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Schriftmuster Tannenberg


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Reichsinnenminister Frick hat am 9. Mai 1933 in einer Ansprache an die Kultusminister der Länder verlangt, daß die „deutsche“ Schrift, womit er die gebrochene meinte, ihren unbedingten Vorrang vor der lateinischen Schrift niemals verlieren solle. Er sprach natürlich von Deutschland. 1937 wurde jüdischen Verlagen die Verwendung der Fraktur verboten. Sind das keine eindeutigen Zeichen für die nicht nur nationale, sondern auch rassistische Vereinnahmung? Sicherlich, man kann sich davon distanzieren und trotzdem gebrochene Schriften machen. Das wurde auch gemacht, auch großartig gemacht. Nur nannte man diese Schriften nicht Tannenberg oder Deutschland und bewarb sie nicht damit, daß sie als Buchstaben für Deutschland »marschieren«. Oder ist mir nationalistische Werbung für Zentenar, Gilgengart, Weiß-Gotisch, Trump-Deutsch einfach nur entgangen? Da wäre ich dankbar für ein paar Einsichten, wenn jemand Schrift-Reklame für diese Typen hat. Gebrochene Schriften waren sicherlich als Exportartikel für deutsche Schriftgießereien von sehr geringer Bedeutung. Ihre Namen waren dafür auch nicht ausgesucht worden, sie wurden als deutsche Typen beworben. Anders als die Futura, die einen Namen bekommen hat, der international verstanden werden sollte. Was gut funktionierte. Warum haben denn nur die SSG die martialischen Namen bekommen, und die anderen Gebrochenen nicht?

 

Das Bauhaus verlor schon 1924 aus politischen Gründen einen Teil der staatlichen Unterstützung, 1933 wurde es durch Schikanen zur Auflösung gezwungen. Heimatstil war gefragt, durchaus mit Anleihen modernen Designs aus dem Bauhaus. Nur eben ohne Bauhaus-Gedanken. Weshalb das Bauhaus Deutschland fluchtartig verließ und amerikanischen Architekten Konkurrenz machte.

 

Gab es von den dem Bauhaus nahestehenden Schriftentwerfern Versuche, gebrochene Schriften in irgend einer Form zu verarbeiten? Gab es von den dem Bauhaus nahestehenden Gebrauchsgrafikern Anwendungen gebrochener Schriften im Bauhaus-Stil?

vor 2 Stunden schrieb Vitrioloel:

Vielleicht nicht der „Geist des Bauhauses“, aber ist es nicht vorstellbar, daß sich Erich Meyer ev. dachte „Die Futura und andere geometrische Groteskschriften verkaufen sich gut, jetzt probiere ich ähnliches als gebrochene Schrift.“

Ja, das ist durchaus denkbar. Nicht vorstellen kann ich mir, wie man in dieser Zeit, als die gebrochenen Schriften rapide an Bedeutung verloren hatten, bevor sie ab 1933 wieder stärker in Gebrauch kamen, modernen Entwurf und den impliziten Internationalismus (Stichwort Internationaler Stil) mit nationalen Eigenheiten wie den nur in Deutschland gebräuchlichen gebrochenen Schriften zusammenbringen könnte, ob nun SSG oder andere.

 

vor 2 Stunden schrieb Phoibos:

International zum Beispiel durch an die Antiqua angelehnte Buchstaben statt der üblichen gebrochenen Formen, die außerhalb der Frakturfreunde schwer auf Anhieb zu lesen sind (Versalien, k, x, ...), wogegen natürlich diese völkischen Schriftnamen sprechen. 

Ja, die Schriftnamen sprechen dagegen. Und nicht doch auch die Form? Selbst wenn Buchstaben den Antiquaformen etwas angenähert wurden, so bleibt doch die Tannenberg eine sichtbar deutsche Schrift, eine nationale Entwicklung. Eine Anwendung in einem französischen oder britischen modernen, sagen wir Prospekt für Maschinen, wäre sie denkbar gewesen?

