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So langsam verzetteln wir und hier in einer prinzipiell nie zu einem Ergebnis führenden Parallelwelten-Diskusion. Aber gut, spinne ich das mal weiter:

 

Angenommen, der britische Soldat, dem Hitler vor die Flinte gelaufen ist, hätte abgedrückt, und statt v. Richthofen hätte es Göring erwischt, kurz, die DAP wäre eine unbedeutende Splitterpartei gebleben, die in Bierkellern ihren verworrenen und esoterischen Ideen anhängt, ohne für Voll genommen zu werden.

 

Statt dessen hat sich die DVP durchgesetzt, und die deutsche Monarchie zurück gebracht.

 

Wer sagt jetzt, dass es dann nicht ein genau so nationalistisches, wenn auch monarchistisches Gedankengut gegeben hätte, mit dem dann ebenfalls die modernisierte Form der gebrochenen Schriften angepriesen worden wären.

 

Wer weiß, ob es dann den 2. Weltkrig, und damit die Notwendigkeit, die Frakturschrift aufzugeben, um so einfacher nach dem von den Nazis geplanten Endsieg in den unter NS-Herrschaft stehenden großdeutschen Europa besser komunizieren zu können, überhaupt gegeben hätte. Dann hätte es auch die Besatzungszeit kaum gegeben, in der man sich eben nicht wieder der Fraktursxchrift zuwenden konnte.

 

Gut möglich, dass es mit dem kaiserlichen Großdeutschland weder den kalten Krieg, ja vielleicht nicht einmal eine Sovjetunion gegeben hätte - und damit in letzter Konsequenz gut möglich auch keine europäische Einigung, und wir worden heute noch ganz selbstverständlich in Fraktur drucken, und die schlichte Gotisch als ganz normale, und schlüssige Ergänzung ls Plakat- und Schilderschrift, sowie als Displayschrift sehen. Aber hätten noch immer eine streng bewachte Grenze zum noch immer befeindeten Frankreich.

 

Aber, wie gesagt, niemand kann dies wissen.

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pürsti
Die Parallelen hatte ich ja aufgezeigt

 

Welche Parallelen?

(in der Zwischenzeit bete ich darum: laß ihn nicht die „Entstuckung“ meinen)

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Pachulke

Zu wem Du betest, möchte ich lieber gar nicht so genau wissen. 8-)

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pürsti

... den Hl. Geist wähnte ich in der Angelegenheit autoritativ. Aber geb ja zu, so rechten Zugang hab ich nicht zu derlei Dingen. Ist meine Frage mit Deiner damit beantwortet?

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Kathrinvdm

Mal zurück zur Ursprungsfrage: Also können wir kurz und knapp festhalten, dass es keinerlei schriftliche Quellen gibt (zumindest keine uns bekannten), die etwas über die Absicht der Gestalter beim Entwurf der »Schaftstiefelgrotesken« preisgeben würden. 

 

Keine Tagebucheinträge der Gestalter, keine Berichte von Zeitgenossen, keine schriftlich fixierten Aufträge zur Fertigung der Schriften seitens politischer Auftraggeber, keine schriftlich vorliegende Einordnung durch zeitgenössische Fachleute – es gibt nur die bekannten Werbeaussagen zu diesen Schriften, die man als eindeutig politisch beeinflusste Absichtserklärungen der Gießereien verstehen kann, durch Bedienung der damals herrschenden Trends in Politik und Gestaltung Geld verdienen zu wollen. Und es gibt die Tatsache, dass die Schriften in massivem Maße für politische Zwecke eingesetzt wurden.

 

Sollte irgendjemand diesen Thread lesen und schriftliche Belege für den ein- oder anderen Aspekt kennen oder besitzen, dann sei er/sie herzlich aufgefordert, diese Diskussion damit zu bereichern. 

 

Davon abgesehen: Egal wie man es dreht und wendet, größte Sensibilität bei der Verwendung dieser als Schaftstiefelgrotesken bezeichneten Schriften ist auch heute noch mehr als angebracht. Der weit verbreiteten Assoziationskette »Gebrochenen Schriften/Schaftstiefelgrostesk = Nationalsozialismus« kann man kaum entgehen und das wird sicherlich auch noch lange so bleiben. Die immer noch vorkommende Vereinnahmung gebrochener Schriften durch Neonazis, neue Rechte und wie diese rechten Gruppierungen sich sonst noch nennen, ist im Sinne einer Entkoppelung der Assoziationskette natürlich mehr als kontraproduktiv, weil es die Verbindung im Gegenteil immer fester zementiert. 

