Miklós Kis ging 1680 nach Amsterdam, um calvinistische Theologie zu studieren und um im Auftrage eines Bischofs eine ungarische Bibel bei Daniel Elzevier zu drucken. Da das dafür versprochene Geld jedoch nicht eintraf, entschloss er sich, das Werk selbstständig anzugehen. Dazu fing er bei der Gießerei Voskens eine Lehre als Schriftschneider an und zeigte sich dabei wohl äußerst talentiert. Nach der Lehre machte er sich 1683 selbstständig und begann nun auch mit dem Druck der ungarischen Bibel unter Benutzung seiner eigenen Schriften. Die Qualität seiner Drucke brachte ihm alsbald Aufträge aus verschiedensten europäischen Ländern ein.
Faksimile der »Amsterdam-Bibel«
Nach über neun Jahren Arbeit in Holland verließ er das Land 1689 und brach wieder in Richtung der Heimat auf. Bei einem geplanten Zwischenstopp in Leipzig traf er statt des zuvor verstorbenen Anton Janson nur noch auf dessen Nachfolger Johann Carl Edling. Ein anvisierter Verkauf von Schriftmaterial an Edling scheiterte, die Matern verblieben jedoch dennoch erst einmal in Leipzig. Versuche durch Kis und später durch seine Witwe, die Matern nach Ungarn bringen zu lassen, scheiterten.
Kis arbeitet anschließend in Klausenburg (Kolozsvár) erfolgreich als Drucker und Stempelschneider. Er stirbt 1702.
Kochbuch von Kis, 1698
1720 tauchten die Kis-Schriften dann als »Holländische Schrifften« im Verzeichnis der Ehrhardtschen Gießerei auf. Die Gießerei von Wolfgang Dietrich Ehrhardt hatte von den Erben Edlings die Jansonschen Matrizen erworben.
Auch C.F. Geßners 1740 erschienenes Werk Der so nöthig als nützlichen Buchdruckerkunſt und Schriftgießerey zeigt den für diese Zeit beachtlichen Ausbau der Schrift und gibt sie als bei der Ehrhardtiſchen Gieſſerey erhältlich an.
Von der Ehrhardtschen Gießerei gingen die Stempel und Matern in der Folge in den Besitz der Schriftgießerei von Wilhelm Drugulin, wo sie weiterhin als Holländische Antiqua und Kursiv angeboten wurden.
Abbildungen der Holländischen Antiqua in den Schriftproben für den Bleisatz der Offizin Andersen Nexö
Bestände der Holländischen Antiqua im Lager von Haag-Drugulin in Dresden
Mit der 1919 erfolgten Übernahme der Schriftgießerei W. Drugulin, kommt die D. Stempel AG in den Besitz zahlreicher wertvoller Originalmatrizen vergangener Jahrhunderte, einschließlich der Holländischen Antiqua, die von nun an als Original-Janson-Antiqua vertrieben wurde. Ein Neuschnitt auf Grundlage der Original-Matrizen erfolgte 1937 durch Chauncey H. Griffith. Weite Verbreitung fand jedoch vor allem die Linotype-Überarbeitung aus den 1950er-Jahren durch Hermann Zapf. Sie kam in Matrizenform für den Zeilenguss in den Größen 6, 8, 9, 10 Punkt heraus (normal und kursiv), ergänzt durch zwei Auszeichnungsgrößen von 24 und 48 Punkt für den Handsatz. Dazu Hermann Zapf:
Die Schrift entwickelt sich in der Folge zu einer gern und oft eingesetzten Buchschrift. In digitalen Versionen ist die Holländische Antiqua in zahlreichen Interpretationen als »Janson«, »Kis« und »Ehrhardt« verfügbar.
Dass der Originalschöpfer der Schrift gefunden wurde, geht auf Recherchen von Harry Carter und George Buday sowie den Kis-Forscher György Haimann zurück. Doch das Rad der Zeit ließ sich nicht mehr zurückdrehen. Die Janson-Antiqua-Schriften werden unter diesem Namen in Anwendung bleiben.
Auch im 21. Jahrhundert endet die Weiterentwicklung der Kis-Schrift nicht. Erhard Kaiser überarbeitete im Auftrag von Elsner+Flake die von Hildegard Korger für Typoart entworfene Kis Antiqua in einer knapp zweijährigen Arbeit noch einmal umfassend für den digitalen Satz. Die Schrift wurde als OpenType-Pro-Font mit umfassender Belegung ausgearbeitet. Wie bei Typoart gibt es Varianten für Fließtexte (TB) und für Überschriften (TH). Das PDF-Schriftmuster bietet einen guten Überblick über das Redesign.
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