 

Selbst für Hitler war die Gotik nur etwas, das man überwinden müsse: »Eure vermeintlich gotische Verinnerlichung paßt schlecht in das Zeitalter von Stahl und Eisen, Glas und Beton, von Frauenschönheit und Männerkraft, von hochgehobenem Haupt und trotzigem Sinn.« (1934!) Von Modernisierung der Gotik sprach er nicht. Sind Vereinfachungen der gebrochenen Schrift nicht eher aus der Rotunda oder der Schwabacher abzuleiten als aus der schmalen und dunklen Gotischen?

 

Vielleicht wäre es an der Zeit, einmal Schriften zu vergleichen und sich die Ästhetik anzusehen. Warum sind die Weiß-Gotisch, die Peter-Jessen-Schrift, die Trump-Deutsch und andere mehr aus derselben Zeit keine SSG? Was haben Schneidler, Koch, Tiemann, Trump, Renner anders gemacht? Wie unterschieden sich die Schriftmuster und Reklame dieser Schriften von denen der SSG?

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Vielleicht ging es den Entwerfern bei der Vereinfachung der Formen auch nicht um die Anlehnung an einen internationalen Stil der Internationalität wegen, sondern mehr um die Funktionalität, die so eine Vereinfachung mit sich brachte: angenommen es gab zu dieser Zeit einen Bedarf nach Plakatschriften im Allgemeinen, aber keine gebrochenen oder spezieller gotischen Schriften, die es hier funktionell mit den lateinischen Grotesken der Zeit aufnehmen konnten, sondern nur Stile die ursprünglich nicht für diesen Zweck entwickelt wurden und somit am Plakat weniger Wirkung hatten, wäre es nachvollziehbar, dass jemand diese Lücke zu füllen versucht: plakativ ja, aber ohne Internationalismus (aber auch nicht mit Zielsetzung „Nationalismus“, sondern weil es plakativ+international ja schon zur Genüge am Markt gab).

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vor 8 Stunden schrieb Martin Z. Schröder:

Gab es von den dem Bauhaus nahestehenden Schriftentwerfern Versuche, gebrochene Schriften in irgend einer Form zu verarbeiten? Gab es von den dem Bauhaus nahestehenden Gebrauchsgrafikern Anwendungen gebrochener Schriften im Bauhaus-Stil?

Wahrscheinlich weniger und das erklärt sich problemlos aus dem von dir beschriebenen »Geist«. Ich verstehe aber weiterhin den implizierten Logikschluss nicht. Also zum Beispiel dies …

 

Zitat

 

Nicht vorstellen kann ich mir, wie man in dieser Zeit, als die gebrochenen Schriften rapide an Bedeutung verloren hatten, bevor sie ab 1933 wieder stärker in Gebrauch kamen, modernen Entwurf und den impliziten Internationalismus (Stichwort Internationaler Stil) mit nationalen Eigenheiten wie den nur in Deutschland gebräuchlichen gebrochenen Schriften zusammenbringen könnte, ob nun SSG oder andere.

Ich würde behaupten, man muss sich das gar nicht »vorstellen«, weil es ja passierte und somit für alle sichtbar ist. Wie ich oben schon fragte: warum sollte es auch nicht passieren? Die Modernisierung von Schriftformen durch Vereinfachung/Elementarisierung ist eine stilistische Spielart, die sich grundsätzlich auf verschiedenste Gattungen anwenden lässt. Und so kam es dann wohl auch. In einem Gebiet mit so einer Zweischriftigkeit sind wechselseitige Beziehungen für mich überhaupt nicht überraschend. Was spricht dem also entgegen? Welcher Gedankengang soll dem Entwerfer einer gebrochenen Schrift verbieten, diese Entwicklung aufzugreifen? Warum sollte sich der internationale Designtrend für einen eher nationalen Entwicklungsstrang verbieten? 

 

Zitat

Eine Anwendung in einem französischen oder britischen modernen, sagen wir Prospekt für Maschinen, wäre sie denkbar gewesen?

Kaum. Und es ist ja auch nicht schwer zu verstehen, warum das so ist. Die Modernisierung der Schriftform durch Elementarisierung baut auf einer hinreichend breiten Anwendung der herkömmlichen Formen auf. Außerhalb des deutschsprachigen Raumes gab es die ja schon lange nicht mehr. Dort standen die gebrochenen Schriften für Vergangenheit und Tradition – wie heute hierzulande auch. Man griff zur gebrochenen Schrift, um auf Vergangenheit und Tradition anzuspielen. Ein Bosch-Prospekt in gebrochener Schrift wäre heute genau aus diesem Grund absurd – und das war er vor 100 Jahren in Frankreich und Großbritannien auch schon. 