 

Ich wage die Vermutung, dass Schriften wie Ralfs elegante jugendstilige »Elfen-Fraktur« und die »Ode« einen gangbaren modernen Weg der Anwendung von Frakturschriften zeigen, und auch manch andere gebrochene Schriften mögen im jeweiligen Kontext eher für Tradition im besten Sinne* stehen als für den Nationalsozialismus, aber die Achtsamkeit bei der Verwendung wird für alle Zeiten Verpflichtung für uns Gestalter bleiben.  

 

*etwa bei Tageszeitungen, Brauereien, Gasthäusern etc.

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Pachulke

… oder man ironisiert sie:

 

gemeinheit.jpg

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catfonts
Zitat
Und es gibt die Tatsache, dass die Schriften in massivem Maße für politische Zwecke eingesetzt wurden.

 

 

Hmm? Ich habe daraufhin mal nach Plakaten aus dieser Zeit gesucht, insbesondere NS-Propaganda-Plakate, und fannd hier eigentlich kein deutliches Zeichen, dass diese Schriften hier massiv eingesetzt wurden, jedenfalls nicht massiver als beispielsweise in der Produktwerbung dieser Zeit. Besonders wenn Hassparolen auf den Plakaten sind, sieht man deutlich öfter bostige Pinselschriften und massige Blockschrift.

 

Achat man sich die Wahlplakate der anderen Parteien für die Wahlen von 1928 - 1933 an, findet man sehr viele sehr ähnliche Designelemente, selbst antisemitische Elemebnte findet man auch am linken Ende der Parteienlandschaft:

Sparta.png.39cb8f74683fdff5ced2f8e5d5c5b6ae.png

 

Das es, nachdem die Schaftstifligen auf dem Markt war nun nur noch politische Anwendungen durch die Nationalsozialisten gan, liegt ja nicht daran, das andere, wie SPD oder die Kommunisten die schrift nicht verwendet hätten, sondern weil die eben keine Plakate mehr aushängen durften.

 

Was jetzt die Gedankengänge der Schriftgeastalter anbelangt, welche die ersten Schaftstiefel geschneideert hatten, glaube ich persönlich nicht, dass diese sich im wesentlichen von denen heutiger Schriftgestalter untersxcheiden. Denn, was ist den das wesentliche Ziel eines Schriftgestalters, und was bringt diese dazu, derzeit recht oft spornlose Linearantiqua auf den Markt zu bringen (auch wenn ich ein wenig das Gefühl habe, dass dieser Trend gerade zu Ende geht.

 

Ist es nicht eine gut lesbare Schrift in der jeweils aktuellen Formensprache der geltenden Mode zu schaffen, die dann zur aktuellen Architektur und zum aktuellen Produktdesign passt, was Schriftgestalter in jeder Zeit zu erstellen suchen?

 

Nun, die floralen Formen des Jugendstils waren langsam aus der Mode und es änderte sich, wie auch in späteren Moden die Formensprache von eher kurvigem, abgerundeten zu strengen Geraden und scharfen Ecken. Antiquaschriften waren zwar schon deutlich weiter verbreitet, als in der Kaiserzeit, aber die Frakturschrift war eben noch immer die dominierende Gebrauchsschift in allen gedruckten Dokumenten, und der größte Teil der Bevölkerung war es einfach gewohnt, Frakturschrift zu lesen.

 

In Displayanwendungen wirkte die klassische fraktur aber recht altbacken, sie schrie förmlich "Kaiser Willem!" Diese vielen Schnörkel und Rubndungen passten einfacgh nicht zu dem jetzt modernen Fornmempfinden - selbst wenn man dieses mal ohne Berücksichtigung der Stimmung im Volk betrachtet.

 

Schaue ich mir z.B. die Frakturschriften Rudolf Kochs an, so seiner von ihm "Deutsche Schrift" genannte, oder die Maximilian, Klingspor oder Claudius, dann findet sich hier schon eine deutliche Begradigung.

