbestimmt. In beiden Zusammenstellungen ist die 1937 erschienene Ballade nicht enthalten.

Alexander Ouldenburg, ein Freund von Paul Renner, hatte ihm nach seiner Entlassung (aufgrund von Kollegendenunziation) in einem Brief geraten, die Lehrübungen in gebrochener Schrift zu verstärken und einige der neuen gebrochenen Schriften zu kaufen, um sich nicht den Zorn der städtischen Bildungsbehörde zuzuziehen. Renner hatte allerdings keine Möglichkeit mehr, über so etwas nachzudenken, er wurde im April 1933 entlassen. Auf die Schriftzusammenstellung der ersten Auflage seines Buches 1939 werden solche Überlegungen sicherlich Einfluß gehabt haben.

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Martin Z. Schröder

Schriften beurteile ich nach dem Gesamtschriftbild und nicht nach einzelnen Buchstaben. Da bin ich, denke ich zumindest, nicht alleine.

Meine Lehrbücher für Schriftbeurteilung waren und sind die von M. Caflisch und E. Johnston. Der einzelne Buchstabe ist danach sowohl für sich als auch im Zusammenhang mit allen anderen die Bewertungsgrundlage. Wenn der Einzelbuchstabe sich nicht in das Gesamtbild einfügt, gilt er danach als mangelhaft. Wie man ein Gesamtbild beurteilen kann, ohne die Buchstaben einzeln anzuschauen, verstehe ich nicht.

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Prinzipiell schon. Nur gab es dort wohl keine massive Bestrebung, die allerersten Versuche quasi über Nacht als Standardschriften für die Masse durchzusetzen.

Das Argument geht ins Leere, denn diese »massiven Bestrebungen« (von wem eigentlich?) gab es bei der schlichten Gotisch auch nicht. 

 

Hat das jemand bezweifelt?

Mir schien so. Du sagtest »Frakturformen (zumindest der Minuskeln), die sich anscheinend aber nur schlecht begradigen lassen«.

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Sollte tatsächlich immer noch nicht durchgedrungen sein, daß hier eine bestimmte Form diskutiert wird? Und zwar nicht eine »vereinfachte« per se, sondern eine militärisch gerade, steife, »teutonische«:

 

Das ist durchgedrungen, aber genau dieser Punkt ist ja strittig und eine überzeugende Erklärung, die ohne historisch-assoziatives Hineininterpretieren entsteht, vermisse ich weiterhin. 

  • Warum bedeutet »gerade« gleich »millitärisch«? Wie lässt sich das formal-gestalterisch erklären?
  • Was macht gebrochene Schriften, die seit über 800 im Einsatz sind, plötzlich »teutonisch«? Wie lässt sich das formal-gestalterisch erklären?
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Erwin Krump

… Wie man ein Gesamtbild beurteilen kann, ohne die Buchstaben einzeln anzuschauen, verstehe ich nicht.

 

Es ging nicht um die Beurteilung der Qualität im fachlichen Sinn auf Verwendbarkeit, denn da käme die Gotenburg ohnehin nicht für meine Arbeiten nicht in Frage. 

 

Hier ging es doch um den Eindruck, den diese Schrift vermittelt. Und den beurteile ich nach dem Gesamtbild. Ich habe ja gar nicht das ganze Alphabet sofort zur Verfügung.

 

Wenns um eine Schriftanalyse geht, sehe ich mir natürlich auch den Einzelbuchstaben an. Bei der Neuanschaffung einer Schrift ist das ja klar, da wird der einzelne Buchstabe bewertet. 

 

In diesem Thread, geht es aber um etwas anderes, nehme ich zumindest an.

 

Schrift in einem Textbild, das ich vor mir habe, lasse ich auf mich wirken, wie eine Landschaft. Sobald ein Detail fixiert wird, geht die Wirkung des Gesamteindrucks verloren.

 

Erst wenn dieser erste Eindruck vorbei ist, widme ich mich dem Detail, sofern dies überhaupt relevant ist. 

 

In meiner Sammlung befinden sich einige Bücher aus dem 16. Jh. Nebenbei bemerkt, alle in Antiqua gesetzt. Oft betrachte ich die Seiten dieser alten Bücher und erfreue mich deren Wirkung.

 

Obwohl die Buchstaben unterschiedlich abgequetscht sind, ein extremer Quetschrand den einzelnen Buchstaben manchmal fast unkenntlich macht, Punzen zugeschmiert sind, manche Buchstaben z. T. abgebrochen sind usw., hinterlassen diese Druckwerke einen sehr positiven Eindruck, sind harmonisch und schön.

 

Weil nicht das einzelne Detail, sondern das Zusammenwirken aller Elemente auf einer Seite, also das gesamte Schriftbild, die Aussage und Wirkung eines Textbildes ausmacht. Der einzelne Buchstabe wird hier erst bei einer ev. Analyse, beim Studium der Schrift etc. unter die Lupe genommen.

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pürsti
Kann sein, das dies reine Phantasie ist, aber doch irgendwie auch möglich, oder?

 

In erster Linie ist es jetzt zum wiederholten male, auf Dauer schwer verkraftbare, Geschichtsklitterung.

Von Martin werden bei jedem seiner schriftkritisierenden Postings Fakten eingefordert (obwohl formalästhetische Kritik logischewerweis immer auch subjektiv ist) andere propagieren hier ungehindert Natinalsozialismusromantik die faktisch sowieso falsch und in den Formulierungen fast durchgehend Verbrechen-relativierend sind. Hatte mich bisher in der Hinsicht mit einer Reaktion zurückhgehalten, weil es unnötigerweise forumsfremde Diskussion weiter befeuert. Wenn es aber zur Fortsetzungsgeschichte wird, kann es  auf Dauer nicht im Interesse der Community sein, sowas unwidersprochen stehen bleiben.