Die Besonderheit, dass die gebrochenen Schriften im deutschsprachigen Raum – und nur da – noch bis ins 20. Jahrhundert allgemeine Gebrauchsschrift waren, macht sie prinzipiell tauglich als nationalistisches Symbol, aber es wäre ein Logikfehler aus der Untauglichkeit der »Internationalität« eine eindeutig nationalistische Aussage ableiten zu wollen. 

 

Zitat

Vielleicht wäre es an der Zeit, einmal Schriften zu vergleichen und sich die Ästhetik anzusehen.

Unbedingt! Machst du denn auch mit und schaust dir die SSGs mal näher an und akzeptierst, was du da findest? Bislang wurden nur mit Cherry-Picking-Ergebnissen argumentiert*. Tannenberg fett muss pauschalisierend für sämtliche Formbeschreibungen der ganzen Kategorie herhalten (was nicht angemessen ist) und Einzelseiten mit klarer politischen Aussage müssen für die Beschreibung der Werbung der Schriften herhalten, obwohl die nächste Seite des gleichen Musters dann vielleicht komplett unpolitische Beispiele zeigt und damit auch demonstriert, dass von den Gießereien eben auch solche Anwendung ausdrücklich anvisiert wurden.  

 

*) Und wie die darauf aufbauende, interpretierende/subjektive ästhetische Bewertung ausfällt, ist ja nicht schwer zu erraten. 

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vor 11 Stunden schrieb Martin Z. Schröder:

Oder ist mir nationalistische Werbung für Zentenar, Gilgengart, Weiß-Gotisch, Trump-Deutsch einfach nur entgangen?

als 'urdeutsche schrift' mit einer gewissen deutschtümelei wurden die gebrochenen in den 30er jahren und auch davor oft beworben.
wenn ich zeit habe such ich mal ein paar beispiel raus.

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vor 12 Stunden schrieb Martin Z. Schröder:

Heimatstil war gefragt, durchaus mit Anleihen modernen Designs aus dem Bauhaus. Nur eben ohne Bauhaus-Gedanken.

auf was beziehst du das genau? und bei schrift soll das nicht möglich gewesen sein?

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schaut mich sich italienische nazi-propaganda aus der zeit an, sieht man eindeutig einen einfluss der avant garde/moderne, jedoch würde niemand auf die idee kommen diese schriften zu verteufeln.

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verteufeln ist das falsche Wort, ich würde eher von assoziieren sprechen.

 

Die Grafiksprache der gezeigten Plakate geht eher Richtung Futurismus/ArtDeco/Konstruktivismus und der Futurismus hatte in Italien durchaus Kontaktpunkte zum Faschismus – in D hat man dagegen gezielt gegen moderne Kunstformen (Stichwort »entartete Kunst« und da viel eben der Futurismus auch darunter) gearbeitet und einen deutschen Stil zementiert der dem nicht entsprach. Dieser deutsche Stil hatte da schon einen gewissen Alleinstellungscharakter, der nach meiner Kenntnis, wenig Parallelen in Europa hatte – gleiches galt der Frakturdiskussion bzw. der Zweischriftigkeit.

 

Ich weiß nicht, wie in Italien eine solche Formensprache aufgenommen wird. Da aber sie aber durch ArtDeco international vertreten war denke ich dass kaum jemand damit in erster Linie Faschisten assoziiert.