 

 

Was hat es jetzt mit dem, plötzlichen Ende auf sich? Hat das etwas mit dem Ende des Nationalsozialismus zu tun? Ja und nein! Zum einen hatten die Nationalsozialisten das Ende der Frakturschrift ja ohnehin selbst beschlossen, zum anderen war dies ja ohnehin ein extremer Zeitenwechsel, den man eben auch ganz selbstverständlich in einem Wechsel im der Mode äußern wollte, zum anderen war es aber auch wieder schlicht an der Zeit für einen Wechsel in den gestalterischen Grundelementen, wie sich dies ja in den nächsten Jahrzehnten weiter fortsetzte. Diesen Wechsel hätte es genau so gegeben, wären die Nazis nie an die Macht gekommen, und es hätte ihn wahrscheinlich auch nach deren geplanten "Endsieg", der ja glücklicherweise ausgeblieben ist, gegeben.

 

Was jetzt die Gestalter der auf die ersten Entwürfe folgfenden Schriften anbelangt, nun, auch die hatten kaum den Auftrag eine "Völkisch-Nationalistische" Schrift zu erstellen, sondern schlicht eine, die dem wirtsxchaftlich erfolgreichen Trend folgt, und so eben verhindert, dass die beauftragende Schriftgießerei Marktanteile verliert. Schließlich gab es keine "Reichs-Schriftgießerei" in der, ähnlich wie in den USA bei ATF 85% der Schriftanbieter vereint waren, Quasi eine IG-Lettern unter Parteikontrolle, sondern eben einen noch recht großen Wettbewerb.

 

Schließlich sagt man ja über das "Sozialisten" in Nationalsozialisten, das dies eigentlich eine ziemliche Verbalhornung des Begriffs gewesen sei, da die Nazis eben keine vergesellschaftung und zentrale Steuerung der Produktionsmittel auf ihre Fahnen geschrieben hatten.

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Kathrinvdm

… Was jetzt die Gestalter der auf die ersten Entwürfe folgfenden Schriften anbelangt, nun, auch die hatten kaum den Auftrag eine "Völkisch-Nationalistische" Schrift zu erstellen, …

 

Das ist es ja gerade, was wir nicht wissen! Denn andernfalls wäre die Frage dieses Threads beantwortet, was die Intention bei der Gestaltung angeht.  

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catfonts

Ich behaupte ja auch nicht, dass diese Schriften nicht als "Völkisch-Nationale" Schriften abgepriesen wurden, schließlich was das damals generell ein sehr gutes Werbeargument, mit dem sich irgendwie alles verkaufen ließ

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Kathrinvdm

Nein aber Du schriebst:

… Was jetzt die Gestalter der auf die ersten Entwürfe folgfenden Schriften anbelangt, nun, auch die hatten kaum den Auftrag eine "Völkisch-Nationalistische" Schrift zu erstellen, …

 

Und genau das wissen eben wir nicht, nach Belegen für den entsprechenden Auftrag oder die entsprechende Intention/Gesinnung der Gestalter/Foundries suchen wir ja die ganze Zeit. Das Thema der anschließenden Vermarktung der Schriften mit nationalsozialistischem Zungenschlag ist hingegen eine Tatsache, die wir belegen können, denn die entsprechenden Anzeigen sind nachweislich publiziert worden. 

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Þorsten

Der Terminus "deutsche Schrift" war zudem bereits damals seit ca. 100 Jahren ein extrem conservativer Propaganda-Terminus in völkischen und nationalistischen Kreisen

Dankeschön, dass wir uns darauf einigen konnten! Das haben dann also auch die Schriftgestalter der 30er Jahre gewusst. Und sie hatten dann also kein Problem damit, »völkisch und nationalistisch« reklamierte Schriften zu modernisieren – und zwar ohne jedes Anzeichen von Ironie, Karikatur oder Distanz zu diesen Attributen. Im Gegenteil: die Schriften wurden ausschließlich als moderne Ausdrucksmittel in völkisch-nationalistischem Kontext präsentiert.

 

Und »völkisch-nationalistisch + modern« ist, markentechnisch betrachtet, nun mal die Kern-Identität der Nazis.

 

Das hat auch jeder Schriftgestalter dieser Zeit gewusst. Und wenn er nicht mal das subtilste Osterei eingebaut hat, um diese Wirkung seiner Arbeit subversiv zu unterlaufen (wie Künstler in Diktaturen das ständig machen), hat er eben billigend in Kauf genommen, dass seine Arbeit für diese Ziele eingesetzt wird. Und dadurch ist die Arbeit eben insgesamt belastet. Das ist bei DDR-Künstlern so (und diesseits von PDS-Betonköpfen bezweifelt das auch niemand) und dann war das Künstlern der Nazizeit eben auch so.