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Von Martin werden bei jedem seiner schriftkritisierenden Postings Fakten eingefordert (obwohl formalästhetische Kritik logischewerweis immer auch subjektiv ist)  …

 

Nicht, dass ich wüsste. Es wird eingefordert, die subjektiv bis polemischen Aussagen überhaupt mal auf objektivierbare Füße zu stellen. Fakten werden da nötig, wo faktisch argumentiert wird. Da war aber auch nicht viel zu holen, wie Martin ja selbst einräumte wenn er darauf verwies, man müsse da erst noch forschen. Auf gut Deutsch: die von ihm aufgestellte These entbehrt bislang faktischer Belege. Nachweisbare Beziehungen von den Nazis zu den Schaftstiefelschriftentwürfen (in Form von Verträgen, ideologischen oder gar ideologisch-gestalterischen Bekenntnissen etc.) konnten nicht aufgezeigt werden. Und nur weil deren Existenz theoretisch möglich ist, ist sie noch lange nicht wahrscheinlich. 

 

 

In erster Linie ist es jetzt zum wiederholten male, auf Dauer schwer verkraftbare, Geschichtsklitterung.

 

… durchgehend Verbrechen-relativierend sind.

 

Auch hier: nicht, dass ich wüsste. Wir diskutieren über Schriftformen. Wenn ihr diese Formen von nicht von den Schrecken der Zeit trennen könnt, heißt das noch lange nicht, dass jene, die das tun, Verbrechen relativieren würden. Ich bitte hier um etwas mehr Einfühlungsvermögen und Verständnis, dass die eigene Sichtweise nicht für alle anderen das Maß aller Dinge ist. Denn genauso ärgerlich wie du solche vermeintlichen Schreckensrelativierungen findest, genauso ärgerlich ist es auch, diese jemand zu unterstellen, wenn es einfach nicht stimmt.

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catfonts

Entschuldige, aber ich behaupte doch gar nicht, dass die Nazis keine Verbrecher waren, ja wahrscheinlich die schlimmsten auf deutschem Boden überhaupt. Nur betreibst du eben Geschichtsklitterung, wenn du jedem die Schuld aufhalst, der schlicht seine Arbeit in gleicher weise, so gut wie möglich gemacht hat, und wenn diese gestalterisch ist, der Mode so gut wie möglich folgte, um so den höchst möglichen wirtschaftlichen Gewinn aus der Arbeit zu erzielen, wie es seine Kollegen heute auch machen.

 

Bestenfalls mag ich ihnen fahrlässigkeit unterstellen, die verbrecherischen Hintergründe nicht erkannt zu haben, und sich von der damaligen Woge der Begeisterung haben mitreißen lassen.

 

Jemand, der damals Häuser baute, danmit Menschen darin wohnen können, und diese dann im Stil der Zeit entwarf, hat damals weder Juden getötet, noch einen Krieg vom Zaum gebrochen, genau so wenig der Schneider, der Anzüge im Stil der Zeit nähte oder eben der Schriftgestalter. Und wenn dann der Anzug von einem Nazi-Funktionär getragen wurde, und der eben in das typische 30er Jahre Haus einzog, kann ich bei den Gestaltern keine Schuld sehen. Nicht einmal bei den Grafikern, die Plakate für das Winterhilfswerk oder den KdF-Urlaub entwarfen.

 

Gerade diese Trennung in Täter, und (zumindest in dieser Zeit) Bewunderer macht es doch erst verständlich, wie es zu dem Unglück gekommen ist, und zeigt die Gefahr, der man auch heute begegnen muss, tauchen Populisten mit Argumenten auf, die praktisch jeder sich zu eigen machen kann, so logisch und harmlos klingen sie.

 

Man darf ja auch nicht übersehen, wie bewundernd und respektvoll z.B. 1936 zur Olympiade in der Weltpresse über dieses Deutschland geschrieben wurde, dass von einem mit fast 6 Millionen Arbeitslosen 1932 am Boden liegende Land in gerade einmal 3 Jahren ein derartiges internationales Großereignis scheinbar mühelos auf die Beine stellen konnte.

 

Schau dir nur diese Arbeitslosen-Statistik an:

weimarbild.jpg

Allein dies war eben für sehr viele Menschen genug grund, den Nazis bewunderung zu zeigen. Natürlich haben sie sich damit eine Mitschuld aufgeladen, aber eben zumeist nur fahrlässig.

 

Wenn du also allen, die in irgend einer Form im Stil der Zeit arbeiteten die gleiche Schuld zuweist, betreibst leider Du die Geschichtsklitterung, und das vergrößert nur die Gefahr, dass sich Geschichte wiederholen kann.

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pürsti
Nur betreibst du eben Geschichtsklitterung, wenn du jedem die Schuld aufhalst, der schlicht seine Arbeit in gleicher weise, so gut wie möglich gemacht hat, und wenn diese gestalterisch ist, der Mode so gut wie möglich folgte, um so den höchst möglichen wirtschaftlichen Gewinn aus der Arbeit zu erzielen, wie es seine Kollegen heute auch machen.

 

Hab ich wo gemacht?

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pürsti
Schau dir nur diese Arbeitslosen-Statistik an:

 

... und weiter gehts mit den Relativierungen von Verbrechen. das ist nämlich blanke Nazibeschönerung wenn man diese Statistik als Beleg anführt ohne daß man dazusagt, daß diese eben kausal(!) verknüpft ist mit den Verbrechen.

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