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Offenbar habe ich es noch nicht deutlich genug formuliert. Natürlich kann man alles vereinfachen, auch eine gebrochene Schrift, und man erschafft damit allein noch keine nationalistische Schrift, ganz und gar nicht. Nur scheint mir, daß ein nationales Stilelement dem Bauhaus-Gedanken so grundsätzlich entgegensteht, daß man die Vereinfachung gebrochener Schriften nicht ausdrücklich Bauhaus-Stil nennen darf. Es ging dem Bauhaus um einen Stil, der in jeder Weltgegend Platz finden sollte, in Amerika wie in Afrika und Europa. Die Zeitschrift »Die neue Linie« von Herbert Bayer würde ich bis 1933 als beispielhaft für dem Bauhaus nahestehendes Grafikdesign ansehen. Das, was ich davon in Erinnerung habe, ich habe den Ausstellungs-Katalog gerade nicht zur Hand. Ob nach 1933 gebrochene Schriften im redaktionellen Teil auftauchten, weiß ich nicht. (Bayer emigrierte 1938 in die USA.) Aber das würde auch nur bedeuten, daß es die Bauhaus-Linie verlassen hatte, Bayer verließ auch deshalb Deutschland, weil ihm die Hände gebunden wurden von den Nationalsozialisten.

 

Ich würde vernünftigerweise nicht bestreiten können, daß Teile des Bauhaus-Designs in nationales Design überführt wurden. Nur eben von der Bauhaus-Idee abgetrennt. Man kann einen sachlichen Entwurf mit gebrochenen Schriften nicht explizit Bauhaus-Design nennen, auch wenn es schöne gebrochene Schriften sind. Bauhaus und nationaler Stil stehen sich entgegen. Auch unter »Neue Typografie« ließe sich das meines Erachtens nicht subsumieren, denn »Neue Typografie« schließt die alten Hüte aus. Es gibt in den Gründungsmanifesten keine gebrochenen Schriften mehr. Möglicherweise noch als Ornament. Aber einen Text in irgendeiner gebrochenen Schrift kann es nach der Definition der Neuen Typografie nicht geben. Das bedeutet nicht, daß die Verwendung gebrochener Schriften nationalistische Typografie ergeben. Nicht einmal nationale, denn ganz verschwunden sind die gebrochenen Schriften bis heute nicht (»New York Times« usw.). Nur die Stilbegriffe Bauhaus und Neue Typografie können darauf nicht angewendet werden.

vor 8 Stunden schrieb RobertMichael:

 

als 'urdeutsche schrift' mit einer gewissen deutschtümelei wurden die gebrochenen in den 30er jahren und auch davor oft beworben.
wenn ich zeit habe such ich mal ein paar beispiel raus.

Das wäre schön. Ich habe kein Archiv für so etwas, und meine alten Schriftmuster sind ungeordnet. Vor allem geht es mir um die genannten Schriften von Trump, Renner, Tiemann, Schneidler und Koch. Gab es dafür solche Schriftmuster wie die hier für die SSG an verschiedenen Stellen gezeigten mit nationalistischem Ton? Marschierende Buchstaben? Das würde mich durchaus irritieren.

 

Schriftenvergleich: Die Namen der Schriften lassen sich schon gut vergleichen und sind in ihrer Aussage klar. Die einen haben neutrale Namen, Zentenar ist eine Jubiläumsschrift, Ballade nennt eine literarische Form, die anderen sind nach Menschen benannt. Auf der anderen Seite die sprechenden Namen: »Tannenberg«, »Deutschland« usw. Man kann doch wohl schlecht behaupten, daß Namen nichts zu bedeuten haben.

Um sie in ihrer Form zu vergleichen, müßte man nicht Schriftmuster nebeneinanderstellen, möglichst unpolitische, um sich nicht vom Inhalt blenden zu lassen? Und wie geht man dann vor? Man vergleicht die Machart einzelner Buchstaben und versucht, den Gesamteindruck zu beschreiben?  Wird diese Beschreibung aber nicht zugleich eine Wertung sein? Ist eine objektive ästhetische Bewertung überhaupt möglich? Wie sollte man für Schrift Kriterien für Schönheit benennen, die genau genug sind, um nicht strittig zu sein? Bevor man sich Schriftmuster anschaut, sollte man einen Kriterienkatalog finden, sonst beginnt der Streit der Ansichten schon in der Beschreibung. So einen Kriterienkatalog hat ja jeder schon für sich selbst, und es gibt dabei Übereinstimmungen mit anderen. Wenn ich zum Beispiel in dem Buch »Fraktur« von Kapr die von ihm als schönste gebrochene Schriften gezeigten Alphabete anschaue, kann ich seinen Erläuterungen zustimmend folgen, auch in seinen Ablehnungen. Das kann jemand, der die SSG auch schön findet, nicht. Wie können wir Kriterien finden für eine übereinstimmende Beschreibung und Bewertung? Die empirischen Kriterien, also die subjektiven, sind hier schon zur Genüge genannt worden. Einer findet radikale Brechungen und schnurgerade Linien schön, der andere häßlich. Anspruch auf Objektivität kann keiner von beiden erheben. Man versteht die andere Seite nicht einmal. Dann fällt dieses Kriterium aber aus. Welche gäbe es noch?