 

Das heißt natürlich nicht, dass man die Arbeiten nicht auch einfach formal kritisieren bzw. würdigen kann. Aber ich dachte eigentlich, dass dieses alte Argument, der Künstler (oder Wissenschaftler) mache prinzipiell immer nur Kunst (bzw. Wissenschaft) und trüge gar keine Verantwortung für seine Arbeit, längst nicht mehr ernsthaft diskutiert werden müsste.

 

Aber spiegelt es auch die Denke der Schriftentwerfer wider? Sind diese bei solchen Auftragsarbeiten in jeden Prozess des Marketings eingebunden?[1] Bekamen sie von ihren Arbeitgebern den Auftrag, den Nazis eine Schrift zu schneidern, oder haben sie es auf freien Stücken getan?[2]  Oder haben sie gar nicht die Nazis im Hinterkopf gehabt, als sie die Schrift zum ersten Male grob zeichneten?

[1] Zumindest nach Erscheinen der ersten dieser Schriften (mit entsprechendem Marketing) hätten die Gestalter weiterer Vertreter dieser Gattung doch selbst bei größter Naivität wohl wissen müssen, wohin die Reise dieser Schriften in der neuen Zeit gehen soll. Können wir uns wenigstens darauf einigen?

[2] Welchen Unterschied würde das machen?

 

Mal zurück zur Ursprungsfrage: Also können wir kurz und knapp festhalten, dass es keinerlei schriftliche Quellen gibt (zumindest keine uns bekannten), die etwas über die Absicht der Gestalter beim Entwurf der »Schaftstiefelgrosken« preisgeben würden. 

 

Keine Tagebucheinträge der Gestalter, keine Berichte von Zeitgenossen, keine schriftliche fixierten Aufträge zur Fertigung der Schriften seitens politischer Auftraggeber, keine schriftlich vorliegende Einordnung durch zeitgenössische Fachleute – es gibt nur die bekannten Werbeaussagen zu diesen Schriften, die man als eindeutig politisch beeinflusste Absichtserklärungen der Gießereien verstehen kann, durch Bedienung der damals herrschenden Trends in Politik und Gestaltung Geld verdienen zu wollen.

Als in einer Diktatur Aufgewachsener erscheint mir diese Argumentation wenig schlüssig. Kein Mensch in der DDR brauchte Tagebuchaufzeichnungen oder unabhängige Zeugenberichte, um Systemkunst einordnen zu können. Umgekehrt wurde ein Schuh draus: die Künstler, die keine Systemkunst machen wollten, mussten die Absichten der Kulturpropaganda möglichst subtil, aber für viele Betrachter doch nachvollziehbar unterlaufen. Ansonsten galt ihre Arbeit, auch schon damals, als kompromittiert.

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Ralf Herrmann

Im Gegenteil: die Schriften wurden ausschließlich als moderne Ausdrucksmittel in völkisch-nationalistischem Kontext präsentiert.

 

Das ist unwahr und ich wundere mich, dass du dich zu so einer Aussage hinreißen lässt. Ich kenne dich ja jetzt nicht unbedingt als Schrifthistoriker, Schriftmustersammler oder ähnliches, der so etwas mit Bestimmtheit behaupten könnte. 

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Þorsten

Ich gehe nach dem, was ich hier gesehen habe. Alle Beispiele kenne ich natürlich nicht, also bitte, das nehme ich gerne zurück. Aber dass die Schriften massiv in diesem Kontext präsentiert wurden, ist wohl unstrittig? Gibt es dann Beispiele, die irgendeine Distanz zeigen?

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Phoibos

Und sie hatten dann also kein Problem damit, »völkisch und nationalistisch« reklamierte Schriften zu modernisieren

Die Schriften wurden auch, nicht ausschließlich, so reklamiert.

 

und zwar ohne jedes Anzeichen von Ironie, Karikatur oder Distanz zu diesen Attributen

Und wenn die radikale Reduzierung die Karikatur sein sollte?