 

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vor 9 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Ich würde vernünftigerweise nicht bestreiten können, daß Teile des Bauhaus-Designs in nationales Design überführt wurden.

Nur scheint mir, daß ein nationales Stilelement dem Bauhaus-Gedanken so grundsätzlich entgegensteht, daß man die Vereinfachung gebrochener Schriften nicht ausdrücklich Bauhaus-Stil nennen darf.

Damit bin ich vollkommen zufrieden und einverstanden. 

 

vor 9 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

 Aber einen Text in irgendeiner gebrochenen Schrift kann es nach der Definition der Neuen Typografie nicht geben.

Sag niemals nie. Das hatte ich heute rein zufällig in der Hand. Neue Typographie meets Blackletter und konstruiert-vereinfachte gebrochene. 1927. 

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(Aber das soll nix zeigen oder beweisen. Fand es nur zeigenswert.)

 

vor 9 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Vor allem geht es mir um die genannten Schriften von Trump, Renner, Tiemann, Schneidler und Koch. Gab es dafür solche Schriftmuster wie die hier für die SSG an verschiedenen Stellen gezeigten mit nationalistischem Ton?

Ja. Die deutschtümelnden Beispielwörter und Satzproben mit Sagen, Schlachten, deutschem Wesen etc. finden sich auch bei den traditionelleren Gebrochenen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 

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Man darf in diesem Zusammenhang aber auch nicht übersehen, dass zu dieser Zweit noch Generationen lebten, die noch in einer Vielzahl von Kleinstaaten aufgewachen waren, und zu diesen eine deutlich größere Bindung hatten, als zu diesem Deutschland, das viele als Preußische Annektion empfanden. Badener waren zuerst einmal Badener, das ist ja bis heute nicht vollends verschwunden, und die wurden von den benachbarten Würtembergern oft verächtlich als Badenser bezeichnet.

Und wenn es sich dann eine Familie aus dem Ur-Preußischen Berin wagte, in dieses annektierte Gebiet zu übersiedeln, noch dazu die ungläubigen Protestanten, deren Kinder beim Religionsunterricht bei jedem Wetter aus dem Sxchulgebäude verwiesen wurden, und offen als Stinkpreußen offen auf ihren Migrationshintergrund aufmerksam gemacht wurden, denn war das schon fast schlimmer, als heute Asylant zu sein.

 

Und in so einer Zeit war es eben bei praktisch allen größeren Parteien des ganzen politischen Spektrums usus, eine gemeinsame Identifikation als Deutsche über ein Verklären von Deutschen Schlachten, dem gemeinsamen deutschen Militär, dem auf militärische Ordnung aufbauenden Deutschen Wesen, Deutschen Helden, Deutschen Sagen  usw. zu begründen. Das dies schließlich in einer fürchterlichen Überzeichnung solch eines Nationalbewusstseins endete, hatte wohl keiner gedacht - oder zumindest wohl eher wenige.

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Es war ein kurzer Versuch, die Diskussion auf die Schrift zurückzuführen. Und es ist offenbar einfach nicht zu bewältigen, dieses pseudohistorische Bramarbasieren zu unterlassen. Gibt es im ganzen Internet keinen freien Platz mehr für Hobbyhistoriker und Welterklärer?