 

 

Und wenn er nicht mal das subtilste Osterei eingebaut hat, um diese Wirkung seiner Arbeit subversiv zu unterlaufen (wie Künstler in Diktaturen das ständig machen), hat er eben billigend in Kauf genommen, dass seine Arbeit für diese Ziele eingesetzt wird. Und dadurch ist die Arbeit eben insgesamt belastet.

Das ist für mich ein Argument der Kategorie "Hitlers willige Fußpfleger". Irgendwo muss ich auch mal einen Punkt machen (können). Zumindest die ersten beiden Schriften werden wohl vor der Machtübertragung begonnen worden sein, wenn ich mal voraussetze, dass das Schaffen einer Schrift ein Jahresprojekt ist (berichtigt mich gerne).

 

 

Das heißt natürlich nicht, dass man die Arbeiten nicht auch einfach formal kritisieren bzw. würdigen kann. Aber ich dachte eigentlich, dass dieses alte Argument, der Künstler (oder Wissenschaftler) mache prinzipiell immer nur Kunst (bzw. Wissenschaft) und trüge gar keine Verantwortung für seine Arbeit, längst nicht mehr ernsthaft diskutiert werden müsste.

O doch. Das deutsche Staatsfernsehen sendet jedes Jahr aufs neue völlig unkritisch die Feuerzangenbowle. Zudem gibt es einen Unterschied zwischen einem Kunstwerk 1933/34 und 1944. Im übrigen halte ich von "Nach Auschwitz gibt es keine XY mehr" nichts. Und schon gar nicht von der Anwendung Adornos Verdikt auf eine Zeit, in der die Entscheidung, den Weg nach Auschwitz zu beschreiten, gerade getroffen wurde. Ich will die betreffenden Künstler nicht freisprechen, halte aber auch nichts von einer vorschnellen Verurteilung. Insofern trolle ich Dich vielleicht, doch zwingt meine Persönlichkeit hier mich, den advocatus diaboli zu geben. 

 

[1] Zumindest nach Erscheinen der ersten dieser Schriften (mit entsprechendem Marketing) hätten die Gestalter weiterer Vertreter dieser Gattung doch selbst bei größter Naivität wohl wissen müssen, wohin die Reise dieser Schriften in der neuen Zeit gehen soll. Können wir uns wenigstens darauf einigen?

[2] Welchen Unterschied würde das machen?

[1] Ja. Jeder, der irgendetwas produzierte, musste damit rechnen, dass ein oder die Nazis sein Werk missbrauchten.

[2] Der Unterschied wäre, dass die Nazis diese Schriftgattung dann missbrauchten, anstatt dass ihnen das typographische Werkzeug für -- so scheint mir es mir fast bei der Diskussion hier -- die Autobahnschilder nach Auschwitz zu geben.

 

 

Als in einer Diktatur Aufgewachsener erscheint mir diese Argumentation wenig schlüssig. Kein Mensch in der DDR brauchte Tagebuchaufzeichnungen oder unabhängige Zeugenberichte, um Systemkunst einordnen zu können. Umgekehrt wurde ein Schuh draus: die Künstler, die keine Systemkunst machen wollten, mussten die Absichten der Kulturpropaganda möglichst subtil, aber für viele Betrachter doch nachvollziehbar unterlaufen. Ansonsten galt ihre Arbeit, auch schon damals, als kompromittiert.

Um ein Werk, dass 1949/50 in Leipzig entstanden ist, zu be-/verurteilen zu können, ist das sehr wichtig. Für ein Werk, dass 1960 entstanden ist, nicht mehr so...

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Kathrinvdm

Als in einer Diktatur Aufgewachsener erscheint mir diese Argumentation wenig schlüssig. Kein Mensch in der DDR brauchte Tagebuchaufzeichnungen oder unabhängige Zeugenberichte, um Systemkunst einordnen zu können. Umgekehrt wurde ein Schuh draus: die Künstler, die keine Systemkunst machen wollten, mussten die Absichten der Kulturpropaganda möglichst subtil, aber für viele Betrachter doch nachvollziehbar unterlaufen. Ansonsten galt ihre Arbeit, auch schon damals, als kompromittiert.