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Das ist wohl eher eine schlecht (Wortabstände erst Zeile) und fehlerhaft (Ligaturen!) gesetzte und nicht zugerichtete (nſ, rſ, ha, be, nn usw.) zu fette »Interpretation« der halbfetten Ballade, in der außerdem alle Details wahrscheinlich durch Bildkomprimierung abgesoffen sind. Es handelt sich um eine modifizierte Schwabacher. Reprint einer schönen Berthold-Probe findet sich im Renner-Buch von Christopher Burke. Renner konnte die Futura machen, weil er ein ausgezeichneter Kalligraf war und auch Gebrauchsgrafiker und Illustrator. In der Futura steckt feinste Schriftkunst, der Begriff »Geometrie« führt in die Irre. Man schaue sich nur einmal ein kleines a genau an. Hat aber auch alles nur am Rande mit dem Thema zu tun. Vielleicht mit Schriftbeurteilung.

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Erst mal will ich ja kein stunk  machen, trotzdem halt mal darauf hinweisen:

 

Das OLG Düsseldorf entschied Anfang November (Urteil vom 08.11.2011 – Az.: I-20 U 42/11), dass die Einbindung fremder Bilder als sog. „Embedded Content“ auf einer anderen Webseite eine Verletzung des Rechts auf öffentliche Zugänglichmachung gem. § 19a UrhG darstelle, wenn dies ohne Einwilligung des Urhebers erfolge.

 

Besonders wenn der eher zufällig ausgewählte Text dann zur Aussage in anderem Kontext gemacht wird.

 

Zudem weiß ich sehr wohl, dass diese Schrift alles andere als richtig gut ist, es ist eine der Schriften von Dieter Steffmann, die ich lediglich umcodiert habe, um so einfach nur ein breiteres Angebot von gebrochen Schriften mit einheitlicher Codierung für Privatnutzer ohne Opentypefähige Programme bereit zu stellen, das mit Erlaubnis von Herrn Steffmann, der eben auch auf die Mängel seiner Schriften hinwies.

 

Der Text ist dann nur rasch noch erstellt, um die Buchstaben zu zeigen, ohne jeden Anspruch auf typografische Superqualität, Ehrlich wollte ich da ohnehin nicht zu viel energie rein stecken

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Ich lass mal etwas Gegoogeltes hier, vielleicht kennt ja jemand das eine oder andere und kann berichten?

 

Blackletter: Type and National Identity

 

Futura and the Typography of Fascism

 

Iron Fists: Branding the 20th-Century Totalitarian State

 

Und zum Abschluß ein Tschichold-Zitat:

Zitat

In time, typographical matters, in my eyes, took on a very different aspect, and to my astonishment I detected most shocking parallels between the teachings of Die neue Typographie and National Socialism and fascism. Obvious similarities consist in the ruthless restriction of typefaces, a parallel to Goebbel’s infamous Gleichschaltung (enforced political conformity) and the more or less militaristic arrangement of lines.

Quelle: http://crookedtimber.org/2009/11/10/typography-philosophy-and-the-nazi-question/

 

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vor 21 Stunden schrieb Ralf Herrmann:

Damit bin ich vollkommen zufrieden und einverstanden. 


dem schließe ich mich an.

und wenn ich von bauhaus in zusammenhang mit den SSG-schriften spreche, dann meine ich auch nie den grundgedanken des bauhauses an sich, sondern eher die epoche oder den zeitgeist.

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Am 13.5.2016 um 21:11 schrieb Martin Z. Schröder:
Am 13.5.2016 um 11:49 schrieb RobertMichael:

als 'urdeutsche schrift' mit einer gewissen deutschtümelei wurden die gebrochenen in den 30er jahren und auch davor oft beworben.
wenn ich zeit habe such ich mal ein paar beispiel raus.

Das wäre schön. Ich habe kein Archiv für so etwas, und meine alten Schriftmuster sind ungeordnet. Vor allem geht es mir um die genannten Schriften von Trump, Renner, Tiemann, Schneidler und Koch. Gab es dafür solche Schriftmuster wie die hier für die SSG an verschiedenen Stellen gezeigten mit nationalistischem Ton? Marschierende Buchstaben? Das würde mich durchaus irritieren.

sicherlich gibt keine marschierenden buchstaben aber wie ralf schon sagte, deutsche gedichte sowie sagen und der bezug auf deutsche wurzeln sowie tradition sieht man öfters. ich habe ja die probe von "patriotischen schriften der schriftgießerei d. stempel" hier schonmal gezeigt.

von schneidler gibt es eine bayreuth die als 'deutsche schrift' beworben wird und auch in der probe von trumps schadow antiqua wird oft 'der deutsche' erwähnt. in der tiemann-fraktur wird von 'deutschem lied' gesprochen, in der probe zu seiner fichte-fraktur sogar von 'deutschem heldentum, vaterland usw.', bei der ehmcke-fraktur gehts um das 'weltbild der germanen' ...
sagt aber alles nichts aus und wirkt auch nicht so vordergründlich wie bei den SSG, was aber auch daran liegt das die schriften alle nicht so plakativ wie die SSG sind. im grunde ist das wie bei den proben von rudolf koch oder hupp wo man merkt das diese der kirche sehr zugetan waren

.

Zitat

Schriftenvergleich: Die Namen der Schriften lassen sich schon gut vergleichen und sind in ihrer Aussage klar. Die einen haben neutrale Namen, Zentenar ist eine Jubiläumsschrift, Ballade nennt eine literarische Form, die anderen sind nach Menschen benannt. Auf der anderen Seite die sprechenden Namen: »Tannenberg«, »Deutschland« usw. Man kann doch wohl schlecht behaupten, daß Namen nichts zu bedeuten haben.

 

ich stimme dir hier zu, man sollte aber auch daran denken (und das gilt auch für die oben genannten beispiele)  das es letzendlich immer noch werbung der gießereien für eine bestimme zielgruppe war. ich vermute, dass mit dem erfolg der tannenberg die anderen gießerein auf den zug aufgesprungen sind und noch mehr schriften rausbrachten die einen eindeutigen namen hatten um dem regime zu schmeicheln, somit öfters eingesetzt wurden und für mehr umsatz sorgten.

 

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vor 2 Stunden schrieb RobertMichael:


dem schließe ich mich an.

und wenn ich von bauhaus in zusammenhang mit den SSG-schriften spreche, dann meine ich auch nie den grundgedanken des bauhauses an sich, sondern eher die epoche oder den zeitgeist.

Ich will nicht unnötig genau sein. Hier halte ich Genauigkeit für nötig. Wir sollten schon Klarheit über die Begriffe haben, die wir verwenden. Der Zeitgeist? Welcher? Der Bauhaus-Geist denkt international, der herrschende dieser Zeit national. Das Bauhaus wurde geschlossen, als die SSG auf den Markt kamen. Den Verzicht auf das Ornament hat das Bauhaus nicht erfunden, also aus Vereinfachung der Schriftform kann man schlecht nur auf Bauhaus schließen. Moderne: ja. Aber eben nicht in Verbindung mit Bauhaus, sondern rückwärtsgewandt auf das Völkische gerichtet. Die SSG stehen im Gegensatz zum Bauhaus-Gedanken. Und der Epochenbegriff? Was bleibt da? Die Neue Sachlichkeit endete 1933. Allgemein der Konstruktivismus? Purismus? Ich weiß keine Antwort. Ich verbinde diese Begriffe mit anderen Künstlern.

 

Das Tschichold-Zitat zur Neuen Typografie (Kasernenhof) wurde in ähnlichen Diskussionen auch schon im Original gebracht. Seine Kritik ist unter dem Begriff »Typografiestreit der Moderne« bekannt geworden. Vor ein paar Jahren hab ich das in einer Buchbesprechung mal zusammengefaßt. Bis heute wird Tschichold diese Kritik verübelt. Ich halte sie für berechtigt. Neue Typografie ist nur da ästhetisch gelungen, wo sie Flächen rhythmisiert und Text und kargen Schmuck und Farbe ornamental wirken läßt, also gegen ihre eigenen Forderungen der totalen Funktionalität. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zwischen der Kasernenhofästhetik der Neuen Typografie und den SSG. Die Futura ist übrigens für den Anspruch reiner Funktionalität viel zu schön. Sowohl die schmalen klassischen Proportionen der mageren Versalien als auch die eleganten Strichwechsel in halb- und dreiviertelfetten Schnitten bis zum fetten, die im Sinne Rudolf Larischs ornamental wirken.