 

Ich habe lediglich zusammengefasst, dass wir bis dato keine authentischen schriftlichen oder auf andere Weise überlieferte Aussagen zur Intention der Macher zur Verfügung haben. Das ist doch etwas völlig anderes als die Frage, wie diese Arbeiten ideologisch zu bewerten und einzuordnen sind. Mir ging es nicht um Interpretation, sondern um Belege, die die Intention der Macher wortwörtlich wiedergeben, denn das ist es doch, wonach wir in dieser Diskussion suchen, oder?

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Þorsten

Die Schriften wurden auch, nicht ausschließlich, so reklamiert.

Wurden sie denn auch nur andeutungsweise irgendwann mal in einer Weise reklamiert, die Distanz zu zur völkisch-nationalistischen Vereinnahmung erkennen oder auch nur erahnen ließ?

 

So funktioniert das doch mit Kunst. Wird sie gegen den Willen des Künstlers vereinnahmt, sagt der: »Moment mal, so war das aber nicht gemeint!« Und wenn er das in einer Diktatur nicht darf, dann macht er das subtil, aber eben doch erkennbar.

 

Und wenn die radikale Reduzierung die Karikatur sein sollte?

Welche Indizien gibt es dafür?

 

Das ist für mich ein Argument der Kategorie "Hitlers willige Fußpfleger".[1] Irgendwo muss ich auch mal einen Punkt machen (können). Zumindest die ersten beiden Schriften werden wohl vor der Machtübertragung begonnen worden sein[2], wenn ich mal voraussetze, dass das Schaffen einer Schrift ein Jahresprojekt ist (berichtigt mich gerne).

[1] Hätten Fußpleger just zur Machtergreifung eine ganze Gattung neuer Produkte entwickelt, diese mit ihrer besonderen Eignung für die nationalsozialistische Sache beworben und wäre die Gattung nach Ende der Nazis bis auf wenige Nischenanwendungen wieder verschwunden – ja, dann wäre das in der Tat ein passender Vergleich.

 

[2] Ich habe kein Problem damit, die ersten milder zu beurteilen. Das heißt aber auch, dass wir die vielen Nachahmer, die so offensichtlich auf den Zug des Zeitgeists und schnellen Profits aufsprangen, dann besonders kritisch hinterfragen sollten. Ohne sie hätte es keine neue Schriftgattung gegeben und die ein, zwei Einzelschriften wären in der Tat mglw. ganz anders zu beurteilen. Die Assoziation Schriftgattung–ideologische Besetzung wäre dann wahrscheinlich gar nicht entstanden.

 

Das deutsche Staatsfernsehen sendet jedes Jahr aufs neue völlig unkritisch die Feuerzangenbowle.[1] Ich will die betreffenden Künstler nicht freisprechen, halte aber auch nichts von einer vorschnellen Verurteilung.[2]

[1] Guter Punkt! Ich liebe die Feuerzangenbowle, fände es aber wunderbar, wenn sie mit einem Hinweis auf Entstehungszeit und -umstände gesendet würde. Da rächt sich auch, dass es keine Anmoderationen mehr gibt.

(Nicht dass unbedingt zu erwarten wäre, dass ARD/ZDF entsprechendes erwähnen würden. Aber wenigstens gäbe es die Möglichkeit.)

[2] Letzteres liegt mir fern. Ersteres klang nach meinem Empfinden in einigen Beiträgen hier durchaus an. ›Wollten die Macher nur Geld verdienen? Dann ist alles paletti!‹ ›Gibt es keine Beweise, dass sie überzeugte Nazis waren? Dann sind sie unschuldig!‹

 

Ja. Jeder, der irgendetwas produzierte, musste damit rechnen, dass ein oder die Nazis sein Werk missbrauchten.

Wobei eben nicht klar ist, ob sie es tatsächlich missbrauchten oder ob die Macher in der Benutzung durch die Nazis eine angemessene Verwendung sahen – oder das Werk sogar bewusst schufen, damit die Nazis es in ihrem Sinn benutzen konnten.

 

Um ein Werk, dass 1949/50 in Leipzig entstanden ist, zu be-/verurteilen zu können, ist das sehr wichtig. Für ein Werk, dass 1960 entstanden ist, nicht mehr so...

Im Prinzip stimme ich zu, wobei es auch 1949 schon Werke gab, die die Klischees der Stalinisten so perfekt bedienten, dass es keiner Beweise außerhalb des Werkes bedarf, um es einzuordnen.