 

Daß die gebrochenen Schriften in der Werbung immer einen Bezug zur deutschen Geschichte herstellen, liegt in ihrer Natur. Aber der Bezug zum Nationalismus und Nationalsozialismus nicht. Es geht mir schon um wirklich vergleichbare Werbung, die aggressive Seite der Schriften, die Überbetonung des völkischen Irrsinns. Ich kann Schriften, die eindeutige Namen haben und eindeutig angepriesen wurden und von, wie Kapr sagt, Grafikern aus der zweiten und dritten Reihe erschaffen wurden, weiterhin nicht auf eine Stufe stellen mit denen, die außerdem entstanden sind unter den Händen bedeutender Schriftentwerfer und dem nationalsozialistischen Weltbild nicht huldigten. Ich kann nicht die Form vom Inhalt lösen und das nur auf Verkaufsstrategie schieben. Ich glaube nach wie vor, daß die Form und der dieser Form zugedachte Inhalt im Einklang stehen und die SSG die ureigenen Schriften des Nationalsozialismus waren und sind.

 

Schade, daß zum Schriftvergleich und dessen möglichen Kriterien auch niemandem etwas einfällt.

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vor 13 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Schade, daß zum Schriftvergleich und dessen möglichen Kriterien auch niemandem etwas einfällt.

würde ja gerne was beitragen – außer der Sache mit Renners Frakturschrift muss ich leider passen.

Ich fand es aber bei der Ballade interessant, dass derjenige, der DIE geometrische (was sie ja eigentlich nicht ist) Schrift entworfen hat nicht den geometrisch konstruktivistischen Stil auch auf seine Fraktur übertragen hat.

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vor 14 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Der Zeitgeist? Welcher? Der Bauhaus-Geist denkt international, der herrschende dieser Zeit national.

warum so schwarz/weiss? wieso kann es keinen mix gegeben haben, wo sich beide seiten beinflusst haben?

siehe bastard-schriften wie die gotika von imre reiner

 

vor 18 Minuten schrieb Martin Z. Schröder:

Ich kann Schriften, die eindeutige Namen haben und eindeutig angepriesen wurden und von, wie Kapr sagt, Grafikern aus der zweiten und dritten Reihe erschaffen wurden, weiterhin nicht auf eine Stufe stellen mit denen, die außerdem entstanden sind unter den Händen bedeutender Schriftentwerfer und dem nationalsozialistischen Weltbild nicht huldigten. Ich kann nicht die Form vom Inhalt lösen und das nur auf Verkaufsstrategie schieben.

ich versteh dich. ich kann das aber – der grafiker dahinter ist mir erstmal egal, ich beurteile vordergründig die schrift und nicht deren einsatzgebiet. wenn eine schriftgießerei schriften von 'bedeutender Schriftentwerfern' und von grafikern aus der 'zweiten und dritten Reihe' veröffentlicht, was sagt das über die gießerei aus? natürlich ist das anbietern und verkaufsstrategie.

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vor 3 Minuten schrieb RobertMichael:

warum so schwarz/weiss? wieso kann es keinen mix gegeben haben, wo sich beide seiten beinflusst haben?

siehe bastard-schriften wie die gotika von imre reiner

 

ich versteh dich. ich kann das aber – der grafiker dahinter ist mir erstmal egal, ich beurteile vordergründig die schrift und nicht deren einsatzgebiet. wenn eine schriftgießerei schriften von 'bedeutender Schriftentwerfern' und von grafikern aus der 'zweiten und dritten Reihe' veröffentlicht, was sagt das über die gießerei aus? natürlich ist das anbietern und verkaufsstrategie.

Ich bestreite die Beeinflussungen gar nicht. Nur ist das sehr allgemein und auch recht spekulativ. Zuerst sind die SSG gebrochene Schriften, und das paßt absolut nicht ins Bauhaus, sondern steht dem Bauhaus-Gedanken entgegen.

 

Hat denn die Form für dich keinen Inhalt? Kann man nicht zu jeder Schrift sagen, was sie vermittelt? Ordnen wir nicht jede Schrift in Bezug auf ihren Charakter ein? Es gibt keine Form ohne Inhalt.

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<p>Iwan Reschniev — nach einer Schrift von Jan Tschichold</p>
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