 

Und die SSG passen mit ihrem Zweiklang (nationalistisch, aber gleichzeitig modern) eben auch wie die Faust aufs Auge. Wenn sich niemand der Gestalter dazu gemüßigt sah, diesen offensichtlichen (und aktiv beworbenen!) Bezug irgendwie zu relativieren, liegt der Verdacht schon sehr, sehr nah, dass sie eben kein Problem damit hatten.

 

Belege, die die Intention der Macher wortwörtlich wiedergeben

Solche Belege zu fordern, bevor man irgendwelche Schlüsse ziehen kann, wäre aber ein völlig unrealistischer Standard. Es könnte so keine Kunstgeschichte und -kritik geben.

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Kathrinvdm

Solche Belege zu fordern, bevor man irgendwelche Schlüsse ziehen kann, …

 

Auch das habe ich so nicht gesagt. Ich habe nicht das eine vom anderen abhängig gemacht, sondern lediglich festgestellt, dass solche Belege – so weit uns hier bekannt ist – der Öffentlichkeit nicht vorliegen. 

 

Wir diskutieren die Frage, ob die Schaftstiefelgrotesken bereits mit völkischer/nationalsozialistischer Absicht gestaltet wurden oder ob diese Verbindung beider erst durch die explizite Nutzung durch die Nationalsozialisten gezogen wurde/wird. Und dafür wären zeitgenössische Hinweise, am besten von den Gestaltern selber, nun mal hilfreich. 

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catfonts

Ich bin mir letztlich sogar sicher, dass diese Schriften sehr wohl mit einem "ein Volk, eine Nation und ich bin Stolz drauf" gedanken entstanden sind, das bedeutet aber keineswegs das dies jetzt den Nationalsozialismus als Ziel hatte, denn schließlich wurde dieser National- und Volks-Stolz sehr deutlich schon seit der Rechsgründung gefördert, um aus dem einstigen Haufen oft verfeindeter Kleinstaaten eine Nation, ähnlich der benachbarten "Grande Nation" zusammen zu schmieden.

 

Diese nationalistische und eigentlich von allen Seite gewollte Stimmung war weit verbreitet, und damals völlig als Normal angesehen, schließlich wurde der Aufbau der Industrienation Deutschland nicht zuletzt aus den Reparatrionszahlungen Frankreichs nach 1870/71 finanziert. Als es dann mit dem Versprechen, erneut fette Beute zu machen in den ersten Weltkrieg ging, war wieder dieser Nationalstolz dabei, und als dies dann gründlich daneben ging, blieb nur noch die Pflege dieses Nationalstolzes, um zu verhindern, dass dieses Deutschland wieder zerfällt. In so fern hanen praktisch alle politischen Stromungen dieses nationalistische Denken gefördert.

 

Nur haben es eben die Nazis am besten verstanden, daraus dann Kapital zu schlagen.

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pürsti
Ich bin mir letztlich sogar sicher, dass diese Schriften sehr wohl mit einem "ein Volk, eine Nation und ich bin Stolz drauf" gedanken entstanden sind, das bedeutet aber keineswegs das dies jetzt den Nationalsozialismus als Ziel hatte

 

Tja, da sind wir uns ja eh schon mal in dem Punkt weitgehend einig. denn was anderes als ideologisch ist denn so eine Vorgehensweise.

Paar Punkte noch zu den Verfechtern der These, daß die SSG aus rein formalen und bar jeder ideologischen Untermauerung entstanden sind (daß die Parallelität in den schon öfters aufgezählten Punkten also eine rein zufällige wär).

 

Es wird argumentiert daß es eine Reaktion auf elementare Tendenzen im Schriftschaffen sei. Nur der Beginn der Entwicklung hin zu Grotesken liegt schon über 100 Jahre zurück. Warum als sollte grad in diesen 5 Jahren eine Reaktion aus rein formalen Gründen erfolgen?  Ein weiterer Punkt ist: kenne keine maßgebliche Entwicklung im kreativen Schaffen grundsätzlich und auch speziell im Schriftschaffen, die auf einen Sprachraum begrenzt bliebe. In den epochalen Zeiten ja sowieso nicht aber auch die Entwicklungen in den Zeiten die relevant hier sind: Jugenstil, Expressionismus, Dada … alles entwickelte sich entweder parallel auch in anderen Ländern oder befruchtete sich gegenseitig. Nur die Schaftiefelgrotesk blieb eine auf Nazideutschland begrenzte Erscheinung. Obwohl Gebrochnene nun wahrlich eben nicht “die deutsche Schrift“ waren.

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Þorsten

Auch das habe ich so nicht gesagt.

Es liegt mir fern, dir irgendwelche Behauptungen zu unterstellen. Ich habe mir nur erlaubt, den von dir ins Spiel geworfenen Ball (Gibt es wortwörtliche Belege der Intentionen der Macher?) aufzunehmen – und als m.E. unverlässliches Hilfsmittel zur Wahrheitsfindung zu charakterisieren.

 

Warum unverlässlich? Wären schriftliche Äußerungen für eine Pro-Nazi-Haltung aus der Nazizeit aufgetaucht, würden sie von der Man-kann-ihnen-nichts-beweisen-Fraktion doch auch nur als opportunistische Anbiederung aus Gewinnabsicht ohne jede Aussagekraft zur Weltanschauung verworfen wurden. Und völlig von der Hand zu weisen wäre das nicht mal gewesen.

 

Und für nicht-öffentliche Äußerungen gegen die Nazis hätte prinzipiell ähnliches gegolten. Man darf nicht vergessen, dass weite Teile des konservativen Bürgertums zwar mit vielen Zielen der Nazis sympathisierten, sie aber trotzdem als irgendwie unkultiviert belächelten. Sich allzu früh zu eng an die (mglw. heimlich bewunderten) Nazis zu kuscheln hätte in weiten Kreisen durchaus einiges an Fremdschämen ausgelöst.

 

Tagebuchaufzeichnungen sind ohnehin notorisch unzuverlässig und haben daher vor Gericht nur sehr eingeschränkt Beweiskraft. Es ist im Nachhinein sehr schwer zu bestimmen, wie ernst es der Schreiber gemeint hat, ob er ironisch war etc. etc. Menschen an ihren Handlungen zu messen ist da um einiges verlässlicher.

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Kathrinvdm

… Tagebuchaufzeichnungen sind ohnehin notorisch unzuverlässig und haben daher vor Gericht nur sehr eingeschränkt Beweiskraft. …

 

Mir ging es auch überhaupt nicht um eine Beweiskraft, die vor Gericht Bestand hätte – sondern lediglich um die Tatsache, dass es keine schriftlichen Belege/Aussagen/Betrachtungen/Beschreibungen der Schriftgestalter selber oder fachkundiger Zeitgenossen zur Intention bei der Gestaltung der Schriften zu geben scheint. Nicht mehr. Nicht weniger. 

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Þorsten

Das hat doch auch niemand behauptet. Du hast solche Aufzeichnungen ins Spiel gebracht und ich habe, in Erwiderung darauf, gemeint, dass sie uns m.E. kaum weiter helfen würden, weil …

 

Der Rest sind meine Gedanken.

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Kathrinvdm

Fein.  :-)

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catfonts
Ein weiterer Punkt ist: kenne keine maßgebliche Entwicklung im kreativen Schaffen grundsätzlich und auch speziell im Schriftschaffen, die auf einen Sprachraum begrenzt bliebe.

 

Eigentlich ist das doch recht logisch: Deutschland war schon in der Weimarer Republik das letzte Land, in dem Frakturschrift noch die hauptsächlich verwendete Druckschrift war. Das man hier erkannte, dass dazu eine modernere Displayschrift etwas war, das einen Markt haben könnte, dieser Markt aber praktisch auf das Binnenland begrenzt ist, ist doch eigentlich nicht unlogisch.

 

Zudem zeigen schon Schriftarten wie die "Bombe" von 1908, die Eldorado oder die Liebing von der Gießerei Ludwig Wagner schon deutliche Ansätze der späteren Schaftstifler.

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Vitrioloel

Deutschland war schon in der Weimarer Republik das letzte Land, in dem Frakturschrift noch die hauptsächlich verwendete Druckschrift war.

 

Nun es gab ja neben Deutschland ja auch noch Österreich und die Schweiz, welche ebenfalls zu dieser Zeit noch fleißig Frakturschrift verwendeten.

 

Interessant wäre vielleicht ob die Schlichte Gotisch in der Schweiz auch einen Markt hatte. Wobei selbst bei Gefallen der Form, die recht martialisch klingenden Schriftnamen sicher manch eidgenössischen Druckereibesitzer vom Kauf abschreckten